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Referenzrahmen des Krieges. Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939–1945

  • Laufzeit: Oktober 2007–September 2012
  • Bewilligte Mittel: 370.000,– Euro

Das von Prof. Dr. Sönke Neitzel und dem Essener Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom geleitete Projekt rekonstruierte erstmals umfassend, wie deutsche und italienische Soldaten den Krieg wahrgenommen haben, als er geschah, indem es einen von der Forschung noch nicht genutzten Quellenkorpus auswertete: Zum einen handelte es sich um Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher und italienischer Kriegsgefangener in britischem Gewahrsam, die in den Jahren 1940 bis 1943/45 entstanden sind. Dieser ungeheuer facettenreiche, rund 50.000 Seiten umfassende Bestand wurde mit dem interdisziplinären Ansatz der Referenzrahmenanalyse erschlossen und ausgewertet. Zum anderen wurden Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher Kriegsgefangener in amerikanischem Gewahrsam, die in den Jahren 1942 bis 1945 entstanden sind, analysiert. Dieser Bestand umfasst über 2.400 Aktenvorgänge mit insgesamt etwa 102.000 Seiten und lagert in den Washingtoner National Archives. Dieses reichhaltige Material wurde von Dr. Felix Römer erschlossen, bevor auch diese Quellen in einem zweiten Schritt mit dem Ansatz der Referenzrahmenanalyse, einer besonders fruchtbaren Methode an der Schnittstelle zwischen Zeitgeschichtsforschung und Sozialpsychologie, ausgewertet wurden. Darüber hinaus eröffnete das amerikanische Abhörmaterial die einmalige Möglichkeit, die Wahrnehmungsmuster der abgehörten deutschen Kriegsgefangenen mit ihrem soziographischen Profil in Verbindung zu bringen, da der Quellenbestand zu jedem der abgehörten Soldaten ein Formblatt mit personenbezogenen Daten bereithält. Auf diesem Wege wurde rekonstruiert, wie die Angehörigen der Wehrmacht zeitgenössische Situationen während des Zweiten Weltkrieges wahrgenommen und gedeutet haben, was nicht zuletzt dazu dient, ihr Entscheidungsverhalten zu ergründen.

Das Wissen um die Wahrnehmung der totalitären politischen Systeme in Deutschland und Italien, der Kriegsverbrechen, der Binnenstrukturen der Armeen, der Kriegsgegner, aber auch des erwarteten bzw. befürchteten Kriegsverlaufs und der Nachkriegsfolgen konnte anhand dieser Quellen ganz erheblich erweitert werden. Damit erhielt die Forschung einen vertieften Einblick in die Art und Weise, wie Menschen Extremerfahrungen von Krieg und Diktatur wahrnehmen und interpretieren – und dies in international vergleichender Perspektive. Das Projekt lieferte damit einen entscheidenden Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkriegs.

Die Personal- und Budgetverwaltung lag in der Verantwortung von Prof. Neitzel, Universität Mainz.

Zur Untersuchung des Einflusses der regionalen Herkunft gelang es zudem, in Österreich das Projekt „Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges durch österreichische Wehrmachtsoldaten“ zu initiieren, für das der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) 180.000,-- € bewilligte (Laufzeit: November 2009–Juli 2013). Unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Botz, Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft Wien – und in enger Kooperation mit dem Projekt „Referenzrahmen des Krieges“ – wird hier untersucht, ob es eine spezifisch „österreichische“ Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges gegeben hat.

Aus dem Projekt gingen eine Vielzahl von Veröffentlichungen hervor, darunter bislang sieben Monographien und ein Sammelband:

  • Christian Gudehus, Harald Welzer, Sönke Neitzel, (Hrsg.), „Der Führer war wieder viel zu human, viel zu gefühlvoll.” Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht deutscher und italienischer Soldaten, Frankfurt 2011.
  • Sebastian Groß, Gefangen im Krieg. Frontsoldaten der Wehrmacht und ihre Weltsicht, Berlin 2012 (= Diss. phil. Mainz 2011).
  • Alexander Hoerkens, Unter Nazis? Die NS-Ideologie in den abgehörten Gesprächen deutscher Kriegsgefangener in England 1939–1945, Berlin 2014. (Diss. phil. Mainz 2011).
  • Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt 2011.
  • Amedeo Osti Guerrazzi, Noi non sappiamo odiare. L'esercito italiano tra fascismo e democrazia, Turin 2010.
  • Frederik Müllers, Elite des Führers? Mentalitäten im subalternen Führungspersonal von Waffen-SS und Fallschirmjägertruppe 1944/45, Berlin 2012 (= Magisterarbeit Mainz 2011)
  • Felix Römer, Kameraden. Die Wehrmacht von Innen. München 2012.
  • Tobias Seidl, Führerpersönlichkeiten. Deutungen und Interpretationen deutscher Wehrmachtgeneräle in britischer Kriegsgefangenschaft (= Diss. phil Mainz 2011)

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