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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Ulrike Leitner

"Anciennes folies neptuniennes!"
Über das wiedergefundene "Journal du Mexique à Veracruz" aus den mexikanischen Reisetagebüchern A. v. Humboldts

 

2.1 Puebla und Cholula

2.2 Jalapa und Cofre de Perote

2.3 Von Jalapa nach Veracruz

2.1 Puebla und Cholula

Am 20. Januar reiste Humboldt aus Mexico-Stadt ab in Richtung Puebla, von wo aus er Exkursionen in die nähere Umgebung unternahm und vor allem die Pyramide des Quetzalcoatl von Cholula – etwa drei Stunden von Puebla entfernt - besichtigte und vermaß. Oft wird heute diese Pyramide als die größte überhaupt genannt, größer als die Cheops-Pyramide von Ägypten[4]. In vorkolumbischer Zeit war dieser Ort neben Teotihuacan einer der wichtigsten religiösen Zentren und dementsprechend bevölkert war die Stadt; heute ist sie eher unbedeutend und in ihrer Größe längst vom nahe gelegenen Puebla überholt. Humboldt erwähnt hier die Sage (er konnte jedoch auch nach seiner Rückkehr keine historischen Berichte darüber finden), daß es zu einem Massaker kam, als Cortes 1519 durch Cholula zog: Tausende Einwohner wurden getötet.

Aus der Ausführlichkeit der Beschreibung der Pyramide und seinen späteren Quellenforschungen[5] ist ersichtlich, daß Humboldt sich der Bedeutung dieser Stätte bewußt war: "Sage in Cholula daß C[erro] de la Cruz et Istenenetl abgefallene Theile der Pyram. sind. Unwahrscheinlich, nicht Fels sondern adoves[6], ungebakkener Ziegel würde zerschmettert sein. Wahrscheinlich kleine Pyramiden umher um große wie in Teotihuacan.[7] Auch ist gerade große Pyram. sehr schön erhalten gegen West, so daß nichts ihr dort fehlt. Sage, daß erster Heerführer auf großer Pyram. wohnte. Kleine Magnaten umher auf kleinen Pyram. daß auf allen zugleich Tempel standen, daß sie zur Vertheidigung und Vigia [=Wache] dienten um in Ebenen zu wissen wenn Tlascaltecos[8] passirten um Tribut zu fordern. […] Große Pyramide jetzt mit Kapelle de Ntra Sra de los Remedios, Feste von allen Indianern umher besucht es mischt sich christl. Andacht mit alten Mythen. Hügel sehr hübsch gegen Stadt od. Westen schön erhalten man erkennt dort die 4 etagen, jede gleich hoch [...] vollkomene Quadrate. [...] Sage daß man 10 000 Ind. in Pyramide verstekte (haben sie Plaz?) um auf Cortes Ausfall zu machen, dieser entdekte sie und erwürgte alle. Suche in Geschichte nach, ob solch ein Faktum bekannt ist? Pyram. besteht aus Schichten von adoves und Letten.[9][...] Weg von Mexico ging sonst um nödl. Seite der Pyram. Seit 4-5 Jahren schnitt man Pyram. gegen Norden durch so dass 1/6 der Pyram. jetzt getrennt aber Weg geht auf tiefster etage.

Man fand hier ein Haus mit hölzernen Balken und Mauer von Steinen in den Pyramiden im Hause Töpfe, Idolos und 2 Cadaver. Alles aus incuria war kaum oder nicht gehörig untersucht. Nah habe ich Ruinen des Hauses gesehen an Seiten des Weges ganz mit Erde bedekt. [...]” (S. 5)

Heute ist es möglich, durch lange schmale Gänge, die für Untersuchungszwecke gegraben worden sind, die Pyramide zu durchschreiten. Man kann immer noch - wie zu Humboldts Zeit - die vier grasbewachsenen Stufen und oben die Kirche erkennen, im Norden führt immer noch die Straße entlang der Pyramide, im Süden jedoch sind Teile der beiden untersten Stufen ausgegraben und man kann in einer Ausstellung in einem kleinen Museum neben der Pyramide ein Modell der gesamten Anlage besichtigen. Man geht heute davon aus, dass die Pyramide in vier verschiedenen Stufen gebaut worden ist.

In Cholula beschrieb Humboldt auch eine Kirche von San Francisco, die wegen ihrer Verzierung von 200 verschiedenen Nagelköpfen berühmt sei.

  

 Am 25.bis 26. Januar vermaß Humboldt die Vulkane Iztaccihuatl und Popocatépetl. Zu letzterem schrieb er:

„Volcan heißt Popocatepec od. Popocatepetel Cerro que humea. Sein erster Ausbruch muß nicht so alt sein, denn Ind. haben Sage daß sich der Crater bildete indem der Volkan seinen Gipfel abwarf.“(S. 9)

Humboldt beschreibt auch, dass die Bauern den Popocatépetl für Wettervorhersagen beobachteten: „Den Akkerbauern umher [ist der] Volcan [als] Wetterprophet untrüglich. Wenn schwarzer Rauch gegen Abend aus Crater aufsteigt um sich Wolke bildend schwer gegen Norden senkt Regen, wenn gegen Süden senkt Fröste, wenn leicht gerade aufsteigt Wind. Man schreibt besonders dem Volcan allen Sturm zu. 2-3 St[unden] ehe Sturm sich unten fühlen läßt wirft Crater Wolke von Bimsteinasche aus und man sieht auf dem Schnee vom Crater aus vielen Sand herabrollen. [...] Rauch nie morgens sichtbar, stets nur von 4h bis 6h Abends besonders bei Sonnenuntergang und am häufigsten im Mai wo [der] ganze Gipfel röthlich gelb von Schwefeldampf erscheint. Nachts wie erleuchtet [...]“ (S. 10)

 

 


[4] genauer: in ihrer Längenausdehnung – was die Höhe betrifft, ist die Cheops-Pyramide größer (s. Petersen, David A. (1982), S. 35).

[5] Vgl. auch seine Schilderung in den Vues des Cordillères (zu Taf. 7) und dem Mexikowerk (Humboldt, Alexander von (1991),  S. 318-321). Hier vergleicht er die Pyramide von Cholula mit denen in Teotihuacan.

[6] Luftgetrocknete Lehmziegel bzw., wie Humboldt sagt, ungebackene Ziegel.

[7] McCafferty beschreibt, dass die große Pyramide einen Platz beherrscht, auf dem weitere, kleinere Pyramiden standen. Der Cerro de la Cruz (Cerro Cocoya oder Acozac) auf der Westseite der Pyramide ist heute ein kaum untersuchter bewachsener Hügel, und im Nordosten befindet sich ein weiterer Erdhügel , in dem sich das Edificio Rojo befindet. (Mc Gafferty, Geoffrey G., S. 3)

[8] Die Einwohner von Tlaxcala, einer Stadt östlich von Mexico-Stadt, waren verfeindet mit denen von Cholula und verbündeten sich mit Cortez bei dem Massaker 1519.

[9] Mischung von Lehm, Ton und Sand.

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