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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

8. Zwischen Raynal und Darwin

Die Humboldtsche Wissenschaft hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst an die Stelle der zuvor im 18. Jahrhundert so dominanten Werke über die außereuropäische Welt gesetzt. Hatten Cornelius de Pauw mit seinen 1768 und 1769 in Berlin gedruckten Recherches philosophiques sur les Américains[1] oder Guillaume-Thomas Raynal mit seiner erstmals 1770 erschienenen Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des européens dans les deux Indes[2] die Debatten über die Neue Welt noch bis zur Jahrhundertwende mehr oder minder deutlich beherrscht, so setzte sich das empirisch fundierte Wissenschaftsmodell Alexander von Humboldts wie auch sein neuer Amerikadiskurs bald schon, während der ersten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, international durch. So war Humboldt - um nur einen unter vielen Belegautoren namhaft zu machen - etwa für den mit den amerikanischen Kolonien bestens vertrauten Drouin de Bercy, der in seinem 1818 in zwei Bänden zu Paris erschienenen Buch L'Europe et l'Amérique comparées Cornelius de Pauw vehement angriff, längst zur absoluten Autorität aufgestiegen: Humboldt gegenüber seien alle früheren Autoren seit langem verblaßt[3].

Daher konnte es sich Humboldt, der sich gerade in seinen Schriften nach der Rückkehr aus Amerika des öfteren kleine Seitenhiebe insbesondere gegen Raynal nicht versagte, im Jahre 1843 erlauben, bezüglich der Höhe des Kaspi-Sees nicht ohne Ironie auf "le célèbre ouvrage de l'abbé Raynal"[4] und dessen ungesicherte Höhenangaben zu verweisen. Vergleicht man die klimatologischen Spekulationen etwa de Pauws oder Raynals zu den Temperaturunterschieden zwischen Alter und Neuer Welt mit den auf umfangreichen Messungen und Vergleichen beruhenden Überlegungen Alexander von Humboldts im dritten Band seiner Asie centrale, so liegen wahrlich Welten zwischen den Diskussionen um 1768 und jenen Angaben, die der Autor des Kosmos ein Dreivierteljahrhundert später erörtert[5]. Die wissenschaftstheoretischen wie wissenschaftspraktischen Konturen von Humboldts Weltwissenschaft waren deutlich erkennbar geworden.

Humboldt verstand es im übrigen, seine umfangreichen Angaben von Temperaturmessungen immer wieder durch überraschende Querverweise aufzulockern. Er schreckte nicht davor zurück, das ausgeprägte Kontinentalklima Asiens mit seiner extremen Sommerhitze und Winterkälte durch einen Vers aus dem Purgatorio der von ihm so geliebten Commedia des Dante Alighieri zu illustrieren, müßten die Bewohner dieser Kontinentalbereiche doch - wie es im Danteschen Kosmos hieß - "a sofferir tormenti caldi e geli"[6]. Und in einer Tabelle zur Wärmeverteilung und zu den damit verbundenen Grenzen des Weinanbaus fügte er, der Kammerherr am preußischen Hofe, in einer für seine Art von Humor so charakteristischen Moquerie mitten in die langen Zahlenkolonnen in der Berlin gewidmeten Zeile unter der Rubrik »Remarques« ein: "Potsdam. Vin non potable que l'on boit!"[7]

War der alte Amerikadiskurs des 18. Jahrhunderts mithin längst vom neuen Wissenschaftsdiskurs Humboldtscher Prägung abgelöst worden, so kündigt sich in den Bänden der Asie centrale bereits jener künftige Paradigmenwechsel an, den Charles Darwin in die Naturwissenschaften einbrachte und der seinen endgültigen Durchbruch mit On the Origin of Species by means of natural selection just in jenem Jahre 1859 erleben sollte, in dem Humboldt, am Ende des letzten Drittels seines Lebens angekommen, die Feder für immer aus der Hand legen mußte. Zeichnete sich hier eine wissenschaftliche Konfliktzone oder Kontroverse ab?

Keineswegs. Humboldt verweist schon im ersten Band seiner Asie centrale auf die "ingénieuses considérations de M. Charles Darwin sur la distribution des types organiques" in dessen Voyage of the Adventure and Beagle[8]. In seinem dritten Band lobt er die »pittoresken Beschreibungen« Südamerikas in diesem "important ouvrage"[9], hebt die "judicieuses remarques"[10] des englischen Naturforschers ohne jede negative Einfärbung hervor, obgleich die Höhenmessungen des Aconcagua durch die britischen Offiziere der Beagle Humboldt kaum noch einen Zweifel daran erlaubten, daß der von ihm fast bestiegene Chimborazo, der - wie er bereits wußte - bei weitem von den Bergriesen des Himalaya überragt wird, auch in den Kordilleren selbst nicht länger als der höchste Berg gelten durfte[11].

Wie der junge Darwin häufig zustimmend, ja bisweilen bewundernd auf den preußischen Gelehrten verwies, so wußte auch Humboldt um die wissenschaftlichen Qualitäten des künftigen Schöpfers der Evolutionstheorie. Man darf zum gegenwärtigen Zeitpunkt hoffen, daß das Jahr 2009, in dem sich Humboldts Todestag und das Erscheinen von Darwins Hauptwerk zum hundertfünfzigsten Male jähren, eine präzisere und zugleich differenziertere Sichtweise der Beziehungen zwischen der Humboldtschen Wissenschaftskonzeption und der von Darwin ausgehenden wissenschaftlichen Entfaltung der Selektionstheorie erlauben wird.



[1] Vgl. Pauw, Cornelius de: Recherches philosophiques sur les Américains, ou Mémoires intéressants pour servir à l'Histoire de l'Espèce humaine. 2 Bde. Berlin: Chez Georges Jacques Decker, Imp. du Roi 1768-1769.

[2] Vgl. hierzu die einflußreichere dritte Ausgabe von Raynal, Guillaume-Thomas: Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des européens dans les deux Indes. 4 Bde. Genève: Chez Jean-Léonard Pellet, Imprimeur de la Ville & de l'Académie 1781.

[3] Vgl. hierzu Church, Henry Ward: Corneille de Pauw, and the controversy over his «Recherches philosophiques sur les Américains». In: PMLA (New York) LI, 1 (March 1936), S. 204.

[4] Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. II, S. 302.

[5] Vgl. hierzu u.a. ebda., Bd. III, S. 42 ff.

[6] Ebda., Bd. III, S. 72.

[7] Ebda., Bd. III, S. 159.

[8] Ebda., Bd. I, S. 340.

[9] Ebda., Bd. III, S. 181; vgl. daneben auch S. 183.

[10] Ebda., Bd. III, S. 329.

[11] Vgl. Humboldts Anmerkungen zur Entwicklung des Kenntnisstandes über die höchsten Erhebungen des Erdballs ebda., Bd. III, S. 283 f sowie 290.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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