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Reine Theorie – Von der Faszination der Mathematik ohne Zahlen

„Was für andere das Rätsellösen im Sommerurlaub ist, ist mir die Forschung an der Quantenfeldtheorie.“, Foto: Karla Fritze

„Was für andere das Rätsellösen im Sommerurlaub ist, ist mir die Forschung an der Quantenfeldtheorie.“, Foto: Karla Fritze

Wenn Marco Benini arbeitet, dann ist das – selbst wenn er es mit seinen Händen tut – pure Theorie. Der Italiener, der gegenwärtig als Humboldt-Stipendiat am Institut für Mathematik zu Gast ist, forscht im Bereich der Quantenfeldtheorie. „Ich versuche, die mathematische Basis für physikalische Modelle zu schaffen“, erklärt der Mathematiker. „Einige der komplexesten und genauesten physikalischen Experimente, die von Menschen durchgeführt werden, etwa jene am weltberühmten CERN, bestätigen die theoretischen Vorhersagen, auf denen sie beruhen – ohne dass deren mathematische Grundlagen bereits vollständig aufgeklärt sind. Ich will daran mitwirken, das zu ändern.“

Eigentlich ist Benini Physiker. Doch schon während des Studiums an der Universität in Pavia driftete er langsam weg von der Physik – und hin zur Mathematik. „Ich musste feststellen: Ich bin einfach nicht für Experimente gemacht“, sagt der junge Wissenschaftler. „Es gibt jene, die sich darum bemühen, eine Theorie im Versuch zu bestätigen, und jene, die wissen wollen, warum sie funktioniert – und was dahintersteckt. Physiker brauchen eine Formel, die funktioniert. Wer es nicht ertragen kann, dass er eine Formel nicht erklären kann, der geht in die Mathematik.“

Wer jetzt denkt, Marco Benini reihe endlose Zahlenkolonnen aneinander, der irrt. Er selbst stellt das richtig: „Man sagt, es gebe drei Arten von Mathematikern: die, die zählen können, und die, die es nicht können“, sagt Benini und lacht. „Ich arbeite nicht mit Zahlen …“ Wie gesagt: Pure Theorie. Und die macht ihm wirklich Spaß: „Dass meine Arbeit irgendwann vielleicht physikalische Theorien fundiert, ist toll. Aber die eigentliche Motivation für meine Arbeit steckt in ihr selbst: Was für andere das Rätsellösen im Sommerurlaub ist, ist mir die Forschung an der Quantenfeldtheorie.“

In seinem Forschungsfeld sieht Marco Benini nicht Werkzeug, nicht Arbeit, sondern Leidenschaft. „Für mich ist Mathematik verwandt mit Philosophie oder Kunst“, so der Gastwissenschaftler. „Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen einem Mathematiker und einem Maler. Wenn ein Mathematiker eine Formel niederschreibt, dann ist diese ein sehr individueller Ausdruck seines Geistes.“ 

Nach seiner Promotion im Jahr 2015 zog es Marco Benini fort aus seiner Heimat. Zu schlecht seien die Jobaussichten für Wissenschaftler seines Faches in Italien. Allzu schwer hat er sich mit dem Weggang deshalb nicht getan: Für seine Arbeit braucht Benini in der Regel nicht mehr als einen Computer – sowie einen Stift und ein Blatt Papier. Und ein inspirierendes Umfeld, das er in Potsdam gefunden hat. Mithilfe seines jetzigen Gastgebers Prof. Dr. Christian Bär, zu dem er schon während seiner Promotionszeit Kontakt aufgenommen hatte, entwickelte er ein Projekt zur Erforschung der Quantenfeldtheorie des sogenannten „Sigma-Modells“ und bewarb sich damit erfolgreich um ein Stipendium der Humboldt-Stiftung. „Das Modell ist, aus ‚geometrischer Perspektive‘ betrachtet, sehr elegant“, schwärmt Benini. „Und es findet in zahlreichen Gebieten Anwendung – von der Kern- und Festkörperphysik bis hin zur Stringtheorie.“

In Deutschland anzukommen, fiel dem Südländer leicht. Er wohnt im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaften (IBZ) Potsdam und fühlt sich dort überaus wohl. Ein Fahrrad war schnell besorgt. Potsdam, das ihn als mittelgroße Universitätsstadt an seinen Heimatort Pavia erinnert, hat er inzwischen ausgiebig erkundet. Selbst an das „nordische“ Klima hat er sich längst gewöhnt. 

Auch die mitunter gescholtene deutsche Wissenschaftskultur bereitet ihm keine Probleme. „Hier gibt es mehr Kolloquien oder Seminare, in denen sich Wissenschaftler austauschen, als das an der Uni in Pavia der Fall war“, sagt er. Eine kurze Pause hat sich Benini dann aber doch gegönnt: Im Mai 2016 ging es für eine Woche in die Heimat – um zu heiraten. Mittlerweile lebt seine Frau mit ihm hier in Potsdam. Nur eines fehlt ihm bislang, wie er augenzwinkernd beklagt: eine gute Pizza. Also tröstet er sich mit Mathematik: Aber bitte ohne Zahlen. 

Kontakt

Universität Potsdam
Marco Benini
Karl-Liebknecht-Str. 24-25, 14476 Potsdam
Tel.: 0331 977-1248
E-Mail: marco.beniniuni-potsdamde

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde