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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Kristian Köchy

Das Ganze der Natur
Alexander von Humboldt und das romantische Forschungsprogramm

 

2. Humboldts Wissenschaft von der Ganzheit der Natur

2.1 Beschreibung und Erklärung

In Übereinstimmung mit der Romantik zielt auch Humboldts Blick über die mikrologische Perspektive der Einzelfakten hinaus und ist explizit auf das Ganze der Natur gerichtet. Sein Programm einer adäquaten Erfassung, Darstellung und Erklärung dieses Naturganzen trägt den Namen „physische Weltbeschreibung“. Definiert ist diese als Betrachtung alles Geschaffenen, alles Seienden im Raume (Naturdinge und Naturkräfte) als „eines gleichzeitig bestehenden Natur-Ganzen“ (Humboldt 1845 ff., I, 50). „Welt“ ist in diesem Kontext gleichbedeutend mit „Kosmos“. Die Weltbeschreibung ist also hinsichtlich ihres Umfangs auf das kosmische Gesamt ausgerichtet. Sie umfasst zwei Teile: die Untersuchung irdischer Phänomene (physische Erdbeschreibung, tellurischer Teil) und die Untersuchung kosmischer Phänomene (uranologischer Teil). Zugleich ist mit der Bezeichnung „Kosmos“ an klassische Konzepte angeknüpft, die dieses kosmische Ganze als schöne, harmonische Ordnung interpretiert haben. Dabei zeigt bereits der Blick auf Platons Timaios, wie sehr in diesem Bild organologische und mathematische Überlegungen zusammenkommen. Die Schönheit, Vollkommenheit und Harmonie des Kosmos ergibt sich aus den herrschenden Zahlenverhältnissen in dieser Ordnung ebenso wie aus dem organischen Charakter des Ganzen.

Die Bezeichnung Weltbeschreibung verweist auf ein deskriptives Unterfangen. Diese Deutung wird auch durch die Bezeichnung „Naturgemälde“ unterstützt, auf die abschließend noch einmal zurückgekommen wird. Allerdings versteht Humboldt „Weltbeschreibung“ zugleich als erklärendes, als explanatives Vorhaben. Nicht bloße Darstellung der Vielfalt von Einzelbildungen, sondern die Erkenntnis und Erklärung der Einheit in der Vielheit, die Erforschung des Gemeinsamen, des inneren Zusammenhangs, ist der höchste Zweck dieser „Beschreibung“ (ebd. 55). Humboldt geht dabei davon aus, dass bereits die bloße Zusammenstellung großer und verwickelt erscheinender Resultate der Beobachtung in einer strukturierten und harmonischen Gesamtbetrachtung die Einsicht in den Kausalzusammenhang fördert (ebd., III, 6). Die folgenden Überlegungen werden zeigen, dass hierbei ein gestuftes Vorgehen zum Einsatz kommen muss. Allerdings - und auch dieses wird noch genauer darzustellen sein - ist sich Humboldt auch darüber im Klaren, dass sein Ansatz angesichts der Fülle der Daten und der Größe des Unternehmens lediglich einen unvollkommenen Beginn darstellt und der Übergang von der Weltbeschreibung zur Welterklärung und damit zur Erfassung des gesuchten Kausalzusammenhangs noch unvollständig ist, letztlich sogar zu einem Streben nach dem Unendlichen wird (ebd. 10). Humboldts Weltbeschreibung liegt deshalb in gewissen Hinsichten quer zum gängigen Gegensatz von Naturbeschreibung und Naturerklärung und ist zumindest mit dem Ziel konzipiert, über diesen Gegensatz hinaus zu gelangen. In diesem Motiv kann man eine gewisse Nähe zu romantischen Überlegungen sehen, denn auch für die Romantik ergibt sich aus dem dargestellten Entwicklungskontext der Natur ein genetischer Erklärungsansatz in Form narrativer Verfahren. Dabei ist mit der Erzählung der historischen Genese eines Ereignisses zugleich dessen Erklärung verbunden. Zudem ist auch den Romantikern bewusst, dass die geplante Erfassung des Ganzen der Natur nach einem einheitlichen Prinzip ein unendliches Unterfangen ist.

Die physische Weltbeschreibung Humboldts umfasst die Welt als „Gegenstand des äußeren Sinnes“ (ebd., I, 52) und besitzt damit hinsichtlich des Gegenstandsbereichs eine Überschneidungszone mit den einzelnen Fachwissenschaften. Gleichzeitig soll die physische Weltbeschreibung jedoch eine eigenständige und abgesonderte Disziplin sein. Der besondere Status einer Wissenschaft kann nun prinzipiell über deren Fragestellung, Methode oder Gegenstand legitimiert werden. Folglich ist Humboldts neue Wissenschaft der physischen Weltbeschreibung zwar auf die Physik oder die Naturgeschichte als Hilfswissenschaften angewiesen, geht aber nicht in ihnen auf. So soll sie die Natur unter anderen Gesichtspunkten und mit anderen Verfahren als diese Einzelwissenschaften betrachten. Dabei gelingt es Humboldt, die Neuartigkeit der Gesichtspunkte relativ überzeugend hervorzuheben, die Andersartigkeit der Verfahren hingegen bleibt mehr oder weniger undeutlich. Auch in dieser Hinsicht werden Parallelen zur Romantik erkennbar. Entgegen dem pauschalen Vorwurf der Spekulation hatte diese durchaus versucht, eine empirische Anbindung ihrer naturphilosophischen Ansätze zu erzielen - bei Protagonisten wie Oersted oder Ritter ist das offensichtlich und auch Carus, Burdach, Oken oder Treviranus entstammen den Fachwissenschaften. Allerdings stimmen auch diese der Forderung zu, mit der veränderten Sichtweise vom mechanischen Detail zur organischen Ganzheit der Natur neben dem Wechsel der Beobachterperspektive auch einen Methodenwandel vorzunehmen. Die Art, wie sich diese neue Methodik von den Standards der Naturwissenschaften abhebt, kann allerdings im nachhinein erst bei einer aufwendigen Feinanalyse deutlich werden (Köchy 1997). Darüber hinaus ist das Verhältnis von Spekulation und Empirie niemals trivial, denn immer wenn die Detailperspektive zugunsten einer überschauenden oder theoretisierten Betrachtung verlassen wird, entfernt man sich zwangsläufig vom Boden der Empirie und die Aussagen werden formaler und abstrakter. Andererseits ist auch die Ebene der Empirie stets von bestimmten theoretischen Vorannahmen beeinflusst und gefärbt. So kommt es denn im Detail darauf an, in welcher Weise es gelingt, die „geläuterten“ Erkenntnisse der Theorie wieder an die Ausgangslage der Empirie zurückzubinden. In diesem Sinne ist sowohl ein Großteil der Romantiker als auch Humboldt bestrebt, eine solche Verbindung zur empirischen Ausgangslage aufrechtzuerhalten.

Übereinstimmend mit dem Programm der Romantik besteht die Besonderheit von Humboldts „Weltbeschreibung“ somit in der Betrachtung der körperlichen Dinge unter der Gestalt eines durch innere Kräfte bewegten und belebten Naturganzen. Wo die Physik beispielsweise die allgemeinen Eigenschaften der Materie erfassen will, ist das Spektrum der physischen Erdbeschreibung einerseits eingeschränkter und konkreter, andererseits aber viel weiter aufgefächert. Humboldts Erdbeschreibung geht es deshalb um die Verteilung des Magnetismus auf der Erde, die Gliederung der Kontinente, die Verschiedenheiten der Klimate, den Charakter der Gebirgszüge, die mittlere Höhe von Kontinenten, die Dynamik der Gebirgsarten, die vergleichende Betrachtung der Vulkane, die Suche nach den Gemeinsamkeiten der Organisation großer Ströme etc. Bei dieser jeweils kontextgebundenen Spezifizierung reicht der Umfang der gesamten Weltbeschreibung allerdings von den „fernen Nebelflecken“ der Galaxien bis „zur klimatischen Verbreitung der organischen Gewebe, die unsere Felsklippen färben“ (ebd. 61).

 

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