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Eberhard Knobloch
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Erkundung und Erforschung
Alexander von Humboldts Amerikareise

Frau Dr. Margot Faak zu ihrem 80. Geburtstag gewidmet.

3. Die Methoden

«J’ai la fureur des chiffres exactes», bekannte Humboldt am 20. März 1837 gegenüber Johann Gotthelf Fischer von Waldheim, „Ich bin von exakten Zahlen besessen“ (Handschrift: Archiv der Russischen Akademie der Wiss., F. 260, op. 2, Nr. 50, l. 11; vgl. Knobloch 2004, 44; Knobloch 2005, 13). Auf seiner Amerikareise hat er dieser Besessenheit freien Lauf gelassen. Um die zahllosen Messdaten erheben zu können, hatte er sich sechs Jahre lang vorbereitet, die Bedienung der Instrumente unter Anleitung gelernt und vervollkommnet, nicht zuletzt in enger Zusammenarbeit mit dem Gothaer Astronomen Franz von Zach. Humboldts Vorliebe für den Spiegelsextanten, den Zach in Deutschland einführte (Beck 1985, 28, 35), hat hier eine ihrer Wurzeln. Das berühmte Ölbild von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1810, das die beiden Reisenden Humboldt und Bonpland mit Indianern in der Ebene von Tapi am Fuße des Chimborazo zeigt, nimmt darauf Bezug: Ein Indianer gibt Humboldt den Spiegelsextanten.

Abb. 2. Friedrich Georg Weitsch, Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Ebene von Tapi am Fuß des Chimborazo, Ecuador, 1810. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Abb. 2. Friedrich Georg Weitsch, Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Ebene von Tapi am Fuß des Chimborazo, Ecuador, 1810. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Abb. 2. Friedrich Georg Weitsch, Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Ebene von Tapi am Fuß des Chimborazo, Ecuador, 1810. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Insbesondere hatte Zach die Forschungsreisenden auf die Bedeutung praktischer astronomischer Kenntnisse hingewiesen, die erst die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen verbürgen konnten, kein Wunder also, dass Humboldt und Bonpland die deutsche Fassung des Astronomischen Teils ihres Reisewerks „den verehrungswürdigen Männern Franz Freiherr von Zach und Karl Friedrich Gauss“ widmeten, „welchen die Astronomie, die höheren Theile der Mathematik, die allgemeine Völker- und Länderkunde glänzende Fortschritte verdanken.“ Das französische Original hatten sie Delambre zugeeignet.

Und es ist nur folgerichtig, dass diesem von Jabbo Oltmanns ausgearbeiteten Band des Humboldtschen Reisewerks – freilich nicht dem französischen Original – ein Zitat aus Zachs Aufsatz „De vera longitudine et latitudine Erfordiae“ vorangestellt wurde:

“Quantum ad geographiae et astronomiae incrementum intersit, veras locorum positiones geographicas nosse, neminem latere potest nisi eum, qui, quem scientiae illae cum populi et patriae, emolumento nexum habeant, plane ignorat.”

„Wie sehr es im Interesse des Fortschritts von Geographie und Astronomie liegt, die wahren geographischen Positionen der Örter zu kennen, kann nur dem verborgen bleiben, der nicht die geringste Ahnung davon hat, welche Verbindung jene Wissenschaften mit dem Nutzen von Volk und Vaterland haben.“

Der wohlwollenden Aufforderung Zachs verdanke er viele der frohesten Stunden seines Lebens, bekannte dort Humboldt gleich zu Beginn (Humboldt-Oltmanns 1810b I, S. VII).

Seine „instrumentelle Vernunft“ – um einen Ausdruck von Lepenies aufzugreifen (Lepenies 2001, 8) – hatte Humboldt veranlasst, eine sorgfältige Auswahl vorwiegend englischer und französischer physikalischer, astronomischer und geodätischer Instrumente, über dreißig, anzukaufen, die während der gesamten Reise besonderer Sorgfalt bedurften. Einige hatte er bei seiner Abreise aus Marseille nach Spanien zurückgelassen, ohne dass sie ihm, entgegen seinem Wunsch, nach Havanna nachgeschickt wurden. Dazu gehörte ein meteorologischer Apparat, achromatische Ferngläser und eine Uhr vom englischen Instrumentenmacher Arnold (Humboldt 1814-1825 I, 57).

Die mitgenommenen Instrumente hat er wiederholt mit erkennbarem Stolz aufgezählt und beschrieben, im «Recueil d’observations astronomiques» im „Astronomischen Teil des Reisewerks“ und erneut in der «Relation historique» (Humboldt-Oltmanns 1810a I, S. II f.; Humboldt-Oltmanns 1810b I, S. Xf.; Humboldt 1814-1825 I, 57-60):

einen zehnzölligen Ramsdenschen Sextanten, einen Birdschen Quadranten, einen Sextanten von Troughton, Fernrohre von Dollond und Carroché, eine Längenuhr von Berthoud, einen Taschen-Chronometer von Seiffert, einen Graphometer von Ramsden, einen Theodoliten von Hurter, Declinatorium und Inclinatorium, Magnetnadeln, Barometer, Thermometer, Hygrometer von Deluc und Saussure, Cyanometer zur Messung der Himmelsbläue, Taschenkompasse, Messketten und Messschnüre usf.

Von der Funktion dieser Instrumente hing der Erfolg seiner Reise ab (Humboldt 2000, 18). Ausdrücklich hebt er hervor (Humboldt-Oltmanns 1810b I, S. XI), er habe den größeren Teil seiner Beobachtungen mit Sextanten angestellt und nach seiner Rückkunft Kontrollbeobachtungen angestellt. Danach schienen die Fehler seiner Sextanten nur wenige Sekunden zu betragen. Während Humboldt die meisten seiner Instrumente in Mexiko-Stadt an das dortige Colegio de Mineria verkaufte, behielt er seinen Ramsdenschen Sextanten. Es ist wohl das einzige bis heute erhalten gebliebene Instrument Humboldts und befindet sich jetzt im Observatoire von Straßburg, wie Georg von Humboldt in einem Vortrag in Berlin 2006 mitteilte.

Vier Maultiere trugen die Instrumente und Pflanzen, als die Expedition vom venezolanischen Caripe aufbrach. Die Empfindlichkeit der Chronometer ließ Humboldt und Bonpland notfalls zu Fuß gehen. Ohnehin waren sie gewohnt, nur langsam vorwärts zu kommen, da sie stets Pflanzen sammelten und Gesteinsarten untersuchten (Humboldt 1814-1825  I, 434, 436; Ette 1991, 367-369). Sie waren zwar nicht Jäger, dafür aber um so mehr Sammler, eingedenk der Humboldtschen Überzeugung: «Lorsqu’on réfléchit sur l’ensemble des phénomènes vitaux, on trouve qu’aucun d’eux n’est entièrement isolé.» (Humboldt 1814-1825 I, 377; Ette 1991, 314):

„Wenn man über die Gesamtheit der Lebensphänomene nachdenkt, findet man, dass keines von ihnen völlig isoliert ist.“

Mit spekulativer Philosophie hatte dies nichts zu tun. Wie denn Humboldt bei Gelegenheit stets gern einen Seitenhieb gegen diese austeilte: Erfahrung wider Spekulation, ein Leitmotiv seines Denkens. Das intelligente Reit- und Lasttier auf gefährlicher Route widerlegte das System, das in den Tieren nur belebte Maschinen sieht, besser als alle Beweisführung der spekulativen Philosophie (Humboldt 1814-1825 I, 406; Ette 1991, 345).

Bei anderer Gelegenheit betont Humboldt, man könne nicht aus den verschiedenen Klimaten die Unterschiede zwischen den Gewächsen der beiden Halbkugeln erklären: Die Ursachen der Verteilung der Arten im Pflanzen- wie im Tierreich gehören zu den Rätseln, «que la philosophie naturelle ne peut atteindre», an „die die Naturphilosophie nicht heranreicht.“ (Humboldt 1814-1825  II, 384; Ette 1991, 990f.).

Programmatisch äußert er sich zu der von ihm favorisierten Wissenschaft: Diese beschäftige sich nicht mit dem Ursprung des Wesens, sondern mit den Gesetzen, nach denen die Wesen über den Erdball verteilt sind. Sie untersuche das, was ist, die Pflanzen- und Tierformen, wie sie unter jeder Breite, in verschiedenen Höhen und bei verschiedenen Wärmegraden nebeneinander vorkommen. Sie erforsche die Verhältnisse, unter denen sich dieser oder jener Organismus kräftiger entwickele, sich vermehre oder sich umwandle. Aber sie rühre nicht an Fragen, die unmöglich zu lösen seien, weil sie mit der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhingen.

Man fühlt sich durchaus an Herodot, den Vater der Geschichtsschreibung erinnert, der die Wahrheit durch eigene Erkundung finden wollte, der ja programmatisch sein Werk „Darlegung der Erkundung“, „historíes apódexis“, genannt hatte, von unsäglicher Wissbegier erfüllt war, auch wenn die Besonderheiten des Pflanzen- und Tierlebens nur selten in sein Blickfeld gerieten. Diese Wissbegierde, im lateinischen Sprachbereich „curiositas“ genannt, findet sich als «curiosité» bei Humboldt wieder, spielt bei diesem die zentrale Rolle. Wo immer er mit seinem Tross während der Amerikareise hinkam, erregten seine Instrumente die «curiosité» der Einwohnerschaft (Humboldt 1814-1825 I, 320; Ette 1991, 256f.), und zwar mit einer «candeur et une naïvité», einer „Arglosigkeit und Naivität“, wie dies in Europa nur in früher Jugend der Fall gewesen sei.

Diese «curiosité» nahm oft durchaus den Charakter von Aufdringlichkeit an. Der Missionar von San Fernando (Humboldt 1814-1825 I, 374; Ette 1991, 309f.) erkundigte sich nach dem wahren Zweck der Reise,

«qui lui parut hasardeux et pour le moins très inutile»,

„die ihm gewagt und zumindest sehr unnütz erschien.“

Ihm entlockten die Instrumente, Bücher, getrockneten Pflanzen nur ein „boshaftes Lächeln“, «un sourire malin». Für ihn war gutes Kuhfleisch der köstlichste aller Genüsse des Lebens, die Reisenden bestenfalls bedauernswerte Narren.

Im Falle kleinerer Ausflüge reichten zwei Lasttiere hin, um Mundvorrat, Instrumente, Papier zum Pflanzentrocknen zu tragen. Nur die fünf unentbehrlichsten Instrumente wurden mitgenommen: Sextant, Inklinationskompass, Apparat zur Bestimmung der magnetischen Deklination, Thermometer, Hygrometer. Diese Auswahl von Instrumenten verdeutlicht zugleich die Richtigkeit seiner Aussage, er habe sich den Phänomenen des Erdmagnetismus im Laufe seiner Reisen mit einer besonderen Vorliebe, «avec une prédilection particulière», gewidmet (Humboldt 1814-1825 I, 256; der Abschnitt ist in den deutschen Auswahlübersetzungen der «Relation historique» fortgelassen worden). Das Barometer machte stets die größte Sorge und war noch empfindlicher als der Chronometer. Es wurde in den fünf Jahren von einem zu Fuß gehenden Begleiter getragen, eine Vorsichtsmaßnahme, die dennoch nicht gelegentliche Beschädigungen verhindern konnte (Humboldt 1814-1825 I, 355; Ette 1991, 294f.). Es zerbrach auf Grund der Feuchtigkeit am oberen Orinoco, eine um so verdrießlichere Begebenheit als wohl noch nie ein Barometer größere Reisen mitgemacht hatte, wie Humboldt eigens vermerkte (Humboldt 1814-1825 II, 565; Ette 1991, 1207).

Mitunter ließen sie zur Sicherheit die Führer mit den unentbehrlichsten Instrumenten vor sich hergehen (Humboldt 1814-1825 I, 597; Ette 1991, 533), damit ihnen die Führer bei beschwerlichem Aufstieg nicht heimlich hinabliefen.

Humboldt fühlte sich verpflichtet, in seinem Bericht über das obere Orinoco-Gebiet genauer auf die kulturellen Zeugnisse der dortigen Ureinwohner einzugehen. Er glaubte Tatsachen besprechen zu müssen, die erst dann von Bedeutung werden, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet,

«des faits qui ne deviennent importans que lorsqu’on les considère dans leur ensemble» (Humboldt 1814-1825 II, 590 ; Ette 1991, 1239):

ein Hinweis darauf, wie sehr für Humboldt Physische Geographie, Länderkunde, Kulturgeschichte zusammen gehörten. Bei aller «fureur des chiffres exactes» war Humboldt stets auch an Informationen über die Menschen, deren Kultur und Sitten interessiert, legte lange Wortlisten an, um mehr über die Indianersprachen zu erfahren. Die amerikanische Reise war, wie gesagt wurde (Trabant 2005, 163), ein grundlegendes Ereignis für die Entstehung der modernen Sprachwissenschaft.  Er hat neben Pflanzen, Tieren und Mineralien eben auch emsig Wörter gesammelt. Ja, Humboldt gesteht (Humboldt 1814-1825 I, 458; Ette 1991, 391):

«A mesure que nous avancerons dans l’intérieure des terres, cet intérêt  l’emportera sur celui des phénomènes du monde physique».

„In dem Maß, wie wir ins Innere der Länder gelangen werden, desto mehr wird dieses Interesse von dem für die Erscheinungen der physischen Welt wegnehmen“.

Ein Bekenntnis, das derjenige nicht zu streng verstehen wird, der weiß, wie sehr sich Humboldt nach seiner Rückkehr in Paris im Ruhm eines vielseitigen Naturwissenschaftlers gesonnt hat. Entsprechendes gilt von seinem Protest gegen die Weglassung der kritischen Abschnitte über die Sklaverei aus seinem Bericht durch den amerikanischen Übersetzer Thrasher. Sein Freund Spiker veröffentlichte ihn am 25. Juli 1856. Darin heißt es (Schwarz 2004, 560; Humboldt 1992, 256f.):

„Auf diesen Theil meiner Schrift lege ich eine weit größere Wichtigkeit als auf die mühevollen Arbeiten astronomischer Ortsbestimmungen, magnetischer Intensitäts-Versuche oder statistischer Angaben.“

Eine legitime Rhetorik um der erstrebten Wirkung willen. Sie ändert nichts daran, dass seine Reise den Höhepunkt der wissenschaftlichen Forschungsreisen bildete, die mit James Cook und Louis-Antoine Bougainville einen neuen Zeitabschnitt erreicht hatten und wissenschaftlicher Fragestellungen wegen unternommen worden waren (Leitner 2005, 69).

Seinem komparatistischen, synthetischen Erkenntnisideal blieb er auch bei seinen Sprachstudien treu. Ja, er vermerkte ausdrücklich (Humboldt 1814-1825 I, 193; Ette 1991, 180): „Je genauer man die Sprachen unter philosophischem Gesichtspunkt untersucht, um so mehr zeigt sich, dass keine ganz allein steht.“ Und zur Verteilung der Sprachen auf dem neuen Kontinent heißt es (Humboldt 1814-1825 III, 344; Ette 1991, 1512): „Es liegt etwas Ernstes und Prophetisches in diesen Registern des Menschengeschlechts: die ganze Zukunft der Neuen Welt mag darin verzeichnet sein.“

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Letzte Aktualisierung: 09 Januar 2007 | Kraft

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