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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Ulrike Leitner

"Anciennes folies neptuniennes!"
Über das wiedergefundene "Journal du Mexique à Veracruz" aus den mexikanischen Reisetagebüchern A. v. Humboldts

 

3. Neptunist in Mexiko

Mit diesem Manuskript liegt nun eine Ergänzung des Reiseverlaufs vor, aus der man den Weg Humboldts von Mexico-Stadt bis Veracruz konkretisieren kann. Daneben lassen sich hier Beispiele für wissenschaftliche Ergebnisse der Reise finden, mit denen Humboldt in den Entwicklungsprozeß einzelner Disziplinen – Geognosie, Botanik, Klimatologie, Geographie - eingriff. Diese Bausteine sind in der Wissenschaftsgeschichte von besonderem Interesse, da sich gerade im ersten Drittel des 19. Jhs. (also der Zeit von Humboldts Reise und seiner wissenschaftlichen Auswertung) der Prozeß der Ablösung der Einzeldisziplinen aus der allgemeinen Naturgeschichte oder Naturkunde vollzog.

Ich werde mich im folgenden auf ein Beispiel aus der Geognosie beschränken. Dies war eines der Hauptinteressengebiete Humboldts nicht nur während der Amerikareise, sondern zeit seines Lebens, das wie ein roter Faden viele seiner Schriften durchzieht, wenn er auch bei Auswertung der Amerikareise dieser Disziplin keinen eigenen Band widmete.[1] Aber beispielsweise in dem ersten nach der Rückkehr verfaßten Band des Reisewerks, der die pflanzengeographischen Ergebnisse beinhaltete, kann man in dem Abschnitt “Geognostische Ansicht” die für Humboldt typische Verknüpfung unterschiedlicher disziplinärer Aspekte registrieren. Durch die Sammlung von Versteinerungen, die wichtige Schlußfolgerungen über die Geschichte der Pflanzen zulassen, ergibt sich hier auch eine Beziehung zur Geognosie: Man liest hier - und man bedenke, dies ist bereits nach der Rückkehr geschrieben: “[...] es ist ein für die Geognosie schwer zu lösendes Problem, ob dieser Porphyr mit glasigem, faserig verwittertem Feldspath, ob diese Basalte, diese porösen Mandelsteine, ob Obsidiane, Perl- und Grünstein durch Feuer gebildet, oder ob es früher erzeugte Gebirgsarten sind, auf welche die vulkanischen Kräfte ihren zerstörenden Einfluß ausgeübt haben.”[2] Damit deutete er die Problematik der Neptunismus/Vulkanismus-Debatte an.

Die Entscheidung, zu welcher der von seinem Lehrer Abraham Gottlob Werner festgelegten Formationen die in den Tagebüchern gründlich beschriebenen Gesteine gehören, war Humboldts Zugang zur Neptunismus-Vulkanismus-Debatte. Werners Verdienst bestand in der Ausbildung einer systematischen Gesteinskunde, womit Gesteinsbeschreibungen und deren Entstehung sowie Lagerungsverhältnisse auch für die Frage der Erdentstehung wesentlich wurden. Nach Werner waren die Gesteine wässrigen Ursprungs, d.h. durch Ablagerungen früherer Ozeane, entweder chemisch oder mechanisch, Vulkane dagegen erst in jüngerer Erdgeschichte und verursacht durch brennende Kohlenflöze entstanden. Auch derartige Fragen durch den Vergleich verschiedener Landschaften zu lösen sah Humboldt als eine Aufgabe seiner Reise. Deshalb findet man in seinen Tagebüchern seitenweise Beschreibungen des Aussehens und Vorkommens von Gesteinen. Noch mehr jedoch haben Humboldt die Beobachtungen zur Vulkantätigkeit fasziniert. Bis heute wird in der Humboldt-Literatur häufig[3] behauptet, daß er schon während der Amerikareise - beeinflußt durch seine Beobachtungen - den Übergang zum Vulkanisten vollzog. Dem ist jedoch nicht so. Zwar lassen ihn manche Beobachtungen zu Gesteinsarten vor allem auf Teneriffa[4] in Zweifel geraten, aber es ist immer wieder verblüffend, wie er doch ganz offensichtlich vulkanistische Indizien neptunistisch deutet.

 

Der Geologiehistoriker Günter Hoppe hat als erster anhand der Tagebücher nachgewiesen, daß “Humboldt auch nach dem Erlebnis großer Dimensionen der Vulkane Amerikas noch der neptunistischen Vulkanvorstellung”[5] anhing. Das folgende Zitat aus dem wiedergefundenen Tagebuchteil (S. 29-33) bestätigt nun endgültig, daß Humboldt noch nicht einmal gegen Ende der Reise in Mexiko, also nach seinen vielen vorangegangenen Beobachtungen zu Gesteinen und Vulkanen v. a. in Ekuador, vulkanistische Schlußfolgerungen zulässt.

Humboldt beschreibt hier das große Tal zwischen Puebla und Perote, das vom Cofre de Perote aus wie ein großer See aussieht, in der Ferne erhebt sich der erloschene Vulkan La Malinche wie eine Insel. Das Tal ist unfruchtbar, salzhaltig und mit enormen Lagern von Bimsstein (frz.: Pierre ponce) bedeckt. Diese großen Mengen von Bimsstein bringen ihn nun ins Grübeln: woher sollen sie kommen, wenn sie nicht vulkanischen Ursprungs sind, woran Humboldt ja nach wie vor festhält. Der Anblick lasse keinen Zweifel daran, dass dieser Bimsstein durch Wasser transportiert worden sei. Auch deuten die Gesteinsarten und die Lagerungsverhältnisse auf dem Cofre keineswegs auf Vulkanismus hin:

 

„Au tour de Perotte et plus à l’est jusqu’au delà de Rio frío […] toute la plaine […] est couverte d’une Couche énorme de Pierre ponce Bimstein en morceaux de ¼ - 3 pouces. On voit que les eaux ont déposé cette p[ierre] ponce […] il n’y a pas de doute que cette p. ponce n’a rien de commun avec le Cofre mais qu’elle a été transportée par les eaux qui couvraient la Vallée de Perotte […] jusqu’à cette hauteur. Aussi le Cofre est une montagne de Porphyre sans Mandelstein, sans formations poreuses, sans p[ierre] ponce*  qui indique rien rien de Volcanique! J’ai vu dans la p[ierre] ponce clairement de la Hornblende et du Feldspath. Serait-ca du Porphyre altéré? Je m’incline plus à croire […] que le Bimstein est une roche primitive qui fait des couches subord[onnées] dans le Porphyre et qui se décompose facilement come le Perlstein. Mes Observations de Tacunga où il y a des montagnes entières de Bimstein le prouvent […]»

 

Humboldt ist nun der Meinung, dass die Natur doch auch ohne Feuer derartige Gesteine hervorgebracht haben könne:

„pourquoi la Nature ne pourrait-elle pas avoir produit ce fossile léger, fibreux sans feu, tel qu’elle produit l’asbeste, le Strahlstein. Pourquoi faut-il que ce soit une roche altérée?“

 

Und hier findet sich dann seine eigene entrüstete Bemerkung, 50 Jahre später an den Rand geschrieben:

„Anciennes folies neptuniennes! Ht. June 1853. Il le faut parcequ’ artificiellement on réduit de l’Obs[idian] en [pierres] ponces.»

 

Und etwas weiter beschreibt Humboldt den Weg zwischen Canoas und la Hoya, eine unwirtliche, hässliche Landschaft, wie verbrannte Erde. Auch hier vertritt Humboldt die Ansicht, dass der Stein, obwohl er wie Schlacke („scorifiée“) aussieht, bei näherer Betrachtung seinen vulkanischen Aspekt verliert:

 

„Mais entre Canoas et la Hoya on passe près d’une lieue par un mal pais des plus frappans et hideux à la vue. La terre est nue, noire, sans végétaux, couverte de masse pierreuse de Tesontle[6] et Amigdaloide[7] poreuse en forme de choux fleurs, ou d’efflorescences ramifiées. On croit voir des Coak, du charbon, de terre brulées […] Quoique cette roche qui couvre plus de 3 lieues parait scorifiée à la vue, en la regardant de plus près elle perd son aspect volcanique. Elle sonne comme toute masse très deséchée et rétrécie, elle est légère et spongieuse, souvent celluleuse, fühlt sich sehr rauh an […]

 

Hier, an dieser Stelle, spürt man nun deutlich Humboldts Zweifel, er verharrt jedoch fast trotzig auf seinem neptunistischen Standpunkt, hier hilft ihm aber nur noch entgegen allem Anschein zu glauben:

 

“Je crois que ces masses ne sont pas sorties d’un Volcan, malgré leur analogie avec les Laves de Jorullo, je crois qu’elles n’ont jamais été fondues qu’elles n’ont pas coulés, mais qu’elles se sont formées comme des Laves boueuses, et pâtteuses non de la bouche d’un Crater mais vomies soulevées par la terre même, dans la plaine là ou elles se trouvent aujourd’hui.»

Wobei man der an dieser Stelle notierten späteren Randbemerkung zustimmen muß: “oh Tollheit und Starrsinn! 1855 Ht.”

 

Die Erklärung der beobachteten Phänomene erinnert an Werners Theorie der Entstehung von Gesteinen durch brennende Kohlenflöze:

„C’est l’effet de l’action des vapeurs hydrosulphureuses sur les argilles! Ce sont des matières fermentées et non brûlées, une Classe de phénomènes très différens de ce que nous nomons Laves vomies par les Volcans d’aujourd’hui. On prétend que l’on peut suivre ce mal pais du Nord au Sud jusque vers le Cofre ou du moins assez près. Si le Cofre a eu de l’influence sur son origine comme j’en doute ce serait une éruption du pié car dans la cime de la montagne du Cofre il n’y a rien qui anonce des effets volcaniques.»

 

Erst in der Phase der Auswertung der Ergebnisse der Amerikareise und vor allem durch den Einfluß Leopold von Buchs (mit ihm bestieg er 1805 und 1823 den Vesuv, sein Werk über die Vulkane der Auvergne erschien 1809) revidierte er dann seine Ansichten. Aber erst 1823 verkündete er in einem Akademievortrag “Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in den verschiednen Erdstrichen”, den er in die 1826 erschienene 2. Auflage der “Ansichten der Natur” aufnahm, öffentlich seinen Gesinnungswandel, der ihm dann die herbe Kritik Goethes eintragen sollte. Hier sagt Humboldt, als Vulkan solle nicht mehr nur ein Berg bezeichnet werden, der in einem “permanenten Feuerschlund endigt”, sondern schlägt vor, „dass alle vulcanische Erscheinung aus einer sehr einfachen Ursache, aus einer steten oder vorübergehenden Verbindung zwischen dem Innern und Aeussern unseres Planeten entstehen.“[8] Mit diesem mehr globalen Ansatz bezog er in die Definition nicht mehr nur die Erscheinung, sondern die Ursache ein. Sich gewissermaßen selbst für sein langes Festhalten an der falschen Theorie entschuldigend, schrieb er 1823, daß die “Merkmale ...alles, was lediglich auf der äußeren Haltung (habitus) beruht, selbst den erfahrenen Beobachter irreleiten.”[9] Gründe der als neptunistisches Argument vielfach benutzten Beobachtung von Wasser sei beispielsweise die Schneeschmelze bei vulkanischen Aktivitäten.



[1] s. Leitner, Ulrike (1994)

[2] Humboldt, Alexander von (1807), S. 145

[3] vgl. beispielsweise Krafft, Fritz (1994), S. 126

[4] Beispielsweise schrieb er über den Pico de Teide auf Teneriffa: “Der Pik ist ein Basaltberg, [...] In ihm wüten Feuer und Wasser [...] Fast alle Laven sind geschmolzener Basalt” (Hoppe, Günter (1994), S. 95) oder “Namentlich scheinen mir alle Ideen, welche man je über die Ursachen der Vulkane, über die Quellen ihrer Produkte, gemacht hat, falsch und unhaltbar.” Derartige Bemerkungen sind aber, lt. Hoppe, kein Sinneswandel, sie “ richten sich keineswegs gegen die neptunistische Deutung der Gesteine”, sie sind jedoch bisher von vielen Geologiehistorikern falsch gedeutet worden. (Hoppe, Günter (1994), S. 94-95).

[5] Hoppe, Günter (1994), S. 97

[6] dunkelrotes, poröses, widerstandsfähiges Lavagestein; beliebtes Baumaterial in Mexico-Stadt

[7] Mandelstein

[8] Humboldt, Alexander von (1826), S. 173. 

[9] Humboldt, Alexandre de (1823), S. 9

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