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HiN                                                      III, 5 (2002)

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Kristian Köchy

Das Ganze der Natur
Alexander von Humboldt und das romantische Forschungsprogramm

 

Einleitung

Die Absicht, Alexander von Humboldt im Kontext des romantischen Natur- und Wissenschaftskonzepts vorzustellen, ist nicht unproblematisch und kann vor der Hand eine Reihe von Kritikern auf den Plan rufen. Deren Kritik könnte sich beispielsweise auf Humboldts betonte Ablehnung jeder ins Spekulative zielenden Naturphilosophie beziehen. In der Einleitung der Berliner Vorlesungen und im Kosmos werden die naturphilosophischen Systeme der Romantik der Abkehr von den mathematischen und physikalischen Wissenschaften gescholten und wegen ihrer abenteuerlich-symbolisierenden Sprache und Empirieferne abgelehnt (Humboldt 1845 ff., I, 69 und 83). Hier wird deutlich, dass sich Humboldts analytischer, auf messende Verfahren, das Experiment und die Mathematik ausgerichteter Wissenschaftstyp vom synthetischen, intuitiven und poetischen Anliegen der Romantik unterscheidet. Legt man den Schwerpunkt auf diesen Aspekt, so würde Humboldts Reaktion vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen der analytischen Schule der Biowissenschaften mit ihren naturphilosophischen Vorläufern erscheinen (Köchy 1999a) und er wäre in dem von Virchow postulierten Weg von der Naturphilosophie über die Naturgeschichte zur Naturwissenschaft weit in Richtung zur Naturwissenschaft fortgeschritten. Man könnte deshalb - wie Bunge - in Humboldt ausschließlich den Kritiker und Gegner der Romantik sehen (Bunge 1969).

 

Dennoch ergeben sich bei näherer Analyse derart zentrale Gemeinsamkeiten zwischen Humboldt und dem Programm der Romantik, dass eine gemeinsame und vergleichende Betrachtung beider Konzepte sich als lohnender und erkenntniserweiternder Ansatz darstellt. Solche Verbindungen werden vor allem deutlich, wenn man die Suche nach adäquater Darstellung und Erklärung der Ganzheit der Natur in den Blick nimmt. Man gewinnt dabei einen tiefen Einblick in das grundlegende Verständnis von Mensch und Natur, von Wissenschaft und Philosophie, von Gefühl und Verstand in beiden Ansätzen. Hier werden wie in keinem anderen Themenfeld die Intentionen Humboldts in Abgrenzung und Anlehnung an die Romantik deutlich. Auch lassen sich bei dieser Detailbetrachtung an vielen Stellen Übergänge nachweisen. So relativiert sich beispielsweise die oben hervorgehobene vehemente Ablehnung der Naturphilosophie. Sie wird als Ablehnung spekulativer Konzepte erkennbar, die den Boden der Empirie verlassen (Hennemann 1959, 107 f.). Andererseits kennt auch Humboldt eine „erlaubte Naturphilosophie“, die das Empirische nach Ideen anordnen soll (Humboldt an Ehrenberg 1838, in: Jahn 1969, 147 f.). Es verwundert deshalb nicht, wenn Adolf Meyer-Abich die zu Bunge genau entgegengesetzte Meinung vertritt, Humboldt für sein Konzept des Holismus vereinnahmt und ihn als maßgeblichen Vertreter der Ganzheitsidee feiert (Meyer-Abich 1968).

 

Im Folgenden soll Humboldts Konzept zur wissenschaftlichen Erfassung der Ganzheit der Natur in seinen Grundzügen dargestellt werden. Dieses wird vor dem Hintergrund und im Kontrast mit dem romantischen Ansatz geschehen. Dabei leitet die Untersuchung auch das Ziel, generelle Hinweise für die Beantwortung der Frage zu bekommen, wie eine adäquate wissenschaftliche Erfassung der natürlichen Ganzheit vorstellbar ist.

