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Eberhard Knobloch
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Erkundung und Erforschung
Alexander von Humboldts Amerikareise

Frau Dr. Margot Faak zu ihrem 80. Geburtstag gewidmet.

1. Anliegen

Humboldt hat sein doppeltes Ziel, das er mit seiner Amerikareise verfolgte, klar benannt:: Er wollte, heißt es im Fragment gebliebenen Reisebericht „Relation historique“ (Humboldt 1814-1825 I, 2f.), einem verkannten Hauptwerk der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts, wie gesagt wurde (Osterhammel 1999, 120), die besuchten Länder bekannt machen und Tatsachen sammeln, die zur Erweiterung einer Wissenschaft geeignet waren, die noch kaum skizziert war und die ziemlich unbestimmt Physik der Welt, Theorie der Erde oder Physikalische Geographie genannt wurde. Mit anderen Worten: Humboldt verfolgte ein aufklärerisches und ein wissenschaftliches Ziel. Ausdrücklich bekannte er: Das wissenschaftliche war ihm das wichtigere Ziel.

Tatsächlich waren Humboldts Reisen und wissenschaftliche Aktivitäten zwei Seiten derselben Medaille. In seinem Alterswerk „Kosmos“ verglich er selbst das Studium einer neuen Wissenschaft – und um eine solche ging es ja bei der „Physikalischen Geographie“ – mit einer Reise in entfernte Länder (Humboldt 1845-1862 I, 32): Reisen und Forschen verschmolzen bei ihm zu einer notwendigen, unauflösbaren Einheit. Sein Tagebuch wie das gewaltige Reisewerk, das er nach seiner Rückkehr verwirklichte, bezeugen, in welchem kaum vorstellbaren Maße dies während der Amerikareise der Fall war. Davon wird noch zu reden sein.

Diese handlungsbezogene, wissenschaftliche Praxis ließ ihn von Anbeginn an zum überzeugten Empiriker werden, zu jemandem, der Erfahrungen sammeln, machen wollte. Der deutsche Begriff spiegelt in glücklicher Weise den Vorgang einer Reise, so wie für den frankophilen Humboldt „faire des expériences“ immer den doppelten Aspekt von „Erfahrungen machen“ und „Experimente anstellen“ umfasste.

Zwar hatte Kepler in ähnlicher Weise die astronomische Forschung mit einer kräftezehrenden Reise um die Welt verglichen (Kepler 1609, 33; Knobloch 2004, 40; Knobloch 2005, 7). So heißt es in der „Neuen Astronomie“

„Qui vero hebetior est, quam ut Astronomicam scientiam capere possit, vel infirmior, quam ut inoffensa pietate Copernico credat: ei suadeo, ut ab hac peregrinatione mundana desistens, domum ad agellum suum excolendum se recipiat“.

„Wer aber zu schwach ist, um die astronomische Wissenschaft zu verstehen oder zu kleinmütig, um an Copernicus zu glauben, ohne Schaden an seiner Frömmigkeit zu nehmen, dem rate ich, von dieser Weltreise Abstand zu nehmen und sich nach Hause zurückzuziehen, um sein Feld zu bestellen.“

Aber Kepler war Theoretiker, zielte auf eine mathematische Theorie, nicht auf Datenerhebungen wie Humboldt. Gleichwohl war sich Humboldt voll bewusst, dass die Attraktivität und Schwierigkeit eines solchen Studiums der Attraktivität und Schwierigkeit einer Reise im üblichen Sinn des Wortes in nichts nachstand. Tatsächlich sollte er mehrfach in unmittelbare Lebensgefahr geraten und seine körperliche Robustheit bedingungslos einsetzen.

Wiederholt schrieb er während der Reise seinen europäischen Korrespondenten über seine Ziele und Interessen. Am 5. Juni 1799, als Humboldt La Coruña in Spanien mit Ziel Cumaná in Venezuela verließ, kündigte er Karl Ehrenbert von Moll an (Jahn/Lange 1973, 682, vgl. auch Bruhns 1872 I, 274; Baron 2005, 20):

„Ich werde Pflanzen und Foßilien sammeln, mit vortrefflichen Sextanten von Ramsden, einem Quadrant von Bird, und einem Chronometer von Louis Berthoud werde ich nüzliche astronomische Beobachtungen machen können; ich werde die Luft chemisch zerlegen, – dieß alles ist aber nicht Hauptzwek meiner Reise. Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Einfluß der unbelebten Schöpfung auf die belebte Thier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen stäts meine Augen gerichtet seyn.“

Dieses „Zusammenwirken der Kräfte“ war ein zentraler Gesichtspunkt von Humboldts wissenschaftlicher Beschäftigung (Fritscher 2004, 610). Humboldt hatte diese Idee in Laplaces „Exposition du système du monde“ vorgefunden. Der unsterbliche (Humboldt 1845-1862 I, 475), der große Geometer (Humboldt 1845-1862 I, 325) wie sein Werk hatten ihm als Vorbild gedient (Humboldt 1845-1862 V, 8). Hieß es doch dort (Laplace 1835, 377):

«Tout est lié dans la nature, et ses lois générales enchaînent les uns aux autres, les phénomènes qui semblent les plus disparates».

„Alles ist in der Natur verbunden und ihre allgemeinen Gesetze verketten Phänomene miteinander, die höchst ungleich zu sein scheinen“.

Newtons Gravitationsgesetz diente Laplace als herausragendes Beispiel dieser Idee (Knobloch 2004, 8; Knobloch 2005, 7): Die elliptische Form der Planetenbahnen, die Gesetze, denen Planeten und Kometen um die Sonne folgen, ihre säkularen und periodischen Ungleichheiten, die Ungleichheiten des Mondes und der Jupitermonde, die Präzession der Äquinoktien, die Nutation der Erdachse, die Bewegungen der Mondachse, die Gezeiten: all diese scheinbar uneinheitlichen Phänomene ergeben sich aus diesem einen Gesetz: Das universelle Gravitationsgesetz wird zum Symbol des Humboldtschen Einheitsgedankens. Als zentrales Problem der «Physique du monde» sah er die Aufgabe, die Gesetze der Beziehungen und die ewigen Bande zu bestimmen, die die Erscheinungen des Lebens mit denen der unbelebten Natur verknüpfen (Humboldt 1814-1825 I, 6;  Ette 1991, 15): Humboldt zielte auf die Pflanzengeographie. Immer wieder hat er diese Leitidee seines wissenschaftlichen Denkens in der «Relation Historique» unterstrichen. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe sei von geringerem Interesse, heißt es da, als die Kenntnis der Gesetze, welche um eine große Zahl isolierter Tatsachen ein einigendes Band schlängen (Humboldt 1814-1825 I, 73; Ette 1991, 79f.), «la connaissance des lois qui enchaînent un grand nombre de faits isolés.» Beobachtungen, die mit Jahreszeit und Ort wechselten, wie die Temperatur der Atmosphäre, des Ozeans, des hygrometischen Zustands der Luft, der Intensität der blauen Himmelsfarbe, der magnetischen Phänomene, wären nur dann von wahrem Interesse, wenn man davon die Ergebnisse nach einer Methode ordnen könnte, die geeignet sei, zu allgemeinen Ideen zu führen“ (Humboldt 1814-1825 I, 224). Eine solche Methode waren Humboldts Visualisierungsstrategien: wir werden darauf zurückkommen.

Auch in Südamerika blieb Humboldt über die Entwicklung der europäischen Wissenschaft informiert. Geradezu enthusiastisch schrieb er aus Lima am 25. November 1802 an den mit ihm befreundeten Astronomen Delambre (Moheit 1993, 205f.; Moheit 1999, 148):

„Endlich nach drei Jahren des Wartens ist (November 1802) die ‚Himmelsmechanik’ des unsterblichen Laplace angekommen. Mit grenzenloser Begierde habe ich sie verschlungen. Dieses Buch muß eine Menge Fragen behandeln, über die ich mir den Kopf zerbreche, z.B. ob die Theorie erlaubt, daß das Meer unter den Tropen erhöhter ist als in der gemäßigten Zone ... Ich betrachte die Mechanik als einen wertvollen Code, in dem ich nur hin und wieder einige Worte verstehe, die meine Ungeduld vermehren und die mich meine Dummheit [stupidité] beweinen lassen“.

Humboldt gesteht, er habe erkennen müssen, dass seine barometrischen Formeln auf einem falschen Prinzip gegründet waren, und fährt fort: „Ich zweifle nicht daran, daß Bürger Laplace, dessen schöpferischer Geist die Gezeiten des Meeres bezwungen hat, die Gesetze der Gezeiten der Luft entdecken wird, sobald ich ihm einige tausend Stundenbeobachtungen vorgelegt haben werde. Das ist eine der elegantesten Anwendungen der Gesetze der Gravitation.“

Es ist also mehr als eine Höflichkeit, es ist eine programmatische Bekräftigung seiner wissenschaftlichen Grundüberzeugungen, wenn Humboldt ausgerechnet seine «Relation historique» dem «illustre auteur de la Mécanique céleste ... comme un foible hommage d’admiration et de reconnoissance» widmet. Spricht er doch diese Grundüberzeugung gleich zu Beginn an, mehr noch: überträgt er sie doch sogar von den Naturphänomenen auf die Naturwissenschaft selbst (Humboldt 1814-1825 I, 3):

«Les sciences physiques se tiennent par ces mêmes liens qui unissent tous les phénomènes de la nature.»

„Die Naturwissenschaften gehören durch die gleichen Verbindungen zusammen, die alle Phänomene der Natur vereinigen.“

Wie anders hätte Humboldt demnach sein Ziel erreichen können, wenn er sich nicht so umfassend den verschiedensten Gebieten gewidmet hätte: der Geographie, Geologie, Klimatologie, Meteorologie, Botanik, Zoologie, Länderkunde, Astronomie, Chemie usf.? Entsprechend groß war der Eindruck, den er nach der Rückkehr bei den Mitgliedern des Institut de France machte. Seinem Bruder Wilhelm schrieb er glücklich von der zuteilgewordenen Anerkennung (Moheit 1999, 234): Gerade Berthollet und Laplace, die sonst seine Gegner gewesen seien, seien jetzt die Enthusiastischsten. Berthollet habe neulich ausgerufen: «Cet homme réunit toute une Académie en lui!» Ein bemerkenswertes Detail. Zeigt es doch, dass Humboldts Hochachtung für Laplace zunächst durchaus einseitig gewesen ist. Zwar warnt Humboldt davor, sich zu allgemeinen Ideen erheben und dabei die einzelnen Tatsachen nicht kennen lernen zu wollen, da man so der Erweiterung der Wissenschaft schade (Humboldt 1814-1825 I, 4; Ette 1991, 13). Aber nirgends erhebe den Naturgelehrten die Natur so stark zu allgemeinen Ideen über die Ursachen der Erscheinungen und deren wechselseitige Verkettung, «leur enchaînement mutuel.» Für Humboldt waltet die Natur gleichförmig. Und es war diese Gleichförmigkeit, die in seinen Augen überall die gleichen Ideen z.B. über die Ursachen der Erdbeben hervorrief (Humboldt 1814-1825  I, 313; Ette 1991, 248). Der wissenschaftshistorisch informierte Humboldt fügt hinzu, zu allen Zeiten hätten analoge Tatsachen zu denselben Hypothesen geführt (Humboldt 1814-1825  I, 318; Ette 1991, 255).

Humboldts Amerikareise war danach das ideale Experimentierfeld für sein Wissenschaftsprogramm. Programm, Methoden, Überzeugungen, Reiseziel bedingten einander wechselseitig.

Seiner eigenen Grenzen, insbesondere in mathematischer Hinsicht, war er sich wohl bewusst und sprach diese auch offen gegenüber seinen Briefpartnern an, wie sein zitiertes Schreiben an Delambre zeigte. Schon aus dem venezolanischen Barcelona hatte er ihm am 24. November 1800 geschrieben, wie er seinen Chronometer mittels der Höhen kontrolliere, die er mit seinen Instrumenten nehmen könne (Moheit 1993, 118; Moheit 1999; 82f.; Dhombres 2003, 267):

«... (des sextans de Ramsden et Troughton, un quart de cercle de Bird, un horizon de Carochez), et dont l’erreur ne va pas à une seconde de tems; vous savez que je ne suis pas très-savant en mathématiques, et que l’astronomie n’est pas le but de mon voyage; cependant avec du zèle et de l’application, et en maniant journellement les mêmes instrumens, on parvient à faire quelque chose et à le faire moins mal.»

„… (Sextanten von Ramsden und Troughton, ein Quadrant von Bird, ein Horizont von Caroché) und deren Fehler noch nicht eine Zeitsekunde beträgt. Sie wissen, dass ich in Mathematik nicht sehr gelehrt bin und dass die Astronomie nicht das Ziel meiner Reise ist. Dennoch gelingt es einem mit Eifer und Fleiß und täglicher Handhabung derselben Instrumente, etwas zu tun und es weniger schlecht zu tun.“

Entsprechend klingt es in seinem Brief an den mexikanischen Bekannten Juan José Oteyza (Moheit 1993, 267; Moheit 1999, 202; Dhombres 2003, 269):

“Usted sabe que nadie admira, más que yo los profundos conocimientos matemáticos de los cuales usted está adornado y tendré motivos de elogiarlos públicamente. ... He observado 3 veces la latitud de aquí, 2 veces la de la Pirámide de Cholula.”

„Sie wissen, dass niemand Ihre gründlichen mathematischen Kenntnisse mehr als ich bewundert, deren Sie sich rühmen können, und ich habe Gründe, diese öffentlich zu preisen ... Ich beobachtete dreimal die Breite von hier, zweimal die der Pyramide von Cholula.“

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Letzte Aktualisierung: 11 Januar 2007 | Kraft

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