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Robert Hoffmann

Die Entstehung einer Legende.
Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg.

7. Städtevergleich im Zeitkontext

Zum Abschluß wende ich mich dem Wortlaut des Humboldtzitats zu, also der angeblichen Bewertung der Gegenden von Salzburg, Konstantinopel und Neapel als schönsten der Erde. Humboldt hat zum Zeitpunkt seines Salzburgaufenthaltes die beiden anderen Städte nicht gekannt, so daß er Salzburg damals wohl kaum mit ihnen verglichen hätte. Und später? 1805 und nochmals 1822 hat Humboldt zwar Neapel besucht, nach Konstantinopel ist der Weitgereiste allerdings nie gekommen. Warum aber sollte Humboldt, der schöne Gegenden in allen Hemisphären kannte, ausgerechnet eine ihm unbekannte zum Vergleich heranziehen? Dies scheint unwahrscheinlich.

Aussagen berühmter Persönlichkeiten über bestimmte Orte oder Regionen wurden von Reiseschriftstellern und Verfassern von Reiseführern, aber auch in der topographischen Literatur gerade im frühen 19. Jahrhundert gerne dazu verwendet, eigene Werturteile gleichsam zu objektivieren, ganz abgesehen davon, dass die Autoren dieses Genres schamlos voneinander abschrieben. Ein vergleichender Blick in die zeitgenössische Reiseliteratur erweist sich im Falle Salzburgs insofern als durchaus aufschlussreich, als man unschwer erkennt, dass der angebliche Humboldt‘sche Städtevergleich in seiner Art keineswegs einzigartig ist. Schultes hat Salzburg bereits 1804 – wie eingangs zitiert – mit Schönheits-Superlativen versehen.[1] 1815 heißt es in einem Brief des Arztes Ludwig Hermann Friedländer: „Man hat Salzburg in Rücksicht seiner Bauart zuweilen mit Neapel verglichen, und wirklich kommt noch manches dazu, die Ähnlichkeit zu bestätigen.“[2] Friedrich von Raumer, der Salzburg im Spätsommer 1815 besuchte, schreibt in seiner „Herbstreise nach Venedig“, daß „die hiesige Gegend (...) unbeschreiblich“ sei, und daß „Alles, was man sonst wohl eine schöne Gegend nennt“, dagegen verschwände. Und weiter: „Auch sagen Leute, die weiter in der Welt herumgekommen sind als ich, daß nur zwei oder drei Städte Europas in Hinsicht deren Lage mit Salzburg verglichen werden könnten“.[3]

Noch aufschlußreicher ist eine Passage in Benedikt Pillweins ausführlicher topographischer Beschreibung des „Herzogthums Salzburg“ von 1839: „Nach den Berichten von Reisenden, welche die Städte und Sitten vieler Menschen gesehen, ist Neapel die erste, Konstantinopel die zweyte, Salzburg die dritte der schönsten Städte Europens. Nach ihnen kommt Vincenca.“[4] Eine präzisere Vorwegnahme des angeblichen Humboldtzitats ist kaum vorstellbar.

Noch weitere zwei Belege für eine Reihung gerade dieser drei Städte nach Schönheitskriterien lassen sich hinzufügen. Im Begleittext zu Johann Fischbachs „Malerischen Ansichten von Salzburg etc.“ heißt es zu jenem Blatt, das die damals noch von der Salzach umflutete „Vorstadt Stein“ abbildet: „In diesem Geheimnisse [also der Verbindung von Stadt und Wasser, Anm. d. Vf.] mag die Schönheit Bizanzs am Bosporus, Neapels am tyrhennischen Meere, Genuas, wie der alten Königinn der Adria, der ehemaligen Dogenstadt liegen, in diesem Reizmittel müssen auch wir unser Bild, die Vorstadt Stein auffassen“.[5] Wenige Jahre später steht in einem Reiseführer über Salzburg, dass der Park von Aigen, „in dem auf sehr sinnreiche Weise die Standpunkte zur Beschauung jedes einzelnen Berges angebracht sind, zu den schönsten Anlagen Deutschlands gehört, deren Fernsichten von dem oberen Theile der sogenannten Kanzel und der Jägerebene an Grossartigkeit der Landschafts-Scenerie nach Versicherung vieler Engländer gleich nach Neapel und Konstantinopel ihren Rang einnehmen (...)“.[6]

Damit steht fest, dass der Vergleich der landschaftlichen Schönheiten Salzburgs mit jenen von Konstantinopel und Neapel sowie manch anderer Städte bereits vor dem erstmaligen Auftauchen des Humboldtzitats durchaus üblich gewesen ist. Kaum vorstellbar ist jedoch, dass Humboldt – etwa in sentimentaler Erinnerung an seinen Aufenthalt in Salzburg – ein gängiges Klischee aufgegriffen hat, nur um einem salzburgischen Briefpartner eine Freude zu bereiten. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass sich Humboldt irgendwann im Laufe seines langen Lebens – er ist erst 1859 verstorben – gesprächsweise oder brieflich in einem positiven Sinne über Salzburg geäußert hat. Auch wenn sich kein konkreter Beleg dafür erhalten hat, so existieren doch einige wenige Hinweise, die den Schluß zulassen, daß die Kunde von Humboldts angeblicher Wertschätzung von Salzburg in der Stadt bereits lange vor dem erstmaligen Auftauchen des Humboldtzitats kursierte.

Als der berühmte Panoramamaler Johann Michael Sattler 1839 nach langen Reisen in die Salzachstadt zurückkehrte, richtete er im Salzburger „Intelligenzblatt“ einen „öffentlichen Gruß“ an die Salzburger, in dem unter anderem stand: „Nun, Hochverehrte! Ist das Bild Ihrer Vaterstadt und Ihrer Umgebung in seine Heimat unversehrt und glorreich zurückgekehrt – das Bild der Stadt und der Landschaft, welche unter vielen anderen hohen Reisenden, auch von Alexander von Humboldt als der schönste Punkt der Erde geschildert wird; ein wahres Paradies, in welchem gemütlich zu wandern Sie so glücklich sind und darum von Millionen beneidet werden“.[7] Auch der unbekannte Verfasser des bereits erwähnten Reiseführers von 1854 erwähnt den Gelehrten: „Ja es war gerade Salzburg, wo Alexander von Humboldt sich auf seine welthistorisch gewordenen Reisen vorbereitete, wo er gleichsam die Weihe für seine hohe Bestimmung empfing, und noch mit Begeisterung von jenen vier Monaten spricht, welche er mit Leopold v. Buch in Salzburg verlebte“.[8] Als der große Gelehrte fünf Jahre später verstarb, widmete die „Salzburger Zeitung“ dem „größten Gelehrten der Gegenwart“ einen ausführlichen Nachruf. Darin wird Humboldts Salzburgaufenthalt zwar kurz erwähnt („in Salzburg ist er mit geognostischen und meteorologischen Arbeiten beschäftigt gewesen“), die angebliche Wertschätzung des Gelehrten für Salzburg klingt jedoch mit keinem Wort an.[9] Redakteur des Blattes war zu diesem Zeitpunkt – dies sei ausdrücklich erwähnt – Ludwig Mielichhofer, der Sohn des angeblichen „Freundes Humboldts“ Mathias Mielichhofer.

 


[1] Vgl. Anm. 11.

[2] Heinrich Schwarz, Salzburg im Jahre 1815. Nach den Reiseberichten des Arztes Ludwig Hermann Friedländer. In: Salzburger Museumsblätter 15 (1936), Nr. 1-3, Sp. 1-12, hier Teil 1, Sp. 4.

[3] Friedrich von Raumer, Die Herbstreise nach Venedig, Berlin 1816, 107; zit. nach: Schwarz (wie Anm. 13), 14.

[4] Benedikt Pillwein, Das Herzogthum Salzburg oder der Salzburger Kreis, Linz 1839, 273.

[5].Fischbach, Malerische Ansichten (wie Anm. 47).

[6] Salzburg, die Stadt und ihre Umgebung, das nördliche Hügelland mit seinen Seeparthien, Wanderungen in das salzburgische Hochgebirge und nach Ischl, mit der Naturscenerie des Salzkammergutes, Mayr’sche Buchhandlung, Salzburg 1854, VI. (Im alten Katalog der Universitätsbibliothek ist Georg Oberfrinninger als Verfasser dieser Schrift vermerkt!)

[7] Amts- und Intelligenz-Blatt zur kaiserl. königl. privil. Salzburger Zeitung 1839, S. 947, Nr. 72 v. 9.9. Auf dieses frühe „Salzburglob“ Humboldts hat erstmals hingewiesen: Josef Gassner: Johann Michael Sattler und sein Panorama von Salzburg. In: JSMCA 4 (1958), 103-122, hier 110, Gassner behauptet aber unzutreffend, daß das Humboldtzitat erstmals bei Adolph Bühler, Salzburg, seine Monumente und Fürsten, Salzburg 1873, nachweisbar sei. Ebd., S. 120.

[8] Salzburg, die Stadt und ihre Umgebung (wie Anm. 55), 30.

[9] Salzburger Zeitung, Nr. 107, 11. Mai 1859.

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Letzte Aktualisierung: 29 April 2006 | Kraft

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