 

1. Romantische Wissenschaft von der Ganzheit der Natur

 

Die Romantik ist ein vielfältiges und heterogenes Phänomen (Köchy 1997), so dass es in der nachträglichen Rezeption umstritten geblieben ist, ob es eine romantische Bewegung in Deutschland überhaupt gegeben hat, oder ob nicht vielmehr eine künstliche Klammer durch die Gegner des romantischen Anliegens vorgenommen wurde. Das Spektrum der Ansätze reicht deshalb von der Literatur, der bildenden Kunst, der Rechtswissenschaft und Theologie bis hin zur Naturwissenschaft und zur Naturphilosophie. Trotz aller nachweislichen Diversität der einzelnen Positionen gibt es dennoch ein gemeinsames Thema der romantischen Ansätze: die Suche nach der Einheit des Wissens und der Welt. Die gängigen disziplinären Grenzen werden bei diesem Anliegen bewusst überschritten und die Romantiker vertreten einen multi- und transdisziplinären Ansatz bei ihrer Suche nach Ganzheit. Zudem lässt sich die gesuchte Einheit konkretisieren: das Grundkonzept der Romantik ist ein organologisches Ganzheitsmodell. Der Organismus wird zum Leitbild für die Deutung aller komplexen Einheiten in Vielheit - seien es poetische, philosophische, ökonomische, staatliche oder natürliche Ordnungsformen.

 

Betrachten wir deshalb zunächst das romantische Organismuskonzept: Das massgebliche Kennzeichen der Lebenstheorie der Romantik ist die Konstatierung eines spezifischen Verweisungszusammenhangs zwischen den einzelnen Teilen von Organismen untereinander und zwischen den Subsystemen und dem organischen Ganzen andererseits. Organismen gelten als ganzheitliche Bildungen, die sich - in Anlehnung an die paradigmatischen Überlegungen Kants - durch eine Wechselwirkung zwischen Teil und Ganzem auszeichnen. Weiterhin gilt jedes Lebewesen zwar einerseits als selbständige und autarke Einheit (Isolation durch Individualisierung), andererseits bleibt es jedoch stets in einen übergeordneten - ebenfalls organischen - Zusammenhang eingebunden (Integration durch Sympathie). Auch hinsichtlich des letztgenannten Verhältnisses von Organismus und Gesamtnatur gilt die obige Repräsentationsbeziehung (Köchy 1996).

 

Aus diesem Ansatz resultiert ein bestimmtes Bild der Natur als Gesamtorganismus, das viele verschiedenen Facetten hat, in einigen wichtigen Grundzügen aber anhand von Schellings Erstem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799) darzustellen ist (Schelling Werke, III 49 ff.). Natur erscheint hier als die Identität von Produktivität und Produkt. Sie kann deshalb in zweierlei sich ergänzenden Hinsichten betrachtet werden: Mit Rücksicht auf das Bedingte in ihr als bloßes „Produkt“ (natura naturata). Mit Rücksicht auf das Unbedingte in ihr als absolute „Produktivität“ (natura naturans). Die erste Betrachtung kommt der Naturwissenschaft zu, die in dieser Hinsicht die Außenperspektive auf die Natur einnimmt und sie lediglich in statischer Hinsicht betrachtet. Die zweite Betrachtung ist der Naturphilosophie eigen, die über die Naturwissenschaft insofern hinauszielt, als sie die bloß objektive Außenseite verläßt und sich dem eigentlichen Kern der Natur, dem „inneren Triebwerk“ oder der nichtobjektiven Seite zuwendet. Obwohl so auf die absolute Tätigkeit oder Produktivität ausgerichtet, muß auch die Naturphilosophie der Tatsache Rechnung tragen, dass jede Objektivierung - im Wissen wie im Sein - die Bildung von Produkten erfordert. Diese statische Tendenz der Ausbildung konkreter Naturdinge kann jedoch angesichts der übergeordneten Dynamik lediglich als „Hemmung“ der ursprünglichen Aktivität gedeutet werden. Hemmung und Produktivität bilden so eine „Duplizität“, die einerseits Motor der Entwicklung ist, die jedoch andererseits darauf angewiesen bleibt, dass niemals vollkommene Gleichwertigkeit beider Pole eintritt. So ist das Wechselspiel von Produktivität und Hemmung eine ewige Abfolge von Auflösung und Erhaltung. Die genannte Dialektik wird schließlich in einem dritten Moment vermittelt: dem Reproduziertwerden. Damit werden Beharren und Wandel in einen entwicklungsgenetischen Konnex gestellt und geraten in eine zyklische Beziehung zueinander. Jede Einzelbildung der Natur ist so ein Produkt, das in jedem Moment vernichtet und neu reproduziert wird (ebd. III 289). Unter dem Blickwinkel des Reproduktionszusammenhangs wird „Hemmung“ als Entzweiung eines einheitlichen indifferenten Urzustandes in Gegensatzpaare oder Geschlechter erkennbar (Mischer 1997, 183 f.).

 

Die Bildung polarer Gegensätze oder Geschlechter ist somit die notwendige Folge einer vom Einheitspunkt ausgehenden, in entgegengesetzte Richtung zielenden Entwicklung, die an ihren Endpunkten die Individualisierung der Organisation zur Folge hat. Gleichzeitig sind die individuellen Endpunkte größtmöglicher Entzweiung bereits Kulminationspunkte, in denen die Entwicklung zu erneuter Vereinigung umschlägt. Damit wird Natur als gestuftes System eines allgemeinen Entwicklungszusammenhangs gedeutet, wobei die Stufen durch einen pulsierenden Prozess von Polarisierung und Vereinigung dynamisch ineinander überleiten und zugleich durch die im Zuge der Synthese erfolgte Potenzierung von einander getrennt bleiben.

 

Erweitert werden muß dieses bereits komplizerte Modell dahingehend, dass die genannte Differenzierung und Individualisierung stets mit der Vorstellung eines in allen Einzelprodukten und Gegensätzen vorhandenen einheitlichen Absoluten einhergeht. Erkenntnistheoretisch gedeutet ist so die Diskontinuität des Modells als Effekt der rationalen und diskursiven Reflexion zu erklären und gilt für die Ansehung der Produkte durch den Verstand. Die ganzheitlich-sinnliche Anschauung hingegen würde die Produktivität betrachten und die Natur als ein Kontinuum erfahren. Eine Einheit in Vielfalt schließlich und die gleichzeitige Erfassung von Produktivität und Produkt würde über eine Verbindung der diskursiven und der ganzheitlichen Erkenntnis in der intellektuellen Anschauung gelingen. Die Einheit in der Vielfalt der Natur bleibt dabei auch im genannten Stufenmodell präsent. Sie äußert sich in Form einer repräsentativen Verweisungsbeziehung zwischen den einzelnen Stufen und Naturgliedern, die dem Leibnizschen Modell der Widerspiegelung entlehnt ist.

 

Eine zentrale methodologische Schlußfolgerung aus diesem Repräsentationsmodell lautet, dass auch der Mensch stets ein Glied in einem umgreifenden organischen Naturganzen ist. Dieses gilt auch für den Menschen als Wissenschaftler. Folglich besteht auch zwischen dem Naturwissenschaftler und seinem Objekt ein vernetztes Beziehungsgefüge (Köchy 1998). Aus diesem Grund ist für naturwissenschaftliche Vollzüge eine teilnehmende und sanfte Methode gefordert. Das aus der Kunst und der Religion entlehnte Motiv des sympathischen Zugangs wird so von der Romantik auf die Naturwissenschaften übertragen. Beispielsweise ist die romantische Medizin durch teilnehmende Verfahren gekennzeichnet[1]. Der epistemologische Hintergrund dieser Bevorzugung der Teilnahme ist ein an aristotelische Überlegungen anknüpfendes Korrespondenzmodell, nach dem die Gesetze der untersuchten Natur mit den Gesetzen menschlichen Erkennens grundsätzlich übereinstimmen. Für die Romantik beruht jegliches naturwissenschaftliche Wissen auf keimhaft angelegten Antizipationen (vgl. Novalis Werke, II, 233, No.18 und II, 487, No.79) und auf dem organischen Zusammenhang zwischen Forscher und Forschungsobjekt. Nach dieser Grundannahme wäre es verfehlt, sich künstlich vom Forschungsobjekt zu distanzieren, um eine wahre Erkenntnis über es zu gewinnen. Entgegen der klassischen Konzeption der modernen Naturwissenschaft ist es gerade der Akt des Hineinversetzens, der Gewißheit über den Forschungsgegenstand vermittelt. Hier gilt Schellings Maxime, dass ich nur solange verstehe „was eine lebendige Natur ist“, solange „ich selbst mit der Natur identisch bin“ (Schelling Werke, II 47; vgl. Köchy 2000). Demnach muß in übertragenem Sinne der Standpunkt des zu untersuchenden lebendigen Objekts selbst eingenommen werden, um die Natur „ihrem eignen Sinne nach“ (Carus 1972, 136) zu erfassen.

 

Mit diesem Ansatz bewertet die Romantik zentrale Momente der Naturwissenschaften neu. Betrachtet man beispielsweise den Experimentalvollzug, so kann nach dem romantischen Programm ein wissenschaftliches Experiment nur bei Berücksichtigung dieser Integration des Forschers in die Natur und der zyklischen Wechselbeziehung zwischen beiden Gliedern eines Ganzen durchgeführt werden. Die lebende Natur - als die eigentlich höherwertige und umgreifende Sphäre - muß deshalb grundsätzlich als selbständiger Gesprächspartner (Novalis Werke, II 500 No. 143) anerkannt werden. In ihre Geheimnisse kann ohne ihre Zustimmung keine fremde Macht eingreifen (Schelling Werke, III 17). Nach Goethe verstummt die Natur auf der Folterbank des Experiments (Goethe Werke, VI.1, 533). Diese Vorgabe beruht sowohl auf technisch-praktischen als auch auf moralisch-praktischen Überlegungen. Die moralische Forderung nach Anerkennung und Achtung der Natur ist hier ebenso bedeutsam wie die methodologische Feststellung, dass der ganzheitliche Zusammenhang organischer Systeme durch ein rigides, auf Beherrschung ausgerichtetes analytisches Experimentalverfahren zerstört wird. Das genannte Gebot der Achtung der Natur bedingt somit, dass der Naturforscher nicht nur aktiv im Experiment fragt, sondern auch zuhört[2]. In gewisser Hinsicht verschiebt sich die in der Baconschen Metapher vom Experiment als Gerichtsverfahren einer Zeugenvernahme per Folter (Bacon 1963, I, 496) enthaltende Doppeldeutigkeit des deutschen Terminus „Vernehmen“. Statt mit „Vernehmen“ ein gerichtliches Zwangsverfahren zu verbinden, versteht die Romantik das „Vernehmen“ im Sinne des andächtigen Lauschens einer fremden Sprache. Auch die im Verb „lauschen“ mitschwingende negative Konnotation des Ablauschens von Geheimnissen wird dabei abgeschwächt.

 


[1] Vgl. die diesbezügliche Einordnung von Kerners Behandlungskonzept durch Schott (1986, 75).

[2] Für Goethe (Metamorphose der Pflanzen, Werke XII, 41) geht beispielsweise die Kenntnis der Organisation der Organe der Blumenkrone darauf zurück, dass wir die Natur in mehreren außerordentlichen Fällen belauschen. Deshalb betont er (Problem und Erwiderung, Werke XII, 296), dass unsere „ganze Aufmerksamkeit“ darauf gerichtet sein muss, „der Natur ihr Verfahren abzulauschen, damit wir sie durch zwängende Vorschriften nicht widerspenstig machen, aber uns dagegen auch durch ihre Willkür nicht vom Zweck entfernen lassen.“ Vergleichbar äußert sich auch Ritter an K. v. Hardenberg am 01.02.1807 (Ritter Briefe, 31). Diese Formulierungen zeigen erneut die Nähe der romantischen Naturwissenschaft zur religiösen Handlung wie sie z. B. Schleiermacher in seiner Rede Über das Wesen der Religion definiert (nach Kluckhohn 1924, 71): „Anschauen will sie [die Religion K.K.] das Universum, in seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüssen will sie sich in kindlicher Passivität ergreifen und erfüllen lassen.“

 

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