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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

6. Zwischen Asien und Amerika

Asie centrale ist auf Grund der bereits genannten Entstehungsbedingungen, die weite Bereiche des Humboldtschen Wissenschaftshorizontes geradezu mit den Mitteln der Zensur ausblendeten, sicherlich das am stärksten geowissenschaftlich ausgerichtete Werk Alexander von Humboldts. Doch nicht umsonst wird in der soeben angeführten, die »Introduction« programmatisch abschließenden Passage der Begriff des Lebens zentral gestellt: Die Humboldtsche Wissenschaft ist in einem umfassenden Sinne eine Lebenswissenschaft, die sich anders als die sich aktuell als Life Sciences gerierende biotechnologisch-medizinische Fächergruppe einem komplexen, die kulturellen Dimensionen wesentlich berücksichtigenden Verständnis von gr. bios verpflichtet weiß. Daß Humboldt in einem Werk, in dem er auf die Behandlung der »toten Natur« beschränkt wurde, den Lebensbegriff so heraushebt, ist Programm: Sein Denken ist stets - und keineswegs in einem nur biologischen Sinne - dem Leben auf der Spur[1].

Es gilt folglich die Tatsache zu berücksichtigen, daß Asie centrale in einer mehrdimensionalen Relationalität steht. Auf einer ersten Ebene fügen sich die drei Bände in ein in Entstehung begriffenes Gesamtwerk ein, das Humboldt ebenso durch neue Arbeiten wie durch erweiterte Neuausgaben und sehr spezifische Formen der réécriture ständig weiter entfaltete und umschrieb. Die Arbeit an diesen Bänden überschnitt sich etwa mit der Arbeit am bereits erwähnten Examen critique, zu dem in der Tat nicht nur eine zeitliche Nähe, sondern vor allem eine besonders dichte intratextuelle Beziehung besteht. Asie centrale ist eingebunden in das Netzwerk der Humboldtschen Schriften und erweitert die amerikanische Erfahrungswelt um eine asiatische Dimension: Sie erst ermöglicht den Kosmos, der auf der Ebene des Schreibens ohne die doppelte asiamerikanische Grundlage nicht in seiner uns heute bekannten Form zu verwirklichen gewesen wäre.

Doch Asie centrale ist mehr als eine bloße Vorstufe des Entwurfs einer physischen Weltbeschreibung. Denn auf einer zweiten Ebene konstruiert die Relationalität dieses Werkes einen transkontinentalen und transarealen Gegenstandsbereich - Zentralasien -, der einen unverkennbar asiamerikanischen Zuschnitt besitzt. Und schließlich verweisen die vielen eingestreuten Biographeme aus beiden Reisen auf einer dritten Ebene darauf, daß Humboldt auch hier sein Wissenschaftsprojekt in eine intensive Relationalität mit seinem Lebensprojekt setzte, ganz so, wie er es in seinem Schreiben vom 15. September 1829 an Cancrin tat. Humboldt nahm nach Rußland nicht nur ein Barometer mit, das ihm schon auf dem amerikanischen Kontinent gute Dienste geleistet hatte[2]: Er hatte gleichsam seine gesamte amerikanische Reise im Gepäck.

Eines der Leitmotive von Asie centrale ist - wie in vielen früheren Schriften auch - Humboldts Kampfstellung gegen jegliche Art von "esprit systématique"[3], also gegen eine abstrakten Theorien nachhängende Wissenschaftsauffassung, die - wie etwa die "géographie systématique"[4] - ihre Thesen nicht empirisch belegt. Bereits 1813, in seinen Vues des Cordillères et Monumens des peuples indigènes de l'Amérique, hatte sich Humboldt gegen "tout esprit de système"[5] verwahrt und zugleich eine Epochenschwelle konstatiert, insofern man seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein neues, auf Beobachtungen und überprüften Tatsachen gegründetes Denken jenseits allen Systemdenkens erkennen könne[6]. Es ist daher kein Zufall, sondern epistemologisch begründet, daß Humboldt in seinem Werk über Zentralasien, welches - wie wir sahen - kein Reisebericht sein will - immer wieder auf die eigene Erfahrung, auf das eigene Erfahrungswissen aufmerksam macht und Vergleiche zwischen Asien und Amerika gerne an seine beiden Reisen zurückkoppelt. So setzt er oft die weiten Binnenräume Asiens mit jenen des ihm bekannten Amerika in eine gleichsam personalisierte Verbindung, wie es etwa die folgende Stelle belegen mag:

Depuis Tiumen, entre le Tura et l'Irtyche, comme entre l'Irtyche et l'Obi, les vastes steps trans-ouraliens offrent ces mêmes couches d'attérissement uniformes, dont la continuité m'a frappé dans les savanes du Bas-Orénoque et sur les bords de la rivière des Amazones. Les plaines des deux mondes, soit dans la région équinoxiale de l'Amérique du sud, soit dans l'Asie boréale, au nord du parallèle de 54°, occupent d'immenses espaces qui, semblables au Sahara de l'Afrique, acquièrent une grande valeur dans les évaluations numériques qu'on peut tenter de la hauteur (altitude) moyenne des continents.[7]

Alexander von Humboldt setzt an diesen Stellen eine Erzählerfigur in Szene, die als erzähltes Ich auf eine doppelte Reiseerfahrung zurückgreifen kann, und geht in der hier als Beispiel herangezogenen Passage konsequenterweise zunächst von jenen Tiefländern aus, die er aus eigener Erfahrung kannte. Erst danach richtet er den Blick seiner Leserschaft auf eine Vielzahl anderer Gebiete, welche etwa die Sahara, in der Folge aber auch Teile Nordamerikas oder des Río de la Plata umfassen, die Humboldt nicht aus eigener Anschauung bekannt waren. Damit ergibt sich weniger die Grundstruktur eines Vergleiches, sondern vielmehr eine weltweite Relationalität, deren Hauptbezugspunkte gleichwohl die von Humboldt beobachteten Phänomene der deux mondes, der Alten Welt Asiens wie der Neuen Welt Amerikas, sind. Im Erfahrungswissen des erzählten Ich, der von Humboldt geschaffenen Figur des Reisenden im Text, werden die asiatische und die amerikanische Reise oft gleichzeitig präsent gemacht. So werden die Bewegungen der amerikanischen unter den Bewegungen der asiatischen Reise vektoriell gespeichert und für die Leserschaft - wenn auch stets in fragmentarischer, ausschnitthafter Form - verfügbar gehalten.

Diese doppelte, mithin asiamerikanische Ausrichtung gilt gerade auch für die hemisphärischen Sichtweisen und Konstruktionen, deren Humboldt sich in Asie centrale bedient. So unterscheidet er etwa Amerika als Wasserhemisphäre ("hémisphère aquatique"[8]), die mit ihrer durchlaufenden Gebirgskette der Kordilleren über einen eher einfachen Aufbau verfüge, von der Landhemisphäre ("hémisphère terrestre"[9]) Asiens und Europas, die einen komplexeren Aufbau aufweise - eine globale Land-Wasser-Verteilung, die er mit Verweis auf sein Examen critique als für die Entdeckungsgeschichte eminent wichtigen Faktor unterstrich. Die Verweise auf Amerika sind in Humboldts Asie centrale Legion, und es wäre nicht übertrieben, dieses Werk zu einem nicht geringen Teil ebenfalls noch dem amerikanischen Reisewerk zuzurechnen. Will man die Gesamtheit der Schriften Humboldts über die »beiden Amerikas«[10] überblicken, man dürfte auf Asie centrale - das gleichzeitig auch eine raumzeitliche Erweiterung der Diegese des Examen critique nach Osten darstellt[11] - nicht verzichten. Das Aufflackern der Bilder von Hochflächen und Bergriesen der Neuen Welt in der Alten bildet hierfür nur den sichtbarsten Indiz. Wie Nachbilder sind sie auf der Retina des Reisenden gegenwärtig.

Seltener sind die Stellen, an denen Humboldt direkt auf sein asiatisches Reisetagebuch zurückgreift, um damit in der Form des intratextuellen (Selbst-) Zitats jenes »Schreiben im angesicht der Dinge« zu präsentieren, dessen Wichtigkeit er in seiner Relation historique über die amerikanische Reise immer wieder hervorhob. Auch hier freilich zeigt sich, wie »unter« den asiatischen immer wieder die amerikanischen Landschaften erscheinen und den Beschreibungen Asiens eine erstaunliche, gleichsam globalisierende Vektorizität vermitteln:

»Nulle part, et je copie ici quelques pages de mon Itinéraire asiatique écrit sous l'impression de l'aspect des lieux, nulle part dans l'un et dans l'autre hémisphère, je n'ai vu des granites qui offrent plus le caractère de roches d'éruption ou d'épanchement que les granites qui entourent le massif de l'Altaï. Ces roches, isolées comme le seraient des porphyres ou des basaltes, sont dépourvues de gneis et de micaschistes. Elles s'élèvent dans la steppe au pied des montagnes alpines, sous les formes les plus bizarres. [...] Ce qui donne surtout une physiognomie étrange à cette contrée, c'est le contraste de hauteur et de volume des masses granitiques. Les unes en quatre à cinq cents pieds d'élévation, comme la Vyssokaya Gora, les autres atteignent à peine sept ou huit pieds d'élévation, et rappellent les petits soulèvements volcaniques qui hérissent ces plaines que dans l'Amérique espagnole on désigne sous le nom de Mal-pays. Arrivé au village de Sauchkina ou Sauchka, nous nous trouvâmes au centre de ces éruptions.«[12]

Die auf zahlreichen Kontrasten aufgebaute Landschaftsbeschreibung, welche die Schilderung bizarrer Formationen von Granitfelsen mit mineralogischen und anderen wissenschaftlichen Erklärungsmustern verbindet, öffnet sich plötzlich, nur für einen Augenblick, auf eine südamerikanische Hochgebirgslandschaft, die Tausende von Kilometern (und in der Zeiterfahrung des Reisenden drei Jahrzehnte weit) entfernt ist. So wird ein Erzähler-Ich als Ich eines Reisenden konfiguriert, auf dessen Netzhaut ständig die Nachbilder der analogen Landschaften aus der Neuen Welt aufflackern. Wie die Analogien zwischen Minas Gerais und dem Ural Humboldt davon überzeugten, eine empirisch fundierte Voraussage von Diamantenfunden im Ural treffen zu können, so wirkt das rasche Aufblitzen einer amerikanischen in einer asiatischen Landschaft wie ein Videoclip-artiges Bild-in-Bildverfahren, das den Leser gleichsam zwischen die Welten, entre les deux mondes, katapultiert. Wissenschaftlicher und ästhetischer Diskurs erzeugen so ein eigentümliches Oszillieren, in dem das Hier, und sei es auch nur für einen kurzen Augen-Blick, zum Dort, zum Woanders wird: Ici est un autre. In dieser physischen Weltbetrachtung des preußischen Schriftstellers ist Amerika immer in Asien, und Asien ist immer auch Amerika.



[1] Vgl. hierzu Jahn, Ilse: Dem Leben auf der Spur. Die biologischen Forschungen Alexander von Humboldts. Leipzig - Jena - Berlin: Urania Verlag 1969.

[2] Vgl. Beck, Hanno: Alexander von Humboldts Reise durchs Baltikum nach Russland und Sibirien 1829, a.a.O., S. 27.

[3] Humboldt, Alexander von: Asie Centrale, a.a.O., Bd. I, S. 23.

[4] Ebda., Bd. I, S. 119; vgl. hierzu auch Bd. II, S. 12 f, wo ebenfalls von Beginn des Bandes an von den "abstractions de la géographie systématique" die Rede ist.

[5] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l'Amérique. Nanterre: Editions Erasme 1989, S. 2.

[6] Vgl. ebda., S. II f sowie 194; sowie hierzu Ette, Ottmar: Die Ordnung der Weltkulturen. Alexander von Humboldts Ansichten der Kultur. In: Bay, Hansjörg / Merten, Kai (Hg.): Die Ordnung der Kulturen. Zur Konstruktion ethnischer, nationaler und zivilisatorischer Differenzen 1750 - 1850. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2006, S. 357-380.

[7] Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. I, S. 76.

[8] Ebda., Bd. I, S. 97.

[9] Ebda.

[10] Ebda., Bd. I, S. 172.

[11] Vgl. hierzu etwa die Passage in Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. II, S. 214-217.

[12] Ebda., Bd. I, S. 297-300.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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