HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (ISSN: 1617-5239)

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HiN XV, 29 (2014)

Ingo Schwarz
zum 65. Geburtstag

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U. Tintemann

Julius Klaproths Mithridates-Projekt, Alexander von Humboldt und das Verlagshaus Cotta

 

 

Alexander von Humboldt veröffentlichte seine deutschsprachigen Werke fast ausschließlich im Verlagshaus Cotta.[1] Er setzte sich darüber hinaus für andere Wissenschaftler ein, damit sie ebenfalls bei diesem berühmten Tübinger Verleger ihre Texte publizieren konnten.[2] Zu diesem Kreis der Wissenschaftler zählte der in Paris lebende Sinologe und Asienexperte Julius Klaproth, dessen Arbeiten über Zentralasien Humboldt sehr schätzte.[3] Klaproth lieferte zwar viele Beiträge für die bei Cotta verlegten Zeitschriften, es gelang ihm jedoch nicht, dort ein eigenständiges Werk zu veröffentlichen – trotz der intensiven Fürsprache Humboldts. Das Geflecht der Beziehungen zwischen Klaproth, Cotta und Humboldt soll im Folgenden am Beispiel von Klaproths Projekt einer Neuedition des Mithridates oder allgemeine Sprachkunde[4] erhellt werden.

Julius Klaproth (1783–1835): Ein Berliner Asienforscher in Paris

Der Sohn des berühmten Berliner Chemikers Martin Heinrich Klaproth lebte von 1815 bis zu seinem Tod im August 1835 als Privatgelehrter in Paris.[5] Zeit seines Lebens widmete er sich der Erforschung Asiens; er zählt zu den Mitbegründern der Pariser Société Asiatique (1822)[6] und gilt gemeinsam mit Jean-Pierre Abel-Rémusat als Begründer der Ostasienwissenschaften in Europa. Klap­roths Interesse am asiatischen Kontinent erwachte bereits im Jugendalter: Schon mit 14 Jahren begann er, im Selbststudium Chinesisch zu lernen. Bereits mit 19 Jahren gab er eine Zeitschrift, das Asiatische Magazin (1802), heraus. Zu seinen frühen wissenschaftlichen Arbeiten zählt die Erfassung und Beschreibung orientalischer Bücher aus privaten und öffentlichen Sammlungen; so erstellt er unter anderem Verzeichnisse der in der königlichen Bibliothek in Berlin und der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften sowie der in Goethes Bibliothek[7] vorhandenen Sinica.

Zwischen 1805 und 1809 unternahm Klaproth zwei ausgedehnte Forschungsreisen durch die zum damaligen Zeitpunkt kaum erforschten asiatischen Teile des russischen Reiches (Sibirien, Zentralasien, Kaukasus, Georgien). Bei der ersten Reise handelte es sich um eine Gesandtschaftsreise im Auftrag des russischen Kaiserhauses, die ihr eigentliches Ziel – Peking – nie erreichte, sondern auf Grund diplomatischer Verwicklungen an der russisch-chinesischen Grenze endete.[8] Klaproth reiste allein weiter und kehrte erst 1807 wieder nach St. Petersburg zurück. Noch im selben Jahr brach er als Leiter einer im Auftrag der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften durchgeführten zweijährigen Expedition in den zum damaligen Zeitpunkt kaum erforschten Kaukasus auf.[9] All das ereignete sich, bevor Alexander von Humboldt 1829 seinen lang gehegten Plan einer Asienreise realisieren konnte.[10] Neben Alexander von Humboldt, John Malcolm und George Thomas Staunton zählt Jürgen Osterhammel (2010) Julius Klaproth zu einem der großen Forschungsreisenden der Zeit um 1800, deren Reisen „zu bedeutenden Erkenntnissen über die erforschten Länder [führten].“[11] Klaproth hat auf seinen Reisen vor allem umfangreiches Material zur Geographie, Geschichte, zu den Völkern und Sprachen Zentralasiens, aber auch Chinas sowie Japans und Koreas gesammelt, das die Basis für seine späteren Studien bildete. So wie Alexander von Humboldt viele Jahre seines wissenschaftlichen Lebens damit verbrachte, die Ergebnisse seiner Amerikareise auszuwerten und zu veröffentlichen, so war Klaproth jahrelang mit der Auswertung seiner Materialien der beiden Forschungsreisen befasst, die er in zahlreichen Monographien und in vielen Zeitschriften veröffentlichte.[12] Denn die Vermittlung vielfältigster, breit gestreuter historischer, sprachlicher und geographischer Informationen über den asiatischen Kontinent betrachtete Klaproth als zentrale Aufgabe seiner Gelehrtentätigkeit.

Alexander von Humboldt als Förderer Klaproths

Im November 1834 kam Klaproth ein letztes Mal nach Berlin. Über seine Besuche bei Wilhelm von Humboldt berichtet dieser am 25. November an Franz Bopp:

Klaproth [...] war dreimal hier bei mir, und zweimal war ich ganz allein mit ihm. Er ist doch in dem, was er treibt, ungemein bewandert und zu Hause und scheint mir der erste Europäische Gelehrte, der die Chinesische Litteratur systematisch zu historischen Untersuchungen benutzt. Auch die Sprache scheint er mir sehr gut zu kennen, und die Gespräche mit ihm darüber sind mir sehr lehrreich gewesen.[13]

Dass Wilhelm von Humboldt ebenso wie sein Bruder Alexander in den 1830er Jahren immer wieder positiv über Klaproths Arbeiten urteilt, ist keineswegs selbstverständlich. Denn Klaproth verfügte zwar einerseits über ausgezeichnete Kenntnisse Asiens und fand insbesondere als Geograph und Historiker auch auf Grund seiner Kenntnis chinesischer Quellen, aus denen er zahlreiche Übersetzungen publizierte, uneingeschränkte Anerkennung. Andererseits war Klaproth unter seinen Zeitgenossen sehr umstritten. Dies lag vor allem an der Art und Weise, mit der er andere Gelehrte in Streitschriften angriff,[14] wenn er Recht zu haben glaubte. Am bekanntesten ist seine Auseinandersetzung mit dem Ägyptologen Jean-François Champollion geworden, dessen Ergebnisse bei der Entzifferung der Hieroglyphen Klaproth zu Unrecht anzweifelte und den er über mehrere Jahre immer wieder angriff.[15]

Zwar wurden Klaproths Sprachkenntnisse ebenso wie seine Fähigkeiten als Sprachforscher besonders in den 1820er Jahren immer wieder in Frage gestellt – auch von den Humboldt-Brüdern. Alexander von Humboldt ließ sogar dessen Chinesischkenntnisse von externen Experten überprüfen.[16] Trotzdem gehörten beide zu den engagiertesten Förderern Klaproths. Dank der Unterstützung Wilhelm von Humboldts erhielt Klap­roth 1816 an der Universität Bonn die erste Professur für Ostasienwissenschaften in Deutschland, die er zwar nie antrat, die es ihm jedoch finanziell ermöglichte, als Privatgelehrter in Paris zu leben. Dort ließ sich der ebenfalls in Paris lebende Alexander von Humboldt ab 1817 von Klaproth und Abel-Rémusat über das Chinesische informieren, und zwar als einen Teil der Vorbereitungen für seine bereits seit 1812 geplante Asienreise.[17] Die aus den Begegnungen resultierende Wertschätzung veranlasste Alexander von Humboldt, sich mehrfach bei dem preußischen Kultusminister Karl Freiherr von Stein zum Altenstein für Klaproth zu verwenden, u. a. um Mittel für die kostspielige Drucklegung von dessen Publikationen zu erwirken.[18]

Im Laufe der Jahre gewinnt Klaproth als Informant[19] und Referenzautor für historische, geographische und ethnographische Informationen über Zentralasien sowie für solche aus chinesischen Quellen für Humboldt zunehmend an Bedeutung. Im ersten Band der nach der Asienreise (1829) veröffentlichten Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques druckt Humboldt in den Fußnoten seines Mémoire sur les chaînes des montagnes et les volcans de l’Asie intérieure[20] Auszüge aus einem unpublizierten Manuskript Klaproths[21] über die innerasiatischen Bergketten ab. Zusätzlich ergänzt wird der Aufsatz durch zwei kürzere Beiträge Klaproths.[22] Und auch in Alexander von Humboldts dreibändiger Asie Centrale (1843) gibt es vielfältige Bezugnahmen auf Klaproths Werk.[23] Für Alexander von Humboldt ist Klaproth ein Gelehrter, der „oft verkannt werde“, wie er diesem 1831 schreibt.[24] Auch deshalb unterstützt Humboldt Klaproth gegenüber seinem Verleger Johann Friedrich von Cotta bei dessen editorischen Projekten. Denn ähnlich wie Humboldt, nur mit weitaus geringerem Erfolg als dieser, versucht Klaproth, die Ergebnisse seiner Forschungsreisen im Verlagshaus Cotta zu publizieren. Zwar wird Klap­roth sehr viele Beiträge zu Cottas Zeitschriften wie der Hertha, dem Ausland und dem Morgenblatt für Gebildete Stände liefern. Cotta wird jedoch keines der Buchprojekte Klaproths drucken lassen, wie im Folgenden anhand von Klaproths Projekt einer Neuedition des vierbändigen Mithridates oder allgemeine Sprachkunde (1806-1817) von Johann Christoph Adelung und Johann Severin Vater erörtert werden soll.[25]

