uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

Lest! Sprecht! Seid polemisch! – Pierre-Héli Monot forscht zu einer populären Philologie als Grundstein unserer Demokratie von morgen

Dr. Pierre-Héli Monot erforscht, wie eine neue Form der Textlektüre die Demokratie erneuern könnte. | Foto: Karla Fritze

Dr. Pierre-Héli Monot erforscht, wie eine neue Form der Textlektüre die Demokratie erneuern könnte. | Foto: Karla Fritze

„Empört Euch!“ – „Wohin steuert Frankreich, Herr Macron?“ – „Lassen Sie die Katalanen abstimmen!“ Sätze, die Geschichte machten. Sie entstammen Büchern, Reden, Pamphleten und haben eines gemeinsam: Sie polarisierten, stießen Diskussionen an, brachten Menschen auf die Straßen. Der Amerikanist und Philosoph Pierre-Héli Monot will herausfinden, woher ihre bewegende Kraft kommt. Und zeigen, dass sie nicht das Ende der demokratischen Streitkultur bilden, sondern ihren Neuanfang.

Empörung als Auftakt zur Politik

93 und kein bisschen müde war Stéphane Hessel, als er im Oktober 2010 seinen Essay „Indignez-vous!“ veröffentlichte. Der kurze Text „Empört Euch!“ wurde in wenigen Monaten millionenfach verkauft und entwickelte sich zum Manifest einer ganzen Protestwelle – in Griechenland, Portugal, vor allem aber Spanien, wo 2011/12 die „Indignados“-Bewegung in Dutzenden Städten Tausende Menschen auf die Straße brachte und „Echte Demokratie Jetzt!“ (¡Democracia Real Ya!) forderte.

Als im November 2018 die ersten Franzosen in gelben Warnwesten auf die Straße gingen, um gegen geplante Steuererhöhungen auf Diesel und Benzin zu protestieren, lud Jacline Mouraud einen rund vierminütigen Clip auf eine Video-Plattform. Darin lässt sie all ihrem Zorn auf „Macron und seine Regierung“ freien Lauf: „Was, bitte, machen Sie mit der Knete der Franzosen?“ Das Video sammelte in kürzester Zeit Millionen Klicks, Mouraud trat in Talkshows auf, wurde zum Sprachrohr der Gelbwesten erhoben.

2014 ließ der Präsident der katalonischen Regionalregierung eine Volksbefragung zur Unabhängigkeit der spanischen Region durchführen. Über 80 Prozent der Teilnehmenden stimmten für ein politisch und wirtschaftlich unabhängiges Katalonien. Auch wenn nicht bindend und vom obersten spanischen Gericht später rückwirkend für verfassungswidrig erklärt, war die Befragung ein starkes Signal. Noch im selben Jahr tauchten gedruckte Exemplare eines Manifests auf. Sein Titel und die zentrale Forderung: „Deixin Votar Els Catalans!“ – „Lassen Sie die Katalanen abstimmen!“ Als die spanische Polizei mehrere Hunderttausend der Pamphlete beschlagnahmte, entfachte sich im Internet unter der Domain letcatalansvote.org eine internationale Initiative zugunsten der Unabhängigkeit Kataloniens. Die Initiative griff den Titel auf und wurde im Laufe der Zeit von vielen Prominenten unterstützt, darunter Friedensnobelpreisträger, Künstlerinnen, Intellektuelle, Politikerinnen, Sportler, Musiker und viele mehr.

Eine neue Form der politischen Auseinandersetzung

Drei Bewegungen, drei Probleme, drei Textformen, ein Mittel. Die Art, wie sich die drei zu Wort meldeten, war unversöhnlich, laut und polemisch. Und sie wurden gehört, auf verschiedenste, meist auch kontroverse Weise. Für Pierre-Héli Monot kein Zufall. „Diese Pamphlete stoßen in eine Krise. Das politische System antwortet nicht mehr.“ Die Menschen schienen zu glauben, sie hätten in den institutionalisierten Rahmen keinen Einfluss mehr auf die Politik und die Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens. „Deshalb nehmen sie diese pamphletischen Krisen zum Anlass, eine politische Auseinandersetzung zu betreiben, die alltäglich sein sollte.“ Dies widerlege die immer wieder beschworene Annahme, gegenwärtige Gesellschaften seien großflächig entpolitisiert. „Die Gesellschaft ist immer irgendwie politisiert und sucht sich auch Formen dafür – ein Parlament oder eben Tausende Kreisverkehre wie bei den Protesten der Gelbwesten in Frankreich.“

Pamphlete seien als Form nicht neu, so Monot. Das Kommunistische Manifest, Ende Februar 1848 gerade noch rechtzeitig erschienen, um die Märzrevolution in Frankreich, Deutschland und anderswo in Europa zu befeuern, dürfte eines der bekanntesten Pamphlete der Geschichte sein. Doch die Art, wie polemische Texte derzeit verbreitet und rezipiert würden und ihre Wucht entfalteten, hat bislang unbekannte Dimensionen. Dank der Digitalisierung seien sie nicht mehr auf Gedrucktes reduziert, das sich vervielfältigen und verteilen lässt. Und mithilfe des Internet verbreiteten sie sich schnell und flächendeckend. Hessels Essay war in rund sechs Monaten um die Welt gegangen, Mourauds Video brauchten dafür nur wenige Stunden.

„Diese Pamphlete bilden eine Art Faktum – die Öffentlichkeit sorgt dafür, dass die Texte in einer Art und Weise präsent sind, dass eine Auseinandersetzung mit ihnen unausweichlich ist – sodass auch auf jeden Fall über das Problem, das sie aufnehmen, gesprochen wird“, erklärt Monot. Und sie werden diskutiert. Heiß, widersprüchlich und mit Folgen. Hessels „Empört euch!“ hat nicht nur die spanische „Indignados“-, sondern auch die weltweite „Occupy“-Bewegung inspiriert und beeinflusst. Mourauds Video und ihre anschließenden Auftritte haben die Proteste in Frankreich befeuert. Und „Deixin Votar Els Catalans!“ wurde zum weltweit gehörten Slogan der katalonischen Unabhängigkeitsbewegung. Gleichzeitig rieben sich Kritiker verschiedener Couleur heftig an diesen Textfiguren und ihren Urheberinnen und Urhebern.

Vom Pamphlet zur Bewegung

Der gebürtige Schweizer Pierre-Héli Monot ist fasziniert von jenen Texten, die er Pamphlete nennt. Die gesellschaftlich-politische Wucht, die sie auslösten, sei beispiellos. „Zu erklären, wie durch diese Texte eine vermeintlich apolitische Masse in kürzester Zeit zu einer totalen Infragestellung gerinnt – das kann kein bestehendes hermeneutisches Modell.“ Dabei sei genau das dringend notwendig, sagt er. Denn die Frage, wie große politische Bewegungen abseits formalisierter Parteipolitik eigentlich funktionieren, lasse sich durchaus beantworten mit dem wissenschaftlichen Blick auf die Pamphlete, an denen sie sich entzünden. „Occupy“, „Indignados“, die „Gelbwesten“ würden nicht selten intellektuell von oben herab betrachtet als das Ende der Habermas’schen Öffentlichkeit. „Es werde ja nicht mehr gepflegt debattiert, sondern gepöbelt“, so Monot. „Doch das stimmt nicht. Die meisten dieser radikalen Protestbewegungen haben eine sehr enge Beziehung zum Text.“ Essays werden gelesen, diskutiert und ausgelegt; Videos und Mitschnitte über das Netz auf diversen Kanälen kommentiert, interpretiert, unter- und widerlegt, ergänzt und umgeschrieben. Ursache dafür sei das besondere Wesen der Texte: „Pamphlete behandeln das Ethos im altgriechischen Sinne, sie berühren die Frage, wie wir zusammenleben wollen. Dabei sind sie oft literarisch – und buchstäblich nicht hinnehmbar. Sie müssen als Metapher, ironisch oder als Anstoß gelesen werden und zwingen so Lesende oder Hörende zur Auseinandersetzung.“

Aber wie kann ein Text, der nach gelehrter Interpretation „schreit“, zum Stein des Anstoßes für breite Gesellschaftsschichten werden? Genau dieser Frage will Monot als Forscher auf den Grund gehen: „Wir wissen kaum etwas darüber, wie wenig spezialisierte Leserinnen und Leser Texte lesen. Es scheint mir an der Zeit, das zu ändern.“ Für ihn steckt in diesem Forschungsproblem nichts weniger als die Zukunft unserer politischen Kultur. Die westlichen Kulturen stünden vor einer Entscheidung: Entweder installierten sie spezialisierte Leit- und Legitimationsorgane, die über Wahrheit und Lüge im politischen Sprechen urteilten: eine Art weltweites Facebook als allumfassender Blasenfilter. Oder aber sie würden eingestehen, dass Politik kein Feld ist, in dem nur Wahrheiten präsentiert werden, sondern ein Raum der Konfrontation – und dafür zu sorgen, dass dort gut informierte Positionen aufeinander treffen. „Konkret heißt das: Wollen wir eine Zukunft, in der eine Lektüre (von Literatur) noch eine Rolle spielt, oder nicht?“, sagt Monot. „Ich gebe zu: Mir geht es ganz parteiisch darum, gute Gründe dafür zu finden, dass es so ist.“

Daher hat Pierre-Héli Monot es sich zur Aufgabe gemacht, eine Art „Laienhermeneutik“ der Gegenwart zusammenzutragen: „Ich will schauen, wie Menschen, die nicht auf Lektüre spezialisiert sind, die durchaus schwierige Positionen im Arbeitsprozess haben, eine Philologie, die traditionell-ehrwürdigste Form der Auseinandersetzung mit Texten, entwickeln.“ Dass es sie gibt, da ist sich der Forscher sicher. Im vergangenen Jahrzehnt war er mehrfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort – 2011 bei „Occupy“ in New York, 2012 bei den „Indignados“, 2018 in Frankreich – und hat sie registriert. „Ich habe gesehen, wie Gelbwesten, Lastwagenfahrer, Krankenpfleger die französische Verfassung neu geschrieben haben – und das gar nicht so schlecht!“

Der Wissenschaftler

Dr. Pierre-Héli Monot begann seinen wissenschaftlichen Weg als Amerikanist, widmete sich in seiner Dissertation ehemaligen Sklaven in Nordamerika, die sich eine eigene Stimme innerhalb der intellektuellen Öffentlichkeit verschafften. Nach Stationen in Göttingen und München ist er seit April 2019 Fellow des PostDoc-Programms der Universität Potsdam am Institut für Philosophie an der Professur von Prof. Dr. Logi Gunnarsson.
E-Mail: monotuni-potsdamde

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde