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Rot sehen – Ein Verbundprojekt erforscht die Macht einer Farbe

Dr. Daniela Niesta Kayser. Foto: Karla Fritze.

Dr. Daniela Niesta Kayser. Foto: Karla Fritze.

Farben. Sie bestimmen unsere Gefühle. Sie bestimmen unser Leben. Besonders wirkmächtig ist dabei offensichtlich Rot. Dies findet seinen Ausdruck in den verschiedensten Bereichen, ob in der Sprache, Literatur oder in der Kultur. Ein Blick in die Religionsgeschichte zeigt überdies: Schon früh nutzten auch geistliche Institutionen die mannigfaltige Ausdruckskraft dieser Farbe. Sie diente ihnen als Projektionsfläche und Symbol von Autorität. Im 11. Jahrhundert übernahm die römisch-katholische Kirche Rot für das Äußere ihrer höchsten Würdenträger. Und 1295 erließ Papst Bonifatius VIII. eine Verfügung, nach der Kardinäle rote Soutanen tragen mussten. Noch heute sind sie in Scharlachrot gekleidet. Aber wie bewusst ist den Betrachtern eigentlich die Faszination, die von dieser Farbe ausgeht? Und wie bedienen sich Personen ihrer? Das sind Fragen, die in einem aktuellen Forschungsprojekt unter Leitung von PD Dr. Daniela Niesta Kayser eine Rolle spielen. Mit einem Team aus Forschern der Universität Potsdam, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Wuppertal untersucht die Psychologin den Einfluss der Farbe Rot auf die menschliche Wahrnehmung und soziale Austauschprozesse.

Vor dem Probanden liegt ein Bild mit einer Frau in rotem T-Shirt. Der Testleiter lässt ihm fünf Sekunden Zeit, um es anzuschauen. Auf einem Fragebogen soll er danach die Attraktivität der Person einschätzen – und viele weitere Fragen beantworten. Es werden drei Versuchsgruppen eingeteilt, deren Mitglieder sich ein bestimmtes Beziehungsziel vorstellen sollen. Zur Auswahl stehen verschiedene Szenarien: So malen sich zum Beispiel die einen aus, wie es ist, mit jemandem im Park spazieren zu gehen, die anderen, wie es ist, das verliebt und Hände haltend zu tun. Allmählich rückt bei allen ein bestimmtes Partnerschaftsziel in den Vordergrund. Wissenschaftler nennen das Verfahren, das hier angewendet wird, „primen“. Das im Gehirn abgespeicherte Ziel wird später eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie attraktiv die abgebildete Frau eingeschätzt wird.

„Mit der hier gewählten Methode können wir bestimmte Einflüsse besser untersuchen“, erklärt Daniela Niesta Kayser. „Es könnte beispielsweise sein, dass die Farbe Rot nur im sexuellen, nicht aber freundschaftlichen Partnerkontext zur Attraktivitätssteigerung führt.“
Ihr Team hat sich vorgenommen, mehr über die sexuelle Wirkung der Farbe Rot herauszufinden. Was ruft sie genau hervor? Ist ihr Einfluss im sogenannten Affiliationskontext, also im zwischenmenschlichen Bereich, eng mit dem Motiv Sex verbunden? Oder wirkt sie auch attraktivitätssteigernd, wenn es um Freundschaft oder Liebe geht? Später sollen andere Fragen folgen. „Wir möchten herausbekommen, ob sich das Resultat auch auf die Attraktivitätswahrnehmung von Personen anderer Ethnizitäten übertragen lässt“, erklärt Daniela Niesta Kayser. Erste Analysen zu dieser konkreten Fragestellung seien bereits an einem bildgebenden Scanner der Universität Wien erfolgt.

Diametrale Signale

Aber wie kommt es eigentlich, dass wir Menschen Rot sehen und ab wann tun wir das? Streng genommen handelt es sich um einen Reiz, der wahrgenommen wird, wenn Licht in einer spektralen Verteilung ins Auge fällt, bei der Wellenlängen oberhalb 600 Nanometer dominieren. Die meisten Säugetiere müssen hier schon passen, das menschliche Auge allerdings reagiert sehr empfindlich darauf. Das ist auch der Grund dafür, dass die Farbe gern und häufig bei Warnsignalen verwendet wird.

