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Stopp den Schmerz – Psychologin Petra Warschburger bietet im Rahmen einer Studie Schulungsprogramme für Kinder mit funktionellen Bauchschmerzen an

Die Kinder beobachten regelmäßig ihre Schmerzen und halten diese in einem Tagebuch fest. Foto: Fotolia

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Während Erwachsene häufig unter Rücken- und Kopfschmerzen leiden, ist es bei Kindern der Bauch, der immer mal wieder zwickt und drückt. Hierbei kann es sich um Infekte oder andere organische Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts handeln; bei der Mehrzahl der Kinder jedoch lassen sich keine körperlichen Ursachen für die Schmerzen finden. Die Schmerzen sind real – aber der organmedizinische Befund kann sie nicht erklären.

Petra Warschburger, Professorin für Beratungspsychologie an der Universität Potsdam, kennt dieses Problem. Im Zentrum ihrer aktuellen Forschung stehen chronisch kranke Kinder und Jugendliche mit sogenannten funktionellen Bauchschmerzen. „Das sind Bauchschmerzen, die die Kinder regelmäßig erleben, aber für die die Ärzte keine organische Ursache finden“, erklärt sie. Das Thema ist für sie nicht ganz neu. Schon seit mehreren Jahren thematisiert die Arbeitsgruppe um Warschburger die Lebensqualität von chronisch kranken Kindern, auch solchen mit chronischen Bauchschmerzen. Diese Kinder zeigen zum Teil einen großen Leidensdruck, der durch endlose Arztbesuche und das vergebliche Warten auf eine Diagnose verstärkt wird. „Die Kinder haben das Gefühl, man unterstellt ihnen, dass sie lügen, und fühlen sich dadurch noch schlechter“, weiß die Psychologin. Im Rahmen des hochschulgeförderten Graduiertenkollegs, das sie von 2007 bis 2010 gemeinsam mit Professor Günter Esser führte, hat sich Petra Warschburger intensiver mit den funktionellen Bauchschmerzen beschäftigt. Gemeinsam mit einer Doktorandin entwickelte sie ein psychologisches Interventionsprogramm, um Kindern einen alternativen Umgang mit Schmerzen aufzuzeigen. Die abschließende Evaluation brachte sehr positive Ergebnisse und unterstrich die Wirksamkeit des Herangehens.

Mit ihrer aktuellen klinischen Studie „Stop the pain“ hat sie diesen Faden wieder aufgenommen. Die von Oktober 2013 bis September 2016 angelegte multizentrische Untersuchung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. In Zusammenarbeit mit ausgewiesenen pädiatrischen Gastroenterologen in Berlin, Ulm, Düsseldorf, Darmstadt und Hamburg werden die Patienten für die Studie in den Klinikambulanzen rekrutiert. Gesucht werden Kinder, die über einen Zeitraum von mindestens zwei Monaten etwa einmal pro Woche Bauchschmerzen haben. Eingehende Untersuchungen klären zunächst, ob dafür organische Ursachen vorliegen. Dazu gehören auch Unverträglichkeiten von zum Beispiel Milchprodukten oder Fructose. „Wenn alle organischen Untersuchungen ohne Befund sind und die Schmerzen trotzdem bestehen bleiben, dann sprechen wir von sogenannten funktionellen Bauchschmerzen. In diesen Fällen erhalten die Eltern das Angebot, an unserer Studie teilzunehmen“, erklärt Professorin Warschburger. Gemeinsam mit den Zentren und ihrer Mitarbeiterin Claudia Calvano entwickelte sie eine leitlinienbasierte medizinische sowie psychologische Diagnostik. „Für uns war es wichtig, dass unser Programm vor allem vor Ort in den gastroenterologischen Ambulanzen angeboten wird. Die Schulungen der Kinder werden zwar von Psychologen durchgeführt, aber sie erfolgen in einem anderen Kontext, sodass der Zugang zum Behandlungsangebot erleichtert und auch die Akzeptanz höher sein wird.“ 

Die für die Studie gewonnenen Kinder werden per Zufall einer von zwei Trainingsgruppen zugeordnet. Dass es zwei Schulungsprogramme und eine Loszuteilung gibt, ist ein zentrales Kriterium für die Validität sowie die Interpretation der Ergebnisse. 

Insgesamt sollen an dem Interventionsprogramm 112 Mädchen und Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren teilnehmen. Zunächst erfolgt die Schulung der Kinder in sechs Terminen. Zwei weitere Termine sind für die Eltern vorgesehen. Wenn die Schulung abgeschlossen ist, gibt es Gespräche mit den Eltern und Kindern. Nach drei Monaten und nach einem Jahr werden die Kinder und Eltern erneut gebeten, auf Fragebögen Angaben zum Schmerzerleben sowie assoziierter Faktoren zu machen, und es werden kurze Interviews mit den Kindern geführt. Schließlich wertet das Team um Professor Warschburger aus, ob und inwieweit sich die Interventionsgruppen voneinander unterscheiden, beispielsweise bezüglich der Verringerung der Schmerzen, der Erhöhung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sowie des Selbstwirksamkeitserlebens. 

Hilfreich ist, dass die Schulungen in Gruppensitzungen mit drei bis maximal acht Kindern stattfinden. Sie sollen in der Gruppe erfahren, dass sie nicht allein sind, und andere Kinder treffen, die gleiche Probleme haben. Sie können voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. „Außerdem macht es viel mehr Spaß, wenn auch noch andere Kinder dabei sind. Und dieser Spaßfaktor spielt eine wichtige Rolle für die Motivation“, so Warschburger. 

Ziel ist es, ein positives Erleben aufzubauen, das die Mädchen und Jungen in ihren Alltag integrieren können. So beobachten die Kinder regelmäßig ihre Schmerzen und halten diese in einem Tagebuch fest. „Natürlich gibt es auch Bedenken, dass sie ihre Bauchschmerzen verstärkt wahrnehmen, weil sie sich so viel mit dem Thema beschäftigen und darüber nachdenken sollen. Unsere Beobachtung kann dies jedoch nicht bestätigen“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Endgültig können wir aber erst nach Abschluss der Studie etwas darüber sagen.“

Die Erfahrung zeigt, so Warschburger, dass Heranwachsende mit funktionellen Bauchschmerzen häufig eine Art Schmerzkarriere entwickeln. So werden die Bauchschmerzen im Jugendalter häufig zu Kopfschmerzen und im Erwachsenenalter zu Rückenschmerzen. Nicht selten hatten die Eltern der Kinder mit funktionellen Bauchschmerzen ähnliche Probleme. Die Schmerzgeschichte wird also manchmal über Generationen weitergetragen. Denn Kinder lernen von ihren Eltern auch, wie mit Schmerzen umgegangen wird. So werden häufig unangemessene Schmerzbewältigungsstrategien übertragen. „Akuter Schmerz hat eine klare Warnfunktion. Aber chronischer Schmerz hat diese Funktion verloren. Die Ampel ist also quasi auf dauergelb. Dadurch fangen die Betroffenen an, sich im Alltag einzuschränken. An dieser Stelle muss rechtzeitig eingegriffen werden, damit eine Isolation aus dem psychosozialen Umfeld gar nicht erst stattfindet.“

Neben den funktionellen Bauchschmerzen beschäftigt sich Petra Warschburger auch mit Kindern, die unter Neurodermitis, Asthma oder Adipositas leiden. Ihr Ziel ist es, für die verschiedenen Störungsbilder Schulungsprogramme zu entwickeln, die es den Eltern und Kindern erleichtern, mit der Erkrankung umzugehen. Langfristig sollen die psychologischen Methoden die Symptomatik mitverändern und so die Lebensqualität verbessern. Das Team der Beratungspsychologie arbeitet dabei eng mit Ernährungswissenschaftlern und Medizinern zusammen, setzt aber seinen Fokus auf die psychosozialen Aspekte. „Es gibt viele Erkrankungen, zum Beispiel Adipositas, die in enger Beziehung zur Ernährung oder körperlichen Betätigung stehen. Auch die Genetik kann hierbei eine Rolle spielen“, erklärt Warschburger. „Und dann kommen eben noch die psychosozialen Aspekte hinzu. Wir essen ja nicht nur, weil wir hungrig sind, sondern auch, wenn wir Stress haben. Stress entsteht zum Beispiel dadurch, dass jemand gehänselt wird. Das Hänseln aufgrund des Übergewichts trägt wiederum dazu bei, dass jemand noch mehr isst und so schnell in einen Teufelskreis gerät. Häufig gibt es also mehrere Faktoren, die zu einer Störung führen.“

Die Forschung der Beratungspsychologin steht in einem unmittelbaren Anwendungsbezug. Auch im Fall der funktionellen Bauchschmerzen war es so, dass Kollegen an sie herantraten und darauf hinwiesen, wie dringlich es sei, Maßnahmen zur Bekämpfung der funktionellen Schmerzen zu finden. Und so können erfolgreiche Symbiosen zwischen Forschung und Versorgungsalltag entstehen. „Wenn wir mit unserem Programm die Wirksamkeit belegen können, haben wir gute Argumente, dass die Therapie zu einer gesetzlichen Leistung wird, die Kosten also von den Krankenkassen übernommen werden“, sagt Warschburger. „Gerade, weil es in dem Bereich bisher keine Standardversorgung gibt, wäre das ein großer Vorstoß. Und eine Erleichterung für viele Kinder und ihre Eltern.“

Die Wissenschaftlerin

Prof. Dr. Petra Warschburger ist Professorin am Lehrstuhl für Beratungspsychologie an der Universität Potsdam und Leiterin des Patienten-Trainings- und Beratungszentrums (PTZ).

Kontakt

Universität Potsdam
Department Psychologie
Karl-Liebknecht-Str. 24–25
14476 Potsdam
E-Mail: warschbuni-potsdamde 

Das Projekt

Stop the pain – A multicenter, randomized-controlled study of a cognitive-behavioral intervention for children with functional abdominal pain

Laufzeit: 2013–2016
Beteiligt: Prof. Dr. Petra Warschburger (Leitung),
Dipl.-Psych. Claudia Calvano
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Text: Sophie JägerOnline gestellt: Agnes BressaKontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.de