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Tom Müller

Roger Bacon in der Sicht Alexander von Humboldts

Alle Wissenschaften hängen zusammen; sie leisten sich gegenseitig materielle Hilfe als Teile eines großen Ganzen, ein jeder seine eigene Rolle spielend, aber nicht allein für sich selbst, sondern für die anderen Teile: wie das Auge den ganzen Körper führt, und der Fuß ihn trägt und ihn von einem Ort zum anderen bewegt. Wie mit einem ausgeschlagenen Auge oder einem abgeschnittenen Fuß, so verhält es sich auch mit den verschiedenen Bereichen der Weisheit; keiner kann seine eigenen Ergebnisse von den anderen losgelöst erzielen, weil alle Teile der einen und selben vollständigen Weisheit sind.

Roger Bacon: Opus tertium, cap. IV

1. Einleitung: Humboldt und die Wissenschaftsgeschichte

Alexander von Humboldt war einer der wichtigsten Wissenschaftler der Neuzeit, die sich um eine möglichst vollständige physische Weltbeschreibung bemühten, eine Weltbeschreibung, die nicht nur einzelne Aspekte physikalischer, chemischer oder biologischer Natur beleuchtet, sondern alle in einem einzigen Entwurf zu vereinigen und ihr Zusammen- und Wechselwirken darzustellen sucht. Dabei zeichnet es den preußischen Universalgelehrten aus, dass er nicht nur die für ihn aktuellen Forschungsergebnisse und somit den zeitgenössischen Wissensstand zusammentrug – das alleine wäre schon eine gigantische Leistung gewesen – sondern auch eine schier unglaubliche Fülle an historischem Material ausfindig machte, sichtete und in seinen Ausführungen verarbeitete. So verdanken wir dem Freiherrn – und dies vor allem in Form seines Monumentalwerks Kosmos – wohl die erste moderne universelle Wissenschaftsgeschichte.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem Humboldts Behandlung des Mittelalters, welches zumeist nicht – und das gelegentlich auch noch bis in unsere Tage hinein – als ein Zeitalter der Wissenschaft rezipiert und untersucht wurde, sondern eher als eine mystische und durch religiösen Fanatismus gekennzeichnete Epoche galt, in der jedweder Keim eines vernünftig-wissenschaftlichen Ansatzes gleich erstickt worden sei. Galt letzteres in den Augen Humboldts zwar vielerorts auch, so gab es für ihn doch einige wenige helle Lichter, welche die „Dunkelheit“ zu durchbrechen wussten. Im zweiten Kosmos-Band schreibt der Verfasser im Kapitel „Anregungsmittel zum Naturstudium“ hierzu:

Als aber in den späteren, aller Geistescultur feindlichen Zeiten das Christenthum sich unter germanische und celtische Volksstämme verbreitete, die vormals, dem Naturdienst ergeben, in rohen Symbolen die erhaltenden und zerstörenden Mächte verehrten, wurden allmälig der nahe Umgang mit der Natur und das Aufspüren ihrer Kräfte, als zur Zauberei anregend, verdächtigt.[1] 

Dieser Missmut gegenüber der Beschäftigung mit der Natur habe schließlich im zwölften und 13. Jahrhundert in den Beschlüssen der Synoden von Tours und Paris gegipfelt, welche „den Mönchen das sündhafte Lesen physikalischer Schriften“ verboten.[2] Die Schuld an diesem Zustand trägt Humboldt der damaligen Wissenschaftskonstellation an:

Unter den gelehrten Arabern war das Naturwissen eng an Arzneikunde und Philosophie, im christlichen Mittelalter war es neben der Philosophie an die theologische Dogmatik geknüpft. Die letztere, ihrer Natur nach zur Alleinherrschaft strebend, bedrängte die empirische Forschung in den Gebieten der Physik, der organischen Morphologie und der meist mit Astrologie verschwisterten Sternkunde.[3] 

Nur allmählich und unter dem Einfluss der arabischen Wissenschaften konnten dieser Konstellation Risse beigefügt werden, die schließlich den Umbruch einleiten sollten.

Erst durch Albert den Großen und Roger Bacon wurden die Geistesfesseln muthvoll gebrochen, die „Natur entsündigt“ und in ihre alten Rechte eingesetzt.[4]

Es ist besonders bemerkenswert, dass Humboldt gerade Roger Bacon hier so stark macht, dessen zentraler Gedanke „der Einheit der Wissenschaften und ihrer Unterordnung unter die höchste ethische Zielsetzung, die sich der Mensch erdenken kann“,[5] in ihren Grundzügen jener Kernausrichtung des Kosmos bereits sehr nahe kommt.


[1] Humboldt: Kosmos II, 30f.

[2] Siehe ebd., 31. In der zugehörigen Endnote auf Seite 112 gibt Humboldt auch seine diesbezüglichen Quellen an: „Ueber das Concilium Turonense unter Pabst Alexander III s. Ziegelbauer, Hist. Rei litter. ordinis S. Benedicti T. II. p. 248 ed. 1754; über das Concilium zu Paris von 1209 und die Bulle Gregors IX vom Jahr 1231 s. Jourdain, Recherches crit. sur les traductions d’Aristote 1819 p. 204-206. Es war das Lesen der physikalischen Bücher des Aristoteles mit strengen Strafen belegt worden. In dem Concilium Lateranense von 1139 (Sacror. Concil. nova Collectio ed. Ven. 1776 T. XXI. p. 528) wurde den Mönchen bloß die Ausübung der Medicin untersagt. Vergl. die gelehrte und anmuthige Schrift des jungen Wolfgang von Göthe: der Mensch und die elementarische Natur 1844 S. 10.“

[3] Humboldt: Kosmos II, 283.

[4] Ebd., 31.

[5] Siehe Bridges: Roger Bacon, 141.

 

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Letzte Aktualisierung: 21 November 2008 | Kraft
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