Chris Hiller

Doktorand

im Bereich Humangeographie an der Universität Potsdam

 

Wo arbeiten Sie?

Ich arbeite am Institut für Geographie an der Universität Potsdam als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand.

Was haben Sie studiert?

Ich studierte Deutsch und Geographie auf Lehramt am Gymnasium.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Während des Studiums hatte ich immer wieder den Gedanken zu promovieren, hielt aber doch am Ziel des Lehrer*innenberufs fest. Als ich nach dem Studium angefragt wurde, mich auf die Stelle zu bewerben, fasste ich Mut.

Welche drei Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

Für das nächste Semester hielt ich Absprachen mit dem geladenen Gastdozenten per E-Mail. Außerdem überarbeitete ich den Online-Auftritt des Seminars und wählte Texte hierfür aus.

An was forschen Sie gerade?

In meiner Forschung bringe ich die Themen Flucht und sexuelle Vielfalt zusammen. Ganz konkret bedeutet das derzeit, dass ich mit verschiedenen Institutionen Kontakt aufnehme, die queeren Geflüchteten Schutz und (rechtlichen) Rat geben, sie empowern und bei der Netzwerkbildung unterstützen. In Expert*inneninterviews untersuche ich deren Arbeit unter den jeweils unterschiedlichen Bedingungen in den verschiedenen Städten. Spannend ist dabei, wie verschiedene Narrative den Diskurs bestimmen. Im Fokus stehen deshalb die Fragen: Wie werden Sicherheit und Unsicherheit konstruiert und welche politischen Folgen resultieren daraus?

Wie unterscheidet sich Ihre Promotion von Ihrem Studium?

Der große Unterschied zum Studium ist: Ich habe deutlich mehr Zeit, um mich mit wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Der Druck ist nicht so groß wie bei Hausarbeiten mit einer zweimonatigen Frist, sodass ich mich mit einem besseren Gefühl in die Literatur stürzen und offener für die Vielfalt im wissenschaftlichen Diskurs sein kann. Das bedeutet allerdings auch, dass die Gefahr größer ist, sich zu verlieren. Meine Betreuer und meine Mentorin geben mir regelmäßig eine gute Unterstützung, sodass ich die Zielorientierung nicht verliere.

Zudem verlangt die Promotion noch mehr Selbstständigkeit und Disziplin. Es gibt nun keine Seminare mehr und auch keine Dozent*innen, die mir eine klare Struktur und befristete Aufgaben geben. Ich musste erst lernen, mir diese selbst zu erteilen, nicht nur um voranzukommen, sondern auch, um das motivierende Gefühl zu bekommen, etwas geschafft zu haben. Die freie Zeiteinteilung ist für mich insgesamt jedoch ein großer Gewinn, um besser mit Kind, Familie und Freund*innen, die alle an verschiedenen Orten leben, Zeit zu verbringen.

Neue Aufgaben beziehen sich auf die Betreuung meiner Seminare: Texte und Materialien herraussuchen, Seminarplan erstellen, Studierende betreuen, Hausarbeiten bewerten. Außerdem integriere ich mich nun aktiver in den wissenschaftlichen Diskurs. Die ersten Vorträge wurden gehalten und bald steht die erste Konferenz an.

Was sind klassische Schwierigkeiten beim Schreiben einer Promotion?

Wie bereits erwähnt ist es schwierig, aus den vielen Ideen ein fokussiertes Forschungsthema auszuwählen. Hohe Ansprüche an mich selbst und ein interdisziplinärer Ansatz erleichtern das nicht gerade. Ständiger Austausch mit Kolleg*innen und Freund*innen gibt dafür eine gute Unterstützung.

Eine weitere Schwierigkeit ist die Zeitplanung. Ich bin noch ziemlich am Anfang, weiß aber durch Erfahrungen anderer, dass die Datenauswertung, das Schreiben und das Veröffentlichen der Artikel meistens deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als zunächst angenommen. Es ist immer damit zu rechnen, dass etwas dazwischenkommt. Das sehe ich aber keineswegs als Bedrohung, sondern als Bereicherung, als etwas, das den Forschungsprozess spannend gestaltet.

Wieso haben Sie sich zu einer Promotion entschlossen?

Die Promotion ist für mich selbst eine große Bereicherung. Für das Lesen, Forschen und den Austausch mit anderen bringe ich viel Leidenschaft mit.

Mit meinem Forschungsthema möchte eine kritische Perspektive und marginalisierte Themen in den wissenschaftlichen Diskurs bringen. Ich verstehe meine Arbeit deshalb auch als Aktivismus, der Intersektionalität und Diskriminierung eine größere Sichtbarkeit schafft– im wissenschaftlichen Diskurs wie auch bei Studierenden und bestenfalls in den Schulen.

Lässt die Promotion Ihnen noch Zeit für andere Projekte und Aufgaben?

Obwohl die Promotion viel Zeit einnimmt, finde ich Gelegenheit für andere Projekte.

Mir ist es wichtig, einen Austausch über bestimmte Themen anzuregen, weshalb ich viel Wert auf die Gestaltung von Seminaren lege. In mein nächstes Seminar kommt ein Gast, der mit den Studierenden eine Einführung in die Sexualpädagogik der Vielfalt geben wird, um anschließend den Mehrwert für den modernen Geographieunterricht zu diskutieren. Darüber hinaus organisiere ich gerade einen Vortrag der queer-feministischen Hip-Hop-Künstlerin Sookee in Golm, die über Sexismus im Alltag referieren wird.

Ich plane, Mitglied in der Arbeitsgruppe Gender-Forschung in Rostock zu werden, von der ich mir einen lebhaften Austausch mit Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen erhoffe.

Ich bin im Verein Schreibende Schüler aktiv, der mir die Möglichkeit gibt, Workshops zum kreativen Schreiben für junge Menschen anzubieten, in denen auch geographische Themen und die der gender- und sexuellen Vielfalt Anwendung finden. Einen Ausgleich zum wissenschaftlichen Arbeiten bietet auch die Anleitung eines Theaterworkshops für Abiturient*innen. Wissenschaft und Kunst, forschen und künstlerisch gestalten miteinander zu verknüpfen kann somit auch als ein Projekt betrachtet werden.

Was fordert Sie an Ihrem Beruf heraus?

Ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Anspruch auf Vollständigkeit und der Umsetzbarkeit. Herausfordernd ist auch der Umgang mit den Studierenden. Es ist ein spannender Aushandlungsprozess herauszufinden, welche Rolle ich als Dozent einnehmen möchte – vor allem als junger Mensch. Letztlich ist es immer wieder herausfordernd fachfremden Menschen meine Forschung näher zu bringen. Wenn ich das schaffe, weiß ich aber auf jeden Fall, dass ich wirklich verstanden habe, was ich tue. Außerdem erscheint mir die Vermittlung als ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaft.

 

Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?

Neugier und Leidenschaft sind eine gute Voraussetzung. Die Promotion ist allerdings kein Alleingang. Mit meinen Kolleg*innen habe ich ein gutes Team an meiner Seite, das mich unterstützt und mit dem ich mich jederzeit austauschen kann. Ansonsten ist YouTube eine lebensrettende Plattform.

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