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Wie Technologien unsere Gefühle verändern – Forschende untersuchen den Einfluss von Sensoren auf die Sinneswahrnehmung

Sensoren in Kuschelbären? Forschende untersuchen, wie Sensoren unsere Sinneswahrnehmung beeinflussen. | Foto: AdobeStock/bualuang.

Sensoren in Kuschelbären? Forschende untersuchen, wie Sensoren unsere Sinneswahrnehmung beeinflussen. | Foto: AdobeStock/bualuang.

Was passiert, wenn Eltern die Nachtwache am Bett ihres fiebrigen Kindes einem mit Sensoren ausgestatteten Plüsch-Teddy überlassen? Wie bestimmt ein Hundehalsband den Gemütszustand des Vierbeiners? Warum sollten wir über eine Manschette in Echtzeit die Zitterbewegungen eines Parkinson- Patienten nachspüren? Solche Fragen treiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungskollegs „SENSING: Zum Wissen sensibler Medien“ um. Das Projekt wird von der VolkswagenStiftung mit rund 1,6 Millionen Euro gefördert. Es bringt für vier Jahre im Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM) auf interdisziplinäre Weise wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Praxis zusammen.

„Die transmediale war eine aufschlussreiche Plattform“, erinnert sich die Sprecherin des Forschungskollegs, Marie-Luise Angerer. „Auf dem Berliner Festival für Medienkunst Anfang des Jahres haben wir erstmals mit der Öffentlichkeit diskutiert. Es ging darum, wie technische Geräte Gefühle mobilisieren und transportieren. Die Diskussionen verliefen äußerst kontrovers“, resümiert die Medienwissenschaftlerin der Universität Potsdam. So zeigten die Forscherinnen und Forscher beispielsweise eine Reihe smarter Kuscheltiere, unter deren Plüschfell Sensoren stecken. Damit sollen Eltern registrieren können, ob das Kind etwa wach ist oder schläft, ob es Fieber hat und wie schnell sein Herz schlägt. Außerdem stellten sie ein Hundehalsband vor, das dem Besitzer die Gefühle seines vierbeinigen Freundes vermittelt. „Mitdenkende“ Dinge wie diese sollen Nutzen und Einflüsse gleichermaßen vor Augen führen: Wie verändern technologisch aufgerüstete Kuscheltiere die Eltern- Kind-Beziehung? Inwieweit verschaffen sich diese Technologien unbemerkt Zutritt zur intimen Privatsphäre? Wie steht es um den Datenschutz? Wo liegen die Grenzen der Technologien, damit Fürsorge nicht in absolute Kontrolle umschlägt? Die Promovierenden gehen diesen Fragen nach, in dem sie „mitfühlende“ Gegenstände genau betrachten.

Technik beeinflusst unsere Sinneswahrnehmung

„Vor allem die gesammelten Daten, mit deren Hilfe sich Emotionen kategorisieren und transportieren lassen, gelten als wertvoll“, erklärt Jan Distelmeyer, Professor für Geschichte und Theorie der technischen Medien an der Fachhochschule Potsdam. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der Universität Potsdam und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF betreut er die Promovierenden des Forschungskollegs. Er fordert, die Versprechungen und Fantasmen der Sensortechnologien kritisch zu beleuchten. „Die sensorischen Medien beeinflussen alle Lebensbereiche“, betont Marie-Luise Angerer. „Selbst einfache Haushaltsgeräte sind mit technischem Empfindungsvermögen aufgeladen und greifen so in die menschliche Sinneswahrnehmung ein, indem bestimmte Gefühle vorgegeben werden.“ Für die Professorin sind die Fragen des Forschungskollegs daher hochaktuell. „Nur die Reflexion über diese Medien, die ein technisch gesteuertes Eigenleben besitzen, hält mit der Entwicklung nicht Schritt. Insofern darf das Feld nicht allein der Informatik oder den Ingenieurwissenschaften überlassen werden“, fordert die Medienwissenschaftlerin.

VR-Brillen: Empathie-Maschinen

Vanessa Oberin ist eine von insgesamt sieben Promovierenden des Forschungskollegs SENSING. Sie hat zuvor an der Universität Potsdam und der Fachhochschule Potsdam Europäische Medienwissenschaft studiert und den Workshop für die transmediale federführend mitorganisiert. „Vor allem die Resonanz unter den Besucherinnen und Besuchern hat gezeigt, dass die Themen des Kollegs auch im außeruniversitären Raum mit großer Dringlichkeit diskutiert werden“, sagt sie. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Verhältnis von Immersion und Einfühlung, beispielsweise im Kontext von journalistischen VR-Anwendungen. Die als „Empathie-Maschine“ betitelte VR-Technologie ermöglicht, dass computergenerierte Bildwelten und Körperbewegungen der Nutzerinnen und Nutzer in Echtzeit miteinander korrespondieren. „Doch wer steuert hier was bzw. wen? Das möchte ich herausarbeiten“, sagt die junge Medienwissenschaftlerin. Aus ihrem eigenen Unbehagen gegenüber der VR-Technologie haben sich die Fragestellungen entwickelt, mit denen sie die Reibungsflächen zwischen technischer und emotionaler Ebene analysieren möchte. Für den praktischen Bezug kooperiert die Doktorandin, die vor dem Studium ein Volontariat in einem Verlag abgeschlossen hat, mit der Abteilung Innovation der Deutschen Welle. „Gemeinsam untersuchen wir, inwieweit die VR-Technologie im Journalismus sinnvoll eingesetzt werden kann. Dabei kommen auch ethisch-philosophische Kategorien zur Sprache. Denn diese Art der Reflexion steht noch ganz am Anfang“, so Vanessa Oberin.

Technologien erzeugen eine eigene Wirklichkeit

Auch die anderen Forschungsvorhaben kreisen darum, wie technische Errungenschaften unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen. Kathrin Friedrich untersucht etwa, wie sich Entscheidungsprozesse und der Zugang zu Wissen verändern, wenn immer mehr Bewegungs- und Vitaldaten nicht nur erfasst, sondern auch visualisiert und operationalisiert werden. Die Forscherin arbeitet als Post- Doc am ZeM und koordiniert das Forschungskolleg. Sie analysiert, wie sich der Einsatz von Tracking- Technologien unter anderem in der Medizin auf Diagnoseverfahren und chirurgische Praktiken auswirkt. „Wenn beispielsweise der Atemrhythmus mit technischen Parametern abgeglichen und bildlich dargestellt wird, trifft die Ärztin bzw. der Arzt die Entscheidung für eine bestimmte Operation nicht mehr nur aufgrund der reinen Beobachtung des menschlichen Körpers, sondern auch anhand medial vermittelter raum- und zeitkonsistenter Logiken.“ Diese Zusammenhänge möchte Friedrich besser verstehen und auf einer medientheoretischen Ebene analysieren. „So kann grundsätzlich die Rolle adaptiver Medien in verschiedenen Anwendungskontexten herausgearbeitet werden.“

Angerer betont die Dringlichkeit einer medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung auf dem Gebiet, die sie als innovativ und zukunftsweisend für die Universität Potsdam betrachtet. „Die Medienwissenschaften betreiben hier Grundlagenforschung, um den Umgang mit ‚fühlenden Gegenständen‘ und gesammelten Daten zu analysieren“, meint die Professorin. Auf diese Weise bringe SENSING Geisteswissenschaften und Technik in besonderer Weise zusammen – mit dem Ziel, gesellschaftliche Orientierung und Relevanz zu erreichen. Davon würden auf lange Sicht auch andere Disziplinen profitieren.

Das von der VolkswagenStiftung geförderte Forschungskolleg „SENSING: Zum Wissen sensibler Medien“ untersucht in Einzelprojekten Fragen computertechnisch- vernetzter Sensorik. Die Themen und das Format des Kollegs, das seit Oktober 2018 läuft und auf vier Jahre angelegt ist, sind dabei sowohl auf theoretische, in den Medienwissenschaften relevante Fragestellungen als auch auf aktuelle Praxis- und Arbeitsfelder ausgerichtet. Das Projekt umfasst sieben Promotionsstellen und eine Post-Doc-Stelle, zu denen jeweils eine zwölfmonatige Praxisphase gehört. Den organisatorischen Mittelpunkt bildet das Brandenburgische Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM) in der Potsdamer Innenstadt, bei dem alle Mitglieder des Forschungskollegs angesiedelt sind.

http://zem-brandenburg.de/de/sensing.html

Das Brandenburgische Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM) wurde Anfang 2016 in Potsdam gegründet, um auf die vielfältigen Aktivitäten der Medienwissenschaften im Land aufmerksam zu machen. Ziel ist es, die Sichtbarkeit der Forschungsschwerpunkte zu erhöhen und das Land Brandenburg als Medien- und Wissenschaftsstandort bekannter zu machen. Das ZeM bietet Kolloquien, Stipendien und Workshops für Promovierende an, um den Austausch und die Vernetzung zu fördern. Direktorin des Zentrums ist Marie-Luise Angerer, Professorin für Medientheorie und Medienwissenschaft im Studiengang Europäische Medienwissenschaft der Universität und Fachhochschule Potsdam.

Die Wissenschaftler

Prof. Dr. Marie-Luise Angerer studierte Kunstgeschichte, Romanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften. Seit 2015 ist sie Professorin für Medientheorie/Medienwissenschaft an der Universität Potsdam.
E-Mail: angereruni-potsdamde

Prof. Dr. Jan Distelmeyer, Studium der Medienwissenschaft, Philosophie und der Deutschen Sprache und Literatur in Hamburg. Seit 2010 Professor für Geschichte und Theorie der technischen Medien an der Fachhochschule Potsdam im Kooperationsstudiengang Europäische Medienwissenschaft der Universität und der Fachhochschule.
E-Mail: distelmuni-potsdamde

Vanessa Oberin studierte Kunstwissenschaft, Anglistik, Grafikdesign und Medienwissenschaften in Braunschweig, Nikosia und Potsdam. Seit Ende 2018 ist sie Doktorandin im Forschungskolleg SENSING am Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften.

Dr. Kathrin Friedrich, Studium der Medienwissenschaft, Rechtswissenschaften und Soziologie in Marburg. Seit Oktober 2018 PostDoc und wissenschaftliche Koordinatorin im Forschungskolleg SENSING.

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen 2/2019.

Text: Dr. Silke Engel
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde