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Wie Literatur und Kunst erinnern – Ein deutsch-polnisches Projekt ist dem Gedächtnis auf der Spur

Magdalena Marszałek, Professorin für Slavische Literatur und Kulturwissenschaft. Foto: privat.

Magdalena Marszałek, Professorin für Slavische Literatur und Kulturwissenschaft. Foto: privat.

Magdalena Marszałek hat ein Faible für die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart. In einem deutsch-polnischen Forschungsprojekt geht die Potsdamer Slavistin der Frage nach, wie unsere Kultur mit der Vergangenheit umgeht. Drei Strategien des Umgangs mit der Geschichte werden im Forschungsprojekt „Performances of Memory“ analysiert: testimoniale, rekonstruktive und kontrafaktische Praktiken in der Literatur und performativen Kunst. Zusammen mit den beiden Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. Małgorzata Sugiera aus Krakau und Prof. Dr. Dorota Sajewska aus Warschau, die inzwischen an der Universität Zürich arbeitet, hat Prof. Dr. Marszałek damit efolgreich die Projektförderung in der ersten Edition der gemeinsamen Ausschreibung „Beethoven“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der polnischen Entsprechung, dem Nationalen Wissenschaftszentrum (NCN), eingeworben.

Die drei Forscherinnen haben vieles gemeinsam: Sie leben den deutsch-polnischen Wissenschaftsaustausch, arbeiten auf dem Feld Memory Studies, sind dem Phänomen Gedächtnis auf der Spur und interessieren sich für Performatives in Kunst und Literatur. „Das aktuelle Projekt zur Performanz der Erinnerung ist für uns die Krönung unserer bisherigen Kooperation“, sagt Magdalena Marszałek. Ihr erstes Studium der polnischen Philologie und Theaterwissenschaft hat sie in Krakau absolviert. „Ich kenne meine Kollegin Małgorzata Sugiera noch aus dieser Zeit“, erzählt sie. Später habe sie in Bochum noch ein zweites Studium draufgesetzt, Slavistik, Kunstgeschichte sowie Theater- und Filmwissenschaft. Auch mit der Warschauerin Dorota Sajewska tauscht sich Marszałek seit Jahren über wissenschaftliche Probleme aus. „Nun haben wir erstmals gemeinsame finanzielle Mittel für die Forschung, was unsere Zusammenarbeit in besonderer Weise beflügelt.“ Seit sieben Jahren forscht und lehrt die Professorin an der Universität Potsdam. Zu ihren Schwerpunkten gehören polnische Literatur und Kultur der Moderne und Spätmoderne, kulturelle Transformationsprozesse in Ostmitteleuropa nach 1989 sowie polnisch-jüdische Kulturgeschichte. Theoretisch interessiert sie sich vor allem für Fragen des literarischen und künstlerischen Dokumentarismus – also etwa des autobiografischen Schreibens und des literarischen Zeugnisses – sowie für postmemoriale Ästhetiken in der Literatur, der bildenden Kunst und im Theater.

„Zeugen sind unglaublich wichtig für unsere Erinnerung“

Memory Studies sind für die drei Frauen in dem deutsch-polnischen Projekt ein breites  Forschungsfeld, auf dem mit verschiedenen methodischen Zugängen versucht wird, das Phänomen ‚Gedächtnis‘ in der heutigen Kultur, aber auch historisch, zu begreifen. „Wir halten die Vergangenheit heute auf besondere Art und Weise präsent“, erklärt Marszałek. Wie das genau funktioniert, soll das DFG-Projekt zeigen, das noch bis zum Sommer 2019 läuft. Dabei betrachten die Forscherinnen in Potsdam, Krakau und Warschau/Zürich das Problem als ein Geflecht von drei erinnerungskulturellen Strategien: der Zeugenschaft, rekonstruktiven Praktiken (wie zum Beispiel das heute sehr populäre Reenactment) und para- und mockdokumentarischen Verfahren. Der Fokus von Marszałek liegt auf der ersten, der testimonialen Strategie: Hier steht die Rolle der Zeugenschaft in Literatur und Kunst im Fokus. „Zeugen sind unglaublich wichtig für unsere Erinnerung. Sie vermitteln Affekte und Authentizität, sie erheben Anspruch auf Wahrheit.“ Doch die Slavistin interessiert vor allem die Frage, wie Literatur und Kunst mit der Figur des Zeugen umgehen und ihre eigenen testimonialen Aufgaben definieren. Die Dissertation von Dominika Herbst, die im Forschungsprojekt an der  Universität Potsdam entsteht, erkundet zum Beispiel das testimoniale Bewusstsein der sozialen Reportage zwischen den beiden Weltkriegen in Polen.

Die Idee des Zeugnisses ist für die Literatur und Kunst in Zeiten der historischen Katastrophen und damit verbundenen tiefen kulturellen Krisen äußerst wichtig. Deshalb beginnt die – bis heute andauernde – Konjunktur des testimonialen Dokumentarismus gleich nach dem Ersten Weltkrieg. Der zweite, der rekonstruktive Ansatz, den Dorota Sajewska an der Universität Zürich verfolgt, geht vom Körper als Archiv aus. Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass sowohl in den populären Reenactments als auch in der flüchtigen, künstlerischen Performance die Inszenierung des Vergangenen von der im Körper gespeicherten Erfahrung ausgeht. Die dritte Forscherin des  gemeinsamen Projekts, Małgorzata Sugiera, untersucht das Kontrafaktische: Indem ‚alternative Fakten‘ den authentischen Zeugnissen gegenübergestellt werden, entsteht Fiktionales, das das Dokumentarische in der Erinnerungskultur kritisch hinterfragt oder gar persifliert. „So lassen sich aktuelle erinnerungskulturelle Praktiken in ihrem Zusammenhang erschließen und reflektieren“, resümiert Magdalena Marszałek. Unter der Frage „Was wäre, wenn?“ seien auch Denkexperimente mit Geschichte möglich, die nicht zuletzt auch die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart verständlicher machen.

Die Performance als Gedächtniskunst

Alle drei Kulturwissenschaftlerinnen nehmen performative Momente der Erinnerung in den Blick. Diesem gemeinsamen Schwerpunkt war das Symposium „Performing Memory“ gewidmet, das im Mai in den Sophiensälen in Berlin stattfand. In drei moderierten Abendvorträgen mit hochkarätiger Besetzung – unter anderem mit der US-Forscherin Prof. Rebecca Schneider von der Brown University – wurde die Performance als Gedächtniskunst diskutiert: Welche Erinnerungsarbeit wird in dieser Kunstform geleistet? Worin unterscheiden sich performative und narrative Gedächtnisformen? Bieten künstlerische Aktionen einen alternativen Zugang zur Geschichte?

Die Reflexion der Vergangenheit ist gerade heute in Polen aktueller denn je. „Dass der gegenwärtige erinnerungspolitische Rollback derart stark ausfallen wird, haben wir zwar nicht erwartet. Doch der Kontext solcher Geschichtspolitiken muss natürlich mitgedacht werden.“ Die Erkenntnisse des deutsch-polnischen Forschungsprojekts sollen abschließend in einer gemeinsamen Monografie gebündelt und veröffentlicht werden. „Wir müssen uns nur noch einigen, in welcher Sprache – deutsch oder polnisch – wir das Buch schreiben“, sagt die Potsdamer Professorin. Ihr ist anzusehen,  wie sehr sie das Forschungsthema beschäftigt. Insofern sind neben dem Abschlusswerk diverse weitere Publikationen von und mit Magdalena Marszałek zu erwarten.

DIE WISSENSCHAFTLERIN

Prof. Dr. Magdalena Marszałek ist Professorin für Slavische Literatur und Kulturwissenschaft / Schwerpunkt Polonistik am Institut für Slavistik der Universität Potsdam.
magdalena.marszalekuni-potsdamde

DAS PROJEKT

Performances of Memory: Testimonial, Reconstructive and Counterfactual Strategies in Literature and Performative Arts of the 20th and 21st Centuries
Leitung: Prof. Dr. Magdalena Marszałek (Universität Potsdam), Prof. Dr. Małgorzata Sugiera (Jagiellonen-Universität Krakau)
Projektteam: Dr. Mateusz Borowski (Jagiellonen-Universität Krakau), Dominika Herbst, M.A. (Universität Potsdam), Prof. Dr. Dorota Sajewska (Universität Warschau/Universität Zürich), Dr. Dorota Sosnowska (Universität Warschau)
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Nationales Wissenschaftszentrum (NCN, Polen)
Laufzeit: 2016–2019

Text: Silke Engel
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde