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Robert Hoffmann

Die Entstehung einer Legende.
Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg.

4. Ein Schlagwort im Dienste des Tourismus?

Der Anteil der Salzburger an der Ausformung des Mythos der „schönen Stadt“ war zunächst nur gering. Angesichts der sozialen und ökonomischen Stagnation des städtischen Gemeinwesens verlief seine Einpflanzung in die Salzburger Szenerie nur schleppend. Während die gebildete Welt die Reize der rückständigen Kleinstadt längst lieben gelernt hatte, träumte die regionale fortschrittsgläubige Elite ganz unromantisch von Stadterweiterung und Modernisierung. Als dann seit den frühen 1860er Jahren die politischen Rahmenbedingungen eine autonome Gestaltung der kommunalen Entwicklung ermöglichten, nahm das liberale Bürgertum im Rahmen der Stadterweiterung die radikale Umgestaltung des barocken Stadtbildes ohne zu zögern in Angriff.

Gerade in dieser Zeit einer umfassenden Modernisierung des städtischen Gemeinwesens sowie tiefgreifender Veränderungen auf gesamtstaatlicher Ebene taucht jenes Schlagwort erstmals in der Öffentlichkeit auf, das Salzburg und seine Umgebung von nun an mit der Autorität des weltberühmten Gelehrten Alexander von Humboldt gleichsam in den Rang eines Weltkulturdenkmals emporheben sollte. In der zweiten Auflage des im Salzburger Verlag des Heinrich Dieter publizierten „Führers durch Salzburg und seine Umgebungen“[1] von 1870 prangte am Titelblatt der angebliche Ausspruch Humboldts:

„Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Constantinopel halte ich für die schönsten der Erde.‘

Alexander v. Humboldt in einem Briefe an Bergrath Math. Mielichhofer.

Heinrich Dieter, der Herausgeber und wohl auch Verfasser dieses 1869 erstmals aufgelegten kleinen Führers[2], stammte aus Westfalen und war erst seit 1868 in Salzburg ansässig.[3] Die Erstauflage beinhaltete das Humboldtzitat im übrigen noch nicht, so dass der Eindruck erweckt wird, der als Quelle des Zitats angeführte Brief oder zumindest die Kunde von seiner Existenz seien um das Jahr 1870 plötzlich aus dem Dunkel einer unbekannten Überlieferung in die Öffentlichkeit gelangt, nur um sogleich wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Die dubiose Herkunft stand dem unaufhaltsamen Aufstieg des angeblichen Humboldtspruchs nicht im Wege. Als aufstrebende „Saisonstadt“ warb Salzburg von nun an höchst erfolgreich mit dem Namen des renommierten Naturforschers und Reisenden. Auch vor dem Hintergrund der politischen Veränderungen dieser Epoche erwies sich das Humboldtwort als überaus nützlich. War es bis zur Gründung des Zweiten deutschen Kaiserreichs üblich gewesen, die „Gegend von Salzburg“ bzw. die Stadt als „schönste“ Gegend oder Stadt Deutschlands (mitunter auch nur als „eine der schönsten“ Gegenden oder Städte Deutschlands) zu bezeichnen, so bot die Einreihung Salzburgs unter die weltschönsten Gegenden einen vollwertigen Ersatz für den Verlust der gesamtdeutschen Perspektive. Für Baedekers Reiseführer blieb Salzburg zwar vorerst noch eine „deutsche Stadt“, während sich in Meyers Reisebüchern in den 1890er Jahren bereits die Formulierung „schönstgelegene Stadt Österreichs“ findet.[4] Die Salzburger Tourismuswerbung bevorzugte dagegen bereits seit den 1870er Jahren Humboldts Salzburglob.[5]

 


[1] Führer durch Salzburg und seine Umgebungen. Mit besonderer Berücksichtigung von Gastein, Berchtesgaden und Reichenhall. Zweite berichtigte und sehr vermehrte Auflage, Verlag Dieter und Kroll, Salzburg 1870.

[2] Führer durch Salzburg und seine Umgebungen. Mit besonderer Berücksichtigung von Gastein, Berchtesgaden und Reichenhall. Verlag Dieter & Co, Salzburg 1869.

[3] Heinrich Dieter konvertierte in Salzburg zum Katholizismus und wurde hier – wie es in seinem Nachruf hieß – zum „guten Österreicher (...) und ganz speziell zum Salzburger, dessen Landeskunde er vollständig beherrschte“. Dieter, der mit dem Titel k.k.Hofbuchhändler geehrt wurde, stand politisch dem katholischen Lager nahe und trat als Förderer heimatbezogener Dichtung und darüber hinaus als Schriftsteller in Erscheinung. Er starb am 4. 12. 1922 im 85. Lebensjahr. Salzburger Chronik, Nr. 272, 12.12.1922.

[4] Meyers Reisebücher. Deutsche Alpen, 2. Tl., 4. Aufl., Leipzig, Wien 1895, 25.

[5] Z. B. Salzburg. Stadt und Land. Hg. vom Landesverband für Fremdenverkehr in Salzburg, Salzburg 1902, 21.

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Letzte Aktualisierung: 29 April 2006 | Kraft

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