Vorlesungs- und Lehrendenverzeichnis

WiSe 2019/20

Ketzer, Reformer und Grenzgänger des Kommunismus

Mario KeĂźler

PULS

Das lange 20. Jahrhundert war auch vom Versuch der Kommunisten, eine nichtkapitalistische Gesellschaft aufzubauen, geprägt. Er scheiterte, da die kommunistische Weltbewegung, die sich an der Sowjetunion orientierte, mehr und mehr zu einem Instrument ihrer Außenpolitik wurde.

Doch gab es auch innerhalb kommunistischer Parteien und ihrer Führungsgremien Persönlichkeiten, die sich um eine Demokratisierung des Kommunismus als Ideologie oder Glaubensgemeinschaft, Bewegung und Staatenwelt bemühten. Ebenso wird das Wirken von Männern und Frauen behandelt, die sich unterschiedlich weit vom Kommunismus entfernten, denen er aber nie gleichgültig wurde. Von solchen Reformern und Dissidenten sowie den Gründen, warum die zahlreichen innerkommunistischen Reformen scheiterten, handelt diese Lehrveranstaltung.
Ablauf der Lehrveranstaltung:

15.10.: 1. Sitzung: EinfĂĽhrung.

22.10.: 2. Sitzung: Eine demokratische Alternative zu Lenin? Rosa Luxemburg

– Rosa Luxemburg (1871-1919) – eine mehrfache Außenseiterin.
– Parteiverständnis jenseits von zeitgenössischer Sozialdemokratie und Leninismus.

Literatur: Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution (1918), in: Dies., Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974 (und weitere Auflagen), S. 332–362 oder in: Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden, Berlin 1990, S. 111-164 (auch herunterzuladen unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/index.htm).

29.10.: Keine Lehrveranstaltung!

05.11.: 3. Sitzung: Permanente Revolution und BĂĽrokratie-Kritik: Leo Trotzki

– Leo Trotzki (1879-1940): Die Theorie der permanenten Revolution.
– Trotzkis Faschismus-Analyse.
– Die „Verratene Revolution“: Trotzkis Kritik der Stalin-Bürokratie.

Literatur: Leo Trotzki, Was bedeutet „Permanente Revolution“? (1930 Auszug aus dem Buch: Die permanente Revolution), in: Leo Trotzki: Sozialismus oder Barbarei!. Eine Auswahl aus seinen Schriften, hg. von Helmut Dahmer, Wien 2005, S. 65-69 (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/ltperm11.htm) Leo Trotzki, Porträt des Nationalsozialismus (1933), ebenda, S. 94-101 (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1933/06/natsoz.htm) Leo Trotzki, Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie?: Kapitel 11: Wohin treibt die UdSSR? (1936), Essen 1990, S. 274-290 (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/kap11.htm).

12.11.: 4. Sitzung: Sozialistische Marktwirtschaft? Nikolai Bucharin und seine SchĂĽler

– Nikolai Bucharin (1888-1938): Theoretiker und Praktiker der frühen Sowjetgesellschaft.
– Bucharin und seine Schule: Nah- und Fernwirkungen.

Literatur: Nikolai Bucharin, Proletarische Revolution und Kultur (1923), in: Karl-Heinz Neumann (Hg.), Marxismus Bibliothek, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1971, S. 11-59 (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/bucharin/1923/02/03/kultur.htm) Wladislaw Hedeler, Was bleibt vom Bucharinismus?, in: RuR, S. 184-196.

19.11.: 5. Sitzung: Deutscher Linkskommunismus (1): Ruth Fischer und Arkadi Maslow

– Linkskommunismus: Wege und Irrwege – Die politische Dimension.
– Arkadi Maslow: Vom Parteikommunismus zum Linkssozialismus.
– Ruth Fischer: Zwischen Kommunismus… und Antikommunismus?

Literatur: Mario Keßler, Sektierer, Lernender und Märtyrer: Arkadi Maslow (1891-1941) ders., Ein Leben mit und gegen Kommunisten: Ruth Fischer (1895-1961), beide in: GdK, S. 63-87 und 111-140.

26.11.: 6. Sitzung: Deutscher Linkskommunismus (2): Karl Korsch und Arthur Rosenberg

– Linkskommunismus und Linkssozialismus – die theoretische Dimension.
– Korsch, Rosenberg und das Parteimodell der Komintern.

Literatur: Mario KeĂźler, Zwischen Arbeitsrecht und Arbeiterbewegung: Karl Korsch (1886-1962) ders., Geschichte und Politik zwischen Berlin und New York: Arthur Rosenberg (1889-1943), beide in: GdK, S. 7-33 und 34-62.

03.12.: 7. Sitzung: Stalins Opfer als Zeugen: Joseph Berger und Susanne Leonhard

– Schauplatz Palästina, Schauplatz Sowjetunion: Josef Berger: Für und gegen den Zionismus.
– Die Revolution entlässt ihre Kinder: Susanne Leonhard zwischen Ost und West.

Literatur: Mario Keßler, Überlebende des Gulag-Universums: Susanne Leonhard (1895-1984) ders., Kommunist in Palästina – Opfer des Stalinismus: Joseph Berger (1904-1978), beide in: GdK, S. 89-110 und 161-184.

10.12.: 8. Sitzung: Die jugoslawische Häresie

– Erzwungen oder Absicht? Titos Revolte gegen Stalin.
– Das jugoslawische Modell der Selbstverwaltung.

Literatur: Helga Schultz, Der jugoslawische Weg, in : RuR, S. 275-290.

17.12.: 9. Sitzung: Der Ketzer als Historiker: Isaac Deutscher

– Isaac Deutscher: ein „unbußfertiger Häretiker“ des Kommunismus.
– Der Biograph Stalin und Trotzkis.

Literatur: Issac Deutscher, The Ex-Communist’s Conscience (1950), in: Ders., Heretics and Renegades, London 1969, S. 9-22, und in: Ders., Marxism, Wars & Revolutions, London 1984, S. 49-59 (https://www.marxists.org/archive/deutscher/1950/ex-communist.htm) Mario Keßler, Häretischer Historiker der russischen Revolution: Isaac Deutscher (1907-1967), in: GdK, S. 185-204.

07.01.: 10. Sitzung: Die letzte Chance? Der Prager FrĂĽhling

– Stalinismus und Antisemitismus: Der Slánský-Prozess und seine Langzeitwirkung.
– Intellektuelle als Reformer 1963-1968.
– Die „brüderliche Hilfe“: die Invasion vom 21. August 1968 und ihre Folgen.

Literatur: Stefan Bollinger, Prager FrĂĽhling als letzte Chance des Sozialismus? Ăśberlegungen zu gescheiterten Auswegen aus dem Staatssozialismus und Problemen eines kĂĽnftigen sozialistischen Versuchs, in: RuR, S. 241-259.

14.01.: 11. Sitzung: Erste Besprechungsrunde zur Anfertigung der Hausarbeiten.

21.01.: 12. Sitzung: Dissidenten in der DDR (1): Robert Havemann.

– Robert Havemann (1910-1982): Vom Stalinismus zum Stalinismus.
– Kommunistischer Kritiker in der DDR.

Literatur: Robert Havemann, Ja, ich hatte unrecht. Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde (1965) ders., Berufsverbot und Parteiausschluss (1978) ders., Sozialismus und Demokratie. Der „Prager Frühling“ – ein Versuch, den Teufelskreis des Stalinismus zu durchbrechen (1968), alle in: Robert Havemann, Die Stimme des Gewissens. Texte eines deutschen Antistalinisten, hg. von Rüdiger Rosenthal, Reinbek 1990, S. 124-129 130-149 150-155.

28.01.: 13. Sitzung: Dissidenten in der DDR (2): Stefan Heym, Wolfgang Harich und Rudolf Bahro

– Rudolf Bahro (1935-1997): Bürokratiekritik und Ökologie.
– Wolfgang Harich (1923-1995): Dissident wider Willen.
– Stefan Heym (1913-2001): Literatur und Revolution.

Literatur: Stefan Heym, Zwischenbericht, in: Der Spiegel, 23. Oktober 1989 (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498760.html), auch in: ders., Stalin verlässt den Raum. Politische Publizistik, Leipzig 1990, S. 281-287Stefan Heym, Aschermittwoch in der DDR, in: Der Spiegel, 4. Dezember 1989 (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13496286.html), auch in: Stefan Heym, Einmischung. Gespräche, Reden, Essays, Frankfurt a. M. 1992, S. 243-248 Mario Keßler, Denkt doch endlich nach! Stefan Heym (1913-2001), in: GdK, S. 251-262 Alexander Amberger, Ökologie und Kommunismus. Die schwierige Suche von Rudolf Bahro und Wolfgang Harich nach der passenden Partei, in: RuR, S. 115-134.

Empfohlene Zusatzliteratur: Rudolf Bahro, Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus (1978), Berlin 1990, darin Kapitel 1.1.: Die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums und die Praxis des real existierenden Sozialismus, S. 19-56.

04.02.: 14. Sitzung: Zweite Besprechungsrunde zur Anfertigung der Hausarbeiten.

Literatur

Mario Keßler, Grenzgänger des Kommunismus. Zwölf Porträts aus dem Jahrhundert der Katastrophen, Berlin: Karl Dietz Verlag, 2015 (GdK) Wladislaw Hedeler/Mario Keßler (Hg.), Reformen und Reformer im Kommunismus. Mit einem Text von Fritz Behrens. Für Theodor Bergmann, Hamburg: VSA, 2015 (RuR).
Die Literatur zu den einzelnen Sitzungen aus beiden Bänden ist herunterzuladen unter:

https://drive.google.com/open?id=1f_nOC8oyTQMutXX7VJXqNVtWMpdD66_k

Zahlreiche Quellentexte sind im Internet unter www.marxists.org (Marxists Internet Archive) in vielen Sprachen (zumeist deutsch oder englisch) abrufbar.

Leistungspunkterwerb

Zum Erwerb der Leistungspunkte ist die regelmäßige, aktive Teilnahme an der Lehrveranstaltung sowie die Anfertigung einer ca. 15-seitigen Hausarbeit erforderlich.

Studiengänge und Module

LPSWSbenotet
B2 Geschichte 2011
  1092 
Hauptseminar, Ergänzungsmodul Staat und Gesellschaft in der Moderne
3
2
nein
B2 Geschichte 2015
  222911 
Hauptseminar, GES_BA_015 Aufbaumodul Zeitgeschichte
12
2
ja
BA Geschichte, Politik und Gesellschaft 2016
  222911 
Hauptseminar, GES_BA_015 Aufbaumodul Zeitgeschichte
12
2
ja
BA Volkswirtschaftslehre 2019
  222911 
Hauptseminar, GES_BA_015 Aufbaumodul Zeitgeschichte
12
2
ja
BL Geschichte 2011
  1092 
Hauptseminar Moderne, Ergänzungsmodul Staat und Gesellschaft in der Moderne
3
2
nein
BL Geschichte 2013
  220513 
Seminar (Hauptseminar), GES_BA_021 Aufbaumodul Staat und Gesellschaft in der Moderne Lehramt
7
2
ja

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Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam

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