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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

7. Columbus in Sibirien

Asie centrale besticht nicht nur durch die Kopräsenz verschiedener Räume, sondern auch verschiedener Zeiten, die den Leser in den ausführlichen Digressionen nicht selten überraschen. Mitten in einer geologischen Erörterung der Lagerstätten von Edelmetallen im Ural kann sich beispielsweise ein Zeitfenster öffnen, das wiederum über eine eingeführte (und in diesem Falle nicht reisende, sondern lesende) Erzählerfigur aufgestoßen wird:

En lisant avec attention les descriptions que les premiers écrivains de la conquista, surtout Oviedo et Anghiera, ont données de l'exploitation des terrains aurifères d'Haïti, on est frappé à la fois, et de la ressemblance extrême qu'offraient ces exploitations avec celles de l'Oural, et de la sagacité avec laquelle on raisonnait déjà alors sur l'origine des attérissements.[1]

Humboldt greift in dieser Passage - wie in vielen anderen - ausführlich auf seine historiographischen und philologischen Studien zentraler Autoren wie Gonzalo Fernández de Oviedo, Pedro Mártir de Anglería, Bartolomé de las Casas oder des Inca Garcilaso de la Vega zurück, die das Grundgerüst seines lange nach Abschluß der russisch-sibirischen Reise abgefaßten Examen critique bildeten. Die intratextuelle Vernetzung der Bücher Alexander von Humboldts erweist sich hier eindrucksvoll in ihrer transdisziplinären Stoßrichtung, werden hier doch immer wieder die geologischen und geophysikalischen Überlegungen zu Asien von historiographisch-philologischen Untersuchungen zu Amerika gequert, welche die Koordinaten von Raum und Zeit, aber auch der herangezogenen Wissenschaften und Wissenschaftsdiskurse radikal erweitern. Die Diskussion der spanischen und italienischen Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts führt wenige Seiten später geradezu unvermeidlich zu jener Figur, die im Mittelpunkt vieler Hunderter von Seiten des Examen critique steht und die Humboldt ein Leben lang faszinierte: zur Figur des Genuesen Christoph Columbus, der - das sei hier nicht vergessen - Asien transatlantisch gesucht und ohne sein Wissen Amerika gefunden hatte. Sie wird an einer Stelle eingeführt, in der Humboldt auf die ökologisch schädlichen Auswirkungen hemmungsloser Abholzungen etwa im karibischen Raum aufmerksam macht:

 Par la destruction d'une partie des forêts, l'humidité de l'air a diminué à Haïti, et cet effet avait été pour ainsi dire pronostiqué par l'homme extraordinaire qui, à la vue du Monde Nouveau, sut s'élever le premier à de grandes conceptions de physique générale, à des idées très justes sur les climats, la forme des continents, les courants de l'Océan, et les variations du magnétisme terrestre.[2]

Christoph Columbus wird hier gleichsam als Prototyp des modernen Wissenschaftlers porträtiert, der sich mit den unterschiedlichsten - und im übrigen auch von Humboldt stets untersuchten - Erscheinungsformen und Phänomenen der Natur beschäftigt und die von der Abholzung ausgehende Austrocknung weiter Landstriche prognostiziert. Seine Vorhersage ökologischer Veränderungen wird als ebenso empirisch fundiert präsentiert wie die Vorhersagen Alexander von Humboldts bezüglich jener Lagerstätten von Gold, Platin und Diamanten, um deren globale Analogien mit der Neuen Welt es in dieser langen Passage geht. Die hier subtil angedeutete Parallele bringt damit Humboldt selbst keineswegs zufällig in eine direkte Beziehung zur abendländischen Entdeckerfigur par excellence, hatte er doch schon in früheren Werken intensivste Beziehungen zwischen dem genuesischen Seefahrer und sich selbst wie seiner eigenen Forschertätigkeit hergestellt. Daß man ihn selbst längst als den »zweiten Entdecker« bezeichnete, war Alexander von Humboldt im übrigen nicht unbekannt geblieben[3].

Die Präsenz des Christoph Columbus in Sibirien steht gleichsam stellvertretend für eine Wissenschaftskonzeption, die das eigene Tun und Schreiben stets als Vernetzung zwischen unterschiedlichsten Bereichen und Disziplinen des Wissens begreift und zugleich die einem Buch scheinbar gesetzten thematischen, gegenstandsbezogenen oder diskursiven Grenzen souverän unterläuft. Schon in seiner Einleitung hatte Humboldt betont, sein Buch könne zwar nicht den Charme eines Reiseberichts entfalten, besitze aber einen anderen für das Publikum wichtigen Vorzug:

 C'est par le concours de diverses branches des sciences physiques, propres à se féconder mutuellement, c'est par l'art de recueillir le plus grand nombre de faits, de les grouper et de s'élever par le moyen de l'induction à des idées générales, qu'on peut inspirer un intérêt que l'on refuse injustement peut-être, d'accorder, au même degré, aux études spéciales.[4]

Humboldt beschreibt hier seine transdisziplinäre Wissenschaftspraxis als ein publikumswirksames, auf möglichst breite Kreise der Gesellschaft zielendes kombinatorisches Verfahren, wobei wir die hier von ihm benutzte Erhebungsmetaphorik bereits in der angeführten Passage zu Columbus kennen gelernt hatten. Der Verfasser der Ansichten der Natur schreibt sich in diesen Prozeß wachsender Wissens- und Erkenntnisbestände sowohl auf der Ebene seines Wissenschaftsverständnisses wie seines Lebensprojekts ein, richtet zugleich aber auch seinen Blick auf die langfristigen historischen Entwicklungen, die diese Entfaltung erst ermöglichten. Stehen Columbus, Las Casas, Fernández de Oviedo oder Mártir de Anglería für die erste Phase beschleunigter Globalisierung, so bezieht der mittlerweile Dreiundsiebzigjährige sein Schaffen auf eine Zeit, "notre époque", in der "les régions les plus lointaines" längst "facilement accessibles"[5] geworden seien. Als Folge dieser vorgängigen und von Humboldt häufig kommentierten zweiten Phase beschleunigter Globalisierung, die weltweit verbesserte Infrastrukturen und eine wesentlich leichtere Durchdringung gerade auch der kontinentalen Binnenräume mit sich gebracht hatte, sind es nicht mehr die Entdeckungen im geographischen Raum, sondern jene innerhalb eines Wissensraumes, die von entscheidender Bedeutung für die Geschichte der Menschheit geworden sind.

Die verbesserte, modernisierte Infrastruktur hat im Verbund mit weltweit durchgeführten Messungen, deren Intensivierung und Vernetzung Humboldt auch auf seiner asiatischen Reise nie anzumahnen vergaß, für einen dichteren und kontinuierlicheren Datenfluß gesorgt, dessen Verarbeitung die in einer sich ständig weiter ausdifferenzierenden Wissenschaftslandschaft die Spezialdisziplinen übernommen hatten. Es war daher nicht verwunderlich, daß Humboldt zwei hochspezialisierte Vertreter einzelner Fachdisziplinen und keine Generalisten mit auf seine Reise bis an die chinesische Grenze nahm, und daß er selbst nicht nur die weltweite Einrichtung analoger Meßstationen beförderte, sondern insbesondere von der russischen Regierung forderte, neben diesen Meßstationen auch entsprechende wissenschaftliche Institutionen einzurichten. Schon 1837 konnte Gustav Rose - um nur ein Beispiel herauszugreifen - in seiner Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere nicht ohne Stolz vermelden, daß "auf Veranlassung des Hrn. v. Humboldt" nicht nur in Kasan ein magnetisches Observatorium errichtet worden sei, sondern auch "seit 1828 in Europa und Nord-Asien"[6] zahlreiche vergleichbare Einrichtungen gegründet worden seien, welche durch "correspondirende Beobachtungen"[7] weltweite Perturbationen des Magnetfeldes nachzuweisen vermochten. Neben meteorologisch-klimatologischen sowie erdmagnetischen Beobachtungsstationen, die sich bald von St. Petersburg bis hin zu den Alëuten erstreckten, setzte sich Humboldt in Rußland auch für die Gründung eines physikalischen Zentralobservatoriums ein, das schließlich 1849 in St. Petersburg gegründet wurde[8].

Ein so modellhaft vernetzter und vernetzender Denker wie Alexander von Humboldt (der im übrigen auch mit zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen Rußlands kooperierte und mit vielen russischen Gelehrten wie Ivan Michajlovic Simonov (1794 - 1855), Helmersen (1803 - 1885), Adolf Kupffer (1799 - 1865) oder Johann Jakob Parrot (1791 - 1841) korrespondierte) setzte alles daran, eine möglichst weltweite Zirkulation von Wissen zu gewährleisten und die Schaffung global untereinander verbundener Datennetze zu beschleunigen. Kein Zweifel: Sein Ziel war die Entfaltung einer Weltwissenschaft. In den zahlreichen Fußnoten, aber auch in jenen Notes anderer Forscher[9], die Humboldt in sein Werk über Zentralasien einband, werden gleichsam à contre-courant gegen den Nationalismus in Europa die Konturen einer internationalen Gelehrtenrepublik erkennbar, die für den Verfasser des Kosmos stets den eigentlichen Bezugspunkt bildete.

Dabei erkannte Alexander von Humboldt die zwingende Notwendigkeit, die spezialisierten Wissenssegmente wiederum untereinander zu vernetzen und sich wechselseitig befruchten zu lassen, um daraus schließlich ein transversales, aus Humboldts Sicht »höheres« Vernetzungswissen zu gewinnen. Im Verbund mit seinen anderen Schriften - eine durch ihre rapports und ihre connexité[10] von Beginn der Asie centrale an stark betonte Relationalität - führen die von der Forschung bislang weniger beachteten drei Bände Humboldts über Zentralasien eindrucksvoll die offene und lebendige Strukturierung und Funktionsweise der Humboldtschen wissenschaft vor Augen.



[1] Ebda., Bd. I, S. 529.

[2] Ebda., Bd. I, S. 537 f.

[3] Vgl. zu diesen Beziehungen Ette, Ottmar: Entdecker über Entdecker: Alexander von Humboldt, Cristóbal Colón und die Wiederentdeckung Amerikas. In: Heydenreich, Titus (Hg.): Columbus zwi­schen zwei Welten. Historische und literarische Wertungen aus fünf Jahrhunderten. Bd. I. Frankfurt am Main: Vervuert Verlag 1992 (= Lateinamerika-Studien 30/I), S. 401-439.

[4] Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. I, S. xii.

[5] Ebda.

[6] Rose, Gustav: Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere, a.a.O., Bd. I, S. 107.

[7] Ebda.

[8] Vgl. Suckow, Christian: Alexander von Humboldt und Rußland, a.a.O., S. 258.

[9] Ein schönes Beispiel hierfür findet sich in Humboldt, Alexander: Asie centrale, a.a.O., Bd. I, S. 184-186.

[10] Ebda., Bd. I, S. xviii.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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