HiN - Humboldt im Netz

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Joseph Gomsu

Humboldts Umgang mit lokalem Wissen

3. Curare-Episode

In dem Bericht über die Fahrt auf dem Orinoko beginnt die Curare-Episode mit der Ankunft von Humboldt und Bonpland im Mai 1800 in der kleinen Mission Esmeralda. Humboldt berichtet über die Rückkehr der dort lebenden Indianer von einem Ausflug, bei dem sie die Früchte der Bertholletia (Juvias) und die zur Bereitung des Curare-Giftes notwendige Schlingpflanze gesammelt haben. Mit den gesammelten Früchten der Bertholletia wird durch Gärung ein Getränk bereitet. Das Ereignis wird mit einer Festlichkeit begangen, die in der Mission Esmeralda „la fiesta de las Juvias“ heißt und die Humboldt mit „unseren Ernte- und Weinlesefesten“ vergleicht.[1] Während die meisten Bewohner des Ortes „la fiesta de las Juvias“ feiern, lernt Humboldt einen alten Indianer kennen, der dabei ist, das Curare-Gift zu bereiten. Für Humboldt und Bonpland ist das Treffen mit dem alten Indianer insofern ein Glücksfall, als das Curare den Europäern damals zwar schon bekannt war, aber niemand bis dahin etwas Zuverlässiges über dessen genaue Herkunft und Zubereitung hatte in Erfahrung bringen können.

Humboldt berichtet: „Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoko das starke Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und was seltsam klingt, als Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. [...] Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der [...] eben damit beschäftigt war, das Curaregift zu bereiten. Der Mann war der Chemiker des Ortes. Wir fanden bei ihm große tönerne Pfannen zum Kochen der Pflanzensäfte, flachere Gefäße, die durch ihre große Oberfläche die Verdunstung fördern, tütenförmig aufgerollte Bananenblätter zum Durchseihen der mehr oder weniger faserige Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die größte Ordnung und Reinlichkeit herrschten in dieser als chemisches Laboratorium eingerichteten Hütte. Der Indianer [...] heißt in der Mission der Giftmeister; er hatte das steife Wesen und den pedantischen Ton, den man früher in Europa den Apothekern zum Vorwurf machte. [...]" (1180f., Hervorhebung teils im Original, teils von mir, J.G.)

Humboldt beschreibt akribisch die für die Herstellung des Giftes notwendigen Utensilien und macht Angaben über deren Funktion. Den indianischen Giftmeister nennt er „Chemiker des Ortes“ und seine Hütte ein „chemisches Laboratorium“. Humboldts Begrifflichkeit stammt aus der europäischen Wissenschaftssprache, was für mich Zeichen dafür ist, dass er den Indianer als Wissensträger auf gleicher Augenhöhe sieht und ihn durchaus ernst nimmt; durch die „größte Ordnung und Reinlichkeit“ in seinem ‚Laboratorium’ und dadurch, dass eine Hütte speziell dafür eingerichtet wird, rechtfertigt der Indianer allerdings den Respekt von Humboldt. Durch die von Humboldt verwendeten Begriffe entsteht eine Gegenüberstellung von lokalem Naturwissen und europäischem wissenschaftlichen Wissen. Humboldt vergleicht den indianischen Giftmeister mit dem Apotheker im früheren Europa: Sie haben aus seiner Sicht etwas Gemeinsames, nämlich Geheimnis- und Wichtigtuerei.

Der Giftmeister, der sich mit seinen europäischen Gästen unterhält, stellt selbst einen Vergleich an zwischen seiner Leistung und den Leistungen der Europäer: Seine Kunst, Gift herzustellen, vergleicht er mit der Kunst des Europäers, Seife und Pulver herzustellen. Im Gespräch mit Humboldt sagt er: „Ich weiß, die Weißen verstehen die Kunst, Seife herzustellen und das schwarze Pulver, bei dem das Üble ist, daß es Lärm macht und die Tiere verscheucht, wenn man sie verfehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den Sohn übergeht, ist besser als alles, was ihr dort drüben (über dem Meere) zu machen wisst. Es ist der Saft einer Pflanze, der ganz leise tötet (ohne daß man weiß, woher der Schuß kommt).“[2] Der Giftmeister ist nicht nur Träger eines Geheimwissens von der Natur, auch die Wirkung seines Wissens hat für das Opfer, ob nun Wild (Jagd) oder Feind (Krieg), einen geheimnisvollen Charakter: In beiden Fällen wisse das Opfer nicht, woher der Schuss komme.

Die Besonderheit  dieser Begegnung mit dem Giftmeister bei der Arbeit ist durch den damaligen Wissensstand begründet. In einer zuvor eingeschobenen geschichtlichen Rückblende hält Humboldt fest, dass bisherige Informationen entweder nur auf Hörensagen beruhten oder ihrem Wahrheitsgehalt nach Volksmärchen ähnelten. Der englische Seefahrer Raleigh habe bereits Ende des sechzehnten Jahrhunderts von einer Pflanzensubstanz gehört, mit der man die Pfeile vergifte. Das, was Humboldt bei den Missionaren Gumila und Gili darüber liest, vergleicht er mit Volksmärchen, da die dem Curare-Gift zugesprochenen Eigenschaften übertrieben scheinen und, wie er später in seinem Bericht zeigen wird, einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten können. Hinzu kommt, dass beide Missionare nicht bis in die Region gekommen seien, in der das Gift hergestellt werde. (Reise II, 1180) Um die Behauptungen der genannten Missionare, die dem Gift eher fabelhafte Wirkungen zuschreiben, zu widerlegen, weist Humboldt auf die Versuche von Fontana hin, die bewiesen hätten, dass die von einem ähnlichen Gift aus dem Amazonasgebiet entwickelten Dämpfe ohne Gefahr für das Leben eingeatmet werden könnten. Damit seien auch ähnliche Behauptungen des französischen Naturforschers La Condamine gründlich widerlegt. (Reise II, 1183)

Humboldt hätte gern die Liane botanisch bestimmt, die zur Herstellung des Curare-Giftes gebraucht wird. Er bringt jedoch nur so viel in Erfahrung, dass das Curare aus einer Liane hergestellt wird, die Bejuco de Mavacure heiße und östlich von Esmeralda am linken Ufer des Orinoko zu finden sei. Diese Pflanze hat er leider selbst nicht in der Natur gesehen, aber nach dem, was er bei dem alten indianischen Giftmeister gesehen hat, nimmt er an, dass es sich um ein Gewächs handele, das er vorher an einem anderen Ort gesehen und untersucht habe und das zur Familie der Strychneen gehöre. Eine botanische Bestimmung dieser Pflanze sei ihm insofern nicht möglich, als er auf seiner Reise deren Blüte oder Früchte aus jahreszeitlichen Gründen nicht zu Gesicht bekommen könne. Humboldt bedauert, dass eine Art von Fatalität wissenschaftlich sehr interessante Pflanzen der Untersuchung des Reisenden entziehe, und dieser dadurch „um die nähere Kenntnis von Gegenständen gebracht wird, die noch in anderer Hinsicht als nur für die beschreibende Botanik von Bedeutung sind“. (Reise II, 1184) Diese Wissenslücke könnte aber leicht geschlossen werden, wenn ein europäischer Reisender lange genug in den Tropen bleibe, um z.B. die Blütezeit jener Pflanzen zu erleben.

Der alte Indianer weiht Humboldt und Bonpland in sein Naturwissen ein, was sich keineswegs von selbst versteht. Denn, so Humboldt weiter: „Über der Geschichte der Gifte und Gegengifte liegt überall der Schleier des Geheimnisses. Ihre Herstellung ist bei den Wilden Monopol der Piaches, die zugleich Priester, Gaukler und Ärzte sind, und nur von in die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese rätselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren.“ (Reise II, 1190) Es ist also ein Privileg für den Autor und seinen Begleiter, dem Herstellungsvorgang des Giftes beizuwohnen und in ein geheimes Wissen eingeweiht zu werden. Dass überall ein solches Wissen streng gehütetes Geheimnis ist, hat damit zu tun, dass es mit Machtausübung verbunden ist: Als Priester oder als Arzt verfügt der Giftmeister über die Macht, die anderen Mitglieder seiner Gemeinschaft geistlich oder physiologisch zu beeinflussen. Obwohl der alte Indianer sein Geheimnis und damit einen Teil seiner Macht preisgibt, vergleicht Humboldt ihn mit den Apothekern im früheren Europa. Das könnte man so verstehen, dass der Giftmeister in seinem Umgang mit Wissen sich eher auf einer vormodernen Stufe von Wissen befinde. Aber ich meine, Humboldt bezieht diese Aussage nicht unmittelbar und kritisch auf den alten Indianer, sondern er bringt damit den Wunsch zum Ausdruck, dass Wissen über solche Substanzen denjenigen freigegeben wird, die darüber forschen möchten. Ein lokales Wissen sollte dem wissenschaftlichen Wissen zugeführt werden.

Genauso akribisch wie die Utensilien und ihre Funktion beschreibt Humboldt die von dem indianischen Giftmeister durchgeführte chemische Operation. Dieser Passus scheint mir interessant genug, ihn in aller Ausführlichkeit zu zitieren. „Die chemische Operation, auf die der Meister des Curare so großes Gewicht legte, schien uns sehr einfach. Das Schlinggewächs [...] heißt hier Bejuco de Mavacure. [...] Der  Mavacure wird ohne Unterschied frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet verarbeitet. Der frische Saft der Liane gilt nicht als giftig; vielleicht zeigt er sich nur wirksam, wenn er stark konzentriert ist. Das furchtbare Gift ist in der Rinde und in einem Teil des Splints enthalten. Man schabt mit einem Messer 4-5 Linien dicke Mavacurezweige ab und zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben des Maniokmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft gelb ist, so nimmt die ganze faserige Masse die nämliche Farbe an. Man bringt sie in einen neun 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter. Diesen Trichter strich der Giftmeister unter allen Gerätschaften des indianischen Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns mehrmals, ob wir por allá (dort drüben, das heißt in Europa) jemals etwas gesehen hätten, das seinem Embudo gleiche? Es war ein tütenförmig aufgerolltes Bananenblatt, das in einer andern, stärkeren Tüte aus Palmblättern steckte. Die ganze Vorrichtung ruhte auf einem Gestell von Blattstielen und Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß, indem man Wasser an den faserigen Stoff, die gestoßene Rinde des Mavacure, gießt. Mehrere Stunden lang kommt ein gelbliches Wasser Tropfen für Tropfen durch den Filter des Embudo, des Blatttrichters. Dieses durchsickernde Wasser ist die giftige Flüssigkeit; sie erhält aber ihre Stärke erst dadurch, daß man sie wie die Melasse in einem großen tönernen Gefäß durch Verdunstung konzentriert. Der Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die Flüssigkeit zu kosten; nach dem mehr oder minder bitteren Geschmack beurteilt man, ob der Saft vom Feuer eingedickt genug ist. Dabei ist keine Gefahr, da das Curare nur tödlich wirkt, wenn es unmittelbar mit dem Blut in Berührung kommt. [...] Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick genug, um an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift Körper zu geben, setzt man dem eingedickten Aufguß einen sehr klebrigen Pflanzensaft bei. [...] Sobald der klebrige Saft [...] dem eingedickten, kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich dieser und gerinnt zu einer Masse von der Konsistenz des Teers oder eines dicken Sirups. Diese Masse ist das Curare, wie es in den Handel kommt.“ (Reise II, 1182ff.)

Eine mit wissenschaftlicher Präzision vorgenommene Beschreibung, in der kaum Persönliches zum Ausdruck kommt. Nur die Frage des alten Indianers, ob Humboldt  und Bonpland in Europa etwas gesehen hätten, was seinem Trichter gleiche, ruft die schon erwähnte Gegenüberstellung zweier Wissenshorizonte (des lokalen und des europäischen) auf den Plan. Humboldt hält die Herstellung des Giftes für nicht besonders kompliziert, was vielleicht die Wichtigtuerei des Indianers relativieren soll, aber nicht mit einer Geringschätzung seines Wissens und seines Könnens zu verwechseln ist. Auf dieses Imponiergehabe des Indianers reagiert Humboldt nicht mit einem Gestus der Überheblichkeit und akzeptiert die besondere Bedeutung, die der Indianer seinem Gerät beimisst. Humboldt hält den Herstellungsvorgang des Curare so genau und wissenschaftlich fest, dass jeder, der die Ingredienzien hätte, seinerseits in der Lage sein sollte, das Verfahren mit denselben Ergebnissen zu wiederholen.

Ich interpretiere die detaillierte Beschreibung des Herstellungsvorgangs als einen Versuch Humboldts, den indianischen Giftmeister in seinem eigenen Sinne, das heißt, in all seiner Lokalität zu repräsentieren. Humboldt beschreibt ein ‚experimentelles’ Können, das der Natur noch sehr nahe steht und ohne Messgeräte und damit ohne Zahlen zu beachtlichen Ergebnissen kommt. Aus Erfahrung weiß der Giftmeister, dass der frische Saft des Mavacure oder die Dämpfe des kochenden Saftes nicht giftig sind, und er fordert im weiteren Herstellungsvorgang Humboldt und Bonpland auf, den kochenden Saft zu kosten. Je nach dem mehr oder weniger bitteren Geschmack kann bestimmt werden, ob der Saft konzentriert genug ist und ob er die gewünschte Stärke hat. Dieses Wissen des Indianers, der aus Erfahrung und nach Gefühl operiert, stellt Humboldt nicht in Frage. Und weil er selbst jetzt seine eigene Erfahrung gemacht hat, kann er z.B. abstruse Behauptungen von Missionaren oder von La Condamine widerlegen, wonach eingeatmete Dämpfe solcher Gifte gesundheitsschädigend oder gar tödlich seien.

Im Sinne einer vollkommenen Repräsentation des lokalen Wissens geht Humboldt auf die Anwendung des Curare ein. Das Naturwissen der indianischen Giftmeister wird volkswirtschaftlich verwertet. In verschiedenen Bereichen, die dem Leser mitgeteilt werden, spielt das Curare bei den Einheimischen eine wichtige Rolle: Kriegführung, Ernährung und Gesundheit können weitgehend davon abhängen. Wie eingangs erwähnt, vergiftet man Pfeile mit Curare, und mit den Pfeilen wird Krieg geführt oder wird gejagt. Das Curare ist also im lokalen Kontext ein begehrter Handelsartikel. Humboldt unterstreicht in seinem Bericht diese wirtschaftliche Bedeutung, indem er auf das Herstellungsmonopol hinweist: „Das Curare wird in den Früchten der Crescentia verkauft, da aber seine Herstellung in den Händen weniger Familien liegt und an jedem Pfeile nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das Curare bester Qualität, das von Esmeralda und Mandavaca, sehr teuer.“ (Reise II, 1184, Hervorhebung im Original)

Wie Humboldt weiter berichtet, dient das Curare nicht nur zum Jagen, sondern auch zur Verfeinerung des Geschmacks von Fleischgerichten. Zur Illustration erzählt er eine Anekdote von Pater Zea, einem spanischen Missionar, der sie eine Zeit lang auf der Orinoko-Reise begleitet und stets darauf bestanden habe, Hühner mit einem vergifteten Pfeil zu töten, um dadurch die Fleischqualität zu verbessern: „Am Orinoko wird selten ein Huhn gegessen, das nicht durch einen Strich mit einem vergifteten Pfeil getötet worden wäre; ja die Missionare behaupten, das Fleisch der Tiere sei nur dann gut, wenn man dieses Mittel anwende. Unser Begleiter, der am dreitägigen Fieber leidende Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das Huhn, das wir speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen. Er hätte eine Operation, auf die er trotz seines gewohnten Schwächezustandes ein großes Gewicht legte, keinem anderen überlassen.“ (Reise II, 1187) Humboldt verrät uns nicht, ob das mit dem Curare getötete Huhn ihm besser geschmeckt habe oder nicht; wichtig ist aber, dass er und sein Begleiter sich daran schnell gewöhnt zu haben scheinen. Furcht empfindet er nicht, zumal er zusätzlich zur Gewöhnung Nachdenken für wichtig hält. Humboldt vertraut dem lokalen Wissen der Indianer, zieht aber darüber hinaus ein wissenschaftliches Experiment eines europäischen Kollegen heran, das dieses lokale Wissen bestätige. Der französische Physiologe Magendie habe durch Versuche mit der Transfusion demonstriert, dass das Blut von Tieren, die mit ostindischen Giften getötet wurden, auf andere Tiere keine gesundheitsschädigende Wirkung habe. (Reise II, 1188)

Jedes Heilmittel ist zunächst ein Gift, das erst durch die richtige Dosierung gegen Krankheiten wirkt. So nimmt es nicht wunder, dass das Curare auch als Heilmittel Anwendung findet. Damit, so erfährt der Leser im Verlauf der Episode, können kleine Tiere, die man lebend fangen will, betäubt werden. Auch bei Menschen ist das Curare bei bestimmten Beschwerden einsetzbar: „Bei den Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als treffliches Magenmittel“, schreibt  Humboldt. (Reise II, 1185) Vor, aber auch nach der Einführung der Schulmedizin in außereuropäischen Ländern hat das Wissen von den Heilpflanzen, über das diese Völker verfügten, zur Heilung der dort vorkommenden Krankheiten beigetragen. Auch die beiden Reisenden profitieren von diesem lokalen medizinischen Wissen der Indianer, wie Humboldt an einer anderen Stelle seiner Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents  mitteilt.[3]

Humboldt schließt die Curare-Episode, indem er noch einmal unterstreicht, wie das Wissen dem indianischen Giftmeister ein Selbstbewusstsein verleiht, das er den beiden Reisenden dadurch demonstriert, dass er die Herstellung des Curare noch über die von den Europäern beherrschte Kunst stellt, Seife zu fabrizieren: „Dem alten Indianer, dem Giftmeister, schien es zu schmeicheln, daß wir ihm bei seinem Laborieren mit so großem Interesse zusahen. Er fand uns so gescheit, daß er nicht zweifelte, wir könnten Seife herstellen; diese Kunst erschien ihm, nach der Herstellung des Curare, als eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu seiner Aufnahme bestimmten Gefäße gegossen war, begleiteten wir den Indianer zum Juvias-Feste.“ (Reise II, 1191, Hervorhebung teils im Original, teils von mir J.G.)

Man könnte fast sagen, dass Humboldt und sein Begleiter beim Giftmeister hospitiert und dabei gelernt haben, wie man Curare herstellt. Es geht Humboldt aber auch darum, über das lokale Wissen hinaus etwas für das wissenschaftliche Wissen zu tun. Sein großes Interesse gilt der Zukunft der Wissenschaft: „In der Zukunft wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der Neuen Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie sein, wenn man sich einmal bei stärkerem Verkehr mit den Ländern, wo sie hergestellt werden,[...] alle die Gifte verschaffen kann [...].“ (Reise II, 1189) Humboldt ist bemüht, den Giftmeister bei seiner chemischen Operation in seinem Sinne bekannt zu machen und ihn dabei als wichtigen Wissensträger ernst zu nehmen. Dessen lokales Wissen bildet eine Grundlage, auf der wissenschaftliches Wissen aufbauen und durch Experimente vorangetrieben werden kann. Aus Sicht Humboldts soll die Wissenschaft dankbar dieses lokale Wissen aufnehmen.

Nachdem Humboldt den Giftmeister und sein Wissen in ihrem lokalen Rahmen[4] dargestellt hat, wendet er sich der Frage einer möglichen Verallgemeinerung, d.h. einem wissenschaftlichen Wissen zu. Das tut er auf zweierlei Weisen. Zunächst folgt auf die Erfahrung mit dem Giftmeister beim Herstellen des Curare der Versuch, ähnliche Pflanzengifte aus anderen Regionen der spanischen und portugiesischen Kolonien Süd-Amerikas oder aus Asien heranzuziehen und sie mit dem Curare zu vergleichen. Ein Vergleich, der noch keinen endgültigen Schluss zulässt, d.h. noch zu keinem Gesetz führt. Humboldt hält fest, dass die Gifte von verschiedenen Pflanzen stammen und unterschiedlich zubereitet werden.[5] Jedenfalls verknüpft er den angestellten Vergleich mit der Hoffnung, dass in den verschiedenen Giftpflanzen ein gemeinsamer Wirkstoff entdeckt werde: „Vielleicht findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen Gattungen eine gemeinsame alkalische Basis, ähnlich dem Morphium im Opium und der Vauqueline in den Strychnosarten.“ (Reise II, 1185)

Nicht erst nach, sondern bereits während der Reise treten Humboldt und Bonpland in Kontakt mit ihren Chemikerkollegen, denen sie das Curare und andere Gifte aus Südamerika zur näheren Untersuchung haben zukommen lassen. „Wir haben während unseres Aufenthalts in Amerika Curare vom Orinoko und Bambusrohrstücke mit Gift der Ticunas und von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und Vauquelin übersandt; wir haben ferner nach unserer Rückkehr Magendie und Delille, die mit den Giften der heißen Zone schöne Versuche angestellt, Curare zukommen lassen [...]“ (1187). So arbeitet Humboldt im Sinne einer sich verbreitenden modernen Wissenschaft, denn seine französischen Kollegen sind Spezialisten (Chemiker), die mit Experimenten das durch Erfahrung und Anschauung erworbene Wissen der indianischen Giftmeister bestätigen oder auch widerlegen und so wissenschaftliche Fortschritte machen werden. Ganz exakt werden sie Moleküle zählen und Werte messen. Und so werden sie nach tieferer Einsicht in die verschiedenen Gifte zu einem Gesetz mit universaler Geltung kommen können.[6]



[1] Alexander von Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents, Bd.2, S.1181. Auch in: Humboldt: Die Wiederentdeckung der Neuen Welt, hg. von Knut Schäfer, München 1992, S.153-155. Die Curare-Episode wird in der Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents sehr ausführlich erzählt. In den Tagebuchaufzeichnungen fällt sie ziemlich knapp aus. Meinen Ausführungen liegt der Bericht in Reise in die Äquinoktial-Gegenden zugrunde.

[2] Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden, a.a.O., S.1181f., siehe auch ders.: Die Wiederentdeckung der Neuen Welt, a.a.O., S.154.

[3] Geplagt durch ein starkes, von einem unter die Haut dringenden Insekt verursachtes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrücken, müssen Humboldt und Bonpland in der Mission Javita die Dorfärztin, eine Mulattin, aufsuchen. Nachdem diese vergeblich versucht hat, die Insekten mit einem Holzsplitter herauszuholen, heilt sie am nächsten Tag ein Indianer radikal und schnell: „Er brachte uns einen Zweig von einem Strauch, genannt Uzao, mit kleinen, [...] stark lederartigen und glänzenden Blättern. Er machte von der Rinde einen kalten Aufguß, der bläulich aussah [...] und geschlagen starken Schaum ergab. Auf einfaches Waschen mit dem Uzaowasser hörte das Jucken [...] auf.“ (Reise II, 1031) Einige Tage später erlebt Humboldt, wie die Indianer mit dem Aufguß einer Wurzel (Raiz de Mato) jemanden retten, der von einer Natter gebissen wurde.

[4] Diese Fähigkeit Humboldts, Personen oder Dinge in ihrem lokalen Rahmen zu erfassen und zu beschreiben, hat Goethe sehr bewundert. In den Wahlverwandtschaften legt er Ottilie seinen Wunsch in den Mund: „Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, das Seltsamste, mit seiner Lokalität, mit aller Nachbarschaft, jedesmal  in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiß. Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören.“ J. W. Goethe: Die Wahlverwandtschaften, Zürich und Stuttgart 1962, S.196.

[5] Humboldt beschreibt die Herstellung des Giftes von Moyobamba und meint, sie sei langwieriger und komplizierter als die des Curare. (Reise II, 1186)

[6] Zu Humboldts Zeiten war eine Suche nach Wirkstoffen aus Pflanzen noch nicht so gewinnorientiert wie heute. Große Pharmakonzerne nutzen das lokale Wissen der Menschen in außereuropäischen Regionen, um schneller an die Wirkstoffe von Heilpflanzen zu kommen, die sie dann patentieren lassen. Man spricht inzwischen von regelrechter „Biopiraterie“. Im dialektischen Sinne Humboldts sollte es stattdessen zu einer ebenbürtigen Zusammenarbeit zwischen lokalen Wissensträgern und Forschern aus Europa kommen.

  

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