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Why Love Hurts

Von der Relativität des Schmerzes
Foto: Anne Springer

Foto: Anne Springer

Schmerz ist zunächst die Reaktion des Körpers auf einen objektiv messbaren Reiz. Aber wie wir Schmerzen subjektiv wahrnehmen, ob wir sie lediglich als unangenehm oder als unerträglich einstufen, hängt noch von weit mehr Faktoren ab als nur von körperlichen Reaktionen. Neben individuellen Merkmalen spielt auch das Umfeld eine Rolle. Wie soziale Unterstützung, Bindung und Empathie Schmerz beeinflussen und welche psychologischen Mechanismen solche Effekte erklären können, untersucht ein international zusammengesetztes und interdisziplinäres Forschungsteam, zu dem auch die Potsdamer Sozialpsychologin Anne Springer gehört. Mit ihr sprach Sabine Sütterlin.

„Warum Liebe wehtut: die soziale Modulierung von Schmerz“: Der ungewöhnliche Titel Ihres Forschungsprojekts weckt sofort Neugier. Worum geht es dabei?

Ausgegangen sind wir von dem schon häufig berichteten Zusammenhang zwischen Schmerz und sozialen Faktoren. So ist schon seit den 1970er Jahren bekannt, dass Patienten nach Operationen weniger Schmerzmittel verlangen, wenn sie vor dem Eingriff mental auf mögliche Schmerzen vorbereitet und darüber aufgeklärt wurden. Ein anderes Beispiel ist der Geburtsschmerz. Wie Studien in den 1980er Jahren gezeigt haben, hängt er auch davon ab, wie einfühlsam sich Partner oder Hebammen während einer Geburt verhalten. In einem Vorläuferprojekt haben wir uns erst einmal grundlegend damit beschäftigt, wie sich soziale Einflüsse auf das Erleben von Schmerz auswirken. Uns interessierte, welche Mechanismen diesem Effekt zugrunde liegen. Dies ist nämlich aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht noch weitgehend offen. Im Unterschied zu vielen bisherigen Studien gehen wir in unserer Forschung jedoch keinen bloßen Zusammenhängen nach, sondern verfolgen einen experimentellen Ansatz. Das laufende Projekt „Why Love hurts“ hat sich auf Basis dieses älteren Projekts herausgebildet. Es fokussiert auf den Einfluss von Menschen oder Tieren, zu denen wir eine enge emotionale Beziehung haben. Darauf hebt auch unser Projekttitel ab: Besonders viel liebevolle Aufmerksamkeit und Zuwendung können den Schmerz sogar noch verstärken.

Das internationale Projektteam setzt sich aus Vertreterinnen der unterschiedlichsten Fachgebiete zusammen: Die Neurowissenschaftlerin Aikaterini Fotopoulou arbeitet am University College in London, die Philosophin Verena Gottschling an der York University im kanadischen Toronto. Sie selbst sind Sozialpsychologin und forschen – wenn nicht gerade in Elternzeit – am Department für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Universität Potsdam. Wie kommt eine solch grenzüberschreitende Kooperation zustande und wie funktioniert sie?

Kennengelernt haben wir uns 2006 auf einem Workshop in Döllnsee bei Berlin, den die VolkswagenStiftung im Rahmen ihrer Initiative „European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Humanities“ angeschoben hatte. Ziel dieses Programms ist, den Austausch von Nachwuchsforschern zu stärken, die im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaften sowie der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften arbeiten. Im Rahmen von Netzwerkprojekten sollen sie neue interdisziplinäre Fragen für die gemeinsame Forschungsarbeit entwickeln und Grenzen zwischen Disziplinen überwinden. Jede von uns hatte sich damals mit einem eigenen Projektvorschlag dort beworben. Während des Workshops diskutierten wir die vorgestellten Themen aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Disziplinen. Am Ende der beiden Tage in Döllnsee waren die ursprünglichen Konstellationen ziemlich durcheinandergewirbelt, neue Teams hatten sich zusammengefunden, so auch unseres. Im Anschluss haben diese Gruppen dann Anträge für neue Forschungsprojekte erarbeitet, die von einem internationalen wissenschaftlichen Gremium begutachtet und im besten Fall bewilligt wurden. 

Warum interessiert man sich überhaupt für Schmerz?

Schmerz ist eine für die Medizin ganz zentrale Fragestellung. Chronische Rückenschmerzen sind offenbar heute die zweithäufigste Ursache für Arztbesuche, die AOK nennt sie als häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. In Deutschland werden die staatlichen Kosten, die chronische Rückenschmerzen verursachen, mit bis zu 22 Milliarden Euro jährlich angegeben, eine enorme Summe. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus. Je genauer wir Schmerz und die beteiligten Mechanismen verstehen, desto besser lässt er sich behandeln. Das Rätselhafte am Schmerz ist dabei diese spezielle Kombination aus körperlicher Empfindung eines objektiv messbaren Reizes und der subjektiven emotionalen Komponente. Anders gesagt ist Schmerz weit mehr als ein rein körperliches Signal. Er kann daher auch nicht allein aus der Medizin heraus verstanden werden. Individuelle und zwischenmenschliche Faktoren spielen ebenfalls eine ganz wichtige Rolle. Genau diese Faktoren rücken heute mehr und mehr in den Fokus der neurowissenschaftlichen und psychologischen Schmerzforschung. Unsere Studien sollen dazu beitragen, besser zu verstehen, wie Beziehungen zwischen Individuen deren Schmerz beeinflussen können, welche Rolle also der zwischenmenschliche Kontext spielt. Wichtig ist dabei auch, zu einem besseren Verständnis der entscheidenden individuellen Merkmale zu kommen. Unsere Ergebnisse sind daher beispielsweise bedeutsam für Menschen mit chronischen Schmerzen und deren Angehörige, und zwar in medizinischen wie auch in weiteren Versorgungsfeldern wie etwa Schmerzmanagement, Physiotherapie, Psychotherapie oder Pflege. Auch Kinder können im Übrigen schon von chronischen Schmerzen wie etwa Rückenschmerzen betroffen sein.

Zu Beginn des aktuellen Projektes, das Ende dieses Jahres ausläuft, haben Sie erst einmal den Stand des Wissens festgehalten. 

In einem Übersichtsartikel haben wir alle verfügbaren experimentellen Studien zusammengestellt, in denen untersucht wurde, wie beispielsweise die Anwesenheit anderer, deren Verhalten, Empathie oder allein räumliche Nähe zum Leidtragenden die Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Insgesamt fanden wir 26 solcher Arbeiten, die eine große Bandbreite unterschiedlicher sozialer Faktoren wie auch erhobener Schmerzreaktionen umfassen. Im Ergebnis konnten wir feststellen, dass die soziale Modulation von Schmerz von dem Ausmaß abzuhängen scheint, in dem anwesende soziale Partner den Schmerzleidenden aktiv unterstützen oder aber zumindest die Möglichkeit haben, aktive Unterstützung auch tatsächlich zu gewährleisten, indem sie etwa Hilfe holen. Wichtig ist auch, ob und inwieweit dem Leidenden die Handlungsabsichten des Anderen bekannt sind. Außerdem war die Art der Beziehung zwischen Proband und Beobachter entscheidend: fremd, nahestehend oder eigener Partner. Insgesamt nehmen wir aufgrund der Befundlage an, dass soziale Interaktionen in Schmerzsituationen als Hinweisreize verstanden werden, die „Sicherheit“ oder aber eher „Gefahr“ signalisieren. Infolgedessen können andere die Heftigkeit schmerzhafter Reize erhöhen oder verringern. 

Und wie erforschen Sie das nun experimentell?

Wir setzen unsere Probanden einem recht künstlichen Schmerz aus, indem wir sie bitten, ihre Hand in einen Eimer mit drei Grad Celsius kaltem Wasser zu tauchen. Das hat jedoch den Vorteil, dass wir die äußeren Faktoren, die uns interessieren, im Labor systematisch manipulieren und kontrollieren können. Aus den anschließend gemessenen Effekten im Schmerzerleben können wir somit eindeutige Rückschlüsse darauf ziehen, welche der Faktoren den Schmerz maßgeblich beeinflusst haben. Ein gutes Beispiel liefert ein Experiment, das wir jüngst zur Veröffentlichung eingereicht haben. Dabei bringen die Teilnehmer zum Versuch entweder ihren Hund oder aber eine gute Freundin mit. Eine dritte Gruppe ist während der Kaltwasseraufgabe allein im Labor. Da die Versuchsbedingungen ansonsten identisch sind, sollten systematische Unterschiede in der Schmerzbeurteilung allein auf die An- oder Abwesenheit von Hund beziehungsweise Freund zurückgehen. Die nächste spannende Frage war dann, in welche Richtung der Effekt ausfällt, ob also Schmerz verstärkt oder gelindert wird. 

Hund oder Freund – wer hat besser abgeschnitten?

Tatsächlich scheinen Hunde hier mehr zu helfen als gute Freunde. Unsere Probandinnen stuften den Reiz, also die Berührung des eiskalten Wassers, als weniger schmerzhaft ein, wenn sie ihren Hund dabei hatten, als wenn sie allein waren oder aber eine gute Freundin anwesend war. Sie gaben auch an, sich weniger hilflos zu fühlen und konnten ihre Hand länger im kalten Wasser lassen als die anderen Teilnehmerinnen. Interessanterweise waren auch ihre unbewusst, also unverfälscht ablaufenden körperlichen Reaktionen verringert, etwa die Hautleitfähigkeit oder die Anspannung des Kaumuskels. Unsere Befunde legen daher nahe, dass der eigene Hund ganz besonders positive Effekte auf den Umgang mit akutem Schmerz haben kann und den Schmerzleidenden sogar stärker zu unterstützen vermag als ein menschlicher Freund dies tun kann. Dabei waren unsere drei Versuchsgruppen übrigens so vergleichbar wie möglich. Alle Probandinnen besitzen ein Haustier, dem sie in ähnlicher Weise eng verbunden sind. Auch in puncto Erfahrung mit schmerzhaften Situationen und im Umgang mit der Kaltwasseraufgabe waren sie sich ähnlich. All diese Faktoren können also den gefundenen „Hunde-Effekt“ nicht erklären. Wir nehmen daher an, dass die bedingungslose und komplett wertfreie Liebe eines Haustieres zu seinem Frauchen oder Herrchen dessen eigenes emotionales Befinden in schmerzhaften Situationen besonders günstig beeinflussen kann.

Also mehr Tiere in Krankenhäusern?

Da wir bisher gesunde Probanden untersucht haben, sind unsere Befunde natürlich nicht auf Schmerzpatienten generalisierbar. Trotzdem lässt sich vermuten, dass Haustiere zur Behandlung von Schmerzen etwas beitragen können. Denkbar ist zum Beispiel, dass besonders dann, wenn medikamentöse oder sonstige herkömmliche Therapien bei Schmerz nicht oder nur eingeschränkt anwendbar sind, ein Kontakt mit Haustieren therapeutisch sinnvoll sein kann. Bei Kindern gibt es bereits viele erfolgreiche Beispiele dafür, unter anderem bei ADHS oder Ängsten. Wir haben bereits eine Studie mit Probanden geplant, die an chronischem Rückenschmerz leiden, um auch hier den Einfluss von Haustieren zu überprüfen. 

Können denn menschliche Tröster auch etwas bewirken?

Ja natürlich! Unsere bisherigen Experimente legen aber nahe, dass die Anwesenheit anderer nicht unbedingt immer positive Effekte auf das Erleben von Schmerz hat. Die Wirkung anderer auf Schmerz hängt offensichtlich auch ab von ihrem Einfühlungsvermögen, von der Art der sozialen Beziehung, die sie zum Schmerzleidenden haben, sowie vom individuellen Bindungsstil und den individuellen Strategien des Leidenden, mit Schmerz umzugehen. Ein Beispiel: Personen, die dazu neigen, soziale Beziehungen eher zu vermeiden, zeigen weniger Schmerz, wenn sie unangenehmen Reizen allein ausgesetzt sind als in Gegenwart eines Beobachters. Menschen, die ein höheres Bedürfnis nach Bindung haben, ertragen Schmerz hingegen besser, wenn ein sehr mitfühlender Beobachter im Raum ist, verglichen mit einem wenig empathischen Beobachter. Das hat eine 2010 publizierte Studie aus unserem Projekt gezeigt.

Das Projekt | Die Wissenschaftlerin

Die Sozialpsychologin Dr. Anne Springer ist seit 2010 an der Universität Potsdam und arbeitet seitdem an dem interdisziplinären Projekt „Why Love Hurts: The Social Modulation of Pain“, das sie gemeinsam mit der Neurowissenschaftlerin Dr. Aikaterini Fotopoulou vom King’s College in London und der Philosophin Dr. Verena Gottschling von der York University in Toronto ins Leben gerufen hat. Inzwischen sind eine Reihe externer Kooperationspartner hinzugekommen, unter anderem die Psychologin Prof. Ursula Hess von der Humboldt Universität zu Berlin. Die VolkswagenStiftung fördert das Vorhaben, das seit 2011 läuft und auf vier Jahre angelegt ist.

Kontakt

Universität Potsdam
Department Sport- und Gesundheitswissenschaften
Am Neuen Palais 10,
14469 Potsdam
E-Mail: anne.springeruni-potsdamde

Text: Sabine Sütterlin, Online gestellt: Agnes Bressa