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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

1. Berlin am Kurischen Haff

In einem Brief vom 29. April 1829 aus Narva berichtet Alexander von Humboldt seinem Bruder Wilhelm in dem für ihn so charakteristischen ironisch-selbstironischen Ton, man sei nun zwar schon sechzehn Tage unterwegs, habe aber immer noch nicht St. Petersburg erreicht. Man genieße vielmehr "alle Gräuel der Winterlandschaft" - "Schnee und Eis, soweit das Auge reicht" - und stecke mit den Kutschen bisweilen so sehr fest, "dass man die Vorderräder im Schlamm fast verschwinden sieht"[1]. Die Landschaft freilich habe sich nicht allzu sehr verändert: Denn es sei

die Gegend des Oranienburger Thores, welche sich mit liebenswürdiger Einförmigkeit nun schon 200 Meilen weit gegen N.O. ausdehnt. Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist die Nährung, auf der wir 4-5 Tage lang gelebt, 5 Muscheln und 3 Lichenen gefunden. Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würden, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Nährung sich in das Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito, lithauisch.[2]

So also beginnt die große Asienreise, von der Alexander von Humboldt ein halbes Leben lang geträumt und auf die er sich jahrzehntelang vorbereitet hatte. Der Mineraloge Gustav Rose (1798 - 1873), der Botaniker und Zoologe Christian Gottfried Ehrenberg (1795 - 1876) und Alexander von Humboldt (1769 - 1859), begleitet von seinem Diener und Faktotum Johann Seifert (um 1800 - 1877), waren am 12. April von Berlin aus zu ihrer russisch-sibirischen Reise aufgebrochen, von der sie erst kurz vor Jahresende, am 28. Dezember 1829, wieder in die preußische Hauptstadt zurückkehren sollten. Sie waren früh aufgebrochen, allzu früh, wie sich bald zeigte: Humboldt hatte diese Reise zwar erst im Mai beginnen wollen, doch die Nachricht, daß der russische Zar zu diesem Zeitpunkt bereits St. Petersburg verlassen haben würde, zwang das Forscherteam, sich den Unannehmlichkeiten, Verzögerungen und Gefahren einer Winterreise auszusetzen, um den Monarchen noch erreichen und - gleichsam in eigener diplomatischer Mission - mit ihm über den Verlauf der Reise durch das riesige Russische Reich sprechen zu können. Und so saßen die Reisenden auf ihrem Weg nach St. Petersburg - also noch vor Beginn der eigentlichen Reise - bei Flußüberquerungen und des öfteren unbefahrbaren Straßen ein ums andere Mal fest.

So auch bei dem Versuch, das Kurische Haff an der Spitze der Nehrung zu überqueren, um auf der gegenüberliegenden Seite nach Memel zu gelangen. Hier sah man sich genötigt, sich mehrere Tage lang in einem Wirtshaus an der Spitze der Kurischen Nehrung einzuquartieren, da - wie Gustav Rose nüchtern in seinem Bericht von der Reise festhielt - das Haff mitten im Eisgange begriffen und die Ueberfahrt nach Memel jetzt unmöglich"[3] war.

Daß die im »Sandkrug« verbrachten Tage und Nächte in Humboldt die Vision von jenem Berlin heraufbeschworen, das er des öfteren als »Sandwüste« bezeichnete, kann dabei nicht überraschen. Der beißende Spott, mit dem er seinem Bruder Wilhelm nach Schloß Tegel - das von keinem anderen als von Schinkel umgestaltet wurde - schrieb und die Ingredienzien aufzählte, deren es bedürfte, um hier ein »neues Berlin« erstehen zu lassen, läßt etwas von der Lust erkennen, mit welcher Alexander die preußische Hauptstadt hinter sich ließ, um sich in das Abenteuer einer weiteren und zugleich letzten transkontinentalen Reise zu stürzen. Die Berlin so stark bestimmende Schinkelsche Architektur, die Herrenrunden und die von den großen Jüdinnen geprägte Salonkultur sowie jene Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, der Alexander nach seiner Rückkehr aus Paris im Mai 1827 höchst erfolgreich neues Leben einzuflößen versuchte, bilden die den Brüdern Humboldt so vertrauten Bestandteile einer Welt, die der jüngere der beiden gleichsam als Abschied von Berlin in die Sandkulisse der Nehrung hineinphantasiert.

Daß er selbst, der nicht nur mit seinen im Winter 1827/1828 gehaltenen 61 Kosmos-Vorlesungen und 16 Kosmos-Vorträgen, sondern auch mit seiner umsichtigen Tätigkeit als - wie wir heute sagen würden - internationaler Wissenschaftsmanager, mit seiner beherzten Förderung junger Talente und mit seiner Arbeit zugunsten einer von ihm herbeigesehnten demokratischen Öffnung des Wissenschaftsbetriebs wesentlich zur Dynamisierung der Berliner Wissenschaftslandschaft und zur Herausbildung einer sich langsam entwickelnden Wissensgesellschaft beigetragen hatte, verschwindet hier im Schalk und im Spott eines Menschen, für den der Aufbruch stets wichtiger war als das Ankommen.

Wenn Alexander sich in der eingangs zitierten Passage seines Briefes an Wilhelm über die "Unnatur" beklagte, die sich vom Oranienburger Tor an nach Osten ziehe, so darf man darin wohl die »Urfassung« einer vielfach mit dem für ihn stets so typischen Augenzwinkern vorgetragenen Moquerie erkennen, wie sie sich etwa in einem Brief vom 8. März 1834 an Fürst Hermann von Pückler-Muskau niederschlug. Dort hieß es, er müsse die "Unnatur" der Berliner Umgebung verscheuchen, indem er sich in seiner Erinnerung "Palmenwälder" hineinzaubere, wo in Wirklichkeit "verkümmerte Coniferen als Hasenhaide sich bis an die chinesische Gränze in einförmigem Zuge hinziehen"[4]. Der Scherz über den Volkspark in Berlin-Neukölln gefiel ihm so sehr, daß er ihn immer wieder umbildete und - so etwa in einem Brief an A. Böckh aus dem Jahre 1840 - auf die knappe Formel brachte: "Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide."[5]

Das Bild eines Berlin, das er später, in einem Brief an Jacobi vom 21. November 1840, als "moralische Sandwüste, geziert durch Acazien-Sträucher und blühende Kartoffelfelder"[6], zeichnete, hat Humboldt zweifellos auf seiner gesamten Expedition bis an die chinesische Grenze begleitet. Dabei markiert sein ihm eigentümlicher Humor paradoxerweise aus der ironischen Distanzierung eben jene intime Nähe, die Alexanders ambivalentes Verhältnis zu seiner Geburtsstadt seit jeher charakterisierte. Auch sein häufig zu beobachtender Spott über die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, die er in einem bekannten Zitat einmal als ein Siechenhaus und Hospital bezeichnete, in dem die Kranken besser schliefen als die Gesunden"[7], signalisiert in erster Linie seine kritische Verbundenheit mit einer Institution, in die er bereits am 4. August 1800 - also noch während seiner großen Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents - zunächst als außerordentliches Mitglied aufgenommen worden war. Berlin am Kurischen Haff? Die in einer Phase des erzwungenen Stillstands seiner Reise in eine andere Sandwüste phantasierte preußische Hauptstadt deutet ein Denken an, in dem sich jenseits des unmittelbar Sichtbaren stets die Umrisse anderer Orte, anderer Landschaften, anderer Bewegungen abzeichnen. Diese wechselseitigen mobilen Überlagerungen, die für Alexander von Humboldts Vorstellungs- und Denkwelt so bezeichnend sind, weisen voraus auf eine wissenschaftliche Wahrnehmungs- und Präsentationsstruktur, die der gesamten russisch-sibirischen Forschungsreise zu Grunde liegt: Hier ist woanders - Ici est un autre.



[1] Humboldt, Alexander von: Brief vom 29. April 1829 an Wilhelm von Humboldt. In: Briefe Alexander's von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm. Hg. von der Familie von Humboldt in Ottmachau. Stuttgart: Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung 1880, S. 169.

[2] Ebda., S. 170.

[3] Rose, Gustav: Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers von Russland im Jahre 1829 ausgeführt von A. von Humboldt, G. Ehrenberg und G. Rose. Mineralogisch-geognostischer Theil und historischer Bericht der Reise. Bd. 1. Berlin: Verlag der Sanderschen Buchhandlung 1837, S. 11.

[4] Humboldt, Alexander von: Brief an Fürst Hermann von Pückler-Muskau vom 8.3.1834. In: Assing-Grimelli, Ludmilla (Hg.): Briefwechsel und Tagebücher des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau. Bd. 5. Berlin: Wedekind Schwieger 1874, S. 5; vgl. hierzu auch Biermann, Kurt-R. / Schwarz, Ingo: »Sibirien beginnt in der Hasenheide«. Alexander von Humboldts Neigung zur Moquerie. In: HiN - Alexander von Humboldt im Netz (Potsdam - Berlin) II, 2 (2001), S. 6 <www.hin-online.de>

[5] Vgl. Humboldt, Alexander von: Brief an August Böckh [1840?]. In: Hoffmann, Max: August Böckh. Lebensbeschreibung und Auswahl aus seinem wissenschaftlichen Briefwechsel. Leipzig: B.G. Teubner 1901, S. 418.

[6] Humboldt, Alexander von: Brief an C.G.J. Jacobi vom 21.11.1840. In: Pieper, Herbert (Hg.): Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und C.G. Jacob Jacobi. Berlin: Akademie-Verlag 1987, S. 65.

[7] Vgl. Biermann, Kurt-R.: Beglückende Ermunterung durch die akademische Gemeinschaft. Alexander von Humboldt als Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Berlin: Akademie Verlag 1992, S. 25.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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