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Robert Hoffmann

Die Entstehung einer Legende.
Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg.

3. Die Romantiker entdecken Salzburg

Die Vorstellung von dem, was „schön“ ist, unterlag stetem Wandel. Im konkreten Fall von Salzburg setzte die Assoziation des „Schönen“ mit der Stadt und ihrer Umgebung erst in den 1790er Jahren ein. Ganz allmählich bildete sich die Vision eines idealen naturräumlich-städtebaulichen Ensembles heraus, ein Prozeß der in den 1820er Jahren zu einem vorläufigen Abschluß gelangen sollte.[1] Dazwischen liegt die Phase der romantischen „Entdeckung“ von Stadt und umgebender Landschaft durch Gelehrte, Reiseschriftsteller und Künstler.[2]

Wie zeitgenössische Reisebeschreibungen belegen, zählte die Stadt zu jenen Residenzen des Heiligen Römischen Reichs, die bildungsbewusste Reisende gerne aufsuchten.[3] Lorenz Hübner, Salzburgs führender Aufklärer, berichtet denn auch 1792, daß die Fremden „seit einigen Jahren Salzburg häufiger besuchen“.[4] Hübners Topographien und Reisehandbücher beschrieben Land und Leute, Staat und Wirtschaft noch in altertümlicher Weise. Mit ihrer enzyklopädischen Auflistung des Sehens- und Wissenswerten befriedigten sie jedoch das Bedürfnis der Bildungsreisenden nach umfassender Information. Generationen von Salzburgbesuchern empfingen ihre ersten Anregungen aus Hübners Werk, weshalb ihm auch der Ruhm eines Pioniers der Salzburger Fremdenverkehrswerbung gebührt.

Auch Franz Michael Vierthaler und Friedrich Graf Spaur vermittelten in ihren Werken ein gleichermaßen durch rationale Beobachtung und romantisches Empfinden geprägtes Bild von Stadt und Land.[5] Neben Hübner, Vierthaler und Spaur wirkte eine Reihe weiterer bedeutender Gelehrter geistlichen und weltlichen Standes in Salzburg, darunter vor allem der Naturforscher und Hofkammerpräsident Karl Ehrenbert von Moll. Gemeinsam begründeten sie den Ruf der Stadt als geistiges Zentrum der süddeutschen Spätaufklärung und nicht wenige Besucher Salzburgs suchten ihre Bekanntschaft.[6] Berühmtester „Wissenschaftstourist“ dieser Epoche war ohne Zweifel Alexander von Humboldt, der während seines halbjährigen Salzburgaufenthaltes Molls ausgezeichnete Bibliothek benutzte.[7]

Den Salzburger Gelehrten des ausgehenden 18. Jahrhunderts gebührt das Verdienst, in ihren Werken erstmals den Blick auf die landschaftlichen Schönheiten von Stadt und Land Salzburg gelenkt zu haben, und zwar inspiriert durch Rousseau, aus dessen Hinwendung zur gesehenen und erlebten Natur um 1800 das ästhetisch-empfindsame, oft fast religiös getönte Naturempfinden der Romantik herauswachsen sollte. Der Blick der Romantiker war landschaftsbezogen. Die Stadt selbst blieb zunächst dem großen Ganzen, also der umgebenden Naturlandschaft untergeordnet. Noch war ihr in den Augen der Reisenden nicht jenes Image einer „schönen Stadt“ eigen, das spätere Generationen im Dienste des Fremdenverkehrs mit großem Erfolg kultivierten. Einige Reiseschriftsteller bezeichneten die Stadt um 1800 sogar als unansehnlich und verkommen. Diese Abwertung der Stadt kontrastierte mit einer schier grenzenlosen Bewunderung der sie umgebenden Landschaft. Der Naturforscher und Schriftsteller Joseph August Schultes Schultes schrieb 1804: "Die schönste Gegend und die Gegend um Salzburg sind mir Synonyme geworden; ich kann mir das eine ohne das andere nicht denken. Die Gegend um Salzburg ist der Vereinigungspunct aller Naturschönheiten, die die üppigste Phantasie sich auf dem Continente wünschen kann".[8] Auch der Humboldt zugeschriebene Ausspruch: "Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Constantinopel halte ich für die schönsten der Erde" würde – wenn er authentisch wäre – dieser zeittypischen Unterscheidung zwischen Stadt und Umgebung entsprechen.

Die Begeisterung der Literaten übertrug sich auf die Reisenden. Auf der Suche nach der romantischen Ideallandschaft strömten zwischen 1800 und 1816 – ungeachtet der kriegerischen Ereignisse – zahlreiche Besucher an die Salzach.[9] Wenige Jahre später hatte dann endlich das literarische Interesse für die Stadt den Boden bereitet, auf dem sich die künstlerische Entdeckung entfalten konnte. Einer neuen Generation von Künstlern galten Salzburg und seine Umgebung wie keine andere Stadt und kein anderes Land in ganz Deutschland und Österreich als "die äußerste Steigerung des romantischen Ideals".[10]

Der erste dieser Künstler war Ferdinand Olivier, der in den Sommern 1815 und 1817 nach Salzburg kam. Oliviers Vorbild machte Schule und bewog eine Reihe weiterer deutscher Künstler zum Besuch Salzburgs und seiner Umgebung. Mit ihren Gemälden, Zeichnungen und Lithographien trugen sie wie Olivier dazu bei, daß die Gegend von Salzburg – wie der Kunsthistoriker Heinrich Schwarz schrieb – "aus der Begrenzung lokal-topographischer Vedutendarstellung in den Bereich deutscher Landschaftskunst emporgehoben" wurde.[11] In der Perspektive der Künstler bildeten von nun an Stadt und umgebende Landschaft eine untrennbare Einheit. Auf ihrer "Flucht aus der Gegenwart in eine schönere Vergangenheit"[12] fühlten die Maler und Zeichner der Romantik sich gerade vom Flair der herabgekommenen und wirtschaftlich stagnierenden alten Stadt besonders angezogen.

Um 1830 war die künstlerische Entdeckung von Land und Stadt Salzburg abgeschlossen. Was auf literarischem Gebiet bereits in den 1790er Jahren eingesetzt hatte, war von den Malern und Zeichnern der Romantik vollendet worden. Damit hatten sie ihre Aufgabe erfüllt und Salzburgs Aufstieg zur Touristenstadt den Weg geebnet. Unter dem Einfluß des bürgerlichen Massenphänomens Tourismus verwandelten sich die elitären Visionen der Künstler alsbald in breitenwirksame Klischees. Scharen von Touristen tummelten sich bereits in den 1830er und 1840er Jahren zur Sommerzeit in Salzburg. Reisebeschreibungen, Tagebücher und Reisehandbücher vermitteln ein plastisches Bild des biedermeierlichen Salzburgtourismus.[13]

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zählten Salzburg und seine Umgebung zu den populärsten Landschaften des Alpenraums und darüber hinaus ganz Mitteleuropas. Die Transformation der zu Beginn des Jahrhunderts in romantischen deutschen Künstlerkreisen imaginierten Vision eines idealen naturräumlich-städtebaulichen Ensembles zum touristisch vermarktbaren Bild der „schönen Stadt“ war vollzogen. Nicht mehr die Annäherung von Mensch und Natur war jetzt das vorrangige Anliegen, sondern die Befriedigung des Geschmacks eines reiselustigen internationalen Publikums. Auch für Salzburg gilt, was Wolfgang Kos am Beispiel des Semmering aufzeigt hat: „Über Jahrzehnte reichende Stafetten von Bild- und Wortfloskeln“ schleifen eine Landschaft langsam zurecht und machen sie letztlich unverwechselbar.[14]

 


[1] Vgl. Karl Müller, "Die schöne Stadt". Salzburg-Mythos und Bilder des anderen Salzburg, in: Österreich in Geschichte und Literatur 36 (1992), 312-323.

[2] S. dazu: Robert Hoffmann, Die Romantiker "entdecken" Salzburg. In: Hanns Haas, Robert Hoffmann, Kurt Luger (Hg.): Weltbühne und Naturkulisse. Zwei Jahrhunderte Salzburg-Tourismus, Salzburg 1994, 16-21; Robert Hoffmann, Frühe Attraktionen, in: ebd., 22-28.

[3] Peter Boerner, Man reist ja nicht, um anzukommen: oder als Reisender und Bleibender. In: Hans-Wolf Jäger (Hg.), Europäische Reisen im Zeitalter der Aufklärung, Heidelberg 1992 (Neue Bremer Beiträge 7), 86-92, hier 87.

[4] Lorenz Hübner: Beschreibung der hochfürstlich-erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden verbunden mit ihrer ältesten Geschichte. 2 Bände, Salzburg 1792/93 (Neuauflage Salzburg 1982), 572.

[5] Ulrich Salzmann: Friedrich Graf Spaurs Leben, in: Begleitband und Register zur Neuauflage der Werke Spaurs, Salzburg 1985., 74 f.

[6] Hoffmann, Die Romantiker „entdecken“ Salzburg (wie Anm. 5), 17.

[7] Zeller, Humboldts Aufenthalt in Salzburg (wie Anm. 3), 64.

[8] Joseph August Schultes: Reise durch Salzburg und Berchtesgaden, Wien 1804, 2.Theil, 226.

[9] Georg Stadler: Von der Kavalierstour zum Sozialtourismus. Kulturgeschichte des Salzburger Fremdenverkehrs, Salzburg 1975, 220 ff.

[10] Heinrich Schwarz: Salzburg und das Salzkammergut. Die künstlerische Entdeckung der Stadt und der Landschaft im 19. Jahrhundert, Wien 1936, 13.

[11] Ebd., 19; vgl. außerdem: Franz Fuhrmann: Salzburg in alten Ansichten. Bd. 1: Die Stadt, Salzburg 21982.

[12] Schwarz, Salzburg und das Salzkammergut (wie Anm. 13), 13.

[13] Vgl. Hoffmann, Frühe Attraktionen (wie Anm. 5).

[14] Wolfgang Kos, Die Eroberung der Landschaft. Zu einem kulturhistorischen Ausstellungsprojekt, in: ders. (Hg.), Die Eroberung der Landschaft. Semmering, Rax, Schneeberg. Katalog zur Niederösterreichischen Landesausstellung 1992, Wien 1992, 20 – 48, hier 32.

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Letzte Aktualisierung: 29 April 2006 | Kraft

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