Benjamin Weber

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Leiter

der Hertha BSC Fußball-Akademie

Bildquelle: City-Press / Hertha BSC

Was machen Sie beruflich und wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich bin Leiter der Hertha BSC Fußball-Akademie. Von 2000 bis 2006 habe ich ein Diplom-Studium der Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportökonomie / Sportmanagement an der Universität Potsdam absolviert. Im Rahmen eines Pflichtpraktikums sammelte ich beim NDR praktische Erfahrungen im journalistischen Bereich und war im Anschluss für zweieinhalb Jahre als studentischer Mitarbeiter bereits bei Hertha BSC im sportlichen Bereich angestellt und konnte hier erste Erfahrungen sammeln. Nach dem Studium zog es mich dann zunächst ins Sportmarketing. 2007 bin ich wieder zu Hertha BSC zurückgekehrt, wo ich zunächst im Marketing- und Sponsoring-Bereich gearbeitet habe. Seit 2014 bin ich in der Funktion des Akademie-Leiters für den gesamten Nachwuchs zuständig.

Welche Ziele verfolgt die Hertha BSC Fußball-Akademie und welche Aufgaben haben Sie dabei als Leiter?

Ich bin gesamtverantwortlich für die Hertha BSC Fußball-Akademie mit den Kernbereichen Sport, Organisation und Finanzen. In der Akademie werden 250 Kinder und Jugendliche in elf Jahrgangsmannschaften ausgebildet – von der U9 (8 Jahre) bis zur U23 (bis 23 Jahre). Ca. 80 Mitarbeiter*innen kümmern sich um den Nachwuchs, hiervon sind ca. 30 Mitarbeiter fest angestellt, der andere Teil setzt sich aus Teilzeitbeschäftigten, Studenten und ehrenamtlich Tätigen zusammen. Das Ziel der Akademie besteht darin, talentierte Nachwuchssportler auf ihrem Weg in den Profi-Fußball bestmöglich auszubilden und zu fördern. Gleichermaßen ist es für uns wichtig, die Nachwuchsspieler schulisch zu begleiten. Vor diesem Hintergrund haben wir eine duale Ausbildungsphilosophie aus Schule und Sport mit den drei Kernaufgaben: Schulische Ausbildung, Sportliche Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung.

Welche Kompetenzen und Fähigkeiten sollte man als Leiter*in einer Fußball-Akademie mitbringen?

Für die Arbeit im Nachwuchs bedarf es vor allem viel Zeit, da ein Großteil der Arbeit am Wochenende stattfindet. Wichtig dabei ist natürlich die Begeisterung für den Sport, Spaß an Organisation, aber auch die Bereitschaft Führung zu übernehmen und das Interesse mit Jugendlichen zu arbeiten. Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Freude an der Arbeit im Team: Fußball ist ein Mannschafssport – nicht nur auf dem Spielfeld. Was die Qualifizierung betrifft, ist ein Studium mit Sportbezug in jedem Fall hilfreich, aber nicht zwingende Voraussetzung. Darüber hinaus können je nach Anforderungen Trainerqualifikationen von Vorteil sein.

In welchen Punkten bereitet ein Studium (z. B. der Sportwissenschaften) auf Ihren Beruf vor? Was lernt man erst in der Praxis?

Kurz gesagt: Im Studium erlernt man das Handwerkszeug für die Praxis. In der Praxis geht es dann um die Anwendung dessen, was man im Studium gelernt hat. Aus meinem Studium habe ich hauptsächlich mitgenommen, Aufgaben anzugehen, Prozesse zu strukturieren und Probleme zu lösen. Darüber hinaus habe ich im Studium gelernt, mich in unbekannte Themenfelder einzuarbeiten. Auch wenn es Pflichtvorlesungen gab, die mich damals vielleicht weniger interessiert haben, so war die Beschäftigung mit den Themen, die dort behandelt wurden, für die spätere Praxis sehr nützlich. Ein praktisches Beispiel: Durch den Besuch von Vorlesungen in Zivilrecht und Öffentliches Recht erlernt man ein Grundverständnis dafür, wie Recht überhaupt funktioniert.

Welche drei Sachen haben Sie bei der Arbeit zuletzt erledigt?

  1. Ich habe letzte Absprachen mit den Trainern getroffen über das kommende Wochenende anlässlich des Saisonbeginns in der A- und B-Junioren Bundesliga.
  2. Es gab eine Mitarbeiterversammlung.
  3. Ich habe mich mit Fragen beschäftigt, die den Fortlauf des Schul- und Sportbetriebs unter Corona-Maßnahmen betreffen und mich dafür mit den neuen Bestimmungen des Landes Berlin auseinandergesetzt.

Wo arbeiten Sie? Sitzen Sie meist am Schreibtisch oder sind Sie viel unterwegs (z. B. auf dem Sportplatz, auf Reisen mit dem Nachwuchs)?

Normalerweise bin ich zur Hälfte unterwegs und zur Hälfte am Schreibtisch. Aufgrund der Corona-Pandemie bin ich in diesem Jahr nun mehr in Berlin. Da der Spielbetrieb jetzt erst beginnt, arbeite ich allerdings derzeit mehr am Schreibtisch. Ansonsten sind wir regelmäßig mit unseren Jugendmannschaften im Ausland unterwegs. Wir reisen u.a. regelmäßig ins Vereinigte Königreich, waren aber auch schon in den USA oder in China. Mit der U12 waren wir in den vergangenen Jahren mal in Japan.
Beim Reisen mit unseren Nachwuchsmannschaften geht es um den sportlichen Vergleich, aber gleichermaßen auch um die persönliche Entwicklung und Erfahrungen für unserer Nachwuchsspieler. Sie sollen durch Reisen auf den Alltag eines Profi-Spielers vorbereitet werden und lernen, unter Reisebedingungen sportliche Leistungen erbringen zu können, aber sollen darüber hinaus auch andere Kulturen kennenlernen, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weiterbringen. Ein Highlight der letzten Jahre war sicherlich die Teilnahme an der UEFA Youth League in der Saison 2018/19, als wir mit unserer U19 u.a. Spiele in Polen, Aserbaidschan und Spanien absolvieren durften. Hier waren sicherlich Orte dabei, die die Spieler und auch Funktionäre ohne den Fußball vielleicht nie gesehen hätten.

Die Akademie als Ort der Jugendarbeit: Wie wichtig sind pädagogische Kompetenzen für Ihren Beruf?

Im Mittelpunkt der Arbeit der Akademie steht die Vereinbarkeit von Schule und Sport. Es geht uns nicht nur um die Frage „Wer schafft es in den Profi-Sport?“, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung und Qualifikation für den „normalen“ Arbeitsmarkt. Daher arbeiten wir sehr eng mit verschiedenen Schulen zusammen. Wir begleiten Wege junger Menschen. Das erfordert pädagogische Konzepte und damit auch soziale sowie sozialpädagogische Kompetenzen. Für meine Arbeit sind dabei Pädagogik- und Didaktik-Kenntnisse aus dem Studium hilfreich.

Inwiefern sind Sie an der Auswahl und Förderung bzw. Entwicklung des Nachwuchses beteiligt?

Meine Aufgabe ist es, in Abstimmung mit der Vereinsführung und meinen Kollegen in der Akademie-Leitung bei der Auswahl und Förderung des Nachwuchses alle Fäden zusammenzuführen. Im Team hat jeder seine Aufgaben. Beispielsweise gibt es eine Scouting-Abteilung, die Spieler beobachtet, die Entwicklungen analysiert und anschließend den Trainern und der sportlichen Leitung Vorschläge unterbreitet. Bei der Auswahl setzen wir den Fokus auf die Region Berlin und Brandenburg. Die in unserem Internat wohnenden Jugendlichen kommen – bis auf wenige Ausnahmen – ebenfalls aus dieser Region.

Hertha repräsentieren oder strategisch im Hintergrund arbeiten: Was bestimmt Ihren Berufsalltag mehr?

Neben dem Repräsentieren und der strategischen Planung, das beides zu meinen Aufgaben gehört, muss ich noch eine Ergänzung hinzufügen: die operative Arbeit. Es verteilt sich auch hier alles recht gleichmäßig. Es gibt in einer Saison immer verschiedene Phasen. Steht zum jetzigen Zeitpunkt vor allem viel operative Arbeit aufgrund der Wiederaufnahme des Spielbetriebs unter Corona-Bedingungen mit zahlreichen Absprachen mit Behörden und Verbänden im Vordergrund, bestimmen in der Regel im Frühjahr vor allem strategische Themenfelder den Arbeitsalltag, wie zum Beispiel Budget- und Haushaltsplanungen, Lizensierung, Personalfragen sowie Abstimmungen mit der Geschäftsführung und den Gremien des Vereins. Repräsentative Aufgaben kommen im Jahresverlauf unregelmäßig dazu.

Welche Aufgaben erledigen Sie im Team und für welche Aufgaben sind Sie ganz allein verantwortlich?

Alleine Arbeiten gibt es in meinem Arbeitsalltag nicht. Ob Sport, Finanzen oder Spielbetrieb – in allen Bereichen arbeite ich immer mit meinem Team zusammen. Ohne die Teamarbeit würde es nicht funktionieren, das ist mir wichtig zu betonen.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Leitung einer Nachwuchs-Akademie?

Ich möchte drei große Herausforderungen nennen: Die größte Herausforderung für alle ist die Vereinbarkeit von Schule und Sport. Darüber hinaus der Umgang mit einer oft hohen Erwartungshaltung – den großen Träumen der Jugendlichen. Als dritte Herausforderung ist der Umgang mit der Konkurrenz zu erwähnen. Außerdem stellen wir fest: Die Digitalisierung ist eine zusätzliche Herausforderung. Kinder und Jugendliche bewegen sich heutzutage weniger als früher, treffen sich weniger draußen zum Kicken und halten sich sehr viel mehr an Computer und Konsolen auf. Das merken wir bei der Suche nach Bewegungstalenten.

Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Mich begeistert an meinem Beruf, dass ich Wege begleite. Es ist toll mit unseren Jugendteams zu Turnieren ins Ausland zu reisen oder zu sehen, wie unsere Nachwuchsspieler ihre Träume erfüllen können. Großartig sind auch die Momente, in denen Profis, die wir auf ihrem Weg begleitet haben, auch mal im Büro vorbeischauen. Dass da noch die Verbindung zum Nachwuchs besteht, begeistert mich. Darüber hinaus ist es schön zu sehen, dass diejenigen, die es nicht in den Profisport schaffen, die Zeit in der Akademie nutzen, um später z.B. Studienplätze und Sportstipendien in den USA zu bekommen oder andere berufliche Wege einschlagen. Beispielsweise hat gerade ein ehemaliger Nachwuchsspieler von uns nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten in unserem Medizin- und Rehazentrum HerthaMed als Physiotherapeut angefangen.

Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?

Das mag sich banal anhören, aber wenn ich einen Tipp geben kann, dann lautet der: Früh erste Praxiserfahrungen sammeln. Es hilft verschiedene Bereiche auszuprobieren, um über den Tellerrand hinauszuschauen und für sich selbst herauszufinden, was man will. Meine früheren praktischen Erfahrungen haben mir zum Beispiel die Gewissheit gegeben, dass ich dicht am Sport arbeiten möchte.