Vorlesungs- und Lehrendenverzeichnis

WiSe 2019/20

Zerst√ľckelt, begehrt, verkleidet: K√∂rperpolitiken von Sade bis Butler

Markus Lenz

PULS

Vom Mittelalter √ľber die Fr√ľhe Neuzeit bis zur Gegenwart spielt der K√∂rper stets eine politische Rolle, welche sp√§testens ab der Moderne auch breitere Schichten der Gesellschaft als k√∂rperliche Wesen in staatsrechtlichen und sozialen Zusammenh√§ngen erfasste, wie sie vorher vor allem den K√∂rper der Herrschenden betrafen.
Verschiedene Staats- und Herrschaftsformen zeitigten auch unterschiedliche Reaktionsweisen, die K√∂rperlichkeit des Menschen zu denken und zu formen. Strategien der Entm√§chtigung und Erm√§chtigung spielten dabei eine entscheidende Rolle f√ľr das Selbstverst√§ndnis von Gesellschaft und Individuum. Ebenso war die offensive Darstellung oder aber Verkleidung der eigenen K√∂rperlichkeit eine M√∂glichkeit gesellschaftlicher Kommunikation und des Protestes.

Lange Zeit war dabei die Darstellung von K√∂rperlichkeit durch eine hierarchische Unterordnung unter Geistigkeit, Geist, Logos und Vern√ľnftigkeit des Menschen gepr√§gt. Dieses Denken fand den wohl deutlichsten Niederschlag in Ren√© Descartes Zwei-Substanzen-Lehre.
Nach der biologischen Wende, welche zu Beginn und Mitte des 19. Jahrhunderts in der Philosophie durch die Texte Arthur Schopenhauers und den aufkommenden Positivismus begleitet wurde, geriet der Körper immer mehr in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses.

In der Literatur stand die K√∂rperlichkeit des Menschen jedoch stets im Focus des Erz√§hlens oder Dichtens und stellte einige literaturgeschichtliche Haupttopoi von der Antike √ľber das Mittelalter bis zur Moderne. Von den Epen des Altertums bis zu Rabelais war der Mensch untrennbar mit seinen k√∂rperlichen, sexuellen, gustatorischen, infantilen und senilen, privaten und √∂ffentlichen Bed√ľrfnissen, seinen Formungen und Inszenierungen von K√∂rperlichkeit konzipiert. Und stets wurde der einzelne K√∂rper im Zusammenhang mit Kollektiven repr√§sentiert und erz√§hlt.

Wir werden uns ausgehend von den theoretischen Arbeiten des französischen Philosophen und Machttheoretikers Michel Foucault, der Philosophinnen Simone de Beauvoir und Judith Butler literarischen Texten aus den Romania zuwenden, welche seit Ende des 18. Jahrhunderts den Körper als politischer Entität reflektieren und unterschiedliche Zeit- und Gesellschaftsverhältnisse in der Vielfalt der Körperpolitiken widerspiegeln und inkarnieren.

Ausgehend von den Schriften des Marquis de Sade zur Zeit eines ersch√∂pften Feudalismus und Absolutismus werden wir Texte der franz√∂sischen und Romantik und des Realismus sowie die darin aufscheinenden und verarbeiteten K√∂rperpolitiken diskutieren, um uns schlie√ülich nach einer Auseinandersetzung mit dem Zolaschen Naturalismus dem 20. Jahrhundert zuzuwenden, welches zahlreiche Texte als Meilensteine einer selbstbestimmten K√∂rperlichkeit aufzuweisen hatte, sich mit den Themen sozialer Ungleichheit zwischen M√§nnern und Frauen, kolonialistischer Unterdr√ľckung und Objektivierung der Kolonialsubjekte, den Mechanismen heteronormativer Einordnungen und Kategoriserungen des K√∂rpers nach Geschlecht, Rasse und Religion, und der Diversit√§t geschlechtlicher Beziehungen auseinandersetzen musste.

Literatur

Zur Vorbereitung:
Philipp Sarasin: Foucault zur Einf√ľhrung, Junius, 2012.
Karin Ludewig: Die Wiederkehr der Lust: Körperpolitik nach Foucault und Butler, Campus, 2002.
Thomas Bedorf, Tobias Nikolaus Klass: Leib - K√∂rper - Politik: Untersuchungen zur Leiblichkeit des Politischen, Velbr√ľck Wissenschaft, 2015.

Zur Vertiefung:
Simone de Beauvoir: Le Deuxième Sexe, Gallimard 1949.
Michel Foucault: Histoire de la sexualité, Gallimard:
t.I, La Volonté de savoir (1976)
t.II, LUsage des plaisirs (1984)
t.III, Le Souci de soi (1984)
t.IV, Les aveux de la chair (2018)
Judith Butler: Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity, 1990, Routledge
Judith Butler: Bodies That Matter: On the Discursive Limits of Sex, Routledge, 1993.

Leistungspunkterwerb

Voraussetzung f√ľr den Erwerb von Leistungspunkten sind - neben regelm√§√üiger und aktiver Mitarbeit - das selbst√§ndige Erarbeiten und die Pr√§sentation eines Referats sowie das Erstellen eines detaillierten Handouts unter Angabe aller verwendeter Quellen.

Studiengänge und Module

LPSWSbenotet
B2 Französische Philologie 2006
  2082 
Literarische Textanalyse, Fortgeschrittenes Wissen: Literaturwissenschaft
3
2
ja
  21202 
Literaturwissenschaft, Sprach-, Literatur- oder Kulturwissenschaft
3
2
ja
B2 Französische Philologie 2019
  274622 
Seminar (Seminar), ROF_BA_001 Vertiefungsmodul Literaturwissenschaft - Französisch
4
2
ja
BL Französisch 2004
  2082 
Literarische Textanalyse, Fortgeschrittenes Wissen: Literaturwissenschaft
3
2
ja
  21202 
Literaturwissenschaft, Sprach-, Literatur- oder Kulturwissenschaft
3
2
ja
BL Französisch 2013
  270721 
Seminar 1, ROF_BA_AL Aufbaumodul Literaturwissenschaft Französisch
3
2
nein
  270722 
Seminar 2, ROF_BA_AL Aufbaumodul Literaturwissenschaft Französisch
3
2
nein
Orientierungsstudium (Schwerpunktstudium) 2019
  274622 
Seminar (Seminar), ROF_BA_001 Vertiefungsmodul Literaturwissenschaft - Französisch
4
2
ja
Studium+ 2013
  426411 
Vorlesung oder Seminar , Geschlecht in Text und Kontext (Ba-SK-A-12)
6
2
nein

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Philosophische Fakultät
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam

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