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Wege zum Frieden – Religiöse Toleranz in der persischen und in der deutschen Literatur

Die iranische Gastwissenschaftlerin Dr. Rana Raeisi und die Potsdamer Literaturwissenschaftlerin apl. Prof. Dr. Brunhilde Wehinger. Foto: Karla Fritze

Die iranische Gastwissenschaftlerin Dr. Rana Raeisi und die Potsdamer Literaturwissenschaftlerin apl. Prof. Dr. Brunhilde Wehinger. Foto: Karla Fritze

Der Weg zu fremden Religionen und Kulturen ist anregend, bereichernd – und doch seit jeher steinig. Seit Jahrtausenden werden Kriege um Religionen geführt. Menschen werden vertrieben, müssen ihren Glauben verstecken oder werden gar ermordet, weil ihr Gott angeblich der falsche ist. Aber gibt es sie überhaupt: den richtigen Glauben, den einen Gott, die wahrhafte Religion? Warum scheint ein friedliches Neben- oder gar Miteinander der großen Weltreligionen so fern wie nie? Die Germanistin Dr. Rana Raeisi von der Universität Isfahan und apl. Prof. Dr. Brunhilde Wehinger vom Institut für Künste und Medien der Uni Potsdam erforschen gemeinsam die Idee religiöser Toleranz.

Im Werk des persischen Dichters Muhammad Dschâlaluddîn Rûmîi (1207–1273) und des deutschen Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) entdeckten sie große Gemeinsamkeiten. Im Juni 2014 lernte die iranische DAAD-Stipendiatin Raeisi ihre Potsdamer Betreuerin Brunhilde Wehinger kennen. Beide waren sich sofort sympathisch und beschlossen, zusammen an einem Buchprojekt zu arbeiten.

Toleranz ist für die beiden Literaturwissenschaftlerinnen Rana Raeisi und Brunhilde Wehinger der Schlüssel zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen und ihrer Religionen. Ihr gemeinsames Forschungsprojekt untersucht die Idee eines toleranten Miteinanders in der Dichtung Rûmîis und in den Dramen Lessings.
Rana Raeisi hat zum vierten Mal den weiten Weg vom iranischen Isfahan nach Potsdam auf sich genommen. Die Germanistin begann vor 17 Jahren, Deutsch zu lernen und lehrt seit 2011 selbst Deutsch als Fremdsprache an der Universität Isfahan. „Die deutsche Sprache ist sehr logisch – wie Mathematik. Es gibt ganz bestimmte Regeln, die man beachten muss. Das macht es auf eine gewisse Art leicht, die Sprache zu lernen.“ Zum ersten Mal kam Raeisi 2009 nach Potsdam, um an ihrer Promotion zu einem sprachwissenschaftlichen Thema zu arbeiten. Im Sommer 2014 kehrte sie wieder, um zur religiösen Toleranz zu forschen – und holte sich die Betreuerin ihres dreimonatigen DAAD-Aufenthaltes, Brunhilde Wehinger, gleich ins Boot.

Die Idee zum Thema kam Raeisi, als sie das Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing las. In der darin enthaltenen „Ringparabel“ zeigt der Dramtiker, dass die Koexistenz von drei Weltreligionen kein Problem darstellen muss und friedlich verlaufen kann. Raeisi interpretiert die Parabel, die die Hauptfigur Nathan erzählt, folgendermaßen: „Alle Religionen sind Offenbarungen Gottes. Wer kann sagen, dass seine eigene Religion die wahre ist? Wer das behauptet, muss das durch Taten zeigen. Und wie kann man das zeigen? Indem man gute Taten verrichtet.“

Wie Raeisi feststellte, hat der hierzulande weniger bekannte persischsprachige Dichter Muhammad Dschâlaluddîn Rûmîi diese Idee jedoch schon viele Jahrhunderte früher formuliert. In einem sehr ähnlichen Gleichnis, der „Geschichte der Weintraube“, erzählt Rûmîi von vier Männern, die von einer Goldmünze gemeinsam etwas kaufen möchten. Sie können einander jedoch nicht verstehen, da einer griechisch, der zweite persisch, der dritte arabisch und der vierte türkisch spricht. Ein Streit entsteht, die Männer schlagen aufeinander ein. Ein Fünfter jedoch hat das Gespräch belauscht und kann die Sprachhürde überwinden: Jeder der Männer hat in seiner Sprache den Wunsch geäußert, vom Geld Weintrauben zu kaufen. Der Fünfte kauft nun für sie alle Weintrauben und beendet so den Streit zwischen den Männern. Rûmîi merkte an: Durch Wissen kann Streit vermieden werden, und aus Feinden werden Freunde. „Die Unterschiede zwischen den Religionen sind wie die zwischen den Sprachen – nur formal. Gemeint ist das Gleiche.“ Raeisi geht davon aus, dass auch in dieser Parabel wie bei Lessing eigentlich von den verschiedenen Religionen die Rede ist.

Brunhilde Wehinger war begeistert von den Verbindungen, die Raeisi zwischen den Autoren entdeckt hat. Nun arbeiten sie gemeinsam an einem Buch zur „Toleranzidee bei Rûmîi und Lessing im Vergleich“. Als Expertin für die Literatur der Aufklärung sieht Wehinger große Gemeinsamkeiten in den Botschaften des persischen Dichters Rûmîi und des deutschen Aufklärers Lessing. „Aufklärung bedeutet Wissen, Zugang zu anderen Kulturen, Kritik und vor allem Kommunikation.“ Diese Werte verbinden die beiden so verschieden wirkenden Dichter. Auch Wehinger ist überzeugt: „Wenn die Menschen das Wissen haben würden, dass sie nur die Sprache der anderen nicht verstehen, aber das Identische meinen, dann wären viel Streit und Gewalt vermieden.“

Auf den ersten Blick scheinen die Autoren tatsächlich kaum vergleichbar. So unterschiedlich die Zeit ihres Wirkens ist – Rûmîi lebte im 13. Jahrhundert Lessing im 18. Jahrhundert –, so verschieden ist auch ihr kultureller Hintergrund. Dennoch sind ihnen beiden das Reisen und die Suche nach einem verwandten Geist gemein. Den in Sachsen geborenen Lessing führte es zunächst nach Berlin, wo er sich mit dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn befreundete. Später arbeitete er am Hamburger Nationaltheater und verstarb schließlich in Braunschweig. Rûmîi wurde in Balch geboren. Die Stadt liegt im heutigen Afghanistan und galt im Mittelalter als eine Wiege der persischen Kultur und Literatur. Mit seinem spirituellen Lehrer, im Sufismus als „Murshid“ bezeichnet, reiste er nach Aleppo und Damaskus, die heute zu Syrien gehören. Im türkischen Konya traf er schließlich auf seinen geliebten Freund Shems-e Tabrizi, mit dem er spirituell zutiefst verbunden war.
Ebenso verschieden scheint zunächst der religiöse Hintergrund der beiden Dichter. Rûmîi gilt als einer der Begründer des Sufismus – eine islamische Glaubensrichtung, die von einer asketischen Lebenshaltung und von einer mystischen Spiritualität geprägt ist. Lessing dagegen entstammte einem streng christlichen Elternhaus. „Beide Dichter kommen aus sehr stark theologisch geprägten Familien, doch beide wandten sich auch von der Orthodoxie ihrer Väter ab“, stellen die beiden Forscherinnen fest.

Der sogenannte Mevlevi-Orden, eine der bekanntesten Sufi-Gemeinschaften, geht auf Rûmîi zurück. Die Anhänger dieses Ordens, sogenannte Derwische, drehen sich stundenlang bis zur Ekstase – für sie ist dieser Tanz zugleich eine Form des Gebets. Rûmîi widmete sich also dem Tanz und der Musik als einer im persischen Raum wenig angesehenen künstlerischen Praxis. Lessing tat etwas Vergleichbares beim Theater. Auch seine Familie befürwortete nicht, dass er Theaterstücke schrieb. „Solche Ausdrucksformen waren in der religiösen Tradition nicht vorgesehen“, erklärt Wehinger. Zu affektbeladen schienen Musik, Tanz und Theater den Geboten der orthodoxen Väter. Doch beide Dichter wählten einen poetischen Weg in die Öffentlichkeit. „Lessing war ein aufgeweckter, kritischer und argumentativer Geist, der den Dialog mit seinen Mitmenschen suchte“, beschreibt Wehinger. Rûmîis „menschenfreundliche, aufgeklärte Persönlichkeit“ drückte sich in seiner mystischen Liebesdichtung und im Tanz aus.

Die beiden Forscherinnen sind bei ihrer gemeinsamen Lektüre der Werke immer wieder verblüfft, wie groß die Übereinstimmungen sind. Als Symbole stehen sowohl die Weintraube aus Rûmîis Geschichte wie auch der Ring in Lessings Parabel für religiöse Toleranz – aber auch für zwischenmenschliche Toleranz im Allgemeinen. „Wissen, Bildung und auch Humor sind die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben. Diese Werte verfolgten beide Dichter“, sagt Raeisi.

„Die Universität Potsdam legt großen Wert auf die Aufklärungsforschung, und durch die Geschichte unserer Region haben wir auch die Verpflichtung dazu“, so Wehinger. Denn das Edikt von Potsdam, das Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1685 erließ, gewährte den Hugenotten damals Asyl in Brandenburg. In Frankreich waren diese aufgrund ihres protestantischen Glaubens verfolgt worden. Friedrich der Große setzte diese religiöse Toleranz im 18. Jahrhundert fort, und das nahe gelegene Berlin entwickelte sich zu einem Zentrum der Aufklärung in Europa.

Die beiden Forscherinnen sind sich über die Ziele ihrer gemeinsamen Arbeit einig. „Einerseits soll durch das Forschungsprojekt die Modernität des persischen Dichters in Deutschland bekannt gemacht werden und andererseits die Aufmerksamkeit für Lessings Denken und die Bedeutung des Theaters für eine sich entwickelnde Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert im Iran erhöht werden.“ Beiden liegt das Thema auch persönlich am Herzen. „Ich bin religiös“, erklärt Raeisi lächelnd. „Aber ich finde Menschlichkeit wichtiger als Religion.“

Der Wissenschaftler

Apl. Prof. Dr. Brunhilde Wehinger lehrt seit 2008 im Bereich Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Europäische Aufklärung am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam. 2004 bis 2007 war sie Stellvertretende Direktorin des Forschungszentrums Europäische Aufklärung.

Kontakt

Institut für Künste und Medien
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
E-Mail: wehingeruni-potsdamde

Dr. Rana Raeisi ist Assistenz-Professorin im Fach Deutsch als Fremdsprache an der Universität Isfahan, Iran. Sie studierte Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Teheran und promovierte dort zum Thema „Kontrastive Grammatik. Deutsch-Persisch aus sprachtypologischer Sicht“.

Kontakt

E-Mail: r.raeisifgn.ui.acir

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zut Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde