HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (ISSN: 1617-5239)

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HiN XV, 29 (2014)

Ingo Schwarz
zum 65. Geburtstag

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Sebastian Panwitz

Das Humboldt-Mendelssohn-Haus Jägerstraße 22

Ein Quellenfund

 

 

Abb. 1: „Neuester Grundriß von Berlin“ von D. G. Reymann, Verlag: Simon Schropp & Co., 1825 (Ausschnitt). – Staatsbibliothek zu Berlin PK, Kartenabteilung.
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Das Haus in der Jägerstraße, welches um 1800 die Nummer 22 erhielt,[1] ist bekannt als das Elternhaus der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Ob Alexander von Humboldt hier oder im elterlichen Schloß geboren wurde, ist unklar, da er selbst im Verlauf seines Lebens zu dieser Frage widersprüchliche Angaben machte. Das Rätsel des Geburtsortes bleibt vorerst weiter ungelöst. Es ist aber eine Akte aus Privatbesitz aufgetaucht, die zur Geschichte des Hauses Jägerstraße 22 zahlreiche bislang unbekannte Dokumente enthält. Die Schriftstücke befanden sich bis in die 1930er Jahre im Bankhaus Mendelssohn & Co. Deren Angestellter und nebenamtlicher Hauschronist Julius Thielecke (1884-1958) stellte um 1940 einen Band mit Unterlagen zu den in der Jägerstraße befindlichen Mendelssohn-Grundstücken zusammen. Dies betraf die Bankgrundstücke Jägerstraße 49/50, 51 und 52, aber auch das Haus Jägerstraße 22, das sich zwischen 1824 und 1863 als erstes Haus in dieser Straße im Besitz der Mendelssohns befand. Der Dokumentenband blieb zunächst in der Firma Mendelssohn & Co. i. Liq. und ging beim Abschluß der Liquidation 1981 in den Besitz von Mendelssohn-Nachkommen über, welche ihn 2012 der Mendelssohn-Gesellschaft übergaben. Der Abschnitt zum Haus Jägerstraße 22, der Dokumente im Umfang von 147 Blatt aus den Jahren 1719 bis 1865 umfaßt, soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.[2]

Während in der Berliner Geschichte oft vieles im Dunkeln liegt, beginnen die Akten in diesem Fall mit der Erstbebauung. Im Februar 1739 handelte es sich bei dem Grundstück um eine „Wüste Bau Stelle, […] und Zwar Zwischen dem Königl. Domestiquen Haus,[3] und dem Balbir Herr Hagedorn […],[4] in der Fronte der Jäger Straße Sechs Ruthen und Drey Fuß lang“.[5] Erbauer und Ersteigentümer des Hauses war der kurze Zeit später zum Leichen-Commissarius ernannte Georg Christian Ziemen.[6] Dieser verkaufte es sieben Jahre später, am 15. November 1746, an Johann Heinrich Colomb. Der Hugenotte Colomb (1695-1759) war noch in Paris geboren worden und mit seinen Eltern in die Mark Brandenburg gezogen. Seit 1741 arbeitete er als Direktor der ostfriesischen Kammer in Berlin. Zunächst wohnte er auf dem Friedrichswerder,[7] bevor er das Haus in der Jägerstraße erwarb. Hier plante er einige Baumaßnahmen – die Überbauung eines Torwegs, die Errichtung eines Seitengebäudes und die Setzung eines Zauns – und geriet deshalb in Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, welche vom Bau-Collegium geschlichtet werden mußten.[8] Nach dem Tod Colombs und seiner Witwe Justina Susanna, geb. Durham (1716-1762), fiel das Haus an ihre Töchter Marie-Elisabeth (1741-1796) und Wilhelmina Anna Susanna (1743-1784),[9] die mit den Brüdern Friedrich Ernst (1723-1765) und Victor Ludewig Heinrich (gest. 1793), Freiherren von Hollwede verheiratet waren. Beide Familien wohnten in den folgenden Jahren gemeinsam in der Jägerstraße.[10]

Friedrich Ernst von Hollwede, der zudem Gutsherr auf Tegel war, starb Anfang 1765. Anderthalb Jahre später heiratete seine Witwe Marie-Elisabeth erneut, diesmal den Kammerherrn und Offizier Alexander Georg von Homboldt (später: Humboldt; 1720-1779). Das Paar hatte die beiden Söhne Wilhelm (1767-1835) und Alexander (1769-1859). Am 4. Februar 1777 kaufte Homboldt seiner Frau und ihrer Schwester das Haus in der Jägerstraße für 8000 Taler ab (siehe Abb. 2).[11] Im Kaufvertrag wird der Bauzustand kurz umrissen. Das Anwesen umfaßte neben dem Wohnhaus Seiten-Hintergebäude, eine Stallung, einen Garten, Hofraum „und mehr“. Zwei Jahre später verstarb Alexander Georg von Homboldt. Seine Witwe erbte das Grundstück zu 2/3, seine Söhne zu 1/3.[12] Nach dem Tod der Witwe im November 1796 fiel das Haus ganz an ihre drei Kinder, die Brüder von Humboldt sowie ihren Sohn aus erster Ehe, den Rittmeister und Gutsbesitzer auf Falkenberg, Ferdinand Friedrich Heinrich Ludwig von Hollwede (1762-1817). Am 19. Mai des Folgejahres verkauften es die Erben – wobei sich Hollwede und Alexander von Humboldt durch Gottlob Johann Christian Kunth (1757-1829) vertreten ließen – an den Geheimen Oberfinanzrat Johann Friedrich August (von) Burghoff (1743-1802). Eine am 4. April abgeschlossene Punktation als Ergänzung zum Vertrag verweist darauf, daß Kunth noch bis zum 1. Juli, möglicherweise sogar bis zum 1. Oktober ohne Mietzahlung im Haus wohnen durfte und in jener Zeit „der kleine Stall, Holz-Stall und Privet[13] nicht abgerißen werde[n]“ dürfe. Kunth wiederum sollte den Käufer bei möglichen Umbauten nicht behindern.[14] Im Kauf inbegriffen waren „auch die in den Stuben befindlichen Tapeten, wegen des in der einen Stube eingemauerten Spiegels“. Der Kaufpreis betrug 21.000 Taler und zwar „in Brandenburgischen groben Silber-Courant, nach dem Münz-Fuß von Anno 1764 vestgesezt“, die der Käufer teils in bar, teils in „Banco“-Obligationen zahlte. Bei der Feuersozietät war das Gebäude zu jenem Zeitpunkt mit nur 2.000 Talern versichert. Der neue Besitzern ließ allerdings nach einigen Um- und Ergänzungsbauten Ende 1797 eine Neuschätzung vornehmen, woraufhin der Versicherungswert auf 20.000 Taler festgelegt wurde.[15]

Burghoff starb 1802, seine Erben verkauften das Haus am 31.01.1803 an Carl Friedrich Stech, Justiz-Commissarius am Stadtgericht zum Preis von 35.200 Talern. Das Anwesen bestand jetzt aus einem „Wohnhaus von zwey Etagen mit einer Dach Etage, dem Seitengebäude linker Hand, dem Quergebäude, worin die Stallung und Remise[,] nebst Hof und daraus formirten Garten“. Auch ein Brunnen gehörte zu dem Anwesen.[16] Mitverkauft wurden zudem die „Wand Tapeten; und in Vier Zimmern befindlichen Wachstücherne Fuß Tapeten, zwei kupferne Waschkeßeln[,] die eingemauert sind[,] und zwey Waßer Behältern in dem Keller“. Ein Teil des Hauses war zum Vertragszeitpunkt bereits vermietet. Zudem verwies der Vertrag darauf, daß der Käufer sich mit dem Nachbarn der Jägerstraße 23, dem Hofjuwelier Johann Franz Reclam – einem Bruder des Leipziger Verlagsgründers – wegen einiger Fenster im Seitengebäude einigen müsse.

