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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Ulrike Leitner

"Anciennes folies neptuniennes!"
Über das wiedergefundene "Journal du Mexique à Veracruz" aus den mexikanischen Reisetagebüchern A. v. Humboldts

 

1. Neues zum Nachlaß Humboldts

Bekanntlich war eine der Aufgaben der Alexander von Humboldt-Forschungsstelle die von Margot Faak in jahrzehntelanger Arbeit geleistete Edition der Tagebücher Humboldts von seiner sog. Amerikareise, d.h. der wissenschaftlichen Erforschung der lateinamerikanischen Länder Venezuela, Kolumbien, Peru, Ekuador, Mexiko und Kuba (1799-1804).[1]

Die Tagebücher Alexander von Humboldts werden - lt. ihrer Herausgeberin - mit diesem Begriff eigentlich nicht präzise charakterisiert, da Humboldt nicht Tag für Tag seine Reise schilderte, sondern in verschiedenen Heften alles notierte: Messungen, Beobachtungen, Erlebnisse, Notizen aus Manuskripten, wissenschaftliche Schlußfolgerungen, Hinweise für geplante Publikationen, Notizen über seine Finanzlage. “Er schuf damit ein Depositum, in dem er alles aufbewahrte, was die Reise ihm brachte, um es später verarbeiten zu können.”[2] Geschlossene Reiseschilderungen hat er offenbar, so die Herausgeberin, nicht an Ort und Stelle, sondern an den Ruhestationen der Reise verfaßt. Sie wirken deshalb wie aus einem Guß, schon publikationsreif. Trotzdem heben sie sich in der Frische und Direktheit der Darstellung von den später abgefaßten, distanzierteren Schilderungen der „Relation historique“ ab. Randbemerkungen Humboldts ebenfalls aus späterer Zeit - vermutlich in der Phase der Abfassung des Reiseberichts - illustrieren Änderungen seiner Ansichten und ergänzen den Bericht inhaltlich. Die während der Reise geführten Hefte hat er später je nach Bedarf für die verschiedenen Publikationen, und auch, um sie seinen Mitarbeitern zur Auswertung zu überlassen, aufgelöst. Erst gegen Ende seines Lebens ließ er sie in anderer Folge in Leder binden, und in dieser Form liegen sie heute als Leihgabe in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, wohin sie, nachdem sie nach dem Krieg als verschollen galten, 1958 aus der Sowjetunion zurückgekehrt sind. Eigentlich im Besitz der Familie von Heinz, Nachkommen der Familie Wilhelm von Humboldts, sind sie hier der wissenschaftlichen Nutzung zugänglich.

Schon von der Herausgeberin sind Lücken im Ablauf der Reise in der Darstellung der Tagebücher bemerkt worden.[3] Sie betreffen den Teil der Reise in Mexiko von Mexico-Stadt bis Veracruz und auf Kuba. Beide Stücke befinden sich in dem von mir in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau vor fast vier Jahren gesichteten Nachlaß Humboldts, der durch kriegsbedingte Auslagerungen dorthin gelangt war und bisher als verschollen galt.

 

Es ist bekannt, dass die Geschichte von Humboldts Nachlaß kompliziert und verworren war. Humboldt selbst hatte in mehreren handschriftlichen Verfügungen den Hauptteil seines Besitzes seinem Kammerdiener Seiffert vermacht, jedoch den wissenschaftlichen Nachlaß (d.h. Tausende von Notizen, Exzerpten, brieflichen Auskünften, thematisch in Mappen oder Kästen gesammelt) davon ausgenommen. Dazu gehören die sog. Astronomica und Magnetica, die Reisejournale und die sog. Collectaneen zum Kosmos, d.h. mehrere Pappkästen mit gesammelten Materialien zum unvollendet gebliebenen Kosmos. Diese sollten auf die Sternwarte kommen. Die gesammelten Notizen gelangten ebenso wie die gebundenen Tagebücher in die heutige Staatsbibliothek und bilden heute den allen Humboldtforschern bereits bekannten Humboldt-Nachlaß. (Die Existenz dieses Nachlasses ist vermutlich auch der Grund, warum man nicht nach einem weiteren suchte.)

 

Der bisher unbekannte Nachlaß Humboldts in Krakau besteht aus folgenden Teilen[4]:

1.) Die sog. „Papiere betr. die Statistik von Mexico und Cuba“ (Anm.: mit Statistik hatte Humboldt kurz seine wirtschaftsgeographischen Werke bezeichnet). Diese hatte Humboldt in einer Verfügung aus dem Jahre 1854 der Königlichen Bibliothek vermacht.

2) Die Manuskripte der “Ansichten der Natur” und des „Kosmos“. Letzteres Manuskript wurde von Humboldts Mitarbeiter und Sekretär (insbesondere beim Schreiben und Korrekturlesen dieses Werkes) Eduard Buschmann, der es nach Humboldts Tod 1859 in seinem Besitz hatte, 1870 der Königlichen Bibliothek geschenkt.[5] 

3) Die Papiere zum „Examen critique…“ (also offenbar der Kasten Nr. X, der Notizen und gesammelten Materialien zu diesem ebenfalls unvollendet gebliebenen Werk enthielt). Dieses Konvolut hatte Buschmann ebenfalls 1870 der Königlichen Bibliothek übergeben. 

4) Ca. 1000 bisher unpublizierte Briefe Humboldts an Eduard Buschmann, in denen es in erster Linie um die Arbeit am Kosmos geht, sowie die Briefe an Berghaus[6]. Die Buschmann-Korrespondenz ist nach dessen Tod von seiner Witwe am 26. Mai 1882 der Königlichen Bibliothek übergeben worden.

 

Aus dem alten Autographenkatalog der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Verzeichnis der Sammlungen und Nachlässe Teil II) war der Humboldt-Forschung die Existenz dieses Nachlasses bekannt, aber erstens galt er seit dem Krieg als verschollen und zweitens war es eine wirkliche Überraschung, bei der Sichtung im ersten Teil (Papiere zur Statistik von Kuba und Mexiko) auf die in den gebundenen Tagebuchteilen fehlenden Stücke von Mexico-Stadt nach Veracruz (38 S.) und Kuba (24 S.) zu stoßen.[7] Die Existenz dieser Manuskripte war bisher unbekannt, offenbar ist also dieser Nachlaß auch bis zu seinem Verschwinden im 2. Weltkrieg nie genauer gesichtet worden.



[1] Tagebücher Alexander von Humboldts. Staatsbibliothek zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz. Handschriftenabteilung. Der größte Teil der Tagebücher ist in drei Bänden publiziert: Humboldt, Alexander von (1986), Humboldt, Alexander von (1990) und Humboldt, Alexander von (2000).

[2] Humboldt, Alexander von (2000), Einleitung, S. 17. Daraus auch die folgende Beschreibung.

[3] Humboldt, Alexander von (1990), S. 292 u. S. 298

[4] Sign. 1159-1183

[5] Nach einer Notiz im Centralblatt für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen (1870), Nr. 4 v. 30. April, S. 199.

[6] Größtenteils publiziert im Briefwechsel Alexander von Humboldt’s mit Heinrich Berghaus aus den Jahren 1825 bis 1858. 2. Ausg. Jena 1869.

[7] Von Herrn Dr. Schochow (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz) hatte ich vor einiger Zeit lediglich den Hinweis, daß sich Manuskripte A. v. Humboldts in Krakau befänden, erhalten.

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