Katja Schulten

Katja Schulten

Dolmetschen

freiberufliche Konferenzdolmetscherin für die Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch

Wie bezeichnen Sie Ihren Beruf?

Konferenzdolmetscherin

 

Was haben Sie studiert? / Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Masterstudium Konferenzdolmetschen, vorher Bachelorstudium Mehrsprachige Kommunikation

 

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? War das ein Kindheitstraum, oder haben Sie erst später Ihr Talent entdeckt?

Bei meinem ersten Schüleraustausch in Frankreich im 7. Schuljahr habe ich zum ersten Mal erlebt, wie faszinierend es ist, in eine andere Kultur einzutauchen und die dazugehörige Sprache zu sprechen; und mir wurde klar, dass Sprache mehr ist als trockene Grammatik und endlose Vokabellisten. Danach habe ich immer wieder die Möglichkeit genutzt, auch außerhalb von Urlauben Zeit im Ausland zu verbringen (z. B. bei meinem Au-pair-Jahr in den USA, bei verschiedenen Praktika und einem Studiensemester in Frankreich). Und ich habe schon immer gern Menschen mit meinen Sprachkenntnissen unterstützt, z. B. französische Schüler*innen in Deutschland oder deutsche Tourist*innen in Frankreich, die sich nicht ausreichend verständigen konnten.

Nach Abitur und Auslandsjahr habe ich allerdings erst einmal eine zweijährige kaufmännische Ausbildung mit dem Abschluss „Kaufmännische Assistentin Fremdsprachen“ absolviert, weil ich mich für das Dolmetschen noch nicht bereit gefühlt habe und eine klassische Ausbildung machen wollte. Bei meiner Arbeit in einer Exportabteilung bei einer Maschinenbaufirma habe ich schnell gemerkt, dass ich in diesem Beruf auf Dauer nicht glücklich werde: Meine täglichen Aufgaben wurden sehr schnell zur Routine und die Arbeit innerhalb der von der Firma vorgegebenen Prozesse bot mir nur wenig Gestaltungsspielraum. Daher habe ich mich zwei Jahre später in Köln für das Dolmetschstudium eingeschrieben und bin sehr froh, heute diesen sehr abwechslungsreichen Beruf auszuüben, bei dem ich noch dazu meine eigene Chefin bin.

 

Welche drei Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

Auf einem Businessmeeting gedolmetscht, Rechnungen geschrieben und meine Umsatzsteuervoranmeldung für das erste Quartal erstellt.

 

Wie verlief der Einstieg in die Selbständigkeit? Wie haben Sie die ersten Kunden gefunden und Fuß gefasst?

Da ich mich kurz nach der großen Finanzkrise von Ende 2008 selbständig gemacht habe, war der Anfang sehr schwer. Insofern habe ich mich zunächst mit einer Festanstellung in Teilzeit in der kaufmännischen Abteilung einer großen Firma und als freie Mitarbeiterin in der Untertitelungsredaktion eines Fernsehsenders über Wasser gehalten und nur sporadisch als Dolmetscherin gearbeitet. Nach und nach kamen dann immer mehr Aufträge über Kolleg*innen, meine Website und die Datenbank meines Berufsverbands. Nachdem ich mich ab Ende 2010 endlich voll auf meine Selbständigkeit konzentrieren konnte, hat es noch drei Jahre gedauert, bis ich wirklich von meiner Freiberuflichkeit leben und die noch verbliebenen Nebenjobs als Lehrbeauftragte und Englischtrainerin aufgeben konnte.   

 

Wo arbeiten Sie normalerweise? Was sind Ihre liebsten Arbeitsorte?

Meine Dolmetscheinsätze finden an ganz unterschiedlichen Einsatzorten statt. Das kann sowohl der Besprechungsraum einer Firma für ein Businessmeeting oder ein Tagungshotel für eine Konferenz sein. Oft bin ich aber auch an Orten unterwegs, an die man jetzt nicht sofort beim Dolmetschen denken würde, z. B. bei der Begleitung von Teilnehmer*innen einer Studienreise aufs Feld zu einer Photovoltaikanlage oder auf den Bauernhof zu einer Biogasanlage. Die Vor- und Nachbereitung der Einsätze (Recherchieren von Fachbegriffen, Vorbereiten von Präsentationen, Pflegen der Glossare etc.) erledige ich in meinem Arbeitszimmer.

Es ist mir weniger wichtig, wo ich arbeite; viel wichtiger ist mir das wie, was und wofür. Am liebsten sind mir die Einsätze, bei denen ich Teil der Gruppe bin, für die ich dolmetsche, z. B. bei mehrtägigen Studienreisen. Oder Einsätze, durch die ich in eine ganz neue Welt eintauchen kann, weil das Thema komplett neu für mich ist. Und alle Einsätze, bei denen ich das Gefühl habe, dass es um ein wichtiges Thema geht, das die Gesellschaft voranbringt, wie z. B. bei meinen Einsätzen für eine Frauenrechtlerin aus der Demokratischen Republik Kongo oder auf einer Jugendkonferenz zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft.

 

Was war Ihr bisher aufregendster Auftrag und warum?

Die Verdolmetschung eines französischen Schriftstellers auf einem Literaturfestival. Ich war bei der Beauftragung davon ausgegangen, dass es sich um eine eher kleine Veranstaltung für ein paar Literaturfans handeln würde. Da wusste ich noch nicht, dass dieser Herr ein sehr spezieller Zeitgenosse ist, der nur sehr selten zu solchen Auftritten bereit ist und dass es schon allein deshalb ein großes Interesse an der Veranstaltung geben würde. Noch dazu ereignete sich ein paar Tage vor dem Einsatz ein Vorfall, durch den sich auf einmal gefühlt die halbe Welt für den Auftritt des Schriftstellers interessierte und viele Pressevertreter*innen aus verschiedenen Ländern vor Ort waren. Es gab sehr hohe Sicherheitsvorkehrungen und alle waren total nervös. Noch dazu wurde die Veranstaltung nun live gestreamt. Es war nicht leicht, das alles bei meinem Einsatz auszublenden. Erschwerend kam hinzu, dass ich außer dem Buch des Schriftstellers keinerlei Vorbereitungsmaterial hatte, der vereinbarte Ablauf spontan geändert wurde und ich die Antworten zusammenfassen sollte (was schwieriger ist, als alles Gesagte zu dolmetschen). Und der Schriftsteller ist eine alles andere als kommunikative Person. Das alles machte es nicht gerade einfach, eine souveräne Leistung auf der Bühne abzuliefern. Ich würde das quasi als meinen Champions-League-Auftrag bezeichnen.

 

Welche Kompetenzen muss man Ihrer Meinung nach mitbringen, um in Ihrem Beruf erfolgreich zu sein? Was für ein Typ Mensch muss man da sein?

Das Dolmetschen ist mehr als das bloße Übertragen von Wörtern. Man muss die Stimmung des Gesagten übertragen, sich in eine andere Person hineindenken können und ganz schnell erfassen, was diese ausdrücken möchte. Daher würde ich sagen, man braucht sehr viel Feingefühl und eine schnelle Auffassungsgabe. Und man muss neugierig sein und dazu bereit, sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten. Darüber hinaus sollte man ein kommunikativer Typ sein, weil man ständig mit unterschiedlichen Kund*innen und Ansprechpartner*innen zu tun hat und sehr eng mit verschiedenen Kolleg*innen zusammenarbeitet. Und wichtig ist auch eine gewisse Stressresistenz, damit man gut mit der Live-Situation beim Simultandolmetschen und beim Dolmetschen auf der Bühne zurechtkommt.

 

Wenn Sie frei wählen könnten, wen würden Sie gerne mal verdolmetschen?

Darüber habe ich bis jetzt noch nie nachgedacht. Vielleicht Greta Thunberg, während sie Politikern wie Trump (den ich übrigens NIE verdolmetschen möchte) die Leviten liest.    

 

Wie sehen Sie sich selbst am ehesten beruflich: als Künstlerin, Handwerkerin oder Unternehmerin?

Künstlerin ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen; ich würde eher von mir als Sprach- und Kommunikationstalent sprechen. Und bei der Akquise, Preisverhandlung und den sonstigen Tätigkeiten im Büro muss ich auch ganz klar Unternehmerin sein. Dabei kommt mir übrigens meine kaufmännische Ausbildung, die ich vor dem Dolmetschstudium absolviert habe, sehr zugute.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie an Ihrem Beruf, die Außenstehende vielleicht gar nicht so wahrnehmen?

Es ist nicht jedermanns Sache, nie selbst reden zu dürfen, sondern stets die Stimme für jemand anderen zu sein. Die eigene Meinung hat in der Verdolmetschung nichts zu suchen. Da muss man sich sehr gut zurücknehmen können und auch schon mal Dinge aussprechen, mit denen man selbst nicht einverstanden ist oder sich ganz anders ausdrücken, als man es im Privatleben tun würde. Und da es nur wenige feste Stellen für Dolmetscher*innen gibt, muss man es auch mögen, selbständig tätig zu sein.

 

Haben Sie Tipps für Berufsinteressierte /-einsteiger*innen?

Wenn man sich für den Beruf interessiert, findet man viele Informationen auf der Website des Verbands der Konferenzdolmetscher (VKD). Und Berufseinsteiger*innen empfehle ich das Nachwuchsprogramm des Verbands, denn es ist ganz wichtig, dass man sich möglichst bald nach dem Berufseinstieg gut vernetzt.