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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Ulrike Leitner

"Anciennes folies neptuniennes!"
Über das wiedergefundene "Journal du Mexique à Veracruz" aus den mexikanischen Reisetagebüchern A. v. Humboldts

 

4. Schluss

Dies möge als Beispiel dafür genügen, wie Humboldt durch die während der Amerikareise mitgebrachten Beobachtungen zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher Disziplinen beitrug. Es waren hochaktuelle wissenschaftliche Fragestellungen, die Humboldt bewegten. Die Tagebuchpassage zur Neptunismus/Vulkanismus-Problematik anhand von Gesteinsuntersuchungen in Mexiko ist besonders interessant, weil an ihr anschaulich der historische Weg der Entwicklung einer Theorie mit seinen Irrtümern und Abwegen gezeigt werden kann. Hier werden präzise und richtige Beobachtungen benutzt, um eine falsche Theorie zu stützen.

Daneben bieten die Tagebücher Humboldts ein genaues Bild des bereisten Landes unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Neben den geographischen und nationalökonomischen Beschreibungen, neben den Schilderungen zur Situation der Einwohner gibt es auch vereinzelt Schilderungen persönlicher Reiseerlebnisse. In erster Linie jedoch beinhalten sie eine Fülle empirischen Materials zu den naturkundlichen Disziplinen, beispielsweise Messungen von Pflanzenstandorten oder Notizen über die gezielte Suche nach einzelnen Pflanzen an bestimmten Orten – Tatsachen, die in die von Humboldt mitbegründete Pflanzengeographie einflossen. Oder seine Barometermessungen und Wetterbeobachtungen, beispielsweise zu Nebel und Regen in Jalapa, die er durch aufsteigende von Norden kommende Luftströme erklärt. Ein weiteres Beispiel ist die Botanik: hier findet man bei der Schilderung des Aufstiegs auf den Cofre de Perote Pflanzenbeschreibungen, die er später Bonpland übergab (der beim Aufstieg nicht dabei war, aber für die botanische Reiseauswertung zuständig war). Daneben sammelte Humboldt auch Vokabular: beispielsweise Bezeichnungen von Vulkanen, Bergen und Orten in den Sprachen Französisch, Spanisch und Aztekisch. Zur Wirtschaft des Landes notierte er Angaben zur Herstellung von Seife, Keramik, Baumwolle, Mehl, Zucker usw. Einwohnerzahlen, Mengenangaben der Produktion und andere ökonomisch relevante Fakten, die er ebenfalls in seine Tagebücher notierte, flossen ein in die „Tablas géograficas“[1].



[1] Die ausführlichen Studien zur Geographie, politischen und wirtschaftlichen Situation und der Bevölkerungsstatistik Mexikos, zu denen er von Oktober bis Dezember 1803 in der Hauptstadt Material gesammelt hatte, legte er in den „Tablas géograficas“, erstmals 1822 publiziert, vor. Eine Abschrift bot er am 3.1.1804 dem Vizekönig José de Iturrigaray an. Weitere Abschriften aus Humboldts Zeit existieren in verschiedenen Bibliotheken, darunter auch in Mexiko (1970 Faksimiledruck) und in Privatbesitz (1993 Faksimiledruck). Humboldts eigenes Manuskript befindet sich ebenfalls im Nachlaß in Krakau. Die Tablas wurden zur Keimzelle des Mexiko-Werks (Humboldt, Alexander von (1991)), das zwischen 1808 und 1811 erschien.

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