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Alexander von
HUMBOLDT im NETZ

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HiN                                                     II, 2 (2001)
 
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International Review for Humboldtian Studies
Revista Internacional de Estudios Humboldtianos
Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien

 

Kurt-R. Biermann und Ingo Schwarz

Der Aachener Kongreß und das Scheitern der indischen Reisepläne Alexander von Humboldts

 

Abstracts

This article argues that a "Memoir about the Spanish Colonies in South America" allegedly written by Alexander von Humboldt in 1818 for the Holy Alliance’s Conference at Aix-la-Chapelle in reality never existed and therefore could not serve as an impediment to Humboldt’s effort to visit India.

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Este artículo argumenta que "Las Memorias sobre las colonias españolas en América del Sur" supuestamente escritas por Alejandro de Humboldt en 1818 para la Conferencia de la Alianza Sagrada en Aix-la-Chapelle en realidad nunca existieron. Por esta razón no fueron el impedimento del esfuerzo de Humboldt por viajar a la India.

 

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Über die Autoren

Kurt-R. Biermann

geb. 1919, Dr. rer. nat. habil. und Professor emeritus, leitete von 1969 bis 1984 die Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle an der Berliner Akademie der Wissenschaften. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle, Ehrenmitglied der Gauß-Gesellschaft in Göttingen und ein ehemaliger Vizepräsident der Académie internationale d’histoire des sciences in Paris. Biermann edierte die Briefwechsel A. v. Humboldts mit C. F. Gauß (1977), H. C. Schumacher (1979), P. G. Lejeune Dirichlet (1982); Briefe Humboldts an das preußische Kultusministerium(1985); Autobiographische Bekenntnisse Humboldts (2. Aufl. 1989). Seine A.-v.-Humboldt-Biographie erlebte zwischen 1980 und 1990 4 Aufl. (span. Übersetzung: México, 1990). Wichtige Ergebnisse seiner Humboldt-Forschungen wurden in dem Band "Miscellanea Humboldtiana" neu abgedruckt (1990). Zahlreiche Arbeiten zur Mathematikgeschichte, darunter "Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810-1933" (2. Ausg. 1988). Eine Bibliographie der Schriften Biermanns erschien als Heft 9 der "Berliner Manuskripte zur Alexander-von-Humboldt-Forschung" (4. Aufl. 1999).

Ingo Schwarz

Studium der englischen und russischen Sprache; 1979 Promotion am Fachbereich Amerikanistik der Humboldt-Universität; bis 1984 dort wissenschaftlicher Assistent. Seit 1989 an der "Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle" der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mitherausgeber des Briefwechsels zwischen Alexander von Humboldt und Emil du Bois-Reymond (mit Klaus Wenig, 1997) sowie der persischen und russischen Wortsammlungen Humboldts (mit Werner Sundermann, 1998). Veröffentlichungen insbesondere über Humboldts Beziehungen zu den USA.

 

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Soweit wir sehen, ist zum ersten Male 1853, also noch zu Lebzeiten Alexander von Humboldts, gesagt worden, er habe sich 1818 nach London begeben, "um seinen als preußischen Gesandten dort residierenden Bruder zu besuchen, sowie daselbst im Auftrag der verbündeten Mächte eine politische Übersicht der südamerikanischen Kolonien zu verfassen".(1) Von hier aus hat diese ohne Beweis ihrer Richtigkeit vorgetragene Behauptung ihren Weg in die Humboldt-Literatur genommen,(2) wobei aus der Ausarbeitung einer Expertise eine Materialsammlung für den genannten Zweck wurde.(3) Bis heute konnte indessen mit einer Ausnahme (siehe unten, Text zu Anm.11) keine Erwähnung dieser Arbeit in zeitgenössischen Akten, Protokollen, Briefen oder Zeitungen gefunden werden. Das veranlaßt die Verfasser, die Wahrscheinlichkeit dafür zu prüfen, daß jener Auftrag überhaupt erteilt worden ist und ob ein Zusammenhang mit Humboldts gescheitertem indischen Reiseprojekt bestehen könnte.

Vom 29. 9. bis 14. 11. 1818 trafen sich die Repräsentanten Österreichs, Rußlands, Englands und Preußens (bis auf England durch die Monarchen vertreten) sowie die jeweiligen Bevollmächtigten Minister zum Aachener Kongreß, um den "Heilige Allianz" genannten Viererbund zwischen diesen Mächten zu erneuern. Auf besondere Einladung nahm auch der französische Bevollmächtigte an einzelnen Sitzungen teil, wenn es um die Einbeziehung Frankreichs in die Quadrupelallianz ging.

Alexander von Humboldt verließ Paris, seinen damaligen Wohnort, am 14. 9. 1818, um sich über London nach Aachen zu begeben. Seine Ankunft in der britischen Hauptstadt am 19. 9. muß einiges Aufsehen erregt haben, denn der dortige Gesandte der Vereinigten Staaten Richard Rush fand sie einer kurzen Erwähnung in seiner Depesche nach Washington vom 28. 9. für würdig: "Baron Alexander Humboldt, celebrated traveller, and brother to the Prussian minister at this court, is here at present. He was introduced to the Prince Regent(4) a few days ago at a special court." Über den Zweck des Besuches scheint der Gesandte nichts in Erfahrung gebracht zu haben, wohl aber ein für seine Regierung wichtiges Detail zur bevorstehende Konferenz in Aachen: "I have information strongly inclining me to the belief, that nothing will be decided in relation to South America at the congress, if even its affairs will become a subject of deliberation."(5)

Humboldt wollte am 25. 10. 1818 in Aachen eintreffen, und zwar gab es drei Gründe, die ihn zur Reise veranlaßten: Erstens wünschten ihn der preußische König Friedrich Wilhelm III. und sein Staatskanzler Fürst Hardenberg "in ihrer Nähe" zu haben, wie Humboldt in seiner für den "Brockhaus" 1852 geschriebenen Autobiographie sagte.(6) Zweitens galt es für Humboldt, die definitive Zusage Preußens zu der ihm in Aussicht gestellten Finanzierung seiner indischen Reisepläne zu erwirken, ohne dazu von Paris nach Berlin reisen zu müssen. Voraussetzung für eine entsprechende Kabinettsorder war aber die Anwesenheit des Königs und seines Kanzlers in Aachen. Drittens schließlich hatte ihn sein Bruder Wilhelm dringend gebeten, bei Friedrich Wilhelm III. auf seine Abberufung aus London zu dringen, sich zu erkundigen, ob der König seine, Wilhelms, Briefe erhalten habe und nach Möglichkeit mit Friedrich Wilhelm III. über deren Inhalt zu sprechen.

Wir sind über diese Gründe für Alexanders Reise nach Aachen recht genau durch die Korrespondenz Wilhelm von Humboldts mit seiner Frau Caroline orientiert, in der dieser brieflich in aller Offenheit über seinen Bruder sprach. Kein Wort fällt hier über eine Denkschrift, mit deren Ausarbeitung oder Vorbereitung Alexander befaßt gewesen sein soll. Erwähnt wird die Audienz beim Prinzregenten vom 24. 9., es ist die Rede davon, daß Alexander in England "herumreisen" wollte, wir wissen, daß beide Brüder verschiedene Landsitze mit seltener Flora und Fauna besichtigten und sich ausführlich über Alexanders indische Reisepläne unterhielten, wobei auch die Schwierigkeit, das von China beherrschte Tibet zu erreichen, zur Sprache kam.(7) Schließlich lesen wir, daß sich Alexander ganz plötzlich zum Abbruch des Aufenthalts in London entschloß.(8) Die Ursache für seine Sinnesänderung war eine Zeitungsmeldung vom 7. 10., wonach die Souveräne bereits am 15. des Monats ihre Zusammenkunft beenden würden. So riet Wilhelm dem Bruder nach Kräften zu einer Programmänderung; schon einen Tag nach der erwähnten Pressemitteilung trat Alexander die Reise nach Aachen an. Das Fehlen jeder Erwähnung einer einschlägigen Humboldtschen Denkschrift sowohl in den Aachener Kongreßakten als auch in den Briefen der Brüder Humboldt aus jener Zeit veranlaßt zur Skepsis. Wann hätte denn überhaupt ein entsprechender Auftrag an Alexander erteilt werden können?

Die vier Mächte hatten zwar im November 1815 vereinbart,(9) die Monarchen oder ihre Minister sollten von Zeit zu Zeit zusammentreten, aber vor dem Aachener Kongreß hatte ein solches Treffen der Allianz nicht stattgefunden. Ein Ständiges Sekretariat des Viererbundes existierte nicht. Ein Auftrag an Humboldt hätte also ausführlichen Briefwechsel vorausgesetzt, von dem es aber keine Spuren gibt. Zu bedenken ist auch, daß die Ausdehnung einer sozialgeographischen Analyse, wie sie Humboldt für Mexiko veröffentlicht hatte,(10) auf sämtliche spanischen Kolonien in Amerika, die Humboldt ja nur zum Teil aus eigener Anschauung kannte, auch bei Beschränkung auf statistische Angaben während seines dreiwöchigen Aufenthalts in London gar nicht machbar gewesen wäre.

Die französische Geheimpolizei, die Humboldts Korrespondenz vor der Reise nach Aachen argwöhnisch verfolgt hatte, glaubte "que le savant prussien emportait au Congrès un long mémoire sur les colonies hispano-américaines qu’il avait autrefois visitées."(11) Demnach hätte Humboldt bei seiner Abreise aus Paris schon eine nahezu fertige Ausarbeitung über Südamerika im Gepäck haben müssen. Dieser Verdacht scheint jedoch von einem übereifrigen Geheimagenten gänzlich aus der Luft gegriffen worden zu sein, denn einen Beweis für seine Behauptung mußte er schuldig bleiben. Übrigens spricht er nicht von einer Auftragsarbeit.

Daß indessen Humboldts Expertenwissen gefragt war, können wir dem von der französischen Geheimpolizei abgefangenen und kopierten Brief Wilhelms an Alexander von Humboldt aus London vom 23. Oktober 1817(!) entnehmen, heißt es doch in ihm: "J’ai vu avec plaisir que tu as été consulté pour les affaires de l’Amérique; personne ne connaît en Europe ce pays aussi bien que toi."(12) Leider wird der Konsultant nicht genannt, dem Alexander 1817 als Konsulent diente. Es ist nicht auszuschließen, daß jene oder eine andere Konsultierung durch eine der vier Mächte die Vermutung ausgelöst hat, er sei mit der Ausarbeitung eines Memorandums für den Viererbund beauftragt worden.

Nicht unerwähnt bleiben sollen hier die "Bemerkungen" Humboldts, welche er einer dem Außenministerium der Vereinigten Staaten im November 1818 von Joel Roberts Poinsett vorgelegten "Statistischen Übersicht des Vize-Königreiches Peru" bei ihrer deutschen Veröffentlichung hinzufügte und in denen er sich auf eigene "neueste Untersuchungen" bezog.(13) Ob es sich dabei um Vorarbeiten für eine Neuausgabe des "Mexiko-Werkes" oder gar um das geheimnisvolle Memorandum gehandelt haben könnte, wissen wir nicht.

Fazit: Höchstwahrscheinlich ist die Behauptung, Alexander von Humboldt habe in London nach Einberufung des Aachener Kongresses Material für ein von ihm gefordertes Memorandum der genannten Art gesammelt, in das Reich der Fabel zu verweisen.

Es wurde oben schon erwähnt, daß der preußische König und dessen Kanzler Humboldts Anwesenheit in Aachen wünschten. Es versteht sich, daß sie ihn in erster Linie dort nicht erwarteten, um von ihm eine Bitte um Geld entgegenzunehmen, sondern um sich im Bedarfsfall seiner Personen-, Orts- und Sachkenntnis bedienen zu können. Tatsächlich kamen auf dem Aachener Kongreß Lateinamerika betreffende Fragen zur Sprache, die Beratung mit einem Kenner der Materie erforderlich machten, wie etwa die Bitte des spanischen Königs Ferdinand VII. um Vermittlung zwischen der spanischen Krone und ihren aufständischen Kolonien in Amerika. Sie blieb unerfüllt, weil England nichts daran gelegen sein konnte, durch Restauration der spanischen Herrschaft seine neuen amerikanischen Märkte wieder zu verlieren.(14)

Der zweite Grund für Alexanders Reise nach Aachen wurde bereits berührt: Es galt für ihn, die definitive Zusage zu der ihm in Aussicht gestellten Finanzierung seiner indischen Reisepläne zu erwirken. Das aber war nur möglich, so lange noch König und Kanzler in Aachen weilten. Darum die plötzliche Abreise von London nach Aachen - er wollte nicht zu spät kommen.

Wenige Tage nach Ankunft in Aachen trug Humboldt am 18. 10. 1818 seine Bitte um Mittel für die projektierte Reise nach Indien vor.(15) Bereits am folgenden Tage bewilligte Friedrich Wilhelm III. je 12.000 Taler für vier bis fünf Jahre sowie das erforderliche, Staatseigentum bleibende Instrumentarium, für welches 1819 noch einmal 12.000 Taler genehmigt wurden.(16)

Soweit war also die Rechnung Humboldts seinen optimistischsten Erwartungen entsprechend (er hatte 10 bis 12.000 Taler jährlich für vier bis fünf Jahre sowie die benötigten astronomischen und physikalischen Instrumente beantragt) aufgegangen, und dennoch wurde aus der Reise nichts. Bevor wir die Frage nach dem Warum? zu beantworten versuchen, sind zunächst einige Worte über die asiatischen Reisewünsche Humboldts vonnöten.

Seitdem der damals 24jährige 1793 zum ersten Mal Ziele in Asien für seine Reisepläne genannt hatte, begegnen wir immer wieder in seinen Briefen und Gesprächen der Absicht, nach Asien zu reisen.(17) Zweimal (1810/12 und 1818/20) schien die Realisierung seines Vorhabens unmittelbar bevorzustehen, aber erst 1829, ein Vierteljahrhundert nach der Rückkehr von seiner berühmten amerikanischen Forschungsreise (1799-1804), konnte er seinen Vorsatz in der modifizierten Form einer Reise nach Sibirien verwirklichen. 1812 war es der Krieg, der es verhinderte, dem Projekt näherzutreten. Dem Grund für das Scheitern der Planung zu Ende des zweiten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts wollen wir uns nun zu nähern versuchen.

Eine denkbare Ursache des Fehlschlags könnte eine England nicht genehme Denkschrift Humboldts über die politische Situation in Lateinamerika gewesen sein, aber wir haben oben gezeigt, daß ein solches Memorandum weder gefordert noch ausgearbeitet worden sein dürfte. Von Bedeutung für die Beantwortung der Frage nach dem Grund für die Verweigerung der Erlaubnis zu einer Expedition nach Indien ist jedoch die folgende Passage in der genannten Eingabe Humboldts an Hardenberg vom 18. 10. 1818:

"Der Prinz-Regent von Großbritannien, von unserm Könige im Jahre 1814 persönlich aufgefordert,(18) hat er mir die erneuerte Versicherung seines Schutzes gegeben. Die Schwierigkeiten, welche die Englisch-ostindische Compagnie mir in den Weg legen könnte, sind durch meine Verbindungen mit den Directoren, die die größte Unabhängigkeit von dem Ministerium behaupten und mich mit besonderm Wohlwollen behandeln, fast ganz entfernt. Der Minister des ostindischen Departements, Hr. Canning, ist mein persönlicher Freund. Es bleibt mir daher zur völligen Sicherung meines Unternehmens nichts mehr übrig, als die durch die wohlwollende Fürsprache Ew. Durchlaucht zu erlangende Entscheidung des Königs [über die Kostenübernahme durch den preußischen Staat]."(19)

Hier fällt zunächst einmal der Widerspruch ins Auge zwischen der Aussage Humboldts, die Schwierigkeiten, die die Ostindische Kompanie seiner Reise machen könnte, seinen fast beseitigt, und der Feststellung, es stehe nun nur noch die pekuniäre Beihilfe durch Friedrich Wilhelm III. aus. Noch ein zweiter Widerspruch ist augenfällig: Einerseits wird konstatiert, die Direktoren der Kompanie bewahrten "die größte Unabhängigkeit" vom Ministerium, zum anderen führt er auf der Habenseite seine persönliche Freundschaft mit George Canning auf, der als der für Indien zuständige Minister der Regierung angehörte. Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß jeder Bittsteller, bewußt oder unbewußt, die seinem Anliegen günstigen Umstände besonders hervorhebt, die ihm hinderlichen Faktoren aber verharmlost. Ganz so handelte auch Humboldt. Er wollte Hardenberg glauben machen - vermutlich glaubte er es selbst -, daß die Bedenken der Ostindischen Kompanie gegen seine Reise nahezu vollständig ausgeräumt seien. Zwar hatte der englische Prinzregent seine früheren Versprechungen von 1814 und 1817 am 24. 9. 1818 bei der erwähnten Audienz erneuert, zu der er beide Brüder Humboldt empfangen hatte. Die Einflußmöglichkeiten des Regenten waren jedoch höchst beschränkt. Dieser Tatsache war sich Alexander wohl bewußt, hatte er doch selbst die Unabhängigkeit der Direktoren der Ostindischen Gesellschaft betont, welche das Monopol des Indienhandels besaß und in Britisch-Indien das Sagen hatte. Die Kompanie konnte weitestgehend ihre Souveränität in ihrer Beschlußfassung sowohl gegenüber der Krone wie auch gegenüber der englischen Regierung behaupten, ohne ihre Zustimmung lief in Britisch-Indien nichts. Und daß diese Einwilligung zu Humboldts Reise im Oktober 1818 eben noch nicht erteilt worden war, haben wir soeben von Humboldt selbst gehört.

Weder 1818 noch in späteren Jahren ist Humboldt das Reise in Indien gestattet worden. Daß dies nicht durch anstößige Stellen in einem Memorandum Humboldts über Lateinamerika verursacht worden ist, haben wir oben darzulegen versucht. Es müssen andere Gründe die Verweigerung der Einreiseerlaubnis veranlaßt haben. Welche hätten dies sein können?

Die widerstreitenden Interessen Englands und Frankreichs in Indien bis zur Durchsetzung der englischen Oberherrschaft rieten der Ostindischen Kompanie zur Vorsicht bei der Gewährung einer Reiseerlaubnis. Nun war zwar Humboldt kein Franzose, aber er hatte seinen festen Wohnsitz in Paris von Ende 1807 bis April 1827. So, wie ihn Napoleon für einen preußischen Spion gehalten hatte, so machte ihn nun seine Integration in das französischen Geistesleben in den Augen der Ostindischen Kompanie verdächtig. Auch die Gegensätze zwischen den Interessen Englands und Rußlands im nordindischen Grenzgebiet waren nicht geeignet, Vorbehalte gegenüber einem Manne abzubauen, dessen Verhandlungen mit russischen Autoritäten über eine Expedition in die Zentralasiatischen Gebiete 1812 weit gediehen und nur durch die Invasion Napoleons in Rußland gegenstandslos geworden waren. So bot auch die Finanzierung der Reise nach Indien durch den preußischen König, den Schwiegervater des nachmaligen Zaren Nikolaus I., der Ostindischen Kompanie Anlaß zu weiteren Bedenken. Was aber besonders gegen ihn sprach, war seine publizierte freimütige Berichterstattung über die von ihm in Mexiko festgestellten kolonialen Mißstände, gelegentlich unter direkter Nennung der Parallele Hindostan(!).(20) Was konnte die East India Company ihr Genehmes erwarten von den Berichten eines Reisenden, der in Mexiko moniert hatte: "die Grausamkeit der Europäer", das "mehr oder minder klägliche Schicksal der ärmsten und zahlreichsten Klassen der Gesellschaft", die "Beschränkung aller intellektuellen Entwicklung" auf die Weißen, in deren Besitz allein sich "beinahe alle Reichtümer" befänden?(21)

Die Antwort liegt auf der Hand: Die British East India Company konnte kein Interesse an einer Forschungsreise Alexander von Humboldts haben. Hätte er sich auf einige Gegenden und auf ausgewählte geologische und "naturhistorische" Forschungsthemen festgelegt, so hätte die Company möglicherweise die Erlaubnis gegeben, wie sie auch anderen Reisenden erteilt worden ist.(22) Von den politischen Aspekten einmal abgesehen - das, was Humboldt über seine Reiseroute und seine Aufgabenstellung verlautbart hat, war unbestimmt und vage. Das Fehlen eines konkreten, örtlich und sachlich begrenzten Reiseplanes, der auch den möglichen Nutzen für die Ostindische Kompanie deutlich gemacht hätte, und auf der anderen Seite die in Aussicht stehende Kritik an der britischen Herrschaft mußten Humboldts Einreise absolut unerwünscht erscheinen lassen.

Daß dies keine leeren Spekulationen sind, wird durch das Urteil eines Insiders erhärtet. Der englische Ingenieuroffizier und Forschungsreisende Richard Strachey äußerte sich 1849 in Kalkutta so: "Men of science will still long have to regret that this illustrious traveller was prevented from visiting the east; Englishmen alone need remember that he was prevented by them."(23)

Die Ostindische Gesellschaft hat offensichtlich Humboldt gegenüber eine Politik der hinhaltenden Verzögerung verfolgt und keine bündige Ablehnung ausgesprochen, aber eben auch keine Zustimmung gegeben. Nur so ist es zu erklären, das Humboldt noch 1822 an die Verwirklichung der Pläne glaubte. Aber etwa in jenem Jahr dürfte ihm klar geworden sein, daß er in Indien nicht werde reisen dürfen. Er hat sich darüber später sehr zurückhaltend geäußert: "Umstände, deren nähere Angabe gegenwärtig [1843] für das Publicum kein Interesse mehr haben dürften, veranlaßten mich, einen andern Weg einzuschlagen und ein Vorhaben aufzugeben, welches meine Phantasie so lange Zeit auf’s Lebhafteste beschäftigt hatte."(24)

Daß Humboldt aus der Geschichte dieses Fehlschlags gelernt hat, ist aus dem Brief, den er am 17. 7. 1829 aus Katharinenburg an den russischen Finanzminister Cancrin richtete zu ersehen, schrieb er doch darin, er werde sich "auf die tote Natur beschränken und alles vermeiden, was sich auf Menschen-Einrichtungen, Verhältnisse der untern Volksklassen" beziehe, denn "was Fremde, der Sprache unkundige, darüber in die Welt" brächten, sei "immer gewagt, unrichtig und bei einer so komplizierten Maschine, als die Verhältnisse und einmal erworbenen Rechte der höhern Stände und die Pflichten der untern darbieten, aufreizend, ohne auf irgend eine Weise zu nützen!"(25) Einen solchen "Knicks", um mit Fallada zu sprechen, hat er der Ostindischen Kompanie gegenüber verabsäumt, zehn Jahre danach aber den russischen Autoritäten gegenüber die Konsequenzen gezogen.

So lange nicht die Akten der East India Company in der British Library (India Office Library and Records) in London systematisch auf Erwähnungen der indischen Reiseabsichten Humboldts durchgearbeitet worden sind, können die vorstehenden Überlegungen nur den Rang von Plausibilitätsbetrachtungen beanspruchen. Es ist durchaus möglich, daß sich am genannten Ort oder auf dem Autographenmarkt Dokumente finden, die zur Änderung des hier entworfenen Geschichtsbildes zwingen. Es war das wichtigste Anliegen der obigen Darlegungen, neue Forschungen, insbesondere auch in England, anzuregen.

 

Auswahl potentieller Humboldtscher Reiseziele in Asien
(vor seiner Reise von 1829) 

1793

Sibirien

1801 Philippinen, Surat, Basra, Palästina
1805 nördlichstes Asien
1807/08 nördliches Indien, Tibet, Quellen des Indus
1809 Kalkutta, Benares, Samarkand, Innerasien, Kunlun, Turkestan
1810 Bengalen, Indien, Tibet, Innerasien
1812 Oberindien, Himalaja, Tibet, Sibirien, Asien unter den Breitengraden 58 bis 60, Zentralasiatische Gebirge, Kaschgar, Jarkand, Buthan, Samarkand, Kabul, Kaschmir, Mustagh, Schamo (Gobi), Kamtschatka, Quellen des Ganges, Benares, Bombay, Ceylon (Sri Lanka), Malacca, Java
1814 Teheran, Herat, Indien
1819 Konstantinopel, Angora (Ankara), Ararat, Persien, Schiras
1822 Philippinen, Bengalen
1827 Ural, Ararat, Baikal-See

 

 

Literatur

Avé-Lallemant 1872
Robert Avé-Lallemant: Alexander von Humboldt. Sein Aufenthalt in Paris (1808-1826). In: Karl Bruhns (Hrsg.): Alexander von Humboldt. Bd. 2. Leipzig 1872, S. 3-92.

Beck 1961. 2
Hanno Beck: Alexander von Humboldt. Bd. 2. Wiesbaden 1961.

Beck 1991. 4
Hanno Beck (Hrsg.): Mexico-Werk. Politische Ideen zu Mexico. Darmstadt 1991 (Alexander von Humboldt. Studienausgabe. Bd. 4.)

Biermann 1973
Kurt-R. Biermann: Alexander von Humboldts Forschungsprogramm von 1812 und dessen Stellung in Humboldts indischen und sibirischen Reiseplänen. In: Studia z dziejów geografii i kartografii. Wroclaw & cet. 1973 (Polska Akademia Nauk. Monografie z dziejów nauki i techniki. T. 57.), S. 471-483.

Biermann 1989
Kurt-R. Biermann (Hrsg.): Alexander von Humboldt. Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. 2. Aufl. München 1989.

Bussenius 1853
[Arthur Friedrich Bussenius:] Alexander von Humboldt. Cassel 1853.

Daudet 1912
Ernest Daudet: La police politique. Chronique des temps de la Restauration. 1815-1820. 2ème éd. Paris 1912.

Humboldt 1844. 1
Alexander von Humboldt: Central-Asien. Untersuchungen über die Gebirgsketten und die vergleichende Klimatologie. Bd. 1. Berlin 1844.

Humboldt 1869
Im Ural und Altai. Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Graf Georg von Cancrin aus den Jahren 1827-1832. Leipzig 1869.

Klencke 1870
Hermann Klencke: Alexander von Humboldts Leben und Wirken, Reisen und Wissen. Ausg 6. Abdruck 2. Leipzig 1870.

Löwenberg 1872
Julius Löwenberg: Alexander von Humboldt. Sein Reiseleben in Amerika und Asien. In: Karl Bruhns (Hrsg.): Alexander von Humboldt. Bd. 1. Leipzig 1872, S. 307-452.

Poinsett 1825
[Joel Roberts] Poinsett: Statistische Uebersicht des Vize-Königreichs Peru. Dem Staatssecretair der Vereingten Staaten von Nordamerika vorgelegt am 4ten November 1818. Nebst Bemerkungen von Alex. Freiherr v. Humboldt. In: Hertha. Bd. 3. 1825, S. 753-766.

Rush 1818
Richard Rush an U.S. Außenminister John Quincy Adams, London 29. 9. 1818. In: Despatches from U.S. Ministers to Great Britian. Microfilm Edition, Reel 19, Vol. 23. Washington, D.C. 1954.

Schieder 1992
Theodor Schieder: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich. 14. Aufl. München 1992 (Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 15.)

Sydow 1913. 6
Anna von Sydow (Hrsgn.): Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen. Bd. 6. Berlin 1913.

Treitschke 1927. 2
Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. T. 2. Leipzig 1927.

 

Anmerkungen:

 

(1) Bussenius 1853, S. 138.

(2) Zuerst Klencke 1870, S. 236.

(3) Zuerst Avé-Lallemant 1872, S. 76, danach bis in die Gegenwart in weiteren Humboldt-Biographien.

(4) Der spätere König Georg IV. (1762-1830).

(5) Rush 1818.

(6) Biermann 1989, S. 83 und 115.

(7) Sydow 1913. 6, S. 316-334; es ist anzunehmen, daß Alexander von Humboldt wieder bei der East India Company wegen seiner indischen Reiseabsichten vorgesprochen hat, wie zuvor schon 1814 und 1817; vgl. Beck 1961. 2, S. 44.

(8) Sydow 1913. 6, S. 335-337.

(9) Schieder 1992, S. 37.

(10) Beck 1991. 4.

(11) Daudet 1912, S. 329.

(12) Daudet 1912, S. 336.

(13) Poinsett 1818.

(14) Treitschke 1927. 2, S. 467.

(15) Löwenberg 1872, S. 429-431.

(16) Löwenberg 1872, S. 432.

(17) Vgl. die beigefügte Liste mit Reisezielen in Asien.

(18) Bei der Anwesenheit des von Alexander von Humboldt begleiteten Friedrich Wilhelm III. in London.

(19) Löwenberg 1872, S. 430-431.

(20) Beck 1991. 4, S. 157.

(21) Beck 1991. 4, S. 163, 186, 210, 213.

(22) Genannt seien beispielshalber als Nichtengländer nur der französische Geologe Victor Jacquemont (1829/32 im Tal des Ganges und im Punjab) und der österreichische Naturforscher Carl von Hügel (1835 in Kaschmir).

(23) Biermann 1973, S. 476.

(24) Humboldt 1844. 1, S. 611.

(25) Humboldt 1869, S. 74-75.

 

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