Vorbereitung des Auslandsaufenthalts
Mein Entschluss für das Erasmus+ Programm war sehr spontan, aber ich bereue es keine Sekunde. Ich habe mich für die Stadt Coimbra in Portugal entschieden, sie liegt wunderbar zentral zwischen Porto und Lissabon, unter einer Stunde vom Meer und bietet ein wunderschönes Stadtbild am Fluss und ein altes schönes Stadtzentrum auf einem Hügel. Zum Programm kann man sich ziemlich einfach auf den Webseiten der Uni Potsdam, des HPI, so ziemlich jeder anderen Uni und der offiziellen Erasmus+ Webseite. Die Vorträge der Uni Potsdam sind ebenfalls sehr informativ und beantworten jede organisatorische Frage, anschließend erhält man einen Moodle Zugang wo erneut alle Informationen verfügbar und ToDos auf einer Checkliste vorliegen. Ich kann außerdem empfehlen einfach nach Erfahrungsberichten zu suchen, z.B. einfach „Erasmus Coimbra“ in Google suchen.
Von der Uni Coimbra kam nicht viel. Ich erhielt eine Bestätigungsmail mit einem Link zu ihrem FAQ, um mich in ihrem System anzumelden. Die Informationen muss man sich leider allgemein etwas zusammensuchen im gesamten Bewerbungsprozess: die Semesterzeiten, Vorlesungszeiten, das Kursangebot, die Anforderungen, die Sprachvoraussetzungen (keine die kontrolliert wird oder wichtig wäre)…
Es gibt einiges auszufüllen und mehrere Fristen einzuhalten, da gibt es erstmal ein wenig zu beachten. Zum Beispiel muss man einen Willkommenstag wählen, an dem man im System freigeschaltet wird, weitere Daten erhält und offiziell den Aufenthalt beginnt. Dabei gilt first come first served, also schnell den ersten Termin wählen. Viele, einschließlich mir, warten sonst 1-2 Wochen und zählen nicht als angekommen und können keine Kurse wählen, obwohl sie längst da sind.
Das Learning Agreement habe ich immer in Papierform ausgefüllt und unterschreiben lassen mit Scans per Mail zwischendurch. Die Änderung war kein Problem in den ersten Wochen, nur Ansprechpartner muss man herausfinden. Bei Fragen kann man immer zum Studenthub auf Campus 1, die helfen einem mit gewisser Wartezeit bei allem. Ansonsten hilft das International Relations Office der jeweiligen Fakultät, bei mir war das die FCTUC.
Die Kursübersicht ist denkbar schlecht. Ich wusste nicht wo ich schauen muss, was ich wählen darf und wie ich das Semester wähle. Grund ist wohl, dass wir alles machen dürfen (im Gegensatz zu Studenten andere Länder und Unis, dich ich kennenlernte). Es gibt eine Kursübersichtsseite, bei der man 2nd Cycle Studies auswählen kann (Master quasi). Dort habe ich mich dann durch jegliche „Organisation Units“ und Master Titel geklickt, die nach Computer Science Kursen klangen und habe mir dann das Kursangebot angeschaut. Insgesamt hatte ich so Kurse am DEEC und DEI Department, beide am Campus 2 (FCTUC).
Studienfach: Computer Science (M. Sc.)
Aufenthaltsdauer: 09/2025 – 02/2026
Gastuniversität: Universidade de Coimbra
Gastland: Portugal
Studium an der Gastuniversität
Die Uni Coimbra hat ein Portal namens inforestudante bei dem man ziemlich alles machen kann. Dort werden die Kurse gewählt, Gebühren bezahlt, Dokumente angefragt, Abgaben hochgeladen, Noten eingesehen, Nachrichten empfangen und so weiter. Leider ist selbst auf der englischen Einstellung nicht alles übersetzt, aber daran kann man sich bei der Uni gewöhnen. Sie sind wirklich nicht gut darin Informationen bereitzustellen, erst recht nicht auf Englisch. Es gibt zwar die Willkommensveranstaltung mit Informationen, da fehlt aber ganz viel Alltagsinformation. Wie funktioniert die Mensa, was kann man auf inforestudante machen, was muss man für Fristen einhalten und mehr.. Ich habe nach Wochen erst vom zweiten Portal „UCStudent“ erfahren, wo man eigentlich seine Anwesenheit einträgt und in vielen Kursen die Kursmaterialien erhält. Ich hatte keinen Kurs, wo es relevant war, aber eigentlich ist es wohl Pflicht, die Anwesenheit zu notieren.
Generell wird aber auch entsprechend locker mit den Erasmus Studenten umgegangen. Es gab immer Verständnis für Probleme mit den Webportalen, Fragen in der Mensa und spätere Abgabefristen. Die Bewertung hat auf mich auch einen lockeren Eindruck gemacht. Gute Noten waren nicht schwierig zu bekommen, gerade Vorträge und Berichte unsererseits wurden immer sehr gelobt. Ich hatte das Gefühl, dass dafür die Messlatte niedriger war als hier.
Die Veranstaltungen waren im Allgemeinen wie gewohnt. Es gab aber viele Hausaufgaben, es wurde immer auf Gruppenarbeit und eine praktische Auseinandersetzung mit dem Thema gesetzt. Das kannte ich aus dem Master bisher weniger. Meine Veranstaltungen waren alle auf Englisch, das scheint in den IT Kursen normal zu sein und hat die Sprachsorgen weggeblasen.
Mit den Professoren konnte man einfach direkt oder per Mail auf Englisch kommunizieren. Die Studenten in den Kursen konnten mal mehr mal weniger englisch, es scheint keine Voraussetzung zu sein, aber generell fällt in diesem Studienbereich dahingehend leichter als in anderen.
Ansonsten sprechen Mitarbeiter der Universität nicht immer Englisch, beispielsweise in Bibliothek und Mensa. Grundlegendes Portugiesisch oder gebrochenes Spanisch kann da gut helfen. Die Mensen sind sehr günstig, unter 2€ für das Standardessen aus Reis und Fleisch, Fisch oder Gemüse. Es ist allerdings auch sehr geschmacksneutral, bringt Salz mit wohin ihr geht, es darf gesetzlich nicht am Mensaessen sein. Es gibt eine leckere „gelbe Cafeteria“ wo es gute Pasta und Pizza gibt für unter 3€ (Salz nicht vergessen). Außerdem eine Museumscafeteria bei Campus 1 wo es ein großes portugiesisches Buffet und unbegrenzt Wein und Kaffee gibt für unter 8€. Die Mensen sind meistens am Nachmittag geschlossen und am Abend wieder geöffnet.
Ich war nur bei der Bibliothek am Campus 1. Man kann online die Belegung einsehen und muss vor Ort einen spezifischen Platz buchen. Die Öffnungszeiten sind unglaublich, bis 21 Uhr, das passt aber zu den Tageszeiten in Portugal.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden, Sprachkompetenz
Ich habe nie erwartet, viele Einheimische kennenzulernen. Als Kurzzeitgast ist es immer schwieriger in bestehende Gruppen reinzukommen, erst recht ohne Portugiesischkenntnisse. Internationale lernt man umso leichter kennen. Das ESN bietet regelmäßig Events und Reisen. Auf Whatsapp gibt es eine ESN Community je Semester, man kann sich für Ausflüge, Treffen oder Sport verabreden. Es gibt auch immer wieder Wohnungsangebote. Man trifft sich in Bars, in der Uni, in den Wohnungen und so weiter. Portugiesisch habe ich kaum gesprochen, aber wie erwartet wurde mein Englisch immer lockerer (das Vokabular stagniert teilweise bei all den Nationalitäten, aber man spricht freier).
Portugiesisch habe ich durch einen Kurs gelernt, lediglich A1. Es gibt für jedes Sprachniveau Kurse an der Uni für die Erasmus Studierenden. Hier muss man besonders schnell sein, da sie sehr beliebt sind. Da ist es sehr blöd, wenn man einen späten Willkommenstermin hat und dann nur noch wenige Termine zur Auswahl hat sobald man endlich freigeschaltet wird.
Wohn- und Lebenssituation
Ich habe in einem wunderbaren Haus mit über 15 anderen Erasmus-Studierenden gewohnt. Es klang zunächst super chaotisch, aber es hat sich total verlaufen. Einige waren andauern in der Uni, andere waren täglich reisen. Aber es war perfekt, um sofort Menschen kennenzulernen, um gemeinsame Ausflüge zu planen, um sich gegenseitig zu helfen. Ich würde es auf jeden Fall empfehlen. Jeder nennt es Avocadohaus, es gibt eine große Terrasse zum Feiern und Grillen, private Obstbäume (Orangen, Zitronen, Mandarinen, Avocados) und eine tolle familiäre Atmosphäre.
Gefunden habe ich das Haus nur durch Empfehlung. Ich bekam den Kontakt zum Hausherrn und bekam einen der letzten Plätze. Ich denke es läuft immer so. Wider Erwarten gab es dann auch einen richtigen Mietvertrag. Gekostet hat das Zimmer etwa 300€ „warm“. Es kam noch eine Einmalzahlung für Putzmittel hinzu.
Generell ist die WhatsApp-Gruppe des ESN Coimbra ein guter Ort für die Wohnungssuche. Wenn die Studenten vom Vorsemester ausziehen, also schon etwa 2-3 Monate vor dem Auslandsaufenthalt, teilen viele ihre Wohnungsangebote für Nachmieter. Es lohnt sich also früh die aktuelle und nächste ESN Community aufzusuchen.
Das Haus war ein Segen, aber es gab auch einige böse Überraschungen, die aber allgemein für Portugal oder Coimbra gelten. Die Rohre sind alt, sodass Toilettenpapier in den Mülleimer muss. Die Häuser sind schlecht isoliert, sodass es im Winter genauso kalt wie draußen war (10°C, eigentlich keine Minusgrade), Heizung gab es aus Kostengründen dabei nicht. Das ließ sich mit warmer Kleidung aushalten, aber trotz der wärmeren Temperaturen wirkte der Winter so bitterkalt. Schimmel ist normal, im Haus, in Museen, in Mensen ..
In der Stadt fahren Busse, ich bin allerdings nicht einmal damit gefahren, da ich mir mit Freunden ein Auto geteilt habe (Roadtrip von Deutschland nach Portugal). Die Busse fahren wohl nicht sehr verlässlich. Es gibt wohl viel Verspätung und volle Busse fahren einfach vorbei. Uber ist eine günstige Alternative, man zahlt für fast jedes relevante Ziel um die 3€ und kann entsprechend günstig reisen, sobald sich auch nur ein Mitfahrer findet. Bei gutem Wetter bietet sich natürlich auch laufen an, wenn man nicht quer durch die ganze Stadt muss.
Die Flixbusse und RedeExpressos sind sehr gut und günstig, um Portugal zu bereisen. Ein Zug fährt ebenfalls sehr günstig ans Meer nach Figueira da Foz, perfekt zum Surfen. Ich empfehle auf jeden Fall Portugal und seine Inseln (Madeira, Azoren) zu bereisen, auch Marokko ist sehr günstig zu erreichen. Die Flüge zu den Inseln und Marokko kosten 10-40€ wenn man flexibel ist.
Geld und Bezahlen ist natürlich einfach, da der Euro genutzt wird. Besorg dir nur eine Karte, die im Euro-Ausland keine Gebühren nimmt. Es gibt allerdings viele Orte, die nur den MB-Way akzeptieren. Das ist ein lokales digitales Bezahlsystem. Da benötigen wir Ausländer dann leider Bargeld. Supermärkte und Einkaufszentren nehmen aber ganz normal Visa, Mastercard und so weiter. Die Preise für Gastronomie sind auf jeden Fall geringer als bei uns, gerade Bier und andere Getränke sind außerhalb sehr erschwinglich und ermöglichen viele gesellige Abende. Im Supermarkt sind die Preise nur etwas geringer als Zuhause, Alkohol ist tendenziell teurer und Vegetarische/Vegane Alternativen sind selten und teuer. Ansonsten ist vieles aber auch gleich teuer wie bei uns, was bei den geringen Durchschnittslöhnen überrascht. Die Einkaufszentren besitzen bekannte Kleidungsläden und Foodcourts, das kostet genauso viel wie in Deutschland. Nicht alltägliches ist schwerer zu finden und teurer – z.B. Bastelwaren, Fotos drucken, günstige Elektronik oder auch ein Wäscheständer.
Ich hatte keine weitere Krankenversicherung, da die gesetzliche Krankenkasse mit der EHIC Karte in Europa das lokale Gesundheitssystem ermöglicht.
Rückblick
Ich würde jedem ans Herz legen mindestens ein Erasmus Semester zu machen, egal wo. Coimbra und Portugal besitzen eine wunderschöne entspannte Atmosphäre und gerade die Zeit außerhalb des Studierens, die gemeinsamen Unternehmungen und das Reisen waren einmalig. Ich habe meine Mitbewohner und viele mehr ins Herz geschlossen und mich bei jeder Wiederkehr wie Zuhause gefühlt. Für einige ist es eine extrem wertvolle lebensprägende Erfahrung. Einige meiner Freunde sind extrem aus sich herausgekommen, konnten sich entfalten und selbst kennenlernen, haben an Selbstvertrauen und Perspektive gewonnen und werden als anderer Mensch in ihre Heimat zurückkehren.