Klaproths Projekt einer Neuedition des Mithridates

Der Mithridates oder allgemeine Sprachkunde bildet den Höhepunkt einer Reihe von im 18. Jahrhundert erschienenen Sprachsammlungen, in denen versucht wurde, das Wissen der Zeit über die Sprachen der Welt zusammenzutragen.[26] Adelung und Vater dokumentieren in dem vierbändigen Werk in einzigartiger Fülle und mit großer Gelehrsamkeit das ihnen verfügbare Wissen über mehr als 500 Sprachen und Dialekte. Die Publikation des Mithridates fällt in eine Zeit, in der das Wissen über die Sprachen der Welt enorm zunimmt. Dies zeigt sich bereits bei der Veröffentlichung des vierten Bandes des Mithridates aus dem Jahr 1817 mit Nachträgen zu den ersten drei Bänden. Die Nachträge enthalten nämlich nicht nur Korrekturen sowie Angaben über neue oder bis dahin unbekannte Literatur zu den Sprachen. Vielmehr werden gänzlich neue grammatische Materialien und Sprachproben präsentiert wie beispielsweise das eigens für diesen Band angefertigte Kapitel „Berichtigungen und Zusätze [...] über die Cantabrische oder Baskische Sprache“ von Wilhelm von Humboldt.[27] Klap­roth steuert ein Kapitel über das Mandschuische bei[28] und unterstützt Johann Severin Vaters Arbeit, indem er ihm unveröffentlichtes, auf seinen Reisen gesammeltes Sprachmaterial zur Verfügung stellt.[29]

Dieser letzte Band des Mithridates dokumentiert unter anderem, dass die Herausgabe einer so umfangreich konzipierten Sprachenzyklopädie auf Grund des ständig zunehmenden Wissens nicht mehr von einer Einzelperson zu bewältigen war. Für die Neuauflage seines Mithridates lädt Klaproth deshalb die jeweiligen Spezialisten ihres Faches zur Mitarbeit ein: So sollen u. a. Wilhelm und Alexander von Humboldt die Bearbeitung der amerikanischen Sprachen übernehmen, Adelbert von Chamisso die der Südseesprachen, Franz Bopp das Sanskrit, Jean-Pierre Abel-Rémusat das Japanische, George Thomas Staunton die „Chinesischen Dialecte“ und Graves Chamney Haughton die „Indischen Dialecte“.[30]

Das Projekt wird also internationalisiert, und es soll, so Klaproth, „ein Werk für ganz Europa“[31] werden und deshalb auf Französisch, d. h. in der lingua franca und Wissenschaftssprache des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, verfasst werden.

Als „Werk für ganz Europa“ trifft das Projekt insbesondere in Frankreich auf große Resonanz, wie Alexander von Humboldt am 20. Dezember 1823 an Cotta schreibt, nachdem dieser im Herbst desselben Jahres Klaproths Vorschlag einer Neuedition des Mithridates angenommen hatte.[32]

Klaproth’s Unternehmen, der Mithridates, erregt hier das grösste Interesse. Es war seit 10 Jahren der innigste Wunsch der gelehrtesten Mitglieder des Instituts, den Mithridates französisch, in einer in beiden Welttheilen gelesenen Sprache zu besizen. Die Umarbeitung, die ganz Asien, das Baskische, Keltische, Amerikanische fordert, kann nur hier geschehen u. es kann wohl keinem Zweifel unterworfen sein, daß Kl[aproth] gerade die Art von Kenntniss seltener Sprachen besizt die ihn ganz vorzüglich zum Herausgeber qualificirt. [...] Der wohlthätige Einfluss den das Werk auf alle Colonien, in einer zugänglichen Sprache, ausüben wird, ist kaum zu berechnen u. Sie haben sich dadurch ein neues, grosses Verdienst erworben.[33]

Gerade in Paris stößt das Klaproths Projekt auf so großes Interesse, weil die Stadt in der Zeit um 1800 das bedeutende Zentrum der Sprachforschung in Europa war, in der vor allem die Spezialisten für die orientalischen Sprachen wirkten. Diese konnten jedoch zum großen Teil kein Deutsch, und so hatte beispielsweise Constantin-François Volney im Jahre 1820 in einer Rede über das philosophische Sprachstudium vor der Pariser Akademie gefordert, doch zumindest Auszüge aus Adelung und Vaters Mithridates ins Französische zu übersetzen.[34]

Mit seinem französischen Mithridates möchte Klaproth jedoch nicht nur ein aktualisiertes Werk schaffen, das die neuesten Erkenntnisse über die Sprachen der Welt berücksichtigt; vielmehr geht es ihm auch darum, einige Unzulänglichkeiten des alten Mithridates zu revidieren: So soll das Vaterunser als Sprachprobe aufgegeben und stattdessen Originaltexte, d. h. „bei Sprachen die Litteratur haben [...] Stücke aus den besten Prosaisten gewählt werden.“[35] Hiermit kommt Klaproth einer seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer wieder vorgetragenen Kritik an der Eignung des Vaterunsers als Sprachprobe nach. Darüber hinaus möchte er ein Verzeichnis aller Alphabete der Welt drucken sowie alle Sprachbeispiele in den ihnen zugehörigen Schriften setzen lassen und nicht nur mit lateinischen Buchstaben.

Revidiert werden soll auch die Anordnung der asiatischen Sprachen, die Adelung im ersten Band des Mithridates nach ein- und zweisilbigen Sprachen eingeteilt hatte. Wie eine Klassifikation nach Sprachfamilien aussehen kann, hatte Klaproth bereits mit seinem ethnographisch-linguistischen Hauptwerk Asia Polyglotta (1823) gezeigt.[36] Auf der Basis geographischer, historisch und sprachvergleichend-genealogischer Kriterien teilt Klaproth die asiatischen Sprachen in 23 Stämme[37] ein, die dann, je nach Anzahl der zugehörigen Sprachen, weiter untergliedert werden. Er legt damit die bis zu diesem Zeitpunkt umfangreichste und vollständigste Darstellung der asiatischen Sprachen und Völker vor[38] und ist darüber hinaus der erste Wissenschaftler, der eine Sprachkarte anlegt, um die räumliche Gliederung der asiatischen Sprachen in Form einer Landkarte darzustellen.[39]

 

Alexander von Humboldt als Vermittler zwischen Klaproth und Cotta

In den folgenden Jahren kommt es zwischen Cotta und Klaproth immer wieder zu Auseinandersetzungen wegen des Mithridates-Projekts, die sich entweder um finanzielle Fragen oder um den Druckbeginn drehen.[40] So musste Klaproth für dieses Projekt sehr viele Bücher anschaffen, für die er von Cotta Vorauszahlungen auf sein Honorar verlangte. Bei der Durchsetzung seiner Forderungen wird Klaproth von Alexander von Humboldt unterstützt, der am 15. März 1827 an Cotta schreibt:

Sie werden mich sehr verbinden, mein theurer Freund, wenn Sie Herrn Klaproth gewähren, was er bei Ihnen ansucht. Ich bin selbst Zeuge gewesen wie viel kostbare Bücher er zu der Arbeit für den Mithridates angekauft hat. Der Druk des ersten asiatischen Bandes kann bald begonnen werden.[41]

Die Fürsprache Humboldts führt in diesem Fall zum Erfolg, denn Klaproth bekommt sein Honorar ausgehändigt, als er Cotta Ende März 1827 in Stuttgart besucht.[42] Obwohl Alexander von Humboldt in seinem Brief vom 15. März an Cotta schreibt, dass jetzt mit dem Druck des ersten Bandes begonnen werden könne, kommt es ja wie bereits erwähnt gerade nicht dazu. Der Mithridates wird nie gedruckt.

Dies dürfte zum einen an den sehr hohen Druckkosten gelegen haben, die aus Klaproths Anspruch resultierten, Sprachbeispiele und Alphabete in den Schriftsystemen, in denen die Sprachen aufgezeichnet sind, wiederzugeben. Dieses äußerst aufwändige und auch teure Vorgehen wäre jedoch nach Meinung Klaproths von der Königlichen Druckerei in Paris ohne Weiteres und ohne allzu hohe Kosten zu bewältigen. Cotta ist jedoch dagegen, weshalb in den Briefen die Frage diskutiert wurde, wo und wann der Druck begonnen werden solle. Eine Lösung zeichnet sich auch Ende 1828 noch nicht ab, denn am 11. November desselben Jahres schreibt Klaproth an Cotta:

Es thut mir leid, daß ich nicht früher Ihre Ansicht des ganzen Unternehmens des Mithridates gekannt habe. Ich kann unmöglich da zu stimmen das Werk anderswo, als unter meinen Augen drucken zu lassen. Sie haben aber unbestritten, das Recht, den Druck für Sie so oeconomisch als möglich einzurichten, und ich halte es für meine Pflicht Ihnen dazu behülflich zu seyn. Hätten Sie meinen ersten Vorschlag berücksichtigt das Buch in der hiesigen Königl. Druckerei drucken zu lassen, so würden alle die Schwierigkeiten die wir jetzt haben nicht entstanden seyn.[43]

Dennoch scheint zu diesem Zeitpunkt das Mithridates-Projekt noch nicht gänzlich gescheitert zu sein, da nämlich Wilhelm von Humboldt am 13. Dezember 1828 an Klaproth schreibt: „Cotta war in diesen Tagen hier, und hat viel mit uns über den Mithridates gesprochen.“[44] In diesen Gesprächen scheint nicht davon die Rede gewesen zu sein, dass Cotta das Projekt aufgeben würde, denn Wilhelm von Humboldt schreibt am 13. Dezember auch an Klaproth: „Sie werden doch auch in Ihrem Mithridates die von Adelung angenommene Methode beibehalten, und von Asien beginnen. Hier bringen Sie etwas ganz Neues und Selbstgeschaffenes.“[45]

Ob der Druck des Mithridates letztendlich nur an den hohen Druckkosten scheiterte, muss offen bleiben. Möglicherweise wurde das Buch aber auch deshalb nicht gedruckt, weil 1826 in Paris mit Adriano Balbis Atlas ethnographique du globe ein ähnliches Werk erscheint.[46] Auf der Basis einer Auswertung der aktuellen ethnographischen und linguistischen Literatur legt Balbi eine Klassifikation von 700 Sprachen anhand vergleichender Vokabulare vor. Auch Klaproth wollte seinen Ausführungen vergleichende Wortverzeichnisse voranstellen, so dass Balbis Atlas ethnographique wie ein konkurrierendes Produkt anmutet. Stützen könnte diese Annahme Balbis eigene Aussage: In seinem Vorwort grenzt er das eigene Vorhaben explizit von dem Klaproths ab und schreibt, dass er sich bewusst dafür entschieden habe, alle Sprachen in lateinischen Buchstaben wiederzugeben.[47] Darüber hinaus hat Balbi sein Werk ebenfalls unter Rekurs auf die Expertise der führenden (Sprach-)Gelehrten seiner Zeit verfasst.[48] Selbst Klaproth ist an diesem Unternehmen sowohl indirekt als auch direkt beteiligt, denn einerseits rekurriert Balbi bei der Beschreibung der (zentral-)asiatischen Sprachen häufig auf dessen Werke,[49] andererseits trägt Klaproth durch eigene Arbeiten zum Atlas bei.

Noch in seinem Brief an Cotta vom 22. Februar 1829 fragt Klaproth: „Soll ich nicht den Prospectus des Mithridates nun drucken und verteilen lassen?“ [50] Danach ist jedoch in den Briefen zwischen Cotta und Klaproth von dem Projekt keine Rede mehr, obwohl es schon sehr weit gediehen war. Auch das weitere Engagement Alexander von Humboldts hinsichtlich der Veröffentlichung weiterer Arbeiten Klaproths im Verlagshaus Cotta führt nicht zum Erfolg: So wird Cotta Klaproths Manuskript über die innerasiatischen Bergketten[51] trotz der Fürsprache Humboldts ebenso wenig drucken lassen wie Klaproths geographische Karten über China und Japan oder eine weitere Auflage seiner Asia Polyglotta.

 

Literatur

Adelung/Vater 1806-1817

Adelung, Johann Christoph / Johann Severin Vater: Mithridates oder allgemeine Sprachkunde. 4 Bde. Berlin 1806–1817 (Nachdruck Hildesheim / New York 1970).

Balbi 1826

Balbi, Adriano: Atlas ethnographique du globe ou classification des peuples anciens et modernes d'après leur langue. Paris 1826.

Beck 1983

Beck, Hanno: Alexander von Humboldts Reise durchs Baltikum nach Russland und Sibirien. Stuttgart 1983.

Bopp 1897

Briefwechsel zwischen Franz Bopp und Wilhelm von Humboldt. In: Salomon Lefmann: Franz Bopp, sein Leben und seine Wissenschaft. Nachtrag. Berlin 1897.

Freudenberg 1965

Freudenberg, Rudolf: Zur Entwicklungsgeschichte der dialektgeographischen Methode. In: Zeitschrift für Mundartforschung 32/2 (1965), S. 170–182.

Gimm 1995

Gimm, Martin: Zu Klaproths erstem Katalog chinesischer Bücher, Weimar 1804 – oder Julius Klaproth als studentische Hilfskraft bei Goethe? In: Das andere China. Festschrift für Wolfgang Bauer zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Hedwig Schmidt-Glinzer. Wiesbaden 1995, S. 559–599.

Humboldt 1831a

Humboldt, Alexander von: Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques. 2 Bde. Paris 1831.

Humboldt 1831b

Humboldt, Alexander von: Mémoire sur les chaînes des montagnes et les volcans de l’Asie intérieure. In: Humboldt 1831a, Bd. 1, S. 1-161.

Humboldt 1843

Humboldt, Alexander von: Asie centrale. Recherches sur les chaînes de montagnes et la climatologie comparée. 3 Bde. Paris 1843.

Humboldt 1844

Humboldt, Alexander von: Central-Asien. Untersuchungen über die Gebirgsketten und die vergleichende Klimatologie. Aus dem Französischen übersetzt und durch Zusätze vermehrt herausgegeben von Dr. Wilhelm Mahlmann. 2 Bde. Berlin 1844.

Humboldt 2009a

Alexander von Humboldt und Cotta. Briefwechsel. Hrsg. von Ulrike Leitner unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin 2009 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 29).

Humboldt 2009b

Alexander von Humboldt. Briefe aus Russland. Hrsg. von Eberhard Knobloch, Ingo Schwarz und Christian Suckow. Berlin 2009 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 30).

W. v. Humboldt 1817

Wilhelm von Humboldt: Berichte und Zusätze zum ersten Abschnitte des zweyten Bandes des Mithridates über die Cantabrische oder Baskische Sprache. In: Adelung/Vater 1806-1817, Bd. 4, S. 275-360.

Klaproth 1812–1814

Klaproth Julius: Reise in den Kaukasus und nach Georgien unternommen in den Jahren 1807 und 1808. 2 Bde. Halle und Berlin 1812–1814.

Klaproth 1823

Klaproth, Julius: Asia polyglotta. Mit Sprachatlas. Paris 1823 (2. Auflage 1829).

Klaproth 1824

Klaproth, Julius: [Rezension] Mithridates oder allgemeine Sprachkunde [...]. In: Bulletin des sciences historiques, antiquités, philologie 1 (1824), S. 6-10.

Klaproth 1824–1828

Klaproth, Julius: Mémoires relatifs à l’Asie: contenant des recherches historiques, géographiques et philologiques sur les peuples de l’Orient. 3 Bde. Paris 1824–1828.

Klaproth 1826

Klaproth, Julius: Tableaux historiques de l’Asie, depuis la monarchie Cyrus jusqu’à nos jours; accompagnés des recherches historiques et ethnographiques sur cette partie du monde. Paris/Stuttgart 1826.

Klaproth 1831a

Klaproth, Julius: Description du Mont Altaï, extraite de la Grande Géographie de la Chine. In: Humboldt 1831a, Bd. 1, S. 187-194.

Klaproth 1831b

Klaproth, Julius: Phénomènes volcaniques en Chine, au Japon et dans d’autres parties de l’Asie orientale. In: Humboldt 1831a, Bd. 1, S. 195–235.

Klaproth 1999

Julius Klaproth (1783-1835). Briefe und Dokumente. Hrsg. von Hartmut Walravens. Wiesbaden 1999.

Klaproth 2002

Julius Klaproth (1783–1835). Briefwechsel mit Gelehrten, großenteils aus dem Akademiearchiv in St. Petersburg. Hrsg. von Hartmut Walravens. Wiesbaden 2002.

Lundbaek 1995

Lundbaek, Knud: The Establishment of European Sinology 1801–1815. In: Cultural Encounters: China, Japan, and the West. Essays Commemorating 25 Years of East Asian Studies at the University of Aarhus. Hrsg. von Soren Clausen et al. Aarhus 1995, S. 15-54.

Morpurgo Davies 1998

Morpurgo Davies, Anna: Nineteenth-Century Linguistics. London/New York 1998.

Osterhammel 2010

Osterhammel, Jürgen: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München 2010.

Päßler 2009

Päßler, Ulrich: Ein „Diplomat aus den Wäldern des Orinoko“. Alexander von Humboldt als Mittler zwischen Preußen und Frankreich. Stuttgart 2009.

Stipa 1990

Stipa, Johannes Günter: Finnisch-ugrische Sprachforschung von der Renaissance bis zum Neupositivismus. Helsinki 1990.

Tintemann 2004

Tintemann, Ute: Asia Polyglotta. Zu den Sprachstudien von Julius Heinrich Klaproth. In: Sprache und Sprachen in Berlin um 1800. Hrsg. Ute Tintemann/Jürgen Trabant. Hannover 2004. 199-214 (Berliner Klassik, Bd. 3).

Trabant 2003

Trabant, Jürgen: Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens. München 2003.

Tuite 2008

Tuite, Kevin: The Rise and Fall and Revival of the Ibero-Caucasian Hypothesis. In: Historiographia Linguistica 35/1-2 (2008), S. 23-82.

Volney 1989

Volney, Constantin-François: Discours sur l’étude philosophique des langues. In: Œuvres. Bd. 2. Paris 1989, S. 427-460.

Walravens 1999a

Walravens, Hartmut: Julius Klaproth (1783–1835). Leben und Werk. Wiesbaden 1999.

Walravens 1999b

Walravens, Hartmut: Zur Geschichte der Ostasien­wissenschaften in Europa. Abel-Rémusat (1788–1835) und das Umfeld Julius Heinrich Klaproths (1783–1835). Wiesbaden 1999.

Walravens 2006

Walravens Hartmut: Julius Klaproth. His Life and Works with Special Emphasis on Japan. In: Japonica Humboldtiana 10 (2006), S. 177–191.

Van Driem 2003

Van Driem, George: Tibeto-Burman vs. Sino-Tibetan. In: Language in Time and Space. A Festschrift for Werner Winter on the Occasion of his 80th Birthday. Hrsg. von Brigitte L. M. Bauer/Georges-Jean Pinault. Berlin/New York 2003, S. 101–119.

Zitierweise

Tintemann, Ute (2014): Julius Klaproths Mithridates-Projekt, Alexander von Humboldt und das Verlagshaus Cotta. In: HiN - Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam - Berlin) XV, 29, S. 102-110. Online verfügbar unter: <http://www.uni-potsdam.de/romanistik/hin/hin29/tintemann.htm>

Permanent URL unter <http://opus.kobv.de/ubp/abfrage_collections.php?coll_id=594&la=de>


 

[1]  Vgl. die Einleitung in Humboldt 2009a, S. 14.

[2]  Vgl. ebd., S. 36-38.

[3]  Vgl. Humboldt 1844, S. 6.

[4]  Vgl. Adelung/Vater 1806-1817.

[5]  Zu Klaproths Leben und Werk siehe Lundbaek 1995 sowie Walravens 1999a und Walravens 2006.

[6]  Zu Klaproths Aktivitäten in der Société Asiatique vgl. Walravens 2002, S. 153-165.

[7]  Vgl. Gimm 1995.

[8]  Vgl. Klaproths Auflistung der Stationen der Reise in Klaproth 1999, S. 61-63 sowie seinen Bericht über das Scheitern der Gesandtschaft an der russisch-chinesischen Grenze ebd., S. 187-235.

[9]  Zum Verlauf der Kaukasusreise vgl. Klaproth 1812-1814, Bd. 1, S. III-IX. Vgl. auch Walravens 1999a, S. 32-34.

[10]  Zu Humboldts russisch-sibirischer Reise vgl. Beck 1983 und Humboldt 2009b.

[11] Osterhammel 2010, S. 56.

[12]  Vgl. die Bibliographie zu Klaproths umfangreichen Werk in Walravens 1999a.

[13] Bopp 1897, S. 101.

[14]  Vgl. den Überblick über die von Klaproth verfassten Streitschriften in Walravens 1999a, S. 63.

[15]  Wilhelm von Humboldt stellte sich in diesem Disput auf die Seite Champollions, weil er dessen Leistungen bei der Entzifferung der Hieroglyphen sofort richtig einschätzte und dessen Ergebnisse bereits 1824 in einer Rede den Mitgliedern der Berliner Akademie vorstellte.

[16] Vgl. Humboldt an Cotta, 20. Dezember 1823, Humboldt 2009a, S. 127.

[17]  Vgl. Päßler 2009, S. 122.

[18]  Vgl. die Klaproth betreffenden Briefe Humboldts an Altenstein in Walravens 1999a, S. 41-44. Zu Humboldts Bitte um finanzielle Unterstützung bei der Drucklegung von Klaproths chinesischem Wörterbuch, einer mandschuischen Chrestomathie und einer Karte von Tibet vgl. auch Päßler 2009, S. 35 f.

[19]  Vgl. beispielsweise Humboldts Bitte um Auskunft über die Bezeichnung des Wortes Mais in den asiatischen Sprachen (Humboldt an Klaproth, o. J., in: Klaproth 2002, S. 121 f.) und Klaproths Antwort (o. J.) in Klaproth 1999, S. 157 f. Vgl. auch Humboldts Notiz über den Klaproth erteilten Auftrag, ihm über die Erfindung des Kompasses in China zu berichten (Humboldt 1844, S. 17).

