Voltaire-Preisträger 2022: Duong Keo

Voltaire-Preisträger 2022: Duong Keo
Photo: @Bophana Center/Vann Channarong
Der aus Kambodscha stammende Historiker und Politologe Duong Keo erhält 2022 den Voltaire-Preis für Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz.

Die Universität Potsdam verlieh am 26. Januar 2022 im Rahmen ihres Neujahrsempfangs zum sechsten Mal den „Voltaire-Preis für Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz“. Der von der Friede Springer Stiftung geförderte Preis wird seit 2017 an eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler vergeben, der oder die sich in besonderem Maße für die Freiheit von Forschung und Lehre sowie für das Recht auf freie Meinungsäußerung eingesetzt hat. Der Preis ging an den aus Kambodscha stammenden Historiker und Politologen Duong Keo.


Laudatio von Prof. Dr. Ottmar Ette, Lehrstuhlinhaber für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam

Beim Voltaire-Preis der Universität Potsdam geht es um die Arbeit daran, wie wir in dieser Welt friedlich und in wechselseitigem Respekt füreinander zusammenleben wollen. Es geht folglich um Konvivenz. Nach dem Ende des Kalten Krieges und nach dem Ausklingen der zurückliegenden Phase beschleunigter Globalisierung,  die wir seit Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts über drei Dekaden lang erfahren haben, leben wir heute in einer Welt, die sich in einer Übergangsphase und auf dem Weg von einer klaren Dominanz einer einzigen Supermacht, den USA, zu einer globalen Situation der Mehrpoligkeit befindet. Gerade in solchen Zeiten, die erfahrungsgemäß die Gefahren größerer Kriege heraufbeschwören, geht es angesichts wachsender Nationalismen, zunehmender chauvinistischer Ressentiments, wirtschaftlicher Protektionismen und einer weltpolitischen Situation, die Hamlets Diktum von The time is out of joint zu bestätigen scheint, ganz wesentlich darum, am Wissen und an den Werten eines friedvollen Zusammenlebens in Differenz zu arbeiten.

Nichts ist besser dazu geeignet, die Grundlagen für diese Konvivenz zu legen, als zum einen die eigene Geschichte, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und möglichst schonungslos in die öffentliche Diskussion zu bringen. Zum anderen gilt es, vor dem Hintergrund der vergangenen Zukunft prospektiv für die künftige Geschichte neue Voraussetzungen zu schaffen, die es erlauben, dass verschiedene Nationen, verschiedene Ethnien, verschiedene Kulturen und Sprachen miteinander im Austausch leben und darauf zu achten, dass dieses Zusammenleben auf Respekt und Achtung vor dem Anderen und insbesondere vor Minderheiten beruht.

Der diesjährige Träger des Voltaire-Preises der Universität Potsdam erfüllt zu einem frühen Zeitpunkt seiner wissenschaftlichen Karriere beide Bedingungen auf ideale Weise. Denn zum einen hat er sich in einer Buchpublikation, die im Jahre 2018 in einem Universitätsverlag in Bangkok erschien, mit einer Geschichte extremen Nationalismus und erschreckenden Massenmords in seiner Heimat auseinandergesetzt: mit der Geschichte der berüchtigten Roten Khmer. Uns allen stehen noch immer die Killing Fields vor Augen, denen in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Schätzungen mehr als zwei Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von gut sieben Millionen zum Opfer fielen: Opfer eines maoistisch-nationalistischen Steinzeitkommunismus, der genauso wie der deutsche Nationalsozialismus zeigt, wie dünn und zerbrechlich der Firnis ist, der mit dem Anstrich der Zivilisation die darunter liegende Barbarei verbirgt. Die unter PolPot begangenen Massenmorde sind von den Tätern selbst ebenso präzise dokumentiert, wie dies im Zeichen der Banalität des Bösen bei den Nazis der Fall war. Die geschichtliche Aufarbeitung dieser Massenmorde bildet jedoch einen Prozess, dessen Ende nicht absehbar ist.

KEO Duong oder nach westlicher Reihung Duong Keo ist in der kambodschanischen Provinz geboren und hat sich schon früh für die Erforschung der Geschichte seines Heimatlandes interessiert und eingesetzt. So war er unter anderem seit 2009 als junger Forscher im Rahmen von Youth for Peace tätig, ein Jahr, nachdem er seinen Bachelor of Arts in History an der Königlichen Universität von Phnom Penh abgelegt hatte. Eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen Aktivitäten, aber auch von Tätigkeiten für Nicht-Regierungs-Institutionen begleitet den Lebensweg dieses jungen Forschers, der sein soziales Engagement zu seinem Forschungsgegenstand gemacht hat, ohne in diesem Engagement nachzulassen. So machte er sich schon früh einen Namen.

Darüber hinaus - und dies ist der zweite wichtige Aspekt seines Forschens und Arbeitens - ist KEO Duong durch eine Vielzahl an konvivenzpolitischen Aktivitäten in seiner Heimatregion hervorgetreten und vermag es, Beziehungen zwischen den unterschiedlichsten sozialen Gruppen in einer Vielzahl von Projekten herzustellen. Insbesondere setzt er sich vehement für die Integration der vietnamesischen Minderheit in Kambodscha ein und versucht, Brücken zu dieser gesellschaftlich benachteiligten Minderheit zu schlagen und sich für Toleranz, Respekt und ein aktives Zusammenleben einzusetzen. Zu dieser Thematik bereitet er an der Universität der Bundeswehr in München bei Prof. Dr. Timothy Williams eine Doktorarbeit vor, die auf vielen Gebieten hochinnovativ ausgerichtet ist und wissenschaftliches Neuland betritt. Denn es geht hier um nichts Geringeres als um die Gewinnung eines Zusammenlebenswissens.

Für KEO Duongs Ansatz ist eine multiperspektivische Orientierung, die nicht nur die überlebenden Opfer des Terrorregimes, sondern auch deren ehemalige Peiniger und Folterer befragt, ebenso mit Blick auf die Geschichte der Roten Khmer wie die Integration der vietnamesischen Minderheit entscheidend. Er hat gelernt, dass es darauf ankommt, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen. Dabei spielt ebenso die Heranziehung einzelner Lebensberichte auf der Ebene der Oral History eine Rolle wie der Versuch, wissenschaftliche Forschung und öffentliche Verbreitung und Diskussion miteinander integrativ zu verbinden. Viele junge Kambodschanerinnen und Kambodschaner sind heute nicht mehr adäquat über die Roten Khmer und damit einen dunklen Teil der Vergangenheit ihres Landes informiert. An dieser zentralen Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaftlichkeit arbeitet der diesjährige Träger des Voltaire-Preises mit höchster Intensität, wobei er dafür in verschiedenen zivilgesellschaftlichen und Nicht-Regierungs-Organisationen aktiv und mit seiner ganzen Kraft eintritt.

Sein Engagement äußert sich in Kambodscha seit seinem Einsatz für Youth for Peace über die universitäre Arbeit hinaus auch in einer direkten Zusammenarbeit mit Ministerien und Bildungsinstitutionen seines Heimatlandes, um die Curricula an den Schulen zu verändern und die Auseinanersetzung mit der jüngeren Geschichte Kambodschas zu befördern. Es erfordert nicht allein wissenschaftlich präzise Forschung und kluge, unter anderem auch audiovisuell gestützte Vermittlung, sondern vor allem auch viel persönlichen Einsatz, Zivilcourage und Mut, über die Problematik der aktuellen vietnamesischen Minderheit in Kambodscha öffentlich zu sprechen. Es handelt sich dabei um eine hochgefährliche ethnopolitische Problematik, die - wie so oft - zum Spielball der kambodschanischen Politik geworden ist. Wir leben nicht nur in Deutschland und Europa in einer Zeit nationalistischer und rassistisch begründeter Vorurteile. Die Wissenschaft hat in einem solchen Umfeld eine klar umrissene Aufgabe: Aufklärung - ganz im Sinne Voltaires.

Gerade dieser zweite, neben der Studie über die Geschichte der Roten Khmer für eine Arbeit an der Völkerverständigung noch entscheidendere zweite Forschungsbereich ist ein herausragender Teil einer Konvivenzforschung, die in unserer Welt von zentraler Bedeutung ist. Die in Kambodscha vorhandenen tiefgreifenden Ressentiments gegen die ethnische Minderheit der Vietnamesen stellt ein gewaltiges gesellschaftliches Problem dar. Duong KEO nimmt sich vor allem die rassistisch eingefärbten Vorurteile vor, um sie als mögliche Auslöser interethnischer Konflikte zu entschärfen und einen wechselseitigen Respekt zu fördern. Diese Achtung vor dem Anderen soll nicht zuletzt durch Lebensberichte kambodschanischer Vietnamesen gefördert werden, welche bei der breiten Bevölkerung das Bewusstsein für eine gemeinsame Geschichte wecken können. KEO Duong hat viel Zeit in Feldforschung investiert. Doch er weiß: Konvivenzforschung hat stets mit derartigen Rassismen zu tun und muss versuchen, rassistische Einstellungen wissenschaftlich zu entkräften. Dabei muss diese aufklärerische Argumentation auf eine Weise in die Öffentlichkeit gebracht werden, dass politischen Scharfmachern der Wind aus den Segeln genommen wird.

KEO Duongs Lebenslauf zeigt uns einen jungen Mann aus der kambodschanischen Provinz, dem es als erstem aus seinem Dorf gelang, an einer Universität zu studieren. Er machte in Phnom Penh seinen Bachelor und setzte seine Studien danach an der Chulalongkorn Universität im thailändischen Bangkok fort. Der Weg zu einer Promotion in Deutschland - gefördert übrigens von der Gerda Henkel-Stiftung - war ihm also keineswegs vorgezeichnet, sondern musste durch harte Arbeit erst bereitet werden. Es ist vor allem die Begeisterung für die Sache des Zusammenlebens, die diesen jungen Mann vorantreibt. Wenn er dabei die Geschichte der Vietnamesen in Kambodscha von der präkolonialen Zeit bis heute wissenschaftlich aufarbeitet, dann ist es stets das Ziel dieser historischen Forschung, durch die wissenschaftliche Aufhellung der Herkunft das Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft zu befördern und nicht das Feld all jenen zu überlassen, die aus interethnischen Konflikten ihre politischen Vorteile ziehen.

KEO Duong hat in seinem bisherigen Werdegang an verschiedenen Projekten und Vorhaben zu seinen beiden genannten Themenschwerpunkten maßgeblichen Anteil gehabt. Seine in Deutschland ins Auge gefasste Promotion wird für diesen jungen Forscher sicherlich nicht die letzte Station einer engagierten wissenschaftlichen Karriere sein. Die Vergabe des Voltaire-Preises an diese junge, faszinierende Forscherpersönlichkeit soll es KEO Duong ermöglichen, diesen Weg mit der ihm eigenen Energie und Begeisterungsfähigkeit beschleunigt weiterzuverfolgen.


Duong Keo - Kurzvita

Duong Keo ist Doktorand an der Universität der Bundeswehr München, Deutschland. Seine Doktorarbeit wird von der Gerda Henkel Stiftung finanziert und beschäftigt sich mit konkurrierenden populären Geschichtsdarstellungen über die ethnischen Vietnamesen in Kambodscha. Mit einem akademischen Hintergrund in Geschichte (BA in Geschichte an der Königlichen Universität von Phnom Penh, Kambodscha; MA in Südostasienwissenschaften an der Chulalongkorn Universität, Bangkok, Thailand) hat er sich mit der Entwicklung von Lehrmitteln beschäftigt und Forschungen über die gewalttätige Vergangenheit Kambodschas und das Kambodscha nach dem Konflikt, Nationalismus und ethnische Konflikte durchgeführt. Er ist außerdem Co-Investor des internationalen akademischen Netzwerks "Education Justice and Memory Network" mit Sitz an der Universität Bristol, Großbritannien. Zuvor arbeitete Keo für zivilgesellschaftliche Organisationen wie Youth for Peace (2009-2012), Kdei Karuna (2015-2016) und Bophana Audiovisual Resource Center (2016-2018), wo er für die Erforschung der Geschichte der Roten Khmer und der Lebensgeschichten der in Kambodscha lebenden ethnischen Vietnamesen zuständig war. Er unterrichtet aktiv Universitätsstudenten, hält öffentliche Vorträge und veröffentlicht Berichte und wissenschaftliche Forschungsarbeiten, um die historische Bildung für Versöhnung und Resilienz zu verbessern und das Verständnis für die ethnische vietnamesische Minderheit zu fördern, um Toleranz und Frieden in Kambodscha zu unterstützen.

Festschrift - erschienen zur Verleihung des Voltaire-Preises 2022 am 26. Januar 2022

Dankesrede von Duong Keo