Ringvorlesung „Diskursgeschichte des Faschismus“ – Deflating fascism in 2022 and why it matters

Der 24. Februar 2022 wird in die Geschichte als Zäsur eingehen. Die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine für die europäische und globale politische Ordnung lassen sich gegenwärtig noch schwer einschätzen, dagegen wird es heute immer offenkundiger, dass der Krieg von einer jahrelang unterschätzen geschichtspolitisch neoimperialen, populistischen Staatspropaganda in Putins Russland ideologisch von langer Hand vorbereitet war.

Als Kriegspropaganda treibt jene Ideologie ihr Verwirrspiel mit dem immer lauter und virulenter werdenden Argument von der „Entnazifizierung“ der Ukraine als Ziel der russischen „Spezialoperation“ auf die Spitze. Der Historiker Timothy Snyder lokalisiert das Auftreten einer neuen „Variante des Faschismus, die man Schizofaschismus nennen könnte“ in Russland um 2014: „Faktische Faschisten nennen ihre Gegner ‚Faschisten‘“ (Snyder „Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika“: 153). Lew Rubinstein, Dichter, Vertreter der ehemals inoffiziellen Kulturszene und scharfsinniger Kolumnist, spricht heute von einem „Krieg der Sprache“, in dem Begriffe wie „Nazismus“ und „Faschismus“ ihre ursprüngliche Bedeutung längst verloren haben und als inhaltsleere rhetorische Überzeugungsfiguren instrumentalisiert werden. Dem russischen Angriffskrieg ging der „Krieg der Sprache“ voraus: „Das russische Volk war immer geteilt in zwei ungleiche Teile. Der eine – der kleinere – bezeichnete hartnäckig Gemeinheiten als Gemeinheiten, Feigheit als Feigheit, Dummheit als Dummheit und Faschismus als Faschismus. Der andere, der größere, war anfällig für die offizielle Rhetorik und bezeichnete Gemeinheiten als Patriotismus, Feigheit als die Notwendigkeit, den Umständen Rechnung zu tragen, eine offene Aggression als Schutz der eigenen Sicherheit, und das Streben von Völkern und Gesellschaften nach Freiheit und Offenheit als Nazismus.“ (Rubinstein in „Echo Moskwy“ am 25.02.2022)

Die integrierte Ringvorlesung nimmt den „Krieg der Sprache“ ins Visier und setzt ihn in den Kontext des jüngeren Nachdenkens über den Faschismus. Spätestens seit dem Erscheinen des viel rezipierten Essays „Der immerwährende Faschismus“ von Umberto Eco (1997) gilt Faschismus als ein politisches Phänomen, das sich nicht auf eine historische Epoche reduzieren lässt, sondern als „Ur-Faschismus“ (so Eco) im politischen Denken der gesamten Moderne immer wieder in unterschiedlichen Varianten auftritt. Sein Ort heute ist das globale Netz der radikalen Rechten, in dem der Autokrat Putin als Anführer anerkannt wird (vgl. Jason Stanley „Der Antisemitismus hinter Putins Forderung der ‚Entnazifizierung‘ der Ukraine“, in: Geschichte der Gegenwart, 9. März 2022).

Die Ringvorlesung fragt nach faschistischen Merkmalen der heutigen nationalistischen Populismen und Autoritarismen, nimmt ihren Sprachgebrauch unter die Lupe, analysiert die warnenden Stimmen aus den letzten Dekaden und befragt die sensorischen Potenziale von Literatur, Kunst und Publizistik, Faschistisches aufzuspüren und aufzuzeigen. Dabei soll für prototypische Merkmale des Faschistischen sensibilisiert werden, die möglicherweise auch quer zu den üblichen politischen Polarisierungen zwischen links und rechts kursieren.

Am 26. Januar 2023 wird der Faschismusforscher Prof. Roger Griffin von der Oxford Brookes University einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen des Faschismus geben.

Gehalten von

Prof. Roger Griffin

Veranstaltungsart

Ringvorlesung

Sachgebiet

Geschichte
Philosophische Fakultät
Slavistik

Universitäts-/ Fachbereich

Philosophische Fakultät

Termin

Beginn
26.01.2023, 16:15 Uhr
Ende
26.01.2023, 17:45 Uhr

Veranstalter

Institut für Slavistik

Ort

Universität Potsdam, Campus I - Am Neuen Palais, Haus 9. Raum 1.02
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
Lageplan

Kontakt

Albrecht Dreißig
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam

Telefon: 0 331-977-4150