HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (ISSN: 1617-5239)

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HiN XVI, 30 (2015)

 

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Ingo Schwarz

„Uebrigens verbleibe ich mit besonderer Werthschätzung Euer gnädiger König“.

Zum Briefwechsel Alexander von Humboldts
mit Friedrich Wilhelm III. im September 1804

 

Zum Verhältnis zwischen König Friedrich Wilhelm IV. und Alexander von Humboldt steht der Forschung durch die Edition des umfangreichen Briefwechsels[1] ein reicher Materialfundus zur Verfügung. Über die Beziehungen des weitgereisten Naturforschers zu Friedrich Wilhelm III. wissen wir hingegen weitaus weniger.[2] Davon zeugt das Schicksal eines lange Zeit unbeachteten Briefes, den Humboldt genau einen Monat nach seiner Rückkehr von der berühmten Expedition in die Neue Welt aus Paris an seinen Monarchen schrieb. Der Humboldt-Forscher Herbert Pieper fand im Jahr 2000 im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin die Handschrift bei seinen Recherchen zu Humboldts Wahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften. Die editorische Aufbereitung dieses Dokumentes war ihm anderer Projekte und seines frühen Todes im Jahre 2008 wegen leider nicht mehr vergönnt. Erst Bärbel Holtz zitiert aus dem Schreiben in ihrer Arbeit über Humboldt und Friedrich Wilhelm III, die im Heft 29 von HiN erschienen ist.[3] Die Autorin gibt in diesem hervorragend dokumentierten Aufsatz eine Einführung in die vielfältigen Beziehungen des Monarchen zu seinem Kammerherrn. Das Schreiben vom 3. September 1804 soll nun zum ersten Mal vollständig nach der Handschrift wiedergegeben werden. Es nimmt Wunder, dass dieses inhaltlich bedeutsame Dokument der Forschung lange Zeit entgangen zu sein scheint. Eine genauere Nachforschung zeigt allerdings: gänzlich unbekannt war der Brief nicht. Eine vollständige Übersetzung ließ der französische Anthropologe Ernest Théodore Hamy (1842-1905) schon 1905 in einer Briefanthologie abdrucken.[4] Wohl nach der französischen Hamy-Edition erschien später auch eine spanische Übersetzung.[5]

Erstaunlich und rätselhaft ist ein Teilabdruck der Handschrift in der verbreiteten, bis heute lesenswerten Humboldt-Biographie von Adolf Meyer-Abich. [6] Hier wurde Blatt 53r – unter Weglassung einiger Zeilen – mit einem nicht zu dem Schreiben gehörenden Schluss kombiniert und mit der Überschrift versehen: „Die letzte Seite eines Briefes Humboldts an König Friedrich Wilhelm III. über seine Reise nach Südamerika. Potsdam, 18. April 1841.“ Zu diesem Zeitpunkt war der König schon fast ein Jahr tot. Der Briefschluss – „mit inniger Liebe Dein“ – entstammt einem Brief an Heinrich von Bülow[7]. Dieses Kuriosum wurde auch in eine andere Humboldt-Biographie übernommen.[8]

Abbildung 1, Blatt 52r
HiN XVI, 30 (2015) Zoomansicht

Humboldt war am 27. August 1804 aus Bordeaux kommend, wieder in Paris eingetroffen. Die Kollegen begrüßten den berühmten Forscher begeistert. In seinem Reisegepäck befanden sich – so in dem Schutzbrief verzeichnet, den Humboldt vom Außenminister der Vereinigten Staaten am 23. Juni 1804 erhalten hatte – „forty boxes of plants and other collections relating to Natural History”.[9] Im September 1804 müssen sich die Ereignisse für Humboldt überschlagen haben. Die Sammlungen waren zu ordnen, die Akademie erwartete seine Berichte, er saß dem Maler François Gérard zu einem Porträt – und er musste sich schleunigst bei seinem Monarchen zurückmelden. Diese Aufgabe erforderte Humboldts gesamtes diplomatisches Geschick. Er wollte gleichzeitig dem König schmeicheln und seine wissenschaftlichen Leistungen in ein vorteilhaftes Licht rücken. Aber damit nicht genug. Humboldt dachte nicht daran, gleich nach Preußen zurückzukehren. Er wollte noch einen längeren Urlaub erwirken, um ein nicht unbeträchtliches Forschungsprogramm u.a. mit Jean Baptiste Biot und Louis-Joseph Gay Lussac abzuwickeln, vor aber allem drängte es ihn, seinen Bruder Wilhelm wiederzusehen, der sich seit 1802 als Resident am Päpstlichen Stuhl in Rom aufhielt. Humboldts Briefstrategie erwies sich als erfolgreich. Huldvoll gewährte der König die Bitten seines Untertanen, den er Ende 1805 zu seinem Kammerherren ernennen sollte.

 

Alexander von Humboldt an König Friedrich Wilhelm III. von Preußen

Abbildung 2, Blatt 52v
HiN XVI, 30 (2015) Zoomansicht

Paris, 3.9.1804

Handschrift: Berlin, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 96 A Nr. 1, Bl. 52r – 53v.

Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König,

 

Allergnädigster König und Herr!

Nach einer achtjährigen Abwesenheit aus meinem Vaterlande, den Gefahren entgangen, welche in der heißen Zone die Gesundheit der Europäer bedrohen, halte ich es für meine erste und heiligste Pflicht Ew. Kön[igliche] Majestät das Opfer meiner alltiefsten Unterthänigkeit zu Füßen zu legen. Großmüthiger Schuz für die Wissenschaften, Einfluß | 52v | milder Geseze und freie Forschung nach Wahrheit und  Recht haben im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Preußische Monarchie zu der höchsten Stufe des sittlichen Glükkes und des äußeren Glanzes erhoben. Darf ich nicht die Hofnung wagen, daß der Stifter dieses Glükkes, daß Ew. Kön[igliche] Majestät geruhen werden, mit Huld auf eine Unternehmung herabzusehen, durch welche ich unter fünfjährigen Aufopferungen, mit Anstrengung aller meiner Kräfte der Naturbeschreibung und Völkerkunde nüzlich zu werden gesucht habe?

Nach einer Reise von neuntausend Meilen in Südamerika und Neuspanien und nach einem kurzen Aufenthalte in Washington und Philadelphia bin ich endlich vor wenigen Wochen glüklich in Bordeaux angelangt. Ich bin damit beschäftigt die Kisten zu vereinigen, welche ich einzeln von der Südsee aus nach Spanien abgesandt habe und meine Samlungen von denen meines Reisegefährten Bonpland (eines französischen Gelehrten, den ich auf meine Kosten mitgenommen) zu trennen. Da ich Jahrelang die höchsten Gebirgsketten der Welt, die Cordilleras de los Andes, durchstrichen habe, so darf ich mir schmeicheln viele mineralogische Produkte zu besizen, welche in keinem Europäischen Kabinette existiren. Für jeden eigenen Besiz gleichgültig und in der Ueberzeugung daß solche Seltenheiten nirgends besser, als in Ew. Kön[iglichen] Ma- | 53r | jestät vortreflichem Mineralogischem Museum aufgestellt werden können, fange ich sogleich an, sie sorgfältigst zu ordnen, und sie in wohleingerichteten Kisten dem Staatsminister Marquis von Luchesini[10] einzuhändigen. Wie glüklich würde ich mich schäzen, wenn Ew. Kön[igliche] Majestät Allerhöchst geruhen wollten diese Sammlung Mexikanischer und Peruanischer Produkte als ein schwaches Zeichen, meiner tiefsten Unterthänigkeit aufzunehmen und zugleich Allergnädigst zu verordnen, daß sie auf dem sicheren Landwege nach Berlin spedirt werden. Leider! kann die Zahl dieser Kisten nicht sehr groß sein, weil mein weniges Privatglük, und die Kostspieligkeit so weiter Reisen mich gezwungen hat, mich nur auf die wichtigsten Gegenstände einzuschränken.

Abbildung 3 , Blatt 53r
HiN XVI, 30 (2015) Zoomansicht

Die in Paris angestaunteste Seltenheit meiner Reise, welche ich Ew. Kön[iglichen] Majestät natürlich ebenfalls allerunterthänigst zu überreichen wage, ist ein Stük Platina welches 1801. im Choco gefunden worden, und über zwei Unzen, genau 1354. Gran wiegt, da das größte Platina-Stük in Europa kaum 40 Gran hat. Ich werde die sichere Gelegenheit eines Kourires abwarten, um es Ew. Kön[iglichen] Majestät zu Füßen zu legen. Dem Kön[iglichen] botanischen Garten zu Berlin, welchen Allerhöchstdieselben so großmüthigst verschönert haben, werde ich in wenigen Wochen eine Samlung frischen Saamen, welche ich selbst in beiden Hemisphären gesamlet, übersenden.

Nach einer so langen Abwesenheit sehne ich mich in mein Vaterland zurükzukehren um in Berlin unter dem wohlthätigen Schuze | 53v | einer weisen und väterlichen Regierung fortwährend den Wissenschaften zu leben und mich mit der Herausgabe meiner Südamerikanischen Manuscripte und Zeichnungen zu beschäftigen. Aber der natürliche und menschliche Wunsch meinen Bruder in Rom, den einzigen Ueberrest meiner Familie, nach so langer Trennung wiederzusehen und die gerechte Furcht meine an Tropenhize gewöhnte Gesundheit durch plözlichen Einfluß des Nord-deutschen Winters ganz zu zerstöhren, lassen mich die allerunterthänigste Bitte wagen, daß Ew. Kön[igliche] Majestät Allerhuldreichst erlauben, den eintretenden Winter im südlichen Italien zuzubringen. Mit wiederkehrender Sommer-Wärme wird mich nichts abhalten können, in mein Vaterland zurükzukehren und vielleicht ist es mir dann vergönnt, Ew. Kön[iglichen] Majestät persönlich die Empfindungen der allertieften Devotion auszudrükken,

 

mit der ich ersterbe,

Ew. Kön[iglichen] Majestät

 

allerunterthänigster Knecht   

Alexander von Humboldt.

 

Paris /den 3t September /1804

Abbildung 4, Blatt 53v
HiN XVI, 30 (2015) Zoomansicht

Das Antwortschreiben des Königs vom 25. September 1804 ist durch den Abdruck in den Preußisch-Brandenburgischen Miszellen (Jg. 1804, Bd. 2, Quartal 4, H. 1, S. 358-359) überliefert. Offenbar hatte man das Schreiben in die Presse lanciert[11], um den König angesichts der großen Leistungen Humboldts als dankbaren und großzügigen Monarchen zu präsentieren.

Nachricht den Hrn. &c. von Humboldt betreffend.

Bis jetzt ist in den Miszellen von dem Herrn v. Humboldt, ungeachtet dazu Veranlassungen genug vorhanden gewesen wären, noch nie die Rede gewesen, weil andere Journale und Tageblätter über diesen unsern Landsmann dam Publikum von Zeit zu Zeit interessante Nachrichten mitzutheilen bemüht waren. Jetzt aber, da Hr. von Humboldt glücklich in Europa angelangt ist, da wir im Frühling des künftigen Jahres die Freude haben werden, ihn in Berlins Mauern zurückkehren zu sehen, da besonders seine Bemühungen Sämereien für den Königl[ichen] botanischen Garten und Naturmerkwürdigkeiten für das Naturalienkabinet in Amerika zu sammeln seine Liebe für sein Vaterland aufs neue so schön begründet haben; so halten wir es gewissermaßen für unsere Pflicht, das von unserm Monarchen an den Hrn. v. Humboldt unterm 24sten September dieses Jahres erlassene Kabinetsschreiben unsern Lesern mitzutheilen, um so mehr, da dieses Schreiben einen so wichtigen Beleg von dem Eifer unseres Monarchen für die Beförderung der Wissenschaften und der gerechten Werthschätzung und Würdigung ausgezeichneter Verdienste abgiebt. Gewiß, jeder Patriot wird mit der innigsten Rührung und den herzlichsten Segnungen für Friedrich Wilhelm III. folgende Worte lesen:

 

An den Freiherrn Alexander von Humboldt.

Vester[12], besonders lieber Getreuer! Mit der lebhaftesten Theilnahme habe ich aus Eurem Briefe vom 3ten dieses Monats ersehen, daß Ihr von Euren für die Natur- und Völkerkunde so wichtigen Reisen glücklich wieder nach Europa zurückgekommen seyd, und unmittelbar darauf denket, nach Beendigung Eurer literarischen Geschäfte in Paris und einer Reise zur Eurem Bruder in Rom, in das Vaterland zurückzukehren, um in Berlin den Wissenschaften zu leben, und Euch mit Herausgabe Eurer Süd-Amerikanischen Manuskripte und Zeichnungen zu beschäftigen. Ich bewillige Euch, ohne Anstand, bis zum künftigen Jahre die erbetene | 359 | Erlaubniß zum Aufenthalte in Frankreich und Italien, da, so groß auch mein Verlangen ist, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der aus Liebe zu den Wissenschaften, mit einer Ausdauer ohne Beispiel, Jahrelang den größten Mühseligkeiten und Gefahren in unbekannten Gegenden sich aussetzte, und dadurch seinem Vaterlande einen neuen Ruhm erwarb, ich doch den Gründen Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, welche Euch dazu bestimmen. Ich füge aber dieser Erlaubniß die Versicherung hinzu, daß Ihr nach Eurer Rückkehr in Euer Vaterland, nicht nur die Euren rühmlichen Verdiensten gebührende Auszeichnung erhalten, sondern auch ein Jahrgehalt erhalten sollet, welches Euch in die Lage versetzen soll, ganz Euch und den Wissenschaften zu leben. Das Geschenk, welches Ihr von Euren Sammlungen meinem mineralogischen Kabinette machen wollet, verdient meinen herzlichen Dank, nicht nur seines eigenthümlichen Werthes, sondern auch wegen des unzweideutigen Beweises Eurer Liebe zu Eurem Vaterlande. Ich sehe demselben, wie den seltenen Stücken Platina, womit Ihr das Kabinet bereichern wollet, mit Verlangen entgegen, und erkenne es nicht minder dankbar, daß Ihr auch darauf bedacht gewesen seyd, meinen botanischen Garten durch seltene Sämereien zu verschönern. Uebrigens verbleibe ich mit besonderer Werthschätzung Euer gnädiger König. Potsdam den 24sten Sept[ember] 1804.

Friedrich Wilhelm.‘

(Wird fortgesetzt)

 

 

Literaturverzeichnis

Holtz 2014         
Holtz, Bärbel: „Cicerone“ des Königs? Alexander von Humboldt und Friedrich Wilhelm III. In: HiN – Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam – Berlin) XV, 29, S. 151-162.

Humboldt 1905
Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798-1807). Précédées d’une Notice de J[ean]-C[laude] Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits. Publiées avec une introduction et des notes par le Dr E[rnest] T[héodore] Hamy. Paris [1905].

Humboldt 1989
Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet (2. Aufl.). Caracas 1989.

Humboldt 2004
Alexander von Humboldt und die Vereinigten Staaten von Amerika. Briefwechsel. Hrsg. von Ingo Schwarz. Berlin 2004 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 19).

Humboldt 2013
Alexander von Humboldt. Friedrich Wilhelm IV. Briefwechsel. Hrsg. von Ulrike Leitner unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Mit einer einleitenden Studie von Bärbel Holtz. Berlin 2013 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 39).

Meyer-Abich 1967          
Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg 1969 (rowohlts monographien, Bd. 131).

Schleucher 1988              
Schleucher, Kurt: Alexander von Humboldt. Berlin.

Zitierweise

Schwarz, Ingo (2015): „Uebrigens verbleibe ich mit besonderer Werthschätzung Euer gnädiger König“. Zum Briefwechsel Alexander von Humboldts mit Friedrich Wilhelm III. im September 1804. In: HiN - Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam - Berlin) XVI, 30, S. 7-12. Online verfügbar unter <http://www.uni-potsdam.de/romanistik/hin/hin30/schwarz.htm>

Permanent URL unter <https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/solrsearch/index/search/searchtype/collection/id/16691>



[1]  Humboldt 2013.

[2]  Holtz 2014, S. 152.

[3]  Holtz 2014, S. 153-154.

[4]  Humboldt 1905, S. 173-175.

[5]  Vgl. Humboldt 1989, S. 121-122.

[6]  Meyer-Abich 1967, S. 129.

[7]  Heinrich von Bülow (1792-1846), preußischer Diplomat und Minister; Schwiegersohn Wilhelm von Humboldts.

[8]  Schleucher 1988, S. 82.

[9]  Humboldt 2004, S. 496.

[10]  Marquese Girolamo Lucchesini (1751 oder 1752-1825), aus Lucca stammender preußischer Diplomat und Staatsmann; ab 1802 außerordentlicher Gesandter in Paris.

[11]  Der Brief wurde auch abgedruckt in: Kurpfalzbaierische Münchner Staats-Zeitung, Nr. 261, 3.11.1804, S. 1063-1064.

[12]  Ob hier „Fester“ oder „Bester“ gemeint ist, lässt sich wegen der bisher nicht bekannt gewordenen Handschrift nicht entscheiden.

 

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Letzte Aktualisierung: 27 Mai 2015 | Kraft
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