Abb. 2: Kaufvertrag vom 4. Februar 1777 (1. Seite). – Mendelssohn-Gesellschaft, Berlin.
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Von den Stechschen Erben erwarb 1824 Joseph Mendelssohn (1770-1848) das Anwesen zum Preis von 40.000 Talern für seinen Sohn Alexander Mendelssohn (1798-1871), der hier wohnte. Die Parterre-Wohnung wurde vermietet, unter anderem in den 1830er und 40er Jahren an den Bankier und Hauptagenten der Pommerischen Landschaft Moritz Borchardt (1785-1860) zu 800 Taler im Jahr. 1854 zog Ludwig Johannes ein, Rittergutsbesitzer auf Carlshoff bei Wriezen, der nun eine Miete von jährlich 900 Talern zahlte, 1859 der Wollkaufmann Albert Mendheim für 880 Taler (einschließlich anteilig Müllgeld, Gasgebühren und Portiergehalt).[17] Der schwankende Mietpreis ist darauf zurückzuführen, daß die Mendelssohns manchmal eine größere, manchmal eine kleinere Zahl von Räumen vermieteten, entsprechend ihrem jeweiligen Eigenbedarf. In dieser Mendelssohn’schen Periode besuchte der Familienfreund Alexander von Humboldt erneut – und diesmal als Gast – sein altes Familienhaus, abwechselnd mit dem Mendelssohnschen Stammhaus, der schräg gegenüberliegenden Jägerstraße 51.[18] Als die Jägerstraße 51 saniert und umgebaut wurde, wohnte die gesamte Mendelssohnsche Großfamilie einige Monate lang in der Jägerstraße 22. Im Sommer des Revolutionsmonats 1848 kam es wieder zu einer Neueinschätzung des Versicherungswertes durch die Feuersozietät. Die Baulichkeiten bestanden jetzt aus dem unterkellerten Wohnhaus mit zweiseitiger Mansarde und einem Treppenvorbau im Hof, einem Seiten- und einem Quergebäude, einer Müllgrube, einer Mistgrube, einer Grenzmauer „quer des Hofes“ zwischen Vorder- und Quergebäude sowie einem Brunnen „im Hofe mit eisernem Schwengel und einfachen Gehäuse“. Der neue Wert wurde auf 28.950 Taler festgesetzt.[19]

Die Mendelssohns verkauften das Haus am 23. Oktober 1863 an den Wollkommissionär Eduard Houben, der es schon zwei Jahre später an eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Stadt, den „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg (1823–1884), und dessen englischen Geschäftspartner, den Bauunternehmer Joseph Bray, veräußerte.[20] Ab 1870 war Strousberg Alleineigentümer, wohnte allerdings nicht hier, sondern in seinem Palais in der Wilhelmstraße 70. 1871, zwei Jahre vor seinem Bankrott, verkaufte er das Haus an den Hofbandagisten Samuel Goldschmidt, der ebenfalls nicht hier, sondern in der Wilhelmstraße 84 wohnte. Von dessen Kindern erwarb es schließlich 1889 die benachbarte Seehandlungs-Societät als Ergänzungsbau. In den 1930er Jahren mußte das alte Gebäude einem Neubau weichen, nach 1945 ging der Komplex an die Akademie der Wissenschaften, welche noch heute hier ihren Sitz – und Haupteingang – hat.

Übersicht über die Besitz- und Preisentwicklung

Erwerb

Käufer

Preis

1739

Georg Christian Ziemen, Leichen-Commissarius

 

1746

Johann Heinrich Colomb, Kammerdirektor

unbekannt

1760

Justina Susanna Colomb, geb. Durham, Witwe des Vorbesitzers

Erbschaft

1762

Marie Elisabeth und Wilhelmina Anna Susanna von Hollwede, geb. Colomb

Erbschaft

1777

Alexander Georg von Homboldt

8.000 Taler

1779

Marie Elisabeth von Humboldt, geb. Colomb, verw. von Hollwede (zu 2/3), Wilhelm und Alexander von Humboldt (zu 1/3)

Erbschaft

1796

Wilhelm und Alexander von Humboldt sowie Ferdinand Friedrich Heinrich Ludwig von Hollwede, Rittmeister und Gutsbesitzer

Erbschaft

1797

Johann Friedrich August von Burghoff, Geh. Oberfinanzrat

21.000 Taler

1802

Burghoffsche Erben

Erbschaft

1803

Carl Friedrich Stech, Justiz-Commissarius; später Stechsche Erben

35.200 Taler

1824

Joseph Mendelssohn, Bankier

40.000 Taler

1848

Henriette Mendelssohn, geb. Meyer, Witwe des Vorbesitzers

Erbschaft

1862

Georg Benjamin und Alexander Mendelssohn, Erben der Vorbesitzer

Erbschaft

1863

Eduard Houben, Wollkommissionär

92.000 Taler

1865

Bethel Henry Strousberg und Joseph Bray, Eisenbahnunternehmer

unbekannt

1870

Bethel Henry Strousberg

unbekannt

1871

Samuel Goldschmidt, Hofbandagist

unbekannt

1883

Goldschmidtsche Erben

Erbschaft

1889

Seehandlungs-Societät

unbekannt

 

Literatur

Humboldt 2011

Alexander von Humboldt. Familie Mendelssohn. Briefwechsel. Hrsg. von Sebastian Panwitz und Ingo Schwarz unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin 2011 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 34).

Zitierweise

Panwitz, Sebastian (2014): Das Humboldt-Mendelssohn-Haus Jägerstraße 22. Ein Quellenfund. In: HiN - Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien (Potsdam - Berlin) XV, 29, S. 134-139. Online verfügbar unter: <http://www.uni-potsdam.de/romanistik/hin/hin29/panwitz.htm>

Permanent URL unter <http://opus.kobv.de/ubp/abfrage_collections.php?coll_id=594&la=de>


 

[1]  Bis dahin wurde es meist als ein „auf der Friedrichstadt in der großen Jägerstraße belegenes Grundstück […], welches Continuatione XI fol. 12. im Hypothequen Buch eingeschrieben steht“, bezeichnet (Acta 19.05.1797).

[2]  Dokumentenband „HAUS-AKTEN Jäger-Strasse“, Abschnitt „Jäger Strasse 22“, im folgenden „Acta“ abgekürzt. Der Band ist nicht paginiert, die Identifizierung der Dokumente erfolgt demnach über das Datum ihrer Ausfertigung, wobei zu beachten ist, daß die Dokumente innerhalb der Akte nicht immer chronologisch eingebunden wurden. – Die Dokumente in der zugehörigen Grundbuchakte (Zentrales Grundbucharchiv Berlin, Friedrichstadt vol. 13, Nr. 894) beginnen erst mit dem Jahr 1873.

[3]  Hier wurde 1772 die neugegründete Seehandlungs-Societät untergebracht.

[4]  In anderen Urkunden auch als „Chirurgius“ bezeichnet.

[5]  Acta 25.02.1739.

[6]  Der Leichen-Commissarius war ein 1722 geschaffenes, verpachtetes Amt, dessen Inhaber die Aufsicht über die christlichen Leichenbegängnisse in Berlin hatte. Ziemen, der mit Dorothea Louisa, geb. Georgen verheiratet war, hatte es seit 1740 inne. Er besaß zudem ein Haus in der Mittelstraße der Friedrichstadt (heute Taubenstraße) sowie ein weiteres in der Wilhelmstraße.

[7]  Die Akte enthält auch den Vertrag vom 12.10.1746, mit welchem Colomb sein bisheriges „auf dem Friedrichs-Werder alhier an der Schleuse zwischen dem Königl. Hof-Gerichte und dem Freiyherrl. von Kannebergschen Hause“ gelegenes Wohnhaus an die Herren Geheimräte und Brüder Krug von Nidda verkaufte und in welchem besagtes Haus beschrieben wird, sowie weitere Unterlagen zu diesem Grundstück.

[8]  Acta 18.03.1847.

[9]  Das gemeinsame Eigentum am Haus wird sichtbar in Acta 27.03.1775.

[10]  Das gemeinsame Wohnen dauerte bis mindestens 1777 an, siehe Acta 04.02.1777.

[11]  Vertrag siehe Acta 04.02.1777.

[12]  Acta 13.06.1797.

[13] Privet (von mittellateinisch privata) war bis ins frühe 19. Jahrhundert eine Bezeichnung für einen Abort.

[14] Acta 03.04.1797.

[15] Acta 13.04.1825.

[16] Acta 23.02.1803.

[17] Acta 22.01.1859.

[18] Siehe Humboldt 2011, passim.

[19]  Acta 29.07.1848.

[20]  Acta 23.03.1865. Arthur Strousberg (1850-1873), ein Sohn des Eisenbahnunternehmers, heiratete später Josephine, eine Tochter Joseph Brays.

 

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Letzte Aktualisierung: 05 Januar 2015 | Kraft
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