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Ingo Schwarz
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

„Humbug und Taktlosigkeit“ oder „ein anlockendes Aushängeschild“
Alexander von Humboldt als Held einer Novelle – 1858

2. Die Novelle „Ein Sohn Alexander’s von Humboldt oder der Indianer von Maypures“

Alexander von Humboldt setzte seinen Namen gerne für gute Zwecke ein. Viele junge Wissenschaftler erfreuten sich seiner Förderung, was insbesondere durch die Forschungen Kurt-R. Biermanns bekannt geworden ist. Gelegentlich gab Humboldt auch seine Zustimmung, ein Produkt mit seinem Namen zu schmücken. So brachte die Firma J. Alexandre in Birmingham und Brüssel im Jahre 1858 eine neuartige gehärtete Schreibfeder auf den Markt. Der findige Hersteller erbat Humboldts Erlaubnis, sein Produkt „Humboldt-Feder“ zu nennen. Der Fabrikant erhielt die Einwilligung in Form eines persönlichen Briefes, von dem dann ein Ausschnitt in faksimilierter Form den kleinen Federkästchen beigelegt wurde, was sich zweifellos verkaufsfördernd bemerkbar machte.

Öfter waren es jedoch Forscher- und Schriftstellerkollegen, denen Humboldt mit einer lobenden Erwähnung, einem aufmunternden Brief, gelegentlich sogar mit einer publikumswirksamen Einleitung unter die Arme griff. Die folgende Begebenheit zeigt allerdings, dass Humboldt auch ganz anders konnte.

Am 4. Mai 1858 sandte der junge Offizier und Schriftsteller Eugen Hermann von Dedenroth ein Bändchen mit zwei Novellen an Humboldt. Eine dieser Erzählungen, die der Verfasser unter dem Pseudonym Eugen Hermann herausgebracht hatte, drehte sich um den Forscher. Der so Geehrte war allerdings nicht nur nicht erfreut, er war nachgerade „indignirt“. Humboldt bedachte den Autor mit einer schroff ablehnenden – wenn auch im Ton höflichen – Antwort, die er in die „Spenersche Zeitung“ einrücken ließ, um – wie er in einem anderen Zusammenhang gesagt hat – „durch öffentliche Gegenerklärung [...] etwas schamerregende Rache zu üben“.

So erschien in den „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ Nr. 107 vom 9. Mai 1858 auf der Seite 3 diese Notiz:

„Ein Brief an Herrn Eugen Hermann, Verfasser der Novelle, welche in Leipzig und Philadelphia unter dem Titel ‚Ein Sohn Alexander’s von Humboldt oder der Indianer von Maypures’ erschienen ist.

‚Wenn, wie ein 89jähriger alter Mann es wohl um so mehr hätte erwarten dürfen, als er mit Ihnen in derselben Stadt wohnt, Sie mich vor dem Drucke des ersten Bandes Ihrer gesammelten Novellen befragt hätten, ob es mir angenehm seyn könne, meinen Namen auf dem Titel Ihrer Schrift zu finden, so würde ich dem, was Sie selbst in Ihrem Briefe vom 4. Mai eine mir bereitete Ueberraschung nennen, gern entsagt haben. Jetzt bleibt mir nur übrig, Ihnen freimüthig zu sagen, daß diese Ueberraschung trotz des vielen Schmeichelhaften, das die Orinoco-Novelle für den Reisenden enthält, denselben doch zu ernsten Betrachtungen über die Unzartheit deutscher litterarischer Gewohnheiten in der neuesten Zeit angeregt hat.

Ich verharre .....

Den 8. Mai 1858.                                                         Alexander v. Humboldt.’“

Die Angelegenheit muss einiges Aufsehen erregt haben, denn Humboldts Freund, der Publizist Karl August Varnhagen von Ense, notierte noch am 9. Mai in seinem Tagebuch:

„Ein hiesiger Schriftstelle, Eugen Hermann, hat eine Novelle drucken lassen: ‚Ein Sohn Alexanders von Humboldt, oder der Indianer von Maypures’, und hat sein Machwerk dem sogenannten Vater zugeschickt; dieser antwortete ihm gestern, und heute bringt die Spener’sche Zeitung diesen Brief.“

Am folgenden Tag kommt Varnhagen nochmals auf das Buch zurück:

„Der Buchhändler schickt mir das Buch ‚Humboldt’s Sohn’, abgeschmacktes Zeug, gar nicht des Lesens werth.“[1]

Ganz ähnlich muss auch Humboldt über die Novelle gedacht haben; und so erfüllte sich Dedenroths Erwartung, von dem Gelehrten ein lobendes Wort zu empfangen, ganz und gar nicht. Mehr noch, im „Magazin für die Literatur des Auslands“ Jahrgang 53 (1858) Nr. 64 (Seite 256) erschien diese anonyme Besprechung, die den Autor wohl ebenso tief getroffen haben mag wie Humboldts offener Brief:

„ – Humbug und Taktlosigkeit. Ein junger deutscher Autor, der sich Eugen Hermann nennt, hat sich soeben einen literarischen Humbug erlaubt, der eines Yankee ganz würdig sein würde. Um seine in Leipzig bei Chr. E. Kollmann erscheinenden ‚Gesammelten (?) Novellen und Skizzen’ dem Publikum durch ein anlockendes Aushängeschild zu empfehlen, nannte er nämlich die erste dieser Novellen: ‚Ein Sohn Alexander’s v. Humboldt, oder der Indianer von Maypures’. Der sehr triviale Stoff dieser Novelle besteht darin, daß ein Indianer vom Orinoco, Namens Humbug, der nach Berlin verschlagen wird, wo ihn der Verfasser auf der Kunst-Ausstellung vor dem Bilde Alex. v. Humboldt’s kennen lernt, sich für einen Sohn des großen Deutschen hält, weil ihm seine Mutter Tibeima erzählt hat, daß zur Zeit, als der berühmte Gelehrte am Orinoco gewesen, ihr von dem Manne, der die Meß-Instrumente der Expedition getragen und der doch wohl der große Gelehrte selbst war, etwas stark die Cour gemacht worden sei. Auf diese abgeschmackte Erfindung gründet der Verfasser eine Tagebuchs-Geschichte, deren Handschrift jener Indianer dem Herrn Eugen Hermann mitgetheilt, welcher sodann seine kostbare Novelle danach fabrizirt hat. Und dieses Machwerk hatte der Verfasser die Naivität, an Alexander v. Humboldt mit einem Schreiben einzusenden, auf welches, nach einer Mittheilung der ‚Spenerschen Zeitung’, die nachstehende Antwort erfolgt ist: [es folgt der oben zitierte Brief]."

Mit Bezug auf die letzten Worte, fügt das Leipziger ‚Börsenblatt für den deutschen Buchhandel’ dem Briefe Humboldt’s auch noch die folgende Bemerkung bei:

"Diese Unzartheit deutscher literarischer Gewohnheiten dürfte wohl nicht allein den Autoren vorzuwerfen sein. Auch der Buchhandel sollte es sich zur Ehrensache machen, daß der Name eines Mannes, wie Alexander v. Humboldt, nicht zu einer so gewöhnlichen Speculation gemißbraucht werde.“



[1] Varnhagen von Ense, K[arl] A[ugust]. Tagebücher. Vierzehnter (Schluß-) Band. Hamburg 1870, S. 268-269.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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