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Alexander von
HUMBOLDT im NETZ

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HiN                                                     I, 1 (2000)
 
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Ottmar Ette: Unterwegs zu Weltbewußtsein
Alexander von Humboldts Wissenschaftsverständnis
und die Entstehung einer ethisch fundierten Weltanschauung

 

Weltethos - ein unvollendetes Projekt?

Er hatte einen wunderschönen Plan
Für Menschenfrieden sorgsam sich geschmiedet.
Es kam ihm auf ein klares Denken an,
Daß die Vernunft den harten Streit befriedet.
Er sah, wie sich die große Chance bietet,
Ein freundschaftliches Leben erdenweit,
Der Plan war ein Geschenk an seine Zeit.

Er hatte nur das eine ganz vergessen,
Daß Menschen anders als Gedanken sind.
Nicht unbedingt von der Vernunft besessen,
Meist unberechenbar wie Meer und Wind
Und oft für ihren eignen Vorteil blind,
Wenn sie an Wunsch und Triebe sich verschreiben
Und den Sirenenklängen gläubig bleiben.

So viele schöne Pläne sind verfallen
Und haben doch ein Stückchen mit erbaut
Und werden auch nicht ungehört verhallen,
Wenn sich aus Vielem eine Zukunft braut.
Die Zukunft lauschte auch auf diesen Laut,
Sie, die sich aus dem Meer der Töne hebt
Und Wahnsinn mit Vernunft in sich verwebt.

Mit diesem interkulturell auf eine alte englische Gedichtform zurückgreifenden, auf April 1997 datierten und bislang noch unveröffentlichten Gedicht mit dem Titel »Zu einem Buch über Weltethos« antwortete die in Konstanz lebende Lyrikerin Emma Kann auf das Erscheinen von Hans Küngs Buch Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, das kurze Zeit zuvor erschienen war.(1) Auch wenn es keineswegs auf das von dem Tübinger Theologen seit mehr als einem Jahrzehnt beharrlich vorangetriebene »Projekt Weltethos«(2) beschränkt bleibt, macht es doch - auch vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung (3) - auf die Grenzen derartiger Projekte aufmerksam. Einprägsam und öffentlichkeitswirksam hat Hans Küng in seinen Publikationen, Filmberichten und Medienauftritten der neunziger Jahre immer wieder jene Worte wiederholt, die er bewußt an den Anfang seines Projekts stellte: "Kein Überleben ohne Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog."(4) Bereits in diesen Sätzen manifestiert sich Küngs Überzeugung von der Notwendigkeit der Schaffung eines Weltethos, um der Menschheit insgesamt ein Überleben auf dem Planeten Erde zu ermöglichen, sowie die zentrale Bedeutung, die der Religionswissenschaftler dabei gerade den Religionen beimißt.

Verankerung des Ethos in einer Transzendenz und ständige Suche nach Dialogizität sind Charakteristika eines Projekts, das der einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine Auseinandersetzungen mit der Orthodoxie der Katholischen Kirche bekanntgewordene Theologe politisch und publizistisch auszuweiten suchte. Ziel dieses noch unvollendeten Projekts ist es, eine für alle Weltbewohner geltende und alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen bindende ethische Grundhaltung zu verankern, um damit einer neuen, rational begründeten und dem »Prinzip Verantwortung« im Sinne von Hans Jonas (5) verpflichteten Weltordnung zum Durchbruch zu verhelfen. So formulierte Küng in Rückgriff auf säkularisierte wie nicht-säkularisierte Milleniumserwartungen 1997:

Wird vielleicht das 21. Jahrhundert endlich jene neue Weltordnung schaffen, die das 20. Jahrhundert, an dessen Anfang schon die Krise der Moderne sichtbar wurde, nicht geschaffen hat? Man könnte verzweifeln, wenn man an Weltpolitik und Weltordnung denkt: drei verpaßte Chancen in einem Jahrhundert:

- nach dem Ersten Weltkrieg statt einer neuen Weltordnung und eines wirklichen Völkerbundes (»League of Nations«) ein noch nie dagewesenes Welt-Chaos;

- nach dem Zweiten Weltkrieg statt einer neuen Weltordnung und wahrhaft »Vereinten Nationen« (»United Nations«) eine noch nie dagewesene Welt-Teilung und jetzt

- nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus statt einer neuen Weltordnung und eines gemeinsamen »Hauses Europa« eine neue Welt-Unordnung.(6)

Gegen diese Verzweiflung, von der Küng spricht und die so etwas wie den im doppelten Sinne historischen Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet, setzt der erfolgreiche Intellektuelle nicht ohne das ihm eigene Pathos einen Plan, ja eine Lehre, mit Hilfe derer "Welt-Chaos", "Welt-Teilung" und "Welt-Unordnung" überwunden werden könnten. Emma Kanns Gedicht versucht, in einem gedanklichen, durch die Strophenform gegliederten Dreischritt den Anspruch eines solchen Planes einer Kritik zu unterwerfen, ohne ihn doch gänzlich außer Kraft zu setzen oder seine Fruchtbarkeit zu verkennen. "Vernunft" und "klares Denken" erscheinen in der ersten Strophe als "Geschenk an seine Zeit", werden in der zweiten Strophe aber dann mit einem Bild des Menschen konfrontiert, der "unberechenbar wie Meer und Wind" sei und allzu oft "an Wunsch und Triebe sich verschrieben" habe. In der dritten Strophe schließlich findet sich die Rationalität des Planes in einen "Laut", das "klare Denken" in ein "Meer der Töne" eingesenkt (und nicht versenkt), in dem sich in diskretem Rückgriff auf die Mythologie Zukunft als ein Verwobensein von Gegensätzen erweist, in dem sich "Wahnsinn" und "Vernunft" verbinden.

Oder sollte der einundzwanzigste Vers des Gedichts für das einundzwanzigste Jahrhundert just jenen "Wahnsinn mit Vernunft" prognostizieren, der das zurückliegende zwanzigste Jahrhundert so sehr prägte, aber bereits zu Beginn der Moderne in Goyas berühmtem Capricho mit dem vieldeutigen und vielgedeuteten Titel »El sueño de la razón produce monstruos« anklang? So läßt auch das Gedicht letztlich offen, ob es der Schlaf oder der Traum der Vernunft ist, der die Ungeheuer, den wahren Sinn des Wahn-Sinns erzeugt. Es berührt angesichts der Lektüre von Emma Kanns nur auf den ersten Blick einfachem, klar strukturiertem Gedicht eigentümlich, daß der spanische Maler genau zweihundert Jahre vor Küngs Buch über Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft gerade diesen Capricho seiner Sammlung insgesamt voranstellen wollte und dabei einen vorbereitenden Entwurf mit dem Zusatz versah: "Ydioma universal. Dibujado y grabado por Fco. de Goya año 1797"(7). Ist es eine zum Wahnsinn geronnene Vernunft, die nicht nur dem in Goyas Entwurf zusammengesunkenen Autor zum "Ydioma universal", zur Weltsprache wird? Gerät eine solche Weltsprache der Vernunft gar zu jener "Welt-Unordnung", welche die (neue) Ordnung der Welt, den neuen Plan für die Welt untergräbt?

Die in Küngs Projekt enthaltene massive und stets wiederholte Kritik an »Realpolitik« im Sinne einer Machtpolitik alten Stils - für die stellvertretend Machiavelli, Richelieu, Bismarck und Henry Kissinger auf der Anklagebank sitzen - und an einer vermeintlich »realistisch« ausgerichteten Theorie von Politik und Wirtschaft mündet keineswegs in eine grundsätzliche Rationalismuskritik, eine kritische Auseinandersetzung mit dem ein, was wir im abendländischen Kulturraum spätestens seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts unter Vernunft verstehen. Die Staatsraison, nicht aber die raison oder (Goyas) razón werden in diesem Projekt des letzten Jahrzehnts des zweiten Millenium auf den Prüfstand gestellt. Auch die Rede vom Ende der Moderne redet nicht der Postmoderne das Wort, sondern versucht vielmehr, die Religion, die in der Moderne ebenso verständlich wie unverzeihlich beiseite geschoben worden sei, wieder ins Zentrum des öffentlichen Lebens wie des öffentlichen Diskurses zu stellen. Im Gegenteil: Küngs Lehre erhält einen nicht mehr nur theologischen, sondern dogmatischen Unterton, ja verwandelt sich selbst in eine Doxa, wenn der "postmoderne Beliebigkeitspluralismus" gemeinplatzartig herbeizitiert wird.(8) Es sei "kein Rezept, die fade Suppe der Gleichgültigkeit den Menschen als »postmodernen Gesellschaftskonsens« servieren zu wollen".(9) In wenigen Sätzen wird nicht nur »postmodernes« Denken diffamiert, sondern ein Gutteil philosophischer und kulturtheoretischer Debatten der vergangenen Jahrzehnte beiseite gewischt. An einem letztlich transzendent fundierten Vernunftbegriff jüdisch-christlicher Tradition wird nicht gerüttelt: er wird - ganz wie es Emma Kanns Gedicht zu verstehen gibt - zur Grundlage eines Weltethos gemacht, das im Sinne Goyas den Anspruch erhebt, ein "Ydioma universal" zu entfalten. Steht hier nicht zu befürchten, daß ein Kosmos, eine harmonische Welt-Ordnung ersonnen wird, die als sueño de la razón nur eine Projektion des jüdisch-christlichen Abendlandes ist?

Bedeutungsvoll scheint mir, daß die deutsche Lyrikerin, welche die Welt und zugleich die Welt-Unordnung aus dem Blickwinkel des Exils kennenlernen mußte, die Unberechenbarkeit und mehr noch die Nicht-Gleichsetzbarkeit des Menschen mit den Gedanken in den Vergleich mit "Meer und Wind" kleidet und auf diese Weise die Kräfte der Natur - unter Einschluß auch der menschlichen Natur - gegen die Schönheit des wohldurchdachten Planes ins Feld führt. Ganz in jüdisch-christlicher Tradition erscheint die Natur in Küngs Projekt in der Tat nur dort, wo der Mensch ihrer habhaft geworden und zum Schutz der Schöpfung aufgerufen ist. Die Naturkräfte selbst geraten nicht in den Blick: Zwischen einer der ratio des Menschen im Umgang mit der Natur und einer dem göttlichem Ratschluß verpflichteten Schöpfer-Natur kommt kein eigener Bereich jenen Kräften der Natur zu, die doch jene Welt bilden, auf die sich das Ethos bezieht. Wie die Moderne im Sinne von Jürgen Habermas (10) ist das Weltethos ein unvollendetes Projekt, an dessen Vollendbarkeit die Debatten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nicht nur in Europa erhebliche Zweifel haben aufkommen lassen. Hier wie dort könnte die Unvollendbarkeit etwas mit der nicht aus-gedachten, ihren eigenen Ort nicht ausreichend mitreflektierenden Universalisierung des europäischen Denkens zu tun haben.

 

Anmerkungen:

(1) Küng, Hans: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft. München - Zürich: Piper 1997.

(2) Vgl. Küngs ein großes Publikumsinteresse auslösendes und enorm auflagenstarkes Buch Projekt Weltethos. München: Piper 1990; ich zitiere aus der dritten, im Mai 1996 erschienenen Taschenbuchauflage (München - Zürich: Piper) dieses Bandes.

(3) Zum Schaffen der erblindeten Dichterin vgl. mein Gespräch mit ihr: Was über die Zeit hinausgeht. Interview mit der Lyrikerin Emma Kann (Konstanz, 24.4.1991). In: Exil (Frankfurt am Main) XIII, 2 (1993), S. 33-40.

(4) Küng, Hans: Projekt Weltethos, a.a.O., S. 13.

(5) Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main: Insel 1979.

(6) Küng, Hans: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 19.

(7) Zitiert nach Goya. Caprichos - Desastres - Tauromaquia - Disparates. Textos de Alfonso E. Pérez-Sánchez. Madrid: Fundación Juan March 1979, S. 56.

(8) Küng, Hans: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, a.a.O., S. 187.

(9) Ebda. Dort heißt es weiter: "Nicht wenige Menschen gerade im Westen, vor allem diejenigen, die es sich leisten können, pflegen bekanntermaßen einen Lebensstil des Indifferentismus, Konsumismus und Hedonismus, und manche propagieren ihn auch schamlos in den Medien."

(10) Vgl. Habermas, Jürgen: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt (1980). In (ders.): Kleinere politische Schriften (I-IV). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981, S. 444-466.

 

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