Daniela Niesta Kayser beschäftigt sich schon länger mit der Wirkung von Rot auf Männer und Frauen. Das aktuelle Projekt ist eine unmittelbare Fortsetzung vorhandener Studien, bei denen sie gemeinsam mit Kollegen den Bereich der nur ästhetischen Einschätzung und Wirkung von Farben auf die psychologische Bedeutung von Rot erweitert. Denn Farben besitzen Assoziationen mit psychologischem Sinn und einer Bedeutung, die weit über ästhetische Betrachtungsweisen hinausgehen. Sie können – da ist sich die Wissenschaftlerin sicher – verschiedene Aspekte von Informationen vermitteln und verfügen neben dem ästhetischen auch über einen funktionalen Wert. Die Psychologin stimmt mit anderen Kollegen darin überein, dass die Signalfunktion von Rot, etwa im Leistungskontext, nur eine Facette von vielen darstellt. Im Affiliationskontext, der sie derzeit besonders interessiert, wirkt die Farbe dagegen durchaus positiv. Frühere Studien von Daniela Niesta Kayser bestätigen dies. „Rot führt, verglichen mit achromatischen und anderen chromatischen Farben, zu einem motivational appetitiven – eine Annäherung befördernden – Signal bei Frauen und Männern, die jeweils Personen des Gegengeschlechts betrachten“, konstatiert sie. Ihre Arbeiten zum Thema hätten gezeigt, dass dieser Effekt unbewusst und automatisch eintritt. Der Betroffene kann ihn gar nicht beeinflussen. Der Wahrnehmungs- und Beurteilungsprozess läuft unterhalb des Bewusstseins ab. Und nicht nur das: Die beobachtende Person unterschätzt die Wirkung von Farbe sogar systematisch. „Nämlich dann, wenn sie danach gefragt wird, welche Faktoren (etwa Haare, Kleidung, Gesichtsausdruck, T-Shirt-Farbe) ihre Attraktivitätseinschätzung am wahrscheinlichsten beeinflusst haben könnte.“

In Rot attraktiver

Anhand einer Versuchsreihe belegte Daniela Niesta Kayser, dass Frauen in roter Kleidung oder vor einem roten Hintergrund stehend als attraktiver und begehrenswerter bewertet werden. Fünf Experimente mit insgesamt 181 Versuchsteilnehmern bestätigten den Effekt. Im ersten agierten zwei Gruppen mit männlichen Probanden. Die eine erhielt ein Bild einer durchschnittlich attraktiven Frau vor einem weißen, die andere vor einem roten Hintergrund. Die Beteiligten durften es nur fünf Sekunden lang sehen. Viel zu kurz also, um bewusst betrachten und schlussfolgern zu können. Nach der Präsentation beantworteten die Probanden dann Fragen mithilfe einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 9 (sehr). Sie lauteten zum Beispiel „Wie hübsch finden Sie die Frau auf dem Foto?“ oder „Wie attraktiv ist Ihrer Meinung nach die Frau auf dem Foto?“. Das Ergebnis: Die Männer schätzten dieselbe Frau als attraktiver ein, wenn sie auf rotem Hintergrund präsentiert wurde.

Wie universell der attraktivitätssteigernde Effekt der Farbe Rot ist, überprüfte Daniela Niesta Kayser gemeinsam mit weiteren Forschern nicht nur in den USA, sondern auch in England, Deutschland, China und sogar Burkina Faso. Das Ergebnis blieb unverändert – selbst in Kulturen, in denen Rot eigentlich negativ konnotiert ist wie Burkina Faso, wo die Farbe sonst eher mit Krankheit assoziiert wird.

Mutigere Männer

Auch das tatsächliche Verhalten von Männern wurde in einer Experimentalreihe untersucht. „Das finde ich ganz wichtig“, betont die Forscherin. „Aus der Sozialpsychologie weiß man, dass uns viele Faktoren daran hindern, jemanden kennenzulernen.“ Schüchternheit, die negative Einschätzung der eigenen Attraktivität oder die Angst, abgewiesen zu werden, sind solche Hindernisse. Das Team widmete sich deshalb der Frage, ob der Rot-Effekt bei Männern dazu führt, dass sie sich Frauen in roter Kleidung eher nähern als anderen. Die Tests ergaben: Ja! Wieder waren die Szenarien und Aufgaben verschieden. In einem der Experimente wurde zum Beispiel die Entfernung zwischen zwei Stühlen gemessen und dies als Verhaltensmaß gewertet. Die Probanden bekamen einen Stuhl zugewiesen, auf dem sie selbst sitzen sollten, und einen anderen, auf dem in Kürze angeblich eine Interaktionspartnerin Platz nehmen würde. Die eigene Sitzgelegenheit konnten sie so positionieren, wie es ihnen günstig erschien. Bevor sie den Raum betreten hatten, war ihnen noch ein Bild mit ihrer angekündigten Gesprächspartnerin vorgelegt worden. Das Mädchen darauf trug – je nach Probandengruppe – entweder ein rotes oder blaues T-Shirt. Im Ergebnis rückten diejenigen Männer, die ein Treffen mit dem Mädchen in Rot erwarteten, ihren Stuhl näher an das fiktive Gegenüber heran als die Vergleichspersonen im anderen Fall. Im Schnitt rund zehn Zentimeter. Schon eine unmittelbar davor durchgeführte Studie hatte auf ein solches Ergebnis hingedeutet. Bei dieser gaben männliche Probanden an, welche Fragen sie einer weiblichen Person in einer angenommenen späteren Unterhaltung stellen würden. Jene, denen eine Frau im roten Oberteil gezeigt worden war, wählten intimere Fragen aus als Teilnehmer in der Kontrollbedingung, die dieselbe Frau in einem grünen Oberteil gesehen hatten.

Wie stark motivational sich die Farbe Rot auf Wahrnehmung, Einstellung und Verhalten auswirkt, hat auch das Team um Daniela Niesta Kayser überrascht. „Einen so eindeutigen Effekt hatte ich nicht erwartet“, gibt sie zu. „Schließlich gibt es eine ganze Anzahl anderer wichtiger sozialpsychologischer Determinanten, die sich auf die Attraktivität auswirken.“

Auf die Frage, welche Konsequenzen sie für sich persönlich nun aus den Untersuchungsresultaten zieht, bleibt sie gelassen. „Ich kenne zwar jetzt den großen Einfluss der Farbe, aber ich kleide mich nach wie vor so, wie ich mich wohlfühle“, sagt sie. Mit Farbe ganz allgemein zu arbeiten, finde sie schön. „Es bereichert das Leben.“

 

Die Wissenschaftlerin

PD Dr. Daniela Niesta Kayser erlangte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ihren Master in Politische Wissenschaften sowie Sozialpsychologie und schloss 2005 ihre Promotion auf dem Gebiet der Sozialpsychologie ab. Nach einem vierjährigen Post-Doc Aufenthalt an der University of Rochester, USA und der Vertretung des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der LMU habilitierte sie 2012 im Bereich Psychologie. Seit 2013 ist sie in verschiedenen Funktionen an der Universität Potsdam tätig.

Kontakt

Universität Potsdam
Arbeitsbereich Sozialpsychologie
Karl-Liebknecht-Straße 24–25, 14476 Potsdam
E-Mail: niestauni-potsdamde

Das Projekt

Der Einfluss der Farbe Rot auf Wahrnehmung und soziale Austauschprozesse: Kognitive, affektive und physiologische Determinanten
Leitung: PD Dr. Daniela Niesta Kayser
Partner: Ludwig-Maximilians-Universität München; Universität Wuppertal
Laufzeit: Oktober 2014 - Juni 2017
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Text: Petra Görlich
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde