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Unterwegs in den Anden – 7. März 2019: Von Salzseen und Elektromobilität

Reisetagebuch: Doktoranden auf Exkursion in Nordwestargentinien
Salar de Pocitos. Foto: Gregor Lauer-Dünkelberg.

Salar de Pocitos. Foto: Gregor Lauer-Dünkelberg.

San Antonio de los Cobres um 7 Uhr früh. Wir schauen aus dem Fenster und sehen die ersten Sonnenstrahlen am gegenüberliegenden Berg, der mit seinen sanften, grasbewachsenen Hängen nichts über seine Höhe von über 4000 Metern verrät.

Viele Städte in Argentinien haben einen Beinamen: Salta, la linda („die Schöne“); Tucumán, el jardin de la Republica („der Garten der Republik“) oder Jujuy, la tacita de plata („die kleine Tasse aus Silber“). Zu San Antonio ist den Argentiniern nichts eingefallen. Schönheit oder einen gewissen Charme kann man dieser Stadt leider nicht nachsagen. Es handelt sich um eine schmucklose Bergbausiedlung und ein kommerzielles Zentrum mit einer Bahnstation – ohne die schöne Kolonialarchitektur, die wir in den anderen Kleinstädten im Calchaquí-Tal bewundern konnten. Nichtsdestotrotz treffen wir auch hier auf Zeichen von Tourismus, der sich durch zahlreiche Werbesticker verschiedener Extremurlaub-Anbieter an der Tür unserer Unterkunft manifestiert. Deshalb müssen wir in dieser abgelegenen Stadt auch auf keinerlei Infrastruktur verzichten: Hotels, Restaurants und Despensas (argentinische Tante-Emma-Läden) sind ausreichend vorhanden, sodass wir erst einmal – eigentlich schon wieder – Proviant in Form von Hartkäse, Tomaten und Brot kaufen. Denn wir wollen heute noch weiter westlich Zeugen ehemaliger feuchter Klimabedingungen ansehen – Salzseen und deformierte Sedimente im Salar de Pocitos. Diese Region ist unwirtlich und dünn besiedelt, aber von einer kaum zu beschreibenden Schönheit. Salzseen wechseln sich mit schneebedeckten Vulkanen und spärlich bewachsenen Schwemmebenen ab. Auf diesen Höhen wächst auch Llareta, eine harte, intensiv grüngefärbte Pflanze, die von den einheimischen Hirten aufgrund ihres Harzgehaltes gern zum Anzünden von Lagerfeuern verwendet wird.

Während der Fahrt zeigt sich die Puna in ihrer typisch ariden Vegetation, verbunden mit einem strahlend blauen Himmel und der unerbittlichen Sonne. Viele von uns lernen auf eine harte Art und Weise, dass viele Pflanzen dieser Region mit zentimetergroßen Dornen bestückt sind, um sich vor den gierigen Lama- und Vicuña-Herden zu schützen. Gegen die unnachgiebige Sonnenstrahlung haben die meisten von uns sich bereits eine zweite Haut mithilfe von 50er Sonnenschutzcremes „zugelegt“, mit der wir uns das Gesicht und andere freie Körperteile bis zur Bleiche einbalsamieren. Wir sehen zum Fürchten aus.

Im Westen von San Antonio de los Cobres wollen wir zunächst Basalte der nahegelegenen Vulkane Chorrillos und Geronimo studieren. Leider hängt aber die Hälfte der Gruppe in ihrem Bus fest, dessen automatische Tür von Tag zu Tag beschwerlicher zu öffnen war und nun endgültig versagt hat. ¡Estamos enjaulados! Wir sind gefangen und wollen hier raus! Nach einer zehnminütigen Unterbrechung schaffen es dann doch noch alle zum Aufschluss am Fluss, an dem, neben den ungefähr 200.000 Jahre alten Basalten, auch tektonisch angehobene Flussterrassen erklärt werden. Bei den Flüssen innerhalb der Puna gibt es Besonderheiten, da das Hochplateau durch die angrenzenden Gebirgszüge keine Abflussmöglichkeiten bietet und keine Täler vom Hochplateau in die angrenzenden Vorlandbereiche führen. Somit werden jegliche Erosionsprodukte der Flüsse in Endseen abgelagert. Da aufgrund der hohen Sonneneinstrahlung Wasser schnell verdampft, bleiben zudem die gelösten Salze zurück und bilden die für die Puna typischen Salzpfannen. In diesen Salzseen tummeln sich oftmals Flamingos und erzeugen mit ihrem rosa Gefieder einen farblichen Kontrast zur sonst sehr kargen Landschaft.
Wir steigen wieder in unsere Busse, um zum Ziel am Salar de Pocitos zu fahren. Wir werden aber in der Nähe eines alten Bahngeländes aufgrund eines Vergaserproblems zur Mittagspause gezwungen. Glücklicherweise hilft man sich auf der Puna gegenseitig und das Fahrzeug ist innerhalb kürzester Zeit durch die Unterstützung mehrerer Autofahrer wieder fahrtauglich. Bevor wir unser Ziel erreichen, halten wir noch an der Gemeinde Olacapato, in der sich eine der größten Solarenergieanalagen von Südamerika befindet, die demnächst ans Netz gehen soll. Eine Diesellokomotive der Ferrocarriles Argentinos fährt mit zahlreichen Waggons vorbei, die mit Borax aus den Minen an der chilenischen Grenze beladen sind. In dieser Einsamkeit freut sich der Lokomotivführer über unser Winken und lässt das laute Horn mehrfach erklingen.

Dann eröffnet sich eine fast unwirkliche Landschaft im Gebiet des Salzsees von Pocitos. Wir fahren auf einer mit Ton befestigten Straße durch den Salzsee bis etwa zur Mitte und schauen uns diese einzigartige Landschaft genauer an: Gezeichnet durch aufgesprungene Salzkrusten und Schrumpfungsrisse, wirkt die Mischung aus Salzkristallen und rötlich-braunem Ton fast verschorft. Allerdings sehen wir bei einem Blick nach Osten das wasserbedeckte, türkisblaue Salzbecken, das zunächst einmal wie die Lagune eines Korallenriffs im Pazifik anmutet. Aber keine Korallen hier! Im Untergrund befindet sich lithiumhaltige Salzlauge – das Gold des Technologiezeitalters und Objekt internationaler Interessen, aber auch Gegenstand von Beschwerden und Konflikten mit der lokalen Bevölkerung, die die Wasserrechte besitzt.

Obwohl Lithium weltweit vorkommt, wird das Leichtmetall zunehmend zu einem strategischen Rohstoff, u.a. für die Produktion von Elektroautos, Energiespeichermedien und Mobiltelefone sowie der Keramik- und Glasverarbeitung. Die Suche nach Lithium-Lagerstätten mit hohem Anreicherungsgrad hat höchste Priorität für die Weltwirtschaft, insbesondere zur Sicherung der Mobilität. Derzeit sind weltweit Lithium-Lagerstättenreserven von etwa 40 Millionen Tonnen bekannt, doch  davon sind nur rund 13 Millionen Tonnen unter ökonomisch vertretbaren Bedingungen abbaubar. Aus diesem Grund werden die Endseen in Argentinien, Chile und Bolivien intensiv untersucht.

Nach einigen Diskussion zum Thema Lithium steigen wir wieder in unsere Dieselfahrzeuge, sehen uns noch alte Seeterrassen aus einer feuchteren Klimaperiode vor 40.000 Jahren an – und machen uns dann auf den langen Rückweg nach San Antonio de los Cobres.

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Text: Gregor Lauer-Dünkelberg
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde