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Die Vergessenen – Sina Rauschenbach setzt einen Schwerpunkt auf die Geschichte der Sefarden

Prof. Dr. Sina Rauschenbach. Foto: Karla Fritze.

Prof. Dr. Sina Rauschenbach. Foto: Karla Fritze.

„Moment, da sind doch noch die Sefarden!“ Sina Rauschenbach wird nicht müde, diesen Satz zu sagen. Denn in Deutschland ist das Schicksal der iberischen Juden bisher wenig beleuchtet. Rauschenbach möchte das ändern: Die Professorin für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Jüdisches Denken richtet den Fokus auf sefardische Geschichte und Kultur. Vor mehr als 500 Jahren hatten die spanischen und portugiesischen Könige die Sefarden gezwungen, die iberische Halbinsel zu verlassen oder zum Christentum zu konvertieren.

Der Historikerin genügt es jedoch nicht, in der deutschen Wissenschaftslandschaft für frischen Wind zu sorgen. Sina Rauschenbach wendet sich bewusst an eine breitere Öffentlichkeit. Zuletzt initiierte sie ein musikalisches Projekt zum Leben und Tod von Luis de Carvajal dem Jüngeren. Carvajal gehörte einer zum Christentum konvertierten Familie an, die im Geheimen an ihrem jüdischen Glauben festhielt. Zeitlebens war die in Mexiko lebende Familie von der Inquisition bedroht und wurde schließlich zur Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Doch zahlreiche Zeugnisse blieben von Carvajal, der seine Gedanken und Erlebnisse schriftlich festgehalten hatte.

Von der Geschichte Carvajals berührt, war Rauschenbach im Internet auf den Komponisten Osias Wilenski gestoßen, in dessen Œuvre sich bereits eine Oper über Carvajal befand. Sie konnte den Argentinier dafür gewinnen, nun einen Liederzyklus zum Leben des mexikanischen Sefarden zu komponieren. Carvajals zahlreiche Gedichte und Schriften fanden Eingang in Wilenskis Werk „Poemas y Cartas de Carvajal“. „Es sind wertvolle Schriften, die unter die Haut gehen“, sagt Rauschenbach. Solche Quellen seien selten, da konvertierte Juden ihren Glauben streng geheim halten mussten. Zwei Jahre hatte die Wissenschaftlerin gemeinsam mit dem Historiker Héctor Pérez-Brignoli daran gearbeitet, das Leben Carvajals musikalisch auf die Bühne zu bringen. Auch die persönliche Begegnung mit Wilenski schätzte Rauschenbach dabei: „Ein freundlicher, aufgeschlossener und begeisterungsfähiger Herr.“ Entstanden war die Idee während ihres Forschungssemesters am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz. Als Rauschenbach vor zwei Jahren nach Potsdam berufen wurde, nahm sie das Projekt mit: Seine Uraufführung erlebte der Liederzyklus im Herbst in der Potsdamer Schinkelhalle. „Wir waren von dem Stück alle sehr berührt“, sagt Rauschenbach. Ihr war es wichtig, mit dem Konzert über die universitäre Welt hinauszugehen: „Ich möchte auch die Menschen erreichen, die sonst nicht in meinen Vorlesungen sitzen.“

Rauschenbach verbindet aschkenasische und sefardische Perspektiven

Bereits seit ihrer Promotion beschäftigt sich Rauschenbach mit den sefardischen Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Sie stellte fest, dass die Sefarden schon damals für die Moderne wichtige Diskurse prägten. „Ihre Geschichte ist kein Spezialthema; sie gibt Aufschluss über die Entwicklung globaler Netzwerke, Wirtschaftsgeschichte, Kolonialgeschichte, Säkularisierung und die Entstehung hybrider Kulturen.“ Seit April 2014 ist Rauschenbach Professorin an der Universität Potsdam und hat viel vor: „Ich sehe es als meine Aufgabe, das Thema an eine deutsche Universität zu bringen und Studierende aus ganz verschiedenen Fachbereichen dafür zu gewinnen.“ Schon jetzt bietet sie ihre Einführungsveranstaltungen zur Geschichte und Kultur der Sefarden auch für Historiker, Romanisten und Anglisten an. Die Reaktionen der Studierenden auf das hierzulande frische Forschungsfeld seien positiv und der Andrang groß, berichtet Rauschenbach. „Und am Lehrstuhl habe ich ein tolles Team, das mich sehr unterstützt.“ Rauschenbach ist auch persönlich froh, wieder „nach Hause“ gekommen zu sein: Nach Jahren der Forschung und Lehre im Saarland, in Wolfenbüttel, Halle und Konstanz sowie Professurvertretungen in Bern und Potsdam genießt es die gebürtige Berlinerin, endlich wieder dauerhaft in ihrer Heimatstadt zu leben.

An der Universität Potsdam wagt Rauschenbach etwas Neues in der deutschen Wissenschaftslandschaft: Sie möchte die Perspektiven von Aschkenasen mit denjenigen von Sefarden verbinden. Während in den USA, Israel, Frankreich, Italien oder Spanien Experten für sefardische Geschichte auch an Universitäten unterrichten, nehmen die Jüdischen Studien in Deutschland vor allem das aschkenasische Judentum in den Blick. Zu ihrer Tagung „Colonial History – Sephardic Perspectives“ lud sie deswegen Spezialisten aus der ganzen Welt nach Potsdam ein. „Wir glauben, dass die Beteiligung der Sefarden an der europäischen Expansion zu wichtig ist, um aus allgemeinen Diskussionen der Kolonialgeschichte ausgeschlossen zu werden, und dass umgekehrt die Jüdischen Studien viel mitnehmen können, wenn sie sich kritisch mit neueren Forschungsansätzen und Konzepten aus der Kolonialgeschichte auseinandersetzen.“

„Man unterscheidet zwei große Gruppen: Juden iberischer Abstammung und Juden ‚deutscher‘ Abstammung“, erklärt Rauschenbach. Die Sefarden sprachen Spanisch oder Portugiesisch, wohingegen sich die Aschkenasen bis zum 18. Jahrhundert zumeist auf Jiddisch verständigten. Im Osmanischen Reich sprachen viele Sefarden zudem „Ladino“, eine besondere, auf dem Spanischen beruhende jüdische Sprache. Während Aschkenasen ursprünglich in Nordfrankreich, Deutschland und in Osteuropa lebten, waren die Sefarden auf der iberischen Halbinsel ansässig. Ab dem 16. Jahrhundert ließen sie sich auch in Italien und im Osmanischen Reich nieder, ab dem 17. Jahrhundert in Hamburg, den Niederlanden, England und den niederländischen, englischen und dänischen Kolonien in der Karibik und in Amerika. In den Ländern der spanischen und portugiesischen Krone, in Südfrankreich und den französischen Kolonien lebten die Nachfahren von iberischen Juden, die konvertiert waren, zum Teil aber ebenfalls im Geheimen ihr Judentum beibehalten hatten.

Die Sefarden zwischen Convivencia und Exil

Der Grund für die Abwanderung der Sefarden von der iberischen Halbinsel war das „Alhambra-Edikt“ von 1492. Seit dem 8. Jahrhundert hatte es im Süden Spaniens unter Islamischer Herrschaft – im sogenannten „Al-Andalus“ – lange Zeit hinweg ein relativ friedliches Zusammenleben von Moslems, Christen und Juden gegeben. „Als ‚Convivencia‘ pries man später dieses Vorzeigemodell“, erklärt Rauschenbach – ohne dabei über die Aussprache zu stolpern, denn ihr Spanisch ist akzentfrei. Seit der Rückeroberung großer Teile der iberischen Halbinsel ab dem 11. Jahrhundert hatten auch christliche Herrscher immer wieder auf ihre jüdischen Untertanen gesetzt und von ihnen profitiert. Die Duldung der Juden endete erst mit dem Fall der letzten islamischen Dynastie 1492 und dem Versuch, dem neuen spanischen Königreich auch religiös eine Einheit zu geben. Die Sefarden waren gezwungen, entweder zum Christentum zu konvertieren oder ins Exil zu gehen. Der osmanische Sultan bot allen verfolgten Juden an, im Osmanischen Reich als sogenannte „Dhimmi“ unterzukommen: Fremde, die an Leben und Besitz geschützt werden, weil sie Steuern zahlen. „Der Sultan hielt es für dumm, dass die spanischen Könige ihre besten Leute verjagten“, so Rauschenbach.

Nach dem Ausbruch des Achtzigjährigen Kriegs 1568 taten die Nördlichen Niederlande etwas Ähnliches und boten vielen sefardischen Kauf- und Handelsleuten Zuflucht an. Die Vereinigten Provinzen machten sich vom riesigen iberischen Reich unabhängig und konnten jeden Unterstützer gebrauchen, den sie bekommen konnten. „In den Niederlanden herrschte ein kriegsbedingter und ökonomischer Pragmatismus vor, alle diejenigen aufzunehmen, die reich und nützlich waren.“ Insbesondere die Hafen- und Handelsstadt Amsterdam war seit dem 17. Jahrhundert Zufluchtsort für geheime Juden, die auf der iberischen Halbinsel von der Inquisition verfolgt wurden und nach ihrer Flucht wieder offen als Juden leben konnten. Hier entstanden starke sefardische Gemeinden.

Rauschenbach selbst besuchte die Stadt immer wieder für Archivarbeiten und plant auch Exkursionen mit ihren Studierenden nach Amsterdam. Besonders eindrucksvoll ist der Besuch der sefardischen Synagoge, die inzwischen zum Jüdischen Museum Amsterdams gehört. „Die Synagoge zeugt von einer besonderen Architektur, die Sefarden später überall in der westlichen Welt reproduzierten“, sagt Rauschenbach. Gleichzeitig spiegelt sie die sefardische Beteiligung an der europäischen Expansion wider. So stammen etwa die Edelhölzer des Toraschreins, der Pulte und Bänke aus Brasilien und wurden aus der niederländischen Kolonie nach Amsterdam gebracht.

„Zum Forschungsthema kam ich wegen meiner persönlichen Beziehung zu Spanien“, erzählt die Historikerin. Nach dem Abitur lebte sie während der 1990er Jahre mehrere Wochen in Spanien. „Ich stellte fest, dass alles auch ganz anders funktionieren kann, als ich es bisher kannte.“ An der Freien Universität Berlin studierte Rauschenbach anschließend Mathematik und Philosophie. Nach dem Studium hielt sie sich wieder länger in Spanien und auch in Israel auf. Dass sie weiter forschen würde, stand für sie fest, und auch, dass es nicht im Bereich der Mathematik sein sollte. Doch worüber sie promovieren wollte, war ihr zunächst nicht klar. Einer ihrer Philosophie-Professoren machte ihr einen Vorschlag: „Da Sie Spanisch sprechen und das Land gut kennen, könnten Sie zu dem Rabbiner Josef Albo forschen.“ Sie folgte dem Rat ihres Lehrers – und promovierte sogar bei ihm. „Mein Doktorvater war ein wunderbarer Gelehrter“, erinnert sich Rauschenbach. Und die Beschäftigung mit dem spanischen Religionsphilosophen Albo führte sie direkt zu den Sefarden.

In Amsterdam entsteht eine „Gemeinde von neuen Juden“

Rauschenbach interessiert sich besonders für die spezifische Kultur, die in Amsterdam in der Frühen Neuzeit entstand. Denn der Einladung Hollands folgten auch viele konvertierte Sefarden, sogenannte Conversos, die bereits einige Generationen lang als Christen auf der iberischen Halbinsel gelebt hatten und ihr Judentum nur im Geheimen praktizieren konnten. Sie kannten das Judentum nicht mehr im rabbinischen Sinne, dafür jedoch die christlichen Praktiken. So entstand in Amsterdam eine „Gemeinde von neuen Juden“, wie Yosef Kaplan, ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet, sie einst genannt hat: Menschen, die sich als Juden fühlten, aber in den Augen der Rabbiner erst wieder lernen mussten, was es hieß, Juden zu sein. „Conversos sind insofern für uns interessant, weil sie Mischformen religiösen Wissens haben“, erklärt Rauschenbach. „Es entstanden ‚multiple Persönlichkeiten‘ mit hybriden Kulturen.“

Aus der Geschichte der Sefarden in der Frühen Neuzeit leitet Rauschenbach wichtige Aspekte ab, die deutlich über die Epoche hinausweisen. Spezifisch ist dabei die Mittlerposition, die viele Sefarden innehatten: „Sie konnten sehr gut zwischen den Welten interagieren.“ So erforschen Wissenschaftler beispielsweise, welche Kaufmannsnetzwerke sich in der frühmodernen Welt ergeben haben. Schließlich gab gerade der Handel wichtige Impulse für die wachsende Globalisierung. Da viele Sefarden in Amsterdam weiterhin Beziehungen zur iberischen Welt hatten, konnte trotz Handelsembargos geschmuggelt werden. Außerdem kannten sefardische Gelehrte durch ihre Kontakte und ihre eigene christliche Vergangenheit das Christentum besonders gut. Dies ermöglichte es ihnen, auch als kulturelle „Übersetzer“ zwischen beiden Welten aufzutreten und beispielsweise Christen Aspekte des Judentums zu erklären und umgekehrt. Besonders in diesem Bereich hat Rauschenbach intensiv geforscht. Schließlich könnten Brüche in den Identitäten auch besondere Denkweisen befördert haben, die in der neueren Forschung mit einem frühen Beginn der Säkularisierung gleichgesetzt wurden. „Manche Sefarden sagten sich: ‚Ich habe an Moses, Christus und Mohammed geglaubt. Ich kann mit jedem von ihnen selig werden.‘ Oder: ‚Ich glaube dir, dass deine Religion die beste für dich ist, während es meine für mich ist‘“, erklärt Rauschenbach. Diese Tendenz, die Vielheit der Religionen zu akzeptieren, nennt sie „religiöse Relativierung“. Rauschenbach geht davon aus, dass sie insgesamt im europäischen Gelehrtenaustausch der Frühen Neuzeit Spuren hinterließ.

Später verarbeiteten die jüdische Aufklärung und die Wissenschaft des Judentums die Geschichte der Sefarden als Vorbild für eine geglückte Integration – auch wenn viele sefardische Schicksale unglücklich verliefen. „Die Jüdische Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin ist eine Reminiszenz an die Sefarden; eine Erinnerung an die Hoffnung, dass Integration gelingen kann“, sagt die Berlinerin.

Seit Oktober 2015 ist Rauschenbach auch Sprecherin des „Zentrums Jüdische Studien Berlin Brandenburg“. Bei der nächsten Jahrestagung möchte die 44-Jährige die Geschichten, Kulturen und Literaturen von Aschkenasen und Sefarden beleuchten – dabei ist es ihr wichtig zu betonen, dass sefardische und aschkenasische Identitäten eigentlich kulturelle Konstruktionen sind. Als Sprecherin des Zentrums will sie die durch das Zentrum geförderten Doktoranden, Post-Doktoranden und Juniorprofessoren nach besten Kräften fördern und unterstützen und zugleich dazu beitragen, auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Raum Berlin-Brandenburg zu vernetzen, die bislang eher in benachbarten Disziplinen forschen.

Rauschenbachs Begeisterung für die iberische Kultur ist übrigens ungebrochen: Noch immer besucht sie regelmäßig Freunde in Spanien. „Und ich bin schließlich mit einem Chilenen verheiratet.“ Wie brisant Rauschenbachs Forschungsthema auch politisch ist, zeigt ein neues Gesetz der spanischen Regierung: Nach über 500 Jahren bietet sie heute den Sefarden als Wiedergutmachung die spanische Staatsbürgerschaft an.

 

Die Wissenschaftlerin

Prof. Dr. Sina Rauschenbach studierte Mathematik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und promovierte dort auch in Philosophie. Danach war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes, der Universität Halle-Wittenberg und der Uni Konstanz tätig, wo sie auch habilitierte. Nach Professur-Vertretungen in Bern und Potsdam kam sie im April 2014 an die Universität Potsdam.

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
E-Mail: sina.rauschenbachuni-potsdamde

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde