uni-potsdam.de

You are using an old browser with security vulnerabilities and can not use the features of this website.

Here you will see how you can easily upgrade your browser.

Europäische Erdbebenregionen und historische Katastrophenforschung

Zwischen Wirklichkeit und Deutung. Die größten Erdbeben im Deutschen Reich des hohen und späten Mittelalters

Wie die Vorgehensweise einschlägiger Forschergruppen in Belgien, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz zeigt, bildet die historische Raumordnung den in der vergangenheitsorientierten Seismologie üblichen Ansatzpunkt zur Abgrenzung von Untersuchungsgebieten. Auf ihr beruht nicht zuletzt die Übertragung der Ergebnisse für ein Untersuchungsgebietes auf ein statistisch vergleichbares Gebiet, wenn es gilt, dort fehlende Berechnungsgrundlagen auszugleichen. Die historische Seismologie, wie sie an der Professur für Geschichte des Mittelalters betrieben wird, profitiert von der wechselseitigen Angewiesenheit der Ingenieurseismologie und der historischen Erdbebenforschung von den schriftlichen Quellen. Nachfolgende Erwägungen verdeutlichen diesen Zusammenhang.

Erst eine sorgsam durchgeführte quellenkundliche Analyse und eine vorsichtige Auswertung historischer Quellen stellt die solide Grundlage für die exakte Bewertung historischer Erdbeben dar. Anhand der überlieferten Texte erfolgen sodann die Abschätzung ihrer maximalen makroseismischen Intensitäten und die Berechnung zugehöriger Magnituden anhand empirischer Beziehungen. Die in der Weise aufbereiteten Bewertungen der Erdbeben bilden die Grundlage für die Analyse der Erdbebengefährdung und bestehender Risikopotentiale durch Seismologen und Erdbebeningenieure. Die Korrektur bisheriger Bewertungen oder sogar der Ausschluss so genannter falscher Beben aufgrund einer genauen Analyse von Topoi und des Nachweises von eklatanten logischen Widersprüchen in den Schriftquellen vermag zudem das Gesamtszenario für die genannte Gefährdungs- und Risikoabschätzung einschneidend zu verändern. Die Einführung eines am Entstehungszeitpunkt, Entstehungsort und Person des Autors orientierten neuen Bewertungsfaktors namens "Quellenwert" erscheint als denkbare Konsequenz aus der Anwendung historischer Quellenkritik auf Probleme der Ingenieurseismologie.

Für den Historiker, der die Geschichte auch als Geschichte menschlicher Vorstellungen über die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versteht, bilden Erdbeben einen äußerst geeigneten Ansatzpunkt für Topos-Analysen zum Thema Katastrophenbewältigung als Kulturtechnik. Die quantifizierende und qualifizierende Untersuchung von Erdbeben erlaubt es möglicherweise, Korrelationen zwischen der Stärke, Verbreitung und Häufigkeit von Erdbeben einerseits und der Höhe der menschlichen Hemmschwelle sowie der Gestaltung menschlicher Deutungsmuster für Katastrophen herzustellen. Die Erforschung der Entstehung, Übermittlung und Verformung von Informationen lässt sich am Beispiel historischer Erdbeben besonders gut nachvollziehen, da diese vergleichsweise selten auftreten. Sie laden zum Vergleich mit anderen außergewöhnlichen Natur- und Kulturereignissen und ihrer Wahrnehmung durch den Menschen geradezu ein.

Ausgewählte Publikationen

  • Konrad Schellbach: Erdbeben in der Mark Brandenburg? Vorstellung und Wirklichkeit in den Rezeptionsgewohnheiten spätmittelalterlicher Weltchronistik, in: Das Mittelalter endet gestern. Beiträge zur Landes-, Kultur- und Ordensgeschichte. Heinz-Dieter Heimann zum 65. Geburtstag, hg.v. Sascha Bütow, Peter Riedel, Uwe Tresp, Berlin 2014, S. 50–64 (= Studien zur brandenburgischen und vergleichenden Landesgeschichte, Bd. 16).
  • Gottfried Grünthal / Rutger Wahlström, The European-Mediterranean Earthquake Catalogue (EMEC) for the last millennium. Journal of Seismology, 16, 3 (2012), S. 535–570, DOI. 10.1007/s10950-012-9302-y.
  • Gottfried Grünthal / Peter Riedel, Zwei angebliche Erdbeben in den Jahren 1303 und 1328 im heutigen Raum Kaliningrad, Zeitschrift für geologische Wissenschaften 35 (2007), S. 157–163
  • Marie-Luise Heckmann, Zwischen Weichseldelta, Großer Wildnis und Rigaischem Meerbusen. Ökologische Voraussetzungen für die Landnahme im spätmittelalterlichen Baltikum, in: Von Nowgorod bis London. Studien zu Handel, Wirtschaft und Gesellschaft im mittelalterlichen Europa. Festschrift für Stuart Jenks zum 60. Geburtstag, hg. von ders. und Jens Röhrkasten (= Nova Mediaevalia 4), Göttingen 2008, S. 255–295.

To top