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Franz-J. Weihrauch

Nachrichten aus Amerika oder wie man in Koblenz von Humboldts Reise nach Amerika erfuhr

8. Die Redaktion des Briefes durch die Koblenzer Journalisten

8.1. Zusammenfassung der bisherigen Forschungsergebnisse

Der ursprüngliche Brief Humboldts ist in französischer Sprache geschrieben. Das Original ist deutlich ausführlicher. Im „Bewohner des West Rheins“ finden wir eine redigierte Zusammenfassung in deutscher Sprache. Die Darstellung erfolgt in der dritten Person, womit auch die Anrede an Fourcroy aus dem Original-Brief wegfällt. Diese Anrede ist allerdings wenig persönlich und beschränkt sich auf das im revolutionären Frankreich eingeführte ‚Citoyen‘[1]. In der Überschrift des Artikels bleibt dieser die Verantwortung des Individuums für das Gemeinwesen betonende Titel erhalten. Es ist nicht der Kollege oder der Professor Fourcroy, der einen Brief von Humboldt erhält, es ist vielmehr der ‚Bürger‘ Fourcroy. Im folgenden verweist der bearbeitende Redakteur einleitend darauf, dass Humboldt seit seiner Abreise bereits „mehrmalen litterarische Nachrichten nach Frankreich[2] gegeben habe. Das belegt die These Morheits, dass Humboldt hier von vornherein an einen öffentlichen Diskurs über seine Forschungen schon während seiner Reise gedacht hat. Die Zusammenfassung im „Bewohner des West Rheins“ konzentriert sich auf die Darstellung der Forschungen und wissenschaftlichen Ergebnisse von Humboldts bisheriger Reise in Amerika. Die Besteigung des Pico del Teide auf Teneriffa und die Temperaturmessungen im Krater, die Humboldt gleich zu Beginn des Original-Briefes beiläufig schildert, werden im „Bewohner des West Rheins“ weggelassen. Ebenso findet keine Erwähnung, dass es die Wissenschaftler Delambre und Lalande sind, die von Humboldt mit Auszügen seiner wissenschaftlichen Arbeiten bedacht werden. Der Text im „Bewohner des West Rheins“ setzt ein mit der konkreten Schilderung der diversen Arbeiten Humboldts. Dies sind im einzelnen „Auszüge von seinen astronomischen Arbeiten, Bestimmungen von Längen verschiedener Oerter, Beobachtungen der Sonnenfinsterniß im Jahre 8, so wie verschiedene Immersionen der JupiterTrabanten, Untersuchungen über den Glanz der südlichen Gestirne, und endlich dem NationalInstitut verschiedene chemische Abhandlungen über das Leuchten des SeeWassers; über eine besondere Gasart, die man aus den Früchten der coffea arabica vermittelst des SonnenLichts erhält; über einen schneeweißen Feldspath, der, befeuchtet, alles SauerstoffGas aus der damit in Berührung gebrachten atmosphärischen Luft absorbirt; über die Milch der cecropia pelalta und euphorbia curassuvica; über die Luft, welche in den Pflanzen zirkuliert, usw...“[3]

Diese gesamte Passage ist bis auf geringfügige Abweichungen fast wörtlich übersetzt, der dann folgende Text dagegen ist ersatzlos gestrichen worden. Hier äußert sich Humboldt grundsätzlich über seine Korrespondenz und scheint enttäuscht darüber, dass infolge des Piratenunwesens auf den Meeren ein Großteil der verfassten Briefe die Adressaten gar nicht erreichen wird. Den Brief an Fourcroy schickt Humboldt nach Boston ; von dort gehe es weiter nach Hamburg. Jeder Brief müsse vier- bis fünfmal kopiert werden, wolle man sicher gehen, dass ein Brief auf den so unsicheren Meereswegen auch ankommt. Bei all der Zeit, die man mit der Forschung zubringe, so klagt Humboldt, bleibe nur wenig Zeit fürs Briefeschreiben.[4]

 

8.2. Der Reisegefährte Bonpland

Danach folgt eine Passage, die zwar stärker zusammengefasst wird, vom Inhalt her jedoch mit dem Originalbrief übereinstimmt. Der Redakteur folgt Humboldts Äußerungen und beschreibt die besonders günstigen Voraussetzungen für dessen Forschungen durch die „besonderen Empfehlungen der spanischen Regierung.“[5] Humboldts blendende Konstitution wird gewürdigt, ebenso die hervorragenden Meßinstrumente und es gibt – nicht zu vergessen – eine Würdigung des Reisegefährten Bonpland. Im Originaltext heißt es: „Mon compagnon de voyage, le cit. Bonpland, elévé de jardin du jardin des plantes, me devient de jour en jour plus précieux. Il joint des connaissances très-solides des plantes et en anatomie comparée , a un zèle infatigable. J’espère un jour rendre en lui à sa patrie un savant qui sera digne de fixer l’attention publique.“[6] Im „Bewohner des West Rheins“ ist diese Passage wesentlich nüchterner zusammengefasst:„Mit Bonpland, seinem ReiseGefährten, einem jungen hoffnungsvollen Botaniker, ist er sehr zufrieden." [7]

 

8.3. Die Darstellung der weiteren Forschungen Humboldts

Es folgt – auch hier wieder in einzelnen Passagen fast wortgetreu übersetzt, dann wieder stärker zusammengefasst ein kursorischer Abriss über die Ergebnisse der letzten sieben Monate: 4.000 Pflanzen getrocknet, 800 neue Arten entdeckt, Sammlungen angelegt und „viele Beobachtungen über Magnetismus, Elektrizität, Temperatur, Feuchtigkeit, und den Gehalt der Atmosphäre an SauerstoffGas...“[8]  gemacht. Dann erwähnt Humboldt die Begegnung mit den Indianern, die teilweise, so schreibt er, erst seit fünf oder sechs Jahren „kultivirt“[9] seien. Es wird auch noch in der trockenen Koblenzer Zusammenfassung die Faszination Humboldts deutlich, der begeistert ist von der Mannigfaltigkeit der tropischen Natur. Dann folgt ein kurzer Bericht über den Aufenthalt in Caracas, wo Humboldt ebenfalls atmosphärische Messungen anstellt und ,die ‚Silla de Caracas‘ mit einer Höhe von 2.640m besteigt.

 

8.4. Redaktion des Datenapparates und der privaten Anmerkungen Humboldts

Insgesamt ist bei den Koblenzer Redakteuren festzustellen, dass sie die Datums- und Ortsangaben sowie die Maßeinheiten, die Humboldt benutzt, dem Leser in Koblenz, der die konkreten Umstände des Briefes natürlich nicht kennt, verständlich machen wollen. So spricht Humboldt – ohne Jahresnennung - von der Sonnenfinstenis, die am 6. Brumaire[10] stattgefunden habe, im „Bewohner des West Rheins“ wird auf das Datum verzichtet und stattdessen von der „Sonnenfinsterniß im Jahr 8“ gesprochen. Humboldt versichert des weiteren, dass er sich bei seinen Forschungen im Urwald genauso wohl befunden habe, wie wenn er sich in seiner Wohnung in der Rue du Colombier, im “Hôtel Boston“ befunden hätte; in der Koblenzer Zusammenfassung wird, da wohl kaum einer der Leser den Pariser Aufenthalt von Humboldt kannte, nur allgemein von „seiner Wohnung zu Paris“ gesprochen. Die Maßeinheit, mit der Humboldt die Höhe der Silla de Caracas angibt, ist auf dem linken Rheinufer, obwohl zu Frankreich gehörig, eher unüblich. Er gibt die Höhe des Hausberges von Caracas mit 1.316 Toisen, also mit einem französischen Längenmaß, an.[11] In Koblenz wird daraus die Höhenangabe von 2.556 Fuß.[12]

 

8.5. Weitere Reisepläne Humboldts

Erwähnung findet im „Bewohner des West Rheins“ des Weiteren der den Redakteuren wichtig erscheinende weitere Reiseverlauf. Sie teilen dem geneigten Publikum in Koblenz mit, dass Humboldt und seine Begleiter beabsichtigen, sich nach Varina zu begeben, um von dort aus „über die SchneeBerge von Merida, zu den Wasserfällen des Rio Negro und in die unbekannten Gegenden des OronocoFlusses[13], dann über Guiana nach Cumana, und von da nach Havanna und Mexico zu reisen, von wo aus er gedenkt nach Acapulca, und auf die Philippinischen Inseln sich zu begeben; und wenn es Friede wird, endlich über Bassora[14], Jaffa, nach Marseille zurückzukehren.“[15] So weit die Reisepläne Humboldts. Er will, so hat es den Anschein, nicht nur Südamerika bereisen, sondern auch seine eigene, persönliche „Reise um die Welt“ in westlicher Richtung vollenden. Ein Weltreisender zu sein, in einer Reihe zu stehen mit Bougainville, Cook, das hätte der Reputation Humboldts zusätzlich noch einmal einen großen Schub verliehen. Abhängig war dieser Plan letztlich aber – hier stimmen Originalbrief und Koblenzer Zusammenfassung überein – von der weiteren politisch-militärischen Entwicklung in Europa und im Nahen Osten. Die Freude Humboldts über die siegreichen Truppen Napoleons in Ägypten findet keine Erwähnung in Koblenz, auch nicht die Anmerkung, dass Humboldt selbst nicht so recht an die Realisierung der projektierten Reiseroute glaubt. Zu groß scheinen die Unwägbarkeiten. Humboldt im Originalbrief über seine weiteren Reiseabsichten: „Voilà des rêves, mais ils sont très doux...“[16]. Die zweite Möglichkeit, die Humboldt andeutet, um die Reise fortzusetzen, findet ebenfalls keinen Eingang in den „Bewohner des West Rheins“. Humboldt lässt nämlich beiläufig anklingen, dass er beabsichtigt, sich der wegen des Krieges verschobenen Weltreise unter der Führung von Thomas-Nicolas Baudin anschließen wolle, sobald dessen Expedition Amerika erreiche.[17]

 

8.6. Kürzungen

Bis auf die Übernahme der wenigen Sätze, in denen es um die weitere Reiseroute geht, fällt der komplette hintere Teil des Briefes der Redaktion durch die Koblenzer Journalisten zum Opfer. Worum geht es hier? In diesem Teil des Briefes vergewissert sich Humboldt seines wissenschaftlichen Netzwerkes: Er richtet Grüße an befreundete Wissenschaftler aus und spricht die Hoffnung aus, dass seine Forschungen den Kollegen und dem Institut in Paris nützlich seien; des weiteren berichtet Humboldt über einen Brief, den er an den Bürger Sieyès, Mitglied des Direktoriums, geschrieben habe. Er erwähnt  Samen, die er an das Naturhistorische Museum in Paris und an Sir Joseph Banks nach England geschickt hat. Großes Interesse weckt die Expedition der Wissenschaftler Berthollet und Monge, die mit Napoleon in Ägypten waren. Ebenso ersatzlos gestrichen werden in der  Koblenzer Zusammenfassung zwei weitere wissenschaftliche Forschungsthemen, die Humboldt ganz zum Schluss ausführlicher darstellt. Zum einen geht es um ein geologisches Thema: die parallele Anordnung von Gesteinsschichten in einem bestimmten Winkel zur Erdachse, wobei Humboldt seine Beobachtungen in Europa mit den neu gewonnenen Erkentnissen aus Südamerika vergleicht und hier erstaunliche Übereinstimmungen feststellt.[18] Zum anderen – sich beziehend auf die Wissenschaftler Coulomb, Hedwig, Malphigi – greift er das ganz am Anfang bereits erwähnte Thema der Luftzirkulation in Pflanzen noch einmal auf und berichtet hier am Schluss des Briefes über eigene Messungen.



[1] Vgl. Brief Nr. 23 an Antoine François Comte Fourcroy, La Guaira, 25.1.1800. In: Humboldt: Amerikanische Briefe (wie Anm. 3), S. 75. Nur wenige Jahre später wird aus dem ‚;Citoyen‘ ein ‚Comte‘.  Fourcroy wird 1808 von Napoleon in den Adelsstand erhoben. So ändern sich die Zeiten.

[2] Der Bewohner des West Rheins: Nr. 195 vom 29. Brumaire IX.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Brief Nr. 23 an Antoine François Comte Fourcroy, La Guaira, 25.1.1800. In: Humboldt: Amerikanische Briefe, a.a.O. S. 76.

[5] Der Bewohner des West Rheins Nr. 195 vom 29. Brumaire IX.

[6] Brief Nr. 23 an Antoine François Comte Fourcroy, La Guaira, 25.1.1800. In: Humboldt:, Amerikanische Briefe (wie Anm. 3) S. 76.

[7] Der Bewohner des West Rheins, Nr. 195 vom 29. Brumaire IX.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] = 26. Oktober 1799.

[11] Toise = altes Pariser Klafter zu sechs Fuß = 1,949 m. Brockhaus Handbuch des Wissen, 4. Band, 6. Gänzlich umgearbeitete und wesentlich verm. Auflage des Kleinen Brockhaus Konversations Lexikons. Leipzig 1924,

S. 392.

[12] Der preußische oder rheinländische Fuß: 0,31385 m. Vgl. Brockhaus (wie Anm. 29), Bd. 2, S. 142.

[13] Heutige Schreibweise: Orinoco.

[14] Bassora = Basra im Südirak.

[15] Der Bewohner des West Rheins: Nr. 195, vom 29. Brumaire IX.

[16] Brief Nr. 23 an Antoine François Comte Fourcroy, La Guaira, 25.1.1800. In: Humboldt: Amerikanische Briefe (wie Anm. 3) S. 77.

[17]  Dieser Anschluß an die Baudinsche Expedition kommt nicht zustande. Vgl. Scurla (wie Anm. 1), S. 167/168. Baudin startet zwar Mitte Oktober 1800 zu seiner Weltreise, segelt aber nicht in Ost-West-Richtung um Kap Hoorn, um dann – wie ursprünglich geplant - in Südamerika Humboldt aufzunehmen, sondern segelt stattdessen in West-Ost-Richtung um das Kap der guten Hoffnung. 

[18] Vgl. Humboldt: Amerikanische Briefe (wie Anm. 3), Brief Nr. 23, an Fourcroy. Ebenso auch: Brief Nr. 4 an Dietrich Ludwig Gustav Karsten vom 5.6.1799 aus La Coruna, S. 32/33.

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Letzte Aktualisierung: 25 April 2006 | Kraft

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