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Robert Hoffmann

Die Entstehung einer Legende.
Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg.

6. Unbewiesene Authentizität

Nach diesen Abschweifungen ist es an der Zeit für einige abschließende Überlegungen zur Authentizität des Humboldtzitats. Zunächst erscheint es angebracht, die wenigen verbürgten Aussagen Humboldts über die salzburgische Landschaft zusammenfassen.

Humboldt weilte bereits 1792 im Rahmen einer Informationsreise über den Salzbergbau für kurze Zeit in Berchtesgaden und Salzburg. Aus Traunstein schreibt an seinen Freund Carl Freiesleben: „Die Gegend hier ist göttlich. Ich glaubte noch nie Gebirge gesehen zu haben, so ist hier alles anders. Lauter Alpengebirge, Pyramide auf Pyramide gehäuft. Die Appenzeller Alpen[1] [sic!] liegen vor mir, als könnte ich sie mit Händen greifen“.[2]

Bekannter ist Humboldts Brief an Joseph van der Schot vom 28. Oktober 1797, in dem er über seinen Abstecher am Weg von Wien nach Salzburg an den Traunsee berichtet: "Ich gestehe, daß ich in der Schweiz kaum solche große Naturszenen kenne, als diese Oberösterreichischen". Im selben Schreiben schildert er die Aussicht von seinem Salzburger Quartier in der Schanzlgasse: „(...) aber hinten hinaus (das Haus steht auf der Stadtmauer) sieht man die halbe Welt, das ganze fruchtbare Salzachthal, den Untersberg, die Tauern und eine ganze Kette von Schneebergen“. Mehr an Landschaftsschilderung findet sich in Humboldts Jugendbriefen nicht und auch diese wenigen Äußerungen wurden erst nach 1870 veröffentlicht.[3]

Aber auch wenn das Humboldtzitat und damit seine angebliche Provenienz: „Alexander v. Humboldt in einem Briefe an Bergrath Math. Mielichhofer“ authentisch wären, dann müsste das Entstehungsdatum jedenfalls auf einen viel späteren Zeitpunkt verschoben werden. Der als Adressat genannte Mineraloge und salzburgische Bergrath Mathias Mielichhofer – er lebte von 1772 Bis 1847 – weilte während Humboldts Salzburgaufenthalt als junger Beamter der fürsterzbischöflichen Bergverwaltung im fernen Pinzgau und hat in dieser Zeit wohl kaum die persönliche Bekanntschaft Humboldts gemacht.[4] Das schließt zwar nicht von vornherein die Möglichkeit aus, dass es zu einem viel späteren Zeitpunkt zu einem Briefwechsel zwischen dem im regionalen Kontext durchaus verdienstvollen Mineralogen und dem nach seiner Amerikareise bereits weltberühmten Gelehrten gekommen ist.

Abgesehen von der erstmaligen Zitation des Humboldtwortes im Jahr 1870 existiert freilich kein Hinweis, der eine derartige Annahme rechtfertigen würde. Zwei Nekrologe, welche die wissenschaftlichen Leistungen und Kontakte des 1847 verstorbenen Mielichhofer ausführlich würdigen, erwähnen keinen Bezug zu Humboldt.[5] Auch Mathias Mielichhofers Sohn Ludwig, ein in Salzburg ansässiger Journalist und Schriftsteller, der über Jahrzehnte die „Salzburger Zeitung“ redigierte, äußerte sich nie – was wohl naheliegend gewesen wäre – über einen Kontakt seines Vaters zu Humboldt. Als Ludwig Mielichhofer 1892 verstarb, stand jedoch in seinem Nekrolog, er sei der „älteste Sohn des bekannten Naturforschers und Freundes Humboldts, des Berg-Rathes Mathias Mielichhofer“ gewesen.[6] Fünfzig Jahre nach seinem Ableben war Mathias Mielichhofer somit in den Rang eines „Freundes Humboldts“ aufgestiegen, die Legendenbildung scheint abgeschlossen.

Auch ein anderer Salzburger Gelehrter, der Botaniker Franz Anton von Braune, durfte sich bereits zu Lebzeiten dieses Ruhms erfreuen, denn auch er wurde – um 1850 – als „ein Freund des großen Humboldt“ bezeichnet.[7] Der Nachweis dieser Freundschaft wurde freilich auch bei Braune nie erbracht.[8]

Nur am Rande sei erwähnt, daß sich Alexander von Humboldts Bruder Wilhelm, der  auf der Durchreise zu seinen Kuraufenthalten in Bad Gastein mehrfach in Salzburg geweilt hat, nachweislich in höchsten Tönen über die Schönheit der salzburgischen Landschaft geäußert hat. In seinem Brief vom August 1828 an Charlotte Diede heißt es: „ich schreibe Ihnen (...) aus der Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann. Wenigstens kenne ich keine, die man schöner rühmen könnte“. Dieser Brief wurde erstmals 1849 publiziert, hat aber als Salzburglob keine besondere Karriere gemacht.[9]

 


[1] Eine offenkundige Verwechslung.

[2] Ilse Jahn, Fritz G. Lange (Hg.): Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787-1799, Berlin 1973 (Beitraege zur Alexander-von-Humboldt-Forschung 2), 217. Humboldt konnte die tauern von seinem Stadtquartier freilich nicht sehen!

[3] Ebd., 595.

[4] Zur Biographie M. Mielichhofers s. Wurzbach, Biographisches Lexikon des österreichischen Kaiserstaates; Österreichisches Biographisches Lexikon.

[5] Anton Sauter. In: Iuvavia Nr. 40, 31. 5. 1849, S. 187; Ig. Zwanziger. In: Österreichisches Botanisches Wochenblatt, 1. Jg. (1851), Nr. 4 , 27 f. u. Nr. 5. 35 f; Mathias Mielichhofers „hinterlassene Schriften über den Salzburger Bergbau“, die im Salzburger Landesarchiv aufbewahrt werden, beinhalten ebenfalls keinerlei Hinweis auf einen persönlichen Kontakt zu Humboldt. Dasselbe gilt für Mathias Mielichhofers Verlassenschaftsakt im Salzburger Landesarchiv, (11963/1847).

[6] Salzburger Volksblatt, Nr. 53, 1892; ähnlich heißt es in einem familiengeschichtlichen Bericht über „Die Mielichhofer“, Salzburger Volksblatt, Nr. 83 1903. Ludwig Mielichhofers hinterlassene Schriften werden im Salzburger Museum Carolino Augusteum aufbewahrt und beinhalten ebenfalls keinerlei Hinweis auf Humboldt.

[7] Johann Fischbach: Malerische Ansichten der Stadt Salzburg und ihrem Kreise des Salzkammergutes und Berchtesgadens, Salzburg o.J. Faksimile mit einer Einf. von Nikolaus Schaffer, Salzburg 1998, Text zum Blatt „Das Neu- oder Sigmundsthor“. (Auch erschienen unter dem Titel: Malerische Ansichten von Salzburg und Ober-Österreich nach der Natur gezeichnet von Johann Fischbach, Salzburg, G. Baldi, o. J. (ca. 1849), mit erläuterndem Text von Ignaz von Kürsinger und Professor Aemilian Köck.

[8] Der Nekrolog Braunes in: Neue Salzburger Zeitung, Nr. 226 v. 7.10.1855 enthält keinen Hinweis auf Braunes angebliche Freundschaft mit Humboldt.

[9] Wilhem von Humboldts Briefe an eine Freundin, zum ersten Male nach den Originalen hg. v. Albert Leitzmann, 1. Bd., Leipzig 1909, S. 366.

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Letzte Aktualisierung: 29 April 2006 | Kraft

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