[20]  Dieser Aufsatz ist zuerst 1830 in der von Klaproth herausgegebenen Zeitschrift Nouvelles Annales des Voyages (48, S. 217-316) erschienen.

[21]  Vgl. den Brief Humboldts an Klaproth vom 8. September 1827, in dem er ihn zur Fertigstellung der „beau travail“ über die innerasiatischen Bergketten ermuntert (Klaproth 2002, S. 122).

[22]  „Description du Mont Altaï, extraite de la Grande Géographie de la Chine“ (Klaproth 1831a) und „Phénomènes volcaniques en Chine, au Japon et dans d’autres parties de l’Asie orientale“ (Klaproth 1831b).

[23]  Vgl. hierzu Päßler 2009, S. 123.

[24]  Humboldt an Klaproth (um 1831), Klaproth 2002, S. 124.

[25]  Vgl. Adelung/Vater 1806-1817.

[26]  Zu den großen Sprachsammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts vgl. bspw. Morpurgo Davies 1998, S. 37-43 und Trabant 2003, Kap. 6.

[27]  Vgl. W. v. Humboldt 1817.

[28]  Vgl. Adelung/Vater 1806-1817, Bd. 4, S. 194-213 u. S. 216-218.

[29]  Vgl. bspw. Adelung/Vater 1806-1817, Bd. 4, S. 102, 136, 132 f., 137 f., 141, 245.

[30] Vgl. Klaproth an Cotta, 11. November 1823 (Klaproth 1999, S. 84) sowie Klaproth an Cotta, undatiert, ebd., S. 99 f.

[31] Klaproth an Cotta, 11. November 1823, ebd., S. 85.

[32]  Vgl. ebd., S. 83.

[33] Humboldt an Cotta, 20. Dezember 1823, Humboldt 2009a, S. 126 f.

[34] Volney 1989, S. 450.

[35] Klaproth an Cotta, 11. November 1823, Klaproth 1999, S. 83 f.

[36]  Zur Asia Polyglotta vgl. Tintemann 2004. Zu Klaproths Kritik an Adelungs Einteilung der Sprachen vgl. auch dessen Rezension des Mithridates (1824).

[37]  „Indo-Germanen, Semiten, Georgier, Kaukasier, Samojeden, Jeniseier, Finnen, Türken, Mongolen oder Tartaren, Tungusen, Kurilen oder Aino, Jukagiren, Korjäken, Kamschadalen, Polar Amerikaner in Asien, Japaner, Koreaner, Tibeter, Chinesen, Annam, Siam, Awa, Pegu.“ (Klaproth 1823, Inhaltsverzeichnis, unpaginiert).

[38]  Zu Klaproths Leistungen in Bezug auf die Bestimmungen von bis dahin kaum erforschten Sprachen vgl. Stipa 1990, S. 293 f. (zur finnisch-ugrischen Sprachfamilie), Tuite 2008, S. 27-31 (zu den Kaukasussprachen) und Van Driem 2003 zur tibeto-birmanischen Sprachfamilie.

[39]  Vgl. Freudenberg 1965, S. 171 f.

[40]  Vgl. die Briefe an Cotta in Klaproth 1999, S. 98 f.; 101; 109-111; 113; 118 f.; 120.

[41] Humboldt an Cotta, 15. März 1827, Humboldt 2009a, S. 158.

[42] Klaproth an Cotta, 30. März 1827, Klaproth 1999, S. 100.

[43] Klaproth an Cotta, 11. November 1828, ebd., S. 118 f.

[44] W. v. Humboldt an Cotta, ebd., S. 119.

[45] Ebd.

[46] Vgl. Balbi 1826, S. XCV.

[47]  Vgl. ebd., S. XCIII f.

[48]  Vgl. die Auflistung der beteiligten Wissenschaftler, ebd., S. IX f.

[49]  So auf Klaproths Asia Polyglotta (1823), die Mémoires relatifs à l’Asie (1824-1828) oder die Tableaux historiques de l’Asie (1826).

[50] Klaproth 1999, S. 120.

[51]  Vgl. den Brief Klaproths an Cotta vom 27. Dezember 1830 mit einer Beischrift Humboldts vom 28.12.1830. Klaproth 1999, S. 126 f. Beischrift auch in Humboldt 2009a, S. 174-176. Humboldt gibt Teile des Manuskripts in den Fußnoten seiner Mémoire sur les chaînes des montagnes et les volcans de l’Asie intérieure (Humboldt 1831b) wieder. Vgl. auch S. 104 in diesem Beitrag.

 

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Letzte Aktualisierung: 19 Dezember 2014 | Kraft
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