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Online-Reisetagebuch: Mazar, 30. September 2014

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, Tag 9
Mittagessen bei Dekan Sharaf, Mazar, Foto: Prof. Dr. Harald Fuhr

Mittagessen bei Dekan Sharaf, Mazar, Foto: Prof. Dr. Harald Fuhr

Wir fahren entlang einer wie mit einem Lineal gezogenen Straße nach Norden, in Richtung des vor einigen Monaten eröffneten „Mazar-e-Sharif International Airport“. Seit wir im März 2012 zum ersten Mal hier ankamen, hat sich sehr viel geändert. Damals mussten wir noch weite Strecken über holprige Straßen mit Schlaglöchern und plötzlichen Fahrbahnverengungen fahren. Heute ist die Straße weitgehend asphaltiert, sie hat eine klar definierte rechte und linke Fahrspur, und neben auffällig vielen neuen Tankstellen gibt es rechts und links neue Ansiedlungen und neue Kleinbetriebe. Neben Obst-, Gemüse- und Getränkeständen, sehen wir immer wieder Verkaufsstellen und Reparaturwerkstätten für allerlei Kraftfahrzeuge. Auf einem der dort geparkten LKWs ist noch ein deutscher Schriftzug erkennbar – und wir fragen uns, wie ein Laster der „Nürnberger Kloß-Teige“ wohl hier gestrandet ist.

Etwa auf halber Strecke biegen wir in eines der Neubaugebiete ab und erreichen bei rund 40 Grad Außentemperatur über eine staubige Straße und vorbei an den verrosteten Gerippen früherer Militärfahrzeuge die neu errichtete Universität Balkh. In einigen Wochen soll hier ein Gebäudeteil eingeweiht und übergeben werden, der uns und unsere Kollegen in Mazar besonders interessiert, nämlich die Fakultät für Verwaltungswissenschaften.

Wir sind angenehm überrascht, denn das blass-gelbe Gebäude mit seinen braunen Trennstreifen zwischen den vier Geschossen erinnert an Bauhaus-Architektur und passt farblich gut in die noch karge, wüstenartige Umgebung. Obwohl man uns erzählt, dass irgendetwas mit der Stromversorgung seitens der Stadt noch nicht funktioniere, und ein Generator derzeit dieser Aufgabe nachkomme, erscheint zumindest uns ansonsten alles soweit im Plan und übergabefähig. Da die Temperaturen im Sommer über 40 Grad erreichen und im Winter unter -15 Grad fallen können, wurde ein Großteil der neuen Seminarräume und Hörsäle, anders als noch im alten Gebäude in der Innenstadt, mit Heizungen und mit Doppelverglasung ausgestattet. Großzügig und hell sind die Räume im oberen Stock angelegt, und zwar nicht nur für das Dekanat, sondern, wie wir neidisch feststellen, auch für die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter. Um uns herum basteln Bauarbeiter Büromöbel und unzählige Klappsitze in den Hörsälen zusammen, verlegen Elektroleitungen und schleifen an Treppenstufen herum.

Das Gebäude soll — Inshallah — am 9. Oktober 2014 unter anderem auch von Vertretern des Auswärtigen Amts eingeweiht werden, denn die Bundesrepublik hat über das SPA Projekt den Bau finanziert. Von hier aus kann man auch den kleinen weißen Zeppelin sehen, der am Horizont sichtbar ist und in Mazar-e-Sharif der Luftüberwachung für den Standort der skandinavischen und deutschen Truppen dient.
Wir verlassen die Anlage unter drückender Mittagshitze, in Windstille und in der Nähe eines anderen deutschen, dieses Mal grünen Nutzfahrzeugs, das — ganz ohne Scherz — die Aufschrift: „Getränke Lambert — Licher Bier“ trägt. Wenn die Arbeiter wüssten, welches unheilige Auto sie da zum Transport ihres Baumaterials verwenden …
Wir begeben uns in Eile in Richtung Innenstadt, denn wir haben um 12 Uhr eine Einladung zum Mittagessen im Haus des Dekans der Verwaltungswissenschaftlichen Fakultät. Und um 14 Uhr sind zwei Vorträge von uns vorgesehen. Das Essen ist reichhaltig, wie immer bei privaten Einladungen, und wird angerichtet auf einer Tischdecke auf dem Boden. Wir sitzen auf Kissen im Rechteck und genießen es im großen Kreis, vor allem nach dem gestrigen „Lost Day“ auf dem Flughafen in Kabul.
Prof. Sharaf hat in den vergangenen beiden Jahren seit der Gründung der Fakultät ganz Erstaunliches geleistet. Er betreut mit seinen acht Mitarbeitern und zwei Mitarbeiterinnen heute rund 400 Studierende der Verwaltungswissenschaft. Zwar tippen auch einige der Studenten während unserer heutigen Vorträge auf Smartphones herum, aber die allermeisten scheinen interessiert an dem neuen Fach und den Perspektiven, die sich hieraus vielleicht einmal für sie eröffnen. Die Fragen, die sie stellen, werden zum großen Teil in Englisch gestellt, sind spezifisch und auf den Punkt — und erscheinen uns nicht vorbereitet.

Bedauerlicherweise dringt gegen 16 Uhr die Sonne durch die erschlafften, rosafarbenen Vorhänge und es wird entsetzlich heiß und stickig in unserem Hörsaal im alten Hauptgebäude. Mit seiner Holztäfelung und Bühne erinnert er eher an einen Theatersaal und die zu unserer Kühlung aufgestellten Riesenventilatoren, die ebenfalls und deutlich einem anderen Jahrhundert entstammen, schaffen es nur Krach statt Kühle zu erzeugen. Wir beenden unsere Vorträge mit einem gemeinsamen Ausblick auf wohltemperierte Hörsäle auf dem neuen Campus. Stürmischer Applaus. Ende. Wir fahren zurück ins Hotel.

Text: Prof. Dr. Harald Fuhr, Professor of International Politics, Faculty of Economics and Social Sciences, University of Potsdam, Online gestellt: Silvana Seppä

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