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Lebenszeichen hinterlassen – Humboldts Amerikanische Reisetagebücher

Dr. Julian Drews, Prof. Dr. Ottmar Ette und Julia Bayerl. Foto: Karla Fritze

Dr. Julian Drews, Prof. Dr. Ottmar Ette und Julia Bayerl. Foto: Karla Fritze

Von 1799 bis 1804 unternahm Alexander von Humboldt (1769–1859) mit seinem Begleiter, dem Botaniker Aimé Bonpland, drei große Expeditionen: den Fluss Orinoco und den Rio Negro entlang, über die Anden und den Vulkan Chimborazo hinauf sowie durch Mexiko bis in die USA zum Präsidenten Thomas Jefferson. Seine Beobachtungen notierte er in den „Amerikanischen Reisetagebüchern“, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Herbst 2013 erwarb. Seit Anfang 2014 erforscht eine Expertengruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Ottmar Ette die Tagebücher im Teilprojekt „Genealogie, Chronologie und Epistemologie“, das sich zum Ziel gesetzt hat, die bisher unerschlossene Menge und Vielfalt der Humboldtschen Beobachtungen aufzuarbeiten. Im weiteren Teilprojekt „Sicherung, Kontextualisierung und Digitalisierung“ an der Staatsbibliothek zu Berlin wird zudem der gesamte wissenschaftliche Nachlass Humboldts konservatorisch gesichert und digitalisiert.

Humboldts Angst war es, zu verschwinden: vom Erdboden verschluckt zu werden, im Wasser zu versinken oder unter Schneemassen begraben zu werden. Doch nicht allein um seiner selbst willen, sondern aus Sorge, dass auch seine Aufzeichnungen der Nachwelt für immer verloren gehen könnten. „Humboldt wollte Zeichen hinterlassen. Deswegen schrieb er auf seiner Amerikanischen Reise unentwegt, Tag und Nacht“, erzählt Ottmar Ette. Die Geschichten in den Tagebüchern belegen das Glück, dass sie erhalten geblieben sind. Als nämlich die Piroge – ein schmales und längliches, von der indigenen Bevölkerung genutztes Boot –, mit der Humboldt und Bonpland auf dem Orinoco unterwegs waren, kenterte, gingen auch seine Aufzeichnungen von Bord. Unter Einsatz seines Lebens konnte Humboldt die Schriften retten. „Später gab er dem Kapitän die ganze Schuld“, lacht Ette. Und als Humboldt bei der Expedition in den Hochanden auf einem Schneebrett ging, war seine größte Angst, mit ihm könnten seine Aufzeichnungen in die Tiefe stürzen. „Es sind Anekdoten darüber, wie fragil Humboldts Werk ist und wie prekär die Tatsache, dass es uns heute überliefert ist“, so Ette. Um der Katastrophe des vollständigen Verlusts seiner „Lebenszeichen“ zu entgehen, verfasste Humboldt neben seinen Aufzeichnungen zahlreiche Briefe, die er von seinen Reisen durch die Amerikas nach Europa verschickte. So konnte er sichergehen, dass zumindest etwas von seinem umfassenden, grenzüberschreitenden Denken erhalten bleiben würde.

Projektkoordinator Dr. Julian Drews charakterisiert Humboldts wissenschaftliche Motivation als sehr modern: „Er wollte sich in ein Wissensnetz einspeisen. Humboldts Wissen war nicht monolithisch, sondern dynamisch und flexibel.“ Daher gefiel es dem Berliner Forscher nicht, dass die Akademie der Wissenschaften ihm bereits zu Lebzeiten eine Büste widmen wollte. Er wehrte sich – und setzte sich durch. „Das ist eine typische Humboldt-Szene“, schmunzelt Ette. Denn diese Büste passte einfach nicht zu Humboldts Denken, das sich fortwährend selbst korrigierte, wie die Doktorandin Julia Bayerl erzählt: „Das belegen auch die Randnotizen in den Reisetagebüchern, die Humboldt noch Jahrzehnte nach seiner Amerika-Reise ergänzte.“ Sie zeigen: Die Tagebücher waren ein Lebenswerk.

Dieses Werk besteht aus neun, nach Humboldts Rückkehr in Schweinsleder gefassten Bänden. Insgesamt enthalten sie 4.000 mit Tinte und Bleistift beschriebene Seiten und sind in Französisch, Deutsch, Spanisch, Latein und sogar in den Sprachen der indigenen Bevölkerung verfasst. Den Bergbau etwa schilderte Humboldt auf Deutsch; Pflanzen oder Tiere beschrieb er in Latein; Ereignisse und Bemerkungen zum Reiseablauf verfasste er auf Französisch. „Humboldt schrieb ja die ganze Zeit. Es ist unglaublich, welche Masse an Schriften er produzierte“, so Ette. „Das Material war knapp. Auf der Reise musste immer wieder Papier gekauft werden“, fügt Julian Drews hinzu. Humboldt schrieb an Bord der Piroge auf dem Orinoco, hinter ihm Affenkäfige und das Segel, dem er immer wieder ausweichen musste; er schrieb im Dschungel, von Moskitos geplagt, beim Schein einer Kerze, einer Öllampe oder unterm Licht der Sterne. Mitten in den Aufzeichnungen finden sich plötzlich 150 leere Seiten, während des beschwerlichen Aufstiegs auf den Vulkan Chimborazo war ihm das Schreiben wohl nicht mehr möglich. Auch seine psychischen Verfassungen drücken die Tagebücher aus: „Schon an der ungleichförmigen Handschrift lassen sich Humboldts Stimmungen ablesen“, sagt Ette.

Als Naturforscher reichte das Augenmerk Humboldts quasi von „Anatomie bis Zoologie“. Doch er dachte nicht bloß in beschränkten wissenschaftlichen Disziplinen, er wollte mehr: „Humboldt fragte sich, was die Welt im Innersten zusammenhält“, erklärt Ette. „Er suchte nach den Zeichen des Lebens auf dem Planeten.“ Humboldt interessierten die unterschiedlichsten Formen des Lebens, und die Zeichen, die es hervorbringt. So tauschte er sich nach seiner Amerika-Reise mit seinem Bruder Wilhelm über Zeichensysteme, Zwanzigersysteme und Sprachen aus. Nicht zuletzt war er daran interessiert, das eigene Leben durch (Schrift)Zeichen festzuhalten. „Humboldt wusste, dass Wissenschaft eine unendliche Geschichte ist, man selbst jedoch ein endliches Leben hat“, sagt Ette.

Gerade das Nicht-Sichtbare sichtbar zu machen, war ein Anliegen Humboldts, das seine Amerikanischen Reisetagebücher dokumentieren. Während seiner Fahrt entlang des Flusses erstellte er Landkarten, fertigte Zeichnungen vom Inneren eines Berges an und skizzierte Landschaften aus der Vogelperspektive. Vielleicht beruhigte er seine Angst verloren zu gehen durch diesen unmöglichen Überblick, suchte im Mikrokosmos den Makrokosmos. „Humboldt beschrieb auch bis dahin unbekannte Spezies der Tier- und Pflanzenwelt. Wer weiß, ob wir sie ohne ihn heute kennen würden“, so Julia Bayerl.

Insgesamt forschen im Teilprojekt, das am Institut für Romanistik am Neuen Palais verortet ist, drei Doktorandinnen und zwei Postdoktoranden. Seit die Staatsbibliothek zu Berlin die Tagebücher vollständig digitalisiert hat, arbeiten die Forscher meist mit den Reproduktionen – vor allem, um die Originale zu schonen. Geht es um die Details des Materials, wie etwa verschiedene Tinten, Bleistiftunterzeichnungen oder Wasserzeichen, schauen sich die Forscher aber die Originale in der Staatsbibliothek an. Sie arbeiten nicht nur mit den 4.000 Seiten umfassenden Amerikanischen Reisetagebüchern, sondern auch mit den von Humboldt nach der Reise veröffentlichten Werken (darunter seine mehrbändige Reisebeschreibung „Relation Historique“). Auch Dokumente und Briefe aus dem Berliner und dem Krakauer Nachlass beziehen die Forscher ein. Bayerl etwa untersucht Humboldts Amerikanische Reisetagebücher bildwissenschaftlich. Ein überaus reizvolles und herausforderndes Unterfangen, denn „Humboldt fertigte darin über 400 Skizzen an. Er hatte sich schon früh im Kupferstechen und Radieren bei Daniel Chodowiecki ausbilden lassen“, so die Wissenschaftlerin. Ihr Augenmerk gilt den komplexen Beziehungen zwischen Bild und Schrift. Unter anderem vergleicht sie die Reisetagebücher mit dem später, zwischen 1805 und 1838 entstandenen Reisewerk „Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent“, für das die Reisetagebücher eine Grundlage bilden. Auffällig ist, dass nicht alle Skizzen aus den Tagebüchern für das Reisewerk ausgewählt und in Kupfer gestochen wurden. „Bisher kann ich nur vermuten, dass Humboldt diese Skizzen nicht publizierte, weil sie ihm nicht prägnant genug erschienen oder er sich aufgrund der hohen Druckkosten auf eine kleine Auswahl beschränken musste.“ Bayerl erzählt von unterschiedlichen Bildern, die in den Tagebüchern auftauchen: mathematische und astronomische Visualisierungen, Tier- und Pflanzendarstellungen, Diagramme, Detailstudien von Architektur und Hieroglyphen, Karten und Bergprofile. Ja, sogar Flecken nimmt sie in den Blick – diese seien zwar keine Bilder im herkömmlichen Sinn, aber visuell aussagekräftig. Mal sei ein Tintenfass umgefallen, mal habe das Wasser des Orinoco Spuren auf dem Papier hinterlassen, aber Humboldt habe bewusst auch Textstellen mit Flecken markiert. Nur ein einziges Mal habe Humboldt einen Menschen gezeichnet: einen Priester mit Hut, der auf einer Art Absatzschuh geht. „Vermutlich wurden in den Hochanden solche Stelzenschuhe für einen besseren Halt verwendet“, erläutert Ette.

Julian Drews beschäftigt sich epistemologisch mit der Entdeckungsgeschichte Amerikas. Schließlich gilt Humboldts Amerika-Reise als „zweite Entdeckung Amerikas“. Denn Humboldt war Christoph Kolumbus „auf der Spur“ und hatte dessen Biografie stets dabei: Er nahm bei der Querung des Atlantik fast die gleiche Route wie der erste Entdecker Amerikas und stellte fest, dass die Sternbilder, die Kolumbus vor Jahrhunderten beschrieben hatte, nunmehr für das menschliche Auge nicht zu erkennen waren. Humboldt konnte dank Kolumbus auf einen jahrhundertealten Bestand von Messungen zurückgreifen. „Diese Wissensgeschichte gilt es aufzuarbeiten – auch auf Grundlage der Beziehungen im Biografischen und Autobiografischen zwischen Humboldt und Kolumbus“, so Drews.

Aber Humboldt wandelte nicht nur auf den Pfaden vergangener Entdeckungen. Er wies vor allem den Weg für kommende. So nahm er beispielsweise eine später vom Geowissenschaftler Alfred Wegener bestätigte These vorweg, als er feststellte, dass die Kontinente „zusammenpassen“: Schließlich fügen sich Südamerika und Afrika wie zwei Puzzleteile ineinander – für Humboldt Indizien für die Existenz eines einstigen Superkontinents. Heute weiß man, dass dieser Superkontinents „Gondwana“ war und im Laufe von Jahrmillionen auseinanderdriftete. Mit ähnlich verbindendem Blick faszinierten ihn die altägyptischen und altamerikanischen Kulturen – sowie die Tatsache, dass auf beiden Kontinenten pyramidale architektonische Formen und theokratische Gesellschaften entstanden waren. „Für Humboldt war alles in Bewegung und alles in Verbindung“, sagt Ette. „Er war der erste Globalisierungstheoretiker.“

Die Wissenschaftler

Prof. Dr. Ottmar Ette studierte in Freiburg und Madrid; seit 1995 hat er den Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam inne. Er ist Leiter des BMBF-Forschungsprojektes zu Alexander von Humboldt „Amerikanische Reisetagebücher: Genealogie, Chronologie und Epistemologie“ (2014–2017).

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
E-Mail: etteuni-potsdamde

Dr. Julian Drews studierte Spanische Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Potsdam und der Universidad de Granada. Zwischen 2008 und 2011 war er assoziiertes Mitglied im DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen und Lebenswissen“ und wurde 2013 promoviert. Seit Januar 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter (Postdoc) als Koordinator im BMBF-Verbundprojekt.

Kontakt
E-Mail: jdrewsuni-potsdamde

Julia Bayerl studierte Romanistik und Kunstgeschichte an der Universität Regensburg, der Universidad de Buenos Aires und der Universidad de Santiago de Compostela. Seit Februar 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMBF-Forschungsprojekt mit ihrem Dissertationsprojekt „Ikonotextuelle Untersuchungen der Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts“.

Kontakt

E-Mail: bayerluni-potsdamde

Das Projekt

Im Rahmen des BMBF-Verbundprojekts „Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher“ werden seit Anfang 2014 und noch bis 2017 zwei Teilprojekte zur Erforschung und Erschließung von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern durchgeführt: das Teilprojekt „Genealogie, Chronologie, Epistemologie“ an der Universität Potsdam unter Leitung von Prof. Dr. Ottmar Ette sowie das Teilprojekt „Sicherung, Kontextualisierung und Digitalisierung“ an der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. Die eng miteinander verbundenen Projekte werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und gehen auf den geglückten Ankauf der Tagebücher im Herbst 2013 durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde