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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

9. Zwischen Komplexifizierung und Gesamtschau

Besetzt die Humboldtsche Wissenschaft als Wissenskultur[1] damit während mehr als einem halben Jahrhundert eine zentrale Position zwischen Encyclopédie und Evolutionstheorie, zwischen Raynal und Darwin, so ist ihr historisches Gewordensein doch keineswegs gleichbedeutend mit ihrem lange Zeit behaupteten Historischgewordensein. Denn als Einzeldisziplinen querende Weltwissenschaft ist die Humboldtsche Wissenschaftskonzeption auch heute noch längst nicht abgegolten. Dies betrifft zum einen die reflektierte und noch immer inspirierende Verknüpfung eines Lebensprojekts mit einem Wissenschaftsprojekt, wie es Humboldts Publikationen und Briefe rund um die russisch-sibirische Reise deutlich zeigen. Zum anderen belegt sein transarealer, von ständigen Bewegungen zwischen Kontinenten und Kulturen, Sprachen und Spezialisierungen geprägter Wissenschaftsansatz in aller Deutlichkeit, wie obsolet eine statische Trennung zwischen einem »regionalwissenschaftlichen« Verständnis ausgegliederter Area Studies einerseits und einer »allgemeinen«, gleichsam abstrakten systematischen Wissenschaft im Sinne einer Grundlagenforschung andererseits ist. Die von Humboldt entwickelte Wissenschaftspraxis unternimmt den Versuch, eine transdisziplinäre Konzeption mit einem ersten Entwurf dessen zu verbinden, was sich aus heutiger Sicht als Trans Area Studies bezeichnen ließe: die Entfaltung einer nicht auf Territorien, sondern auf Bewegungen gegründeten vektoriellen Wissenschaft, die in ihrer Strukturierung von einer mobilen Relationalität, von mannigfaltigen wechselseitigen rapports und connexités geprägt wird.

Alexander von Humboldts Arbeitsweise ist auf die Erfassung und Einbeziehung möglichst verschiedenartiger Faktoren, Aspekte und Datensätze und damit auf eine Komplexifizierung gerichtet, die das Zusammenspiel unterschiedlichster Kräfte überhaupt erst verstehbar und zumindest in gewissem Grade - und keineswegs nur im Falle der Lagerstätten von Edelmetallen oder Diamanten - vorhersehbar und prognostizierbar macht. Parallel zu dieser Komplexifizierung bei der Untersuchung von Multiparametersystemen wie etwa Klima oder Gebirgsbildung bemüht sich Humboldt freilich immer auch auf der Darstellungsebene um den Versuch, komplexe Zusammenhänge möglichst einfach und in ihren Grundzügen überschaubar und nachvollziehbar zu machen - auch dies eine Vorgehensweise, an der die aktuelle Wissenschaftspraxis noch manches zu lernen hätte.

Humboldt selbst hat diese doppelte Vorgehensweise des öfteren anhand konkreter Beispiele vor Augen geführt. So erläuterte er vor diesem wissenschaftstheoretisch wie wissenschaftspraktisch auch heute noch höchst relevanten Hintergrund etwa seine dreijährige Arbeit an der »Carte hypsométrique des chaînes de montagnes de l'Asie centrale«, die sein Werk über Zentralasien begleitete. Er habe sie nach denselben Prinzipien[2] wie seine »Carte des Cordillères de l'Amérique méridionale« angelegt, die er zwischen 1827 und 1831 - also vor und nach seiner Rußlandreise - für sein amerikanisches Reisewerk in Potsdam entworfen hatte. Die Leitlinien für die Anlage seiner Kartenwerke faßte er wie folgt programmatisch zusammen:

Ce qui caractérise ces cartes c'est la suppression d'un grand nombre de détails orographiques et hydrographiques. Strictement assujetties à des positions astronomiques bien choisies et que l'on peut considérer comme certaines entre des limites très-étroites, basées sur une discussion approfondie de la configuration du sol dans les régions moins connues, ces cartes ne doivent présenter que de grandes lignes géodésiques, la direction moyenne des chaînes, l'allure des principaux soulèvements qui constituent la charpente du globe dans un vaste continent. Ces généralisations de formes peuvent paraître hasardées, mais par le principe sur lequel elles reposent, elles n'ont rien d'arbitraire; elles sont le résultat d'une étude assez minutieuse des cartes les plus spéciales, des itinéraires et surtout, pour une partie importante et très-centrale, des excellentes descriptions que fournit la littérature géographique des Chinois.[3]

Diese Passage zeigt sehr klar die für Humboldts Wissenschaftsverständnis charakteristische Vorgehensweise, aus den unterschiedlichsten und entferntesten Quellen zu schöpfen und zugleich die erhaltenen Informationen minutiös miteinander zu vergleichen, zu kombinieren und in einem abschließenden Schritt generalisierend zu veranschaulichen. Die stets beeindruckenden Kartenwerke, die Humboldts Schriften begleiteten und die sich so sehr von jenen Kartenzeichnungen unterscheiden, welche die Werke der Autoren des 18. Jahrhunderts boten, führen eindrucksvoll sein Bemühen vor Augen, zwischen Komplexifizierung und Generalisierung eine Veranschaulichung, eine Visualisierung von Forschungsergebnissen zu erzielen, die trotz der ungeheuren Dichte dargebotener Informationen und Daten nichts von ihrer Übersichtlichkeit verliert. Dabei ging es Humboldt stets um die Gesamtschau der Vielzahl von ihm in die Analyse einbezogener Faktoren und Parameter.

Wie brandaktuell eine solche an hochrückgekoppelten Multiparametersystemen orientierte Wissenschaftspraxis ist, mag ein abschließendes Beispiel aufzeigen. Im dritten Band seiner Asie centrale hielt Humboldt am Ende des eigentlichen Hauptteils fest:

 J'aurais pu terminer les considérations sur les pouvoirs absorbants et émissifs du sol, dont dépend en général le climat des continents et le décroissement de la chaleur dans l'air par l'examen des changements que l'homme produit à la surface des continents, en abattant les forêts, en modifiant la distribution des eaux, en versant dans les centres de culture industrielle de grandes masses de vapeurs et de substances gazeuses dans l'atmosphère. Ces changements sont sans doute plus importants qu'on ne l'admet généralement, mais dans l'immense variété de causes qui agissent à la fois et dont dépend le type des climats, les plus importantes ne sont pas restreintes à de petites localités: elles dépendent de rapports de position, de configuration et de hauteur du sol, de la prépondérance des vents sur lesquels la civilisation exerce peu d'influence sensible.[4]

Auch wenn Humboldt am Ausgang seines Werkes über Zentralasien vor mehr als 160 Jahren noch nicht die ganze Wucht abschätzen konnte, welche die culture industrielle in ihrer weiteren Entwicklung entfalten sollte, so legte er hier doch auf der Basis eines Zusammenspiels höchst komplexer Faktoren eine klare geoökologische Agenda für die Wissenschaften vor, die der Prägnanz seiner Prophezeiung künftiger Diamantenfunde im Ural in nichts zurücksteht. Im Gegenteil: Sein unvollendetes Projekt einer anderen Moderne[5] basierte auf der Hoffnung, daß - wie er am Ende seiner Asie centrale formulierte - "mes voyages et une laborieuse discussion des faits"[6] dazu beitragen könnten, "les effets complexes des causes superposées"[7] zu enthüllen. Es sind diese komplexen Effekte einander überlagernder Faktoren, die im Zentrum sowohl seines Entwurfs einer globalen Klimaforschung als auch seiner transarealen Weltwissenschaft stehen.

So steht am Ende der Asie centrale das Bild eines hochgradig vernetzten globalen Ökosystems Erde, das die Wissenschaft Alexander von Humboldts im Kontext seines Weltbewußtseins mit großer Plastizität entwarf. Sein Werk über Zentralasien, das in seiner dreifachen Relationalität auf der intratextuellen, der epistemologischen wie der lebenspraktischen Ebene zugleich auch ein asiamerikanisches Werk ist, evoziert nicht von ungefähr unter den Landschaften Asiens die Landschaften Amerikas, unter den Reisebewegungen durch Asien die Reisebewegungen durch die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents. Es zielt auf die Erkenntnis und Gewinnung eines Lebensreichtums ab, der sich - ganz so, wie es zum Abschluß der »Introduction« heißt - zwischen den höchsten Gipfeln und den größten Meerestiefen entfaltet: "la distribution de la vie depuis les sommités neigeuses resplendissantes de lumière jusqu'aux sombres abîmes des mers."[8] Auch hier mag noch, wie so oft bei Humboldt, ein autobiographisches Moment mitspielen. Denn er hatte mit seinem Besteigungsversuch des Chimborazo wie seinem Abstieg in einer Taucherglocke auf den Grund der Themse die breite Spanne dieses Lebens experimentell erprobt und seinen Körper als Meßinstrument in jenen Ort verwandelt, an dem sich Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt überlagern.    Kein Zweifel: Humboldts Biographie ist durch die wechselseitige Verschränkung von Wissenschafts- und Lebensprojekt zu einem ungeheuer reichen und geglückten Leben geworden. Die russische Reise und die asiamerikanischen Beziehungen bilden eine wesentliche Bereicherung seiner Lebenswissenschaft und bezeugen eindrucksvoll seinen Versuch eines globalisierten und globalisierenden Zusammendenkens dessen, was wir heute aus epistemologischer Sicht mit Recht als eine transareal konzipierte Weltwissenschaft begreifen dürfen.



[1] Vgl. zu diesem Begriff Knorr Cetina, Karin: Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.

[2] Ebda., Bd. III, S. 491.

[3] Ebda., Bd. III, S. 491 f. Vgl. hierzu auch die parallelen wissenschaftstheoretischen Überlegungen ebda., Bd. I. S. 277.

[4] Ebda., Bd. III, S. 346 f.

[5] Vgl. Ette, Ottmar: Weltbewußtsein. Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2002.

[6] Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. III, S. 359.

[7] Ebda., Bd. III, S. 358.

[8] Ebda., Bd. I, S. lviii.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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