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Die Kunst der richtigen Reize - Wie das Team von „MILON“ Unternehmen fit macht

Das Team von Milon. Foto: Karla Fritze.

Das Team von Milon. Foto: Karla Fritze.

„No sports!“– „Kein Sport!“ Das soll der britische Premierminister Winston Churchill – bekannt als Zigarrenraucher und Whiskyliebhaber – gesagt haben, als man ihn fragte, wie er sein hohes Alter erreicht habe. Heute weiß man: Alles Legende! Längst ist klar, dass man Churchill den Satz nur untergeschoben hat. Und dass Sport und Bewegung in richtiger „Dosis“ echte Gesundmacher sind, kommt inzwischen auch bei Krankenkassen und Unternehmen an. Diesem Boom will sich ein junges Gründerteam von der Universität Potsdam zunutze machen. Das Start-up „MILON“ entwickelt gerade für kleine und mittlere Unternehmen ein maßgeschneidertes betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) – und sorgt dann auch noch für dessen Umsetzung.

„Unsere Grundidee ist eigentlich simpel“, erklärt Arndt Torick. „Wir helfen Unternehmen dabei, die bestmöglichen gesundheitsfördernden Angebote für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Das Besondere ist, dass wir den gesamten Prozess aus einer Hand anbieten: von der wissenschaftlichen Analyse der Ausgangslage in der jeweiligen Firma über die Entwicklung der passenden Kurse und Formate bis zu deren Umsetzung.“ Torick ist studierter Sportwissenschaftler und wie seine beiden Mitstreiterinnen, die Sportlehrerin Yolanda Ageitos und die Sportwissenschaftlerin Anett Stolle, ein alter Hase, wenn es um Gesundheitsförderung geht. Alle drei sind schon seit einigen Jahren in diesem Bereich tätig – als Kursleiter in Unternehmen, als Sporttherapeuten, aber auch in der Forschung. Torick arbeitete einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Universität Potsdam, bildet inzwischen sogar Trainer von Präventionskursen aus. Yolanda Ageitos hat sich auf Ernährung spezialisiert, Anett Stolle, die ebenfalls am Department tätig war, ist zu einer Expertin für präventive und rehabilitative Bewegungsangebote und Entspannungsverfahren geworden.

Gesundheitsmanagement – von Bewegung bis Ernährung

Diese Spannbreite braucht das Team, wenn es der Aufgabe gewachsen sein will, die es sich gestellt hat. Richtige und ausreichende Bewegung, gezielte und gekonnte Entspannung, aber auch gesunde Ernährung sowie vielseitige Suchtprävention – Gesundheitsmanagement ist zur überaus komplexen Aufgabe geworden. Im Juni 2015 verabschiedete der Bundestag das Präventionsgesetz, das ein betriebliches Gesundheitsmanagement vorschreibt. „Das neue Gesetz verpflichtet Unternehmen zu einem BGM, belohnt diese aber auch mit Steuervorteilen. Viele von ihnen wollen es auch einführen, wissen aber nicht wie“, erklärt Yolanda Ageitos. Erste Ansprechpartner seien dann oft die Krankenkassen. Die wiederum sind gesetzlich verpflichtet, Unternehmen bei der Entwicklung von Präventionsangeboten zu unterstützen, aber es ist ihnen untersagt, diese fortzuführen. „Also dachten wir uns: Wir sollten an dieser Stelle ansetzen – und nicht nur die Fortsetzung dieser Kurse gewährleisten, sondern sie von der ersten Sekunde an begleiten“, ergänzt Arndt Torick. „Diese Idee hatte sich schon länger in unseren Köpfen festgesetzt. Das Gesetz war dann die Initialzündung, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen.“

Die Nachfrage nach der Expertise der „Gesundmacher“ ist groß. Seit Jahren bestens vernetzt, müssen sich die drei um interessierte Unternehmen keine Sorgen machen. Schon vor der eigentlichen Firmengründung erreichten sie erste Anfragen. Dass MILON ein „Hochschul- Pflänzchen“ ist und die drei sich in der sportwissenschaftlichen Forschung ihre Sporen verdient haben, ist hierfür gewiss nicht hinderlich. „In unserem Bereich ist das Gold wert“, sagt Arndt Torick. „Immerhin ist unseren Partnern wichtig, ihr BGM nicht in die Hände von selbsterklärten Experten zu legen, die schnell mal ein paar Wochenendkurse absolviert haben.“

Gründen lernen bei Potsdam Transfer

Eigentliche Hürde auf dem Weg zur eigenen Firma war für die Jungunternehmer das Gründungs-Knowhow: „Alles, was mit Unternehmensgründung zu tun hat, war für uns absolut neu“, sagt Arndt Torick. „Da wir immer wieder über unsere Idee sprachen, empfahl mir ein ehemaliger Studienkollege, doch einmal zum Gründungsservice bei Potsdam Transfer zu gehen. Dort würden wir die passende Beratung bekommen. Und das taten wir dann.“ Das Team wurde 2015 in das Acceleratorprogramm des Gründungsservice aufgenommen. Nach einem ersten Kennenlerngespräch wurde mit den Gründungsberatern in mehreren Stufen ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt. Einanschließender Drei-Tage-Intensivworkshop zeigte jedoch einen weiteren Coachingbedarf in den Bereichen der rechtlichen Rahmenbedingungen und des betriebswirtschaftlichen Know-hows. Arndt Torick und seine Teamkolleginnen wurden deshalb weiterhin individuellgecoacht, um ihre offenen Fragen zu klären: Wie gründet man eigentlich ein Unternehmen? Wie führt manes? Und was gilt es zu beachten, etwa beim Marken-, Patent- oder Steuerrecht?

Mittlerweile ist das Gründertrio von MILON gut gerüstet und kann sich auf sein eigentliches Kerngeschäft konzentrieren, das sich auf jene vier Bereiche aufteilt, die das Präventionsgesetz bietet: Bewegung, Entspannung, Ernährung und Suchtprävention. Dabei ist nicht immer alles für jedes Unternehmen gleichermaßen relevant – und hier kommt die Kompetenz der Wissenschaftler ins Spiel. „Wir gehen anfangs in die Firmen und besprechen, etwa mit dem Geschäftsführer oder dem zuständigen Mitarbeiter, die Möglichkeiten und Grenzen ihres BGM“, erklärt Yolanda Ageitos. Anschließend analysieren sie die individuelle Ausgangslage. So kann es sein, dass beispielsweise ein Unternehmen für Gebäudetechnik zwei große Gruppen von Mitarbeitern mit gänzlich verschiedenen Arbeitsplatzbedingungen und Bewegungsabläufen hat: Verwaltungsangestellte, die den Tag am Rechner verbringen, und Außendienstmitarbeiter, die vor Ort die Objekte betreuen. Entsprechend entwickelt MILON verschiedene Informations- und Kurskomplexe: „Den einen vermitteln wir dann etwa, wie sie am Arbeitsplatz richtig sitzen, während die anderen lernen, wie sie Lasten richtig heben“, sagt Anett Stolle. „Aber mit einer Informationsveranstaltung ist es natürlich nicht getan. Wenn die Leute wissen, wie es richtig geht, heißt das nicht, dass sie es auch zukünftig richtig machen. Die Abläufe müssen trainiert werden. Und dafür stellen wir dann die passenden Rückenschulkurse zusammen.“

Doch damit nicht genug: „Es hilft wenig, dass ich mich richtig bewege, wenn ich mich falsch ernähre“, hakt Yolanda Ageitos ein. „Da ist das Präventionsgesetz schon gut aufgebaut.“ Anleitung zu gesunder Bewegung an verschiedensten Arbeitsplätzen, Entspannungskurse, aber auch Ernährungsseminare oder Veranstaltungen zur Suchtprävention – für das MILON- Team gehen diese Elemente des Gesundheitsmanagements Hand in Hand und entwickeln, richtig dosiert und eingesetzt, eine positive Wechselwirkung. 

Gesundheit Schritt für Schritt entwickeln

Und hier kommt der Namensgeber des Start-ups, Milon von Kroton, ins Spiel. Er war gewissermaßen der sportliche Superstar der Antike. Doch es ist nicht Milons Erfolg, mit dem sich das Gründertrio schmücken will. Der „Gründungsmythos“ und Ansatzpunkt der Arbeit von MILON ist die Legende, die sich darum rankt, wie er zum Ausnahmeathleten wurde. Es heißt, Milon sei ein schwächliches Kind gewesen. Andere, stärkere Knaben hänselten ihn, schlugen ihn gar, da er sich nicht zu wehren vermochte. Doch der Knabe entschloss sich, dies zu ändern – wollte kräftiger werden. Der Überlieferung zufolge begann Milon, ein Kalb zu tragen, und je größer und schwerer es wurde, umso stärker wurde auch er.

„Für uns ist die Legende ein ideales Sinnbild für das Setzen von Reizen und die Anpassung des Körpers an diese Reize“, erklärt Arndt Torick. „Dies ist die Basis für die Arbeit eines jeden Lehrers, Trainers und Therapeuten. Die Kunst ist es, die richtigen Reize zum richtigen Zeitpunkt zu setzen.“

Daher liegt für die Sportwissenschaftler von MILON das Geheimnis eines erfolgreichen BGM im richtigen Verhältnis der verschiedenen Teile zueinander, das es sorgfältig zu ermitteln gilt. Übrigens hat auch darüber Winston Churchill, der in jungen Jahren alles andere als ein Sportmuffel war, etwas gesagt: „Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Recht hat er.

Milion von Kroton

Schon als 15-Jähriger gewann Milon von Kroton bei den 60. Olympischen Spielen im Jahr 540 v.Chr. den Wettbewerb im Ringen, damals noch bei den Knaben. Von der 62. Ausgabe an beherrschte er „seinen“ Sport und errang den Titel in der Männerkonkurrenz fünf Mal hintereinander. Da er auch alle anderen sportlichen Großereignisse der griechischen Welt – die Pythischen, die Isthmischen und die Nemeischen Spiele – in Serie für sich entschied, wurde er sogenannter Periodonike, Gewinner aller Panhellenischen Spiele innerhalb des Vierjahreszyklus. Insgesamt sechs Mal, so oft wie kein anderer vor oder nach ihm. Später machte er sich auch als Feldherr und Anhänger des Philosophen Pythagoras von Samos einen Namen. 

Die Wissenschaftler

Yolanda Ageitos absolvierte Ausbildungen zur medizinisch-technischen Assistentin und zur Zahntechnikerin; anschließend studierte sie Sport auf Lehramt an der Universität von Vigo in Spanien.
E-Mail: yolanda.ageitosmilonrehab  

Anett Stolle studierte Diplom-Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Rehabilitation und Prävention an der Universität Potsdam und arbeitet seit 2001 als Sportwissenschaftlerin im therapeutischen Bereich und in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Zwischenzeitlich forschte sie am Department für Sport- und Gesundheitswissenschaften.
E-Mail: anett.stollemilonrehab

Arndt Torick studierte Sportwissenschaften an der Universität Potsdam mit der Fachrichtung Rehabilitation und Prävention. Bis 2014 war er im Department für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Universität Potsdam als Sportwissenschaftler tätig. Anschließend folgten parallel Aufgaben im Feld der betrieblichen Gesundheitsförderung und des betrieblichen Gesundheitsmanagements, Tätigkeiten als Sporttherapeut und die Arbeit als Dozent verschiedener Ausbildungen im Fachgebiet Prävention und Rehabilitation.
E-Mail: arndt.torickmilonrehab 

Text: Matthias Zimmermann 
Online gestellt: Daniela Großmann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde