HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

1. Bildnisse mit Berg

Bis mindestens in das Ende des 15. Jahrhunderts lässt sich eine Tradition des Naturphilosophen- oder Literatenbildnisses zurückverfolgen, das diese in einem abgeschlossenen Raum zeigt, umgeben von ihren Arbeitsmaterialien, etwa Büchern, Naturgegenständen oder wissenschaftlichen Instrumenten.[1] Besonders bei Naturphilosophen übernehmen die abgebildeten Gegenstände dieselbe Funktion wie Attribute (z.B. Matryriumswerkzeuge) in Heiligendarstellungen, d.h. sie dienen zu ihrer Identifikation und weisen auf ihren speziellen Beitrag zur Wissenschaft oder zur Kultur im Allgemeinen hin. Die beiden Gemälde, die hier untersucht werden sollen, beziehen sich in hohem Maße auf diese Tradition zurück, enthalten aber – wie wir sehen werden – auch neuartige Elemente, die auf eine veränderte Sensibilität für die natürliche Welt verweisen. Das erste Bild zeigt den Dichter und Naturwissenschaftler Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) unter freiem Himmel und vor einem Panorama des Golfes von Neapel und dem Vesuv (Abb. 1). Es wurde von Heinrich Christoph Kolbe (1771-1836) in den Jahren 1824-1826 gemalt und 1831 der Universitätsbibliothek Jena geschenkt, wo es sich noch heute befindet. 

 

Abb. 1 - Johann Wolfgang von Goethe Abb. 1.    

Heinrich Christoph Kolbe (1771-1836), Johann Wolfgang von Goethe, 1826, Öl auf Leinwand (222,3 x 156,4 cm), Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Jena.

 

Das zweite Bild zeigt hingegen den Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt (1769-1859) mit den Andenvulkanen Chimborazo und Carguairazo im Hintergrund (Abb. 2). Es stammt von Julius Schrader (1815-1900) und wurde 1859 wenige Monate vor dem Tod Humboldts gemalt; heute befindet es sich im Metropolitan Museum of Arts in New York. 

 

Abb.2 - Alexander von Humboldt Abb. 2.    

Julius Schrader (1815-1900), Alexander von Humboldt, 1859, Öl auf Leinwand (158,8 x 138,1 cm), Metropolitan Museum of Art, New York.

 

Wie wir im Folgenden zu zeigen versuchen, gibt es viele historische und geistige Elemente, die diese beiden Bilder miteinander verbinden; einige davon verdienen es jedoch, bereits jetzt genannt zu werden. Beide nämlich zeigen die Gelehrten im Freien, mit einem Heft und einem Stift in der Hand und vor einer Bergkulisse: Bildnisse mit Berg. Außerdem sind beide Bilder offensichtlich anachronistisch. Goethe besuchte Neapel 1787; er war damals achtunddreißig Jahre alt. Das Portrait, auf dem das in Abbildung 1 gezeigte Gemälde beruht, wurde hingegen von Kolbe 1826 in Düsseldorf vollendet, und zeigt den Dichter mit über siebzig Jahren. Alexander von Humboldt wiederum war zweiunddreißig Jahre alt, als er mit drei Begleitern am 23. Juni 1802 fast bis zum Gipfel des Chimborazo aufstieg; Schrader portraitierte ihn dagegen in Berlin als Neunundachtzigjährigen. Es handelt sich demnach in beiden Fällen um einen beabsichtigten Anachronismus, gewollt von den Malern oder von den Auftraggebern, für die die jeweiligen Berge im Hintergrund der beiden Bildnisse eine symbolische Bedeutung hatten, der im Folgenden verdeutlicht werden soll. Dazu wird einerseits die Beziehung der beiden Personen zu den genannten Bergen dargestellt, und andererseits wird gezeigt, welches Verhältnis Goethe und Humboldt zueinander und zu den sie portraitierenden Künstlern hatten.



[1] Anm.  Goethes Werke werden zitiert nach der Weimarer Ausgabe (WA): Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar: Böhlau, 1887-1919 (unveränderter Nachdruck der 143 Bände: München: dtv, 1987. Im selben Verlag erschienen die Nachträge zur IV. Abteilung, hg. von Paul Raabe in drei Bänden). Die römische Ziffer bezeichnet die Abteilung, die danach folgende arabische den Band, danach – durch Doppelpunkt getrennt – die Seitenangabe.

Vgl. La ragione e il metodo. Immagini della scienza nell'arte italiana dal XVI al XIX secolo. Hg. v. Bona Castellotti, Marco, Gamba, Enrico und Mazzocca, Fernando. Milano: Electa, 1999; Kanz, Roland: Dichter und Denker im Portrait: Spurengänge zur deutschen Portraitkultur des 18. Jahrhunderts. München: Dt. Kunstverlag, 1993 (= Kunstwissenschaftliche Studien 59), S. 25